Es ist kein leichtes Lied, »Das Lied der Arktis«, das Zeichner und Autor Krassinsky hier nach dem Roman von Bérengère Cournut zu einer Graphic Novel macht. In der unwirtlichen titelgebenden Weltgegend leben dennoch Menschen, und mit Uqsuralik rückt eine Inuitfrau exemplarisch ins Zentrum der Geschichte. Tragik, Brutalität, Liebe, Entbehrung, Mythologie, Alltag, Gesellschaft, Umwelt, alles findet sich in dieser wunderschön gestalteten Kombination aus Aquarell und Comic wieder. Erschütternderweise stellt dieses Werk das Vermächtnis des im März verstorbenen Jean-Paul Krassinsky dar.

Uqsuralik wird zu Beginn durch einen Eisschollenabbruch von ihrer Familie getrennt, ihr Vater kann ihr gerade noch ein Fell und eine Harpune herüberwerfen, außerdem sind einige der Hunde bei ihr. Doch fortan, das ist ihr sofort klar, ist sie auf sich allein gestellt. Zu allem Übel befindet sich ihr Körper im Wandel, sie erlebt ihre erste Regelblutung.

Nach einiger Zeit findet sie Anschluss bei einer umherwandernden Familie, deren Patriarch sie jedoch schockierenderweise vergewaltigt. Als sie dann mit dessen Sohn eine Liaison eingeht, trennt sich das Paar vom weiterziehenden Rest des Clans – doch ihr Gatte kommt noch am selben Tag beim Fischen um. Nun ist sie abermals allein, findet wiederum bald Anschluss und bekommt eine Tochter. Nach und nach decken sich teils blutige Geheimnisse auf, in die der brutale Patriarch verwickelt ist. Uqsuralik findet auch wieder einen neuen Begleiter, einen Schamanen, mit dem sie Zwillinge zeugt und alt wird.

Man ahnt ja sowieso, wie schwer das Leben in der Arktis sein muss, und dieses Buch bestätigt diese Ahnung ausdrücklich. Hunger bestimmt regelmäßig das Leben der Bewohner, ausgelöst durch die unterschiedlich begründete Abwesenheit von Tieren, ihrer Jagdbeute, oder von geplünderten Vorratskammern; fehlendes Jagdgeschick ist ein weiteres zentrales Thema hier. Die Gefahr, die von hungernden Hunden oder umherstreunenden Eisbären ausgeht, hängt bisweilen direkt mit der Beuteproblematik zusammen. Kälte hingegen, die einem Mitteleuropäer mit als erstes als problematisch erscheint, meistern die Bewohnenden leicht, selbst ihre Iglus errichten sie so flink wie andere ihre Zelte, und sobald es arktischer Sommer wird, ist es Uqsuralik sogar zu warm, sie sehnt sich nach Abkühlung.

Die Grundstimmung hier ist entsprechend melancholisch, Lichtblicke, Erlösung, Erleichterung findet Uqsuralik nur selten. Im Spiel ihrer Tochter etwa, in der Liebe oder im Sex mit einem Lichtgeist, und doch dräut immer etwas. Dieser Lichtgeist ist nicht die einzige metaphysische Erscheinung hier, Geister, Ahnen, Omen und Rituale bestimmen den Alltag und die Entscheidungen der Inuit. Man muss sich darauf einlassen, dass die Menschen hier alles als real betrachten und behandeln, denn nur so behält man selbst auch den Zugang zu dieser Welt. Hier tritt zudem etwas hinzu, das den Titel des Buches erklärt, denn bestimmte Aspekte bekommt man als Lied in die Handlung gesetzt, jeweils vorgetragen von beteiligten Figuren oder mythologischen Entitäten, die Handlungsweisen oder Hintergrundinformationen lyrisch decodieren.

Überhaupt muss man sehr, sehr genau aufpassen, wenn man das Buch liest, weil man sonst Gefahr läuft, zu glauben, es enthalte einem Informationen vor. Bisweilen agieren manche Personen sprunghaft, das mag wahlweise an der Erzählweise, an der Übersetzung oder daran liegen, dass das Verhalten der Inuit tatsächlich korrekt abgebildet ist, jedenfalls stellt man beim wiederholten Lesen fest, dass die Informationen doch weit dichter fließen, als es beim ersten Orientierungslesen der Fall schien.

Anders gesagt: »Das Lied der Arktis« ist wesentlich schlüssiger, als es anfänglich scheint. Zunächst entstand nämlich der Eindruck, die zeichnerische Umsetzung verfahre wie die Verfilmung des Romans »2001: Odyssee im Weltraum« von Arthur C. Clarke, die zwar alle Ereignisse darstellt, aber die Erklärungen weglässt. So ist es hier nicht, man erfährt alles, was man wissen muss, man muss eben sehr aufmerksam sein.

Für ihre Geschichte betrieb Bérengère Cournout ausführliche Recherchen, das lässt sich deutlich wahrnehmen. Anstelle ausformulierter Beschreibungen nutzt Krassinsky hier nun das Mittel der bildlichen Darstellung, um Inhalte, Details und Stimmungen zu vermitteln: Seine Bilder sind klar und konkret, wo es so sein muss, etwa bei Zusammenkünften in den Wohnzelten, sowie verwaschen und diffus, wenn es um Landschaften oder Wetter geht. Und damit verfährt er genau richtig, denn man hat eine Idee vom ewigen Eis, obwohl man diese Idee nicht konkret vorgelegt bekommt.

Krassinskys Bilder sind wunderschön inmitten dieser heftigen Ereignisse. Auch beherrscht er es, Körper darzustellen, aus allen Perspektiven und in allen Verrenkungen, seine Figuren sehen aus wie abgezeichnete Fotos, was sie nicht sind. Und er komponiert die Panels ansehnlich, dem ordnen sich auch die einzelnen Bilder unter, die unterschiedlich groß sein können, je nach Dynamik der dargestellten Geschichte.

So erzählt »Das Lied der Arktis« zwar eine streckenweise erschütternde Geschichte, doch stets eine fesselnde, zudem eine erhellende, informative und nicht zuletzt eine warmherzige, inmitten ewigen Eises.

Krassinsky: Das Lied der Arktis | Deutsch von Resel Rebiersch
Basierend auf dem Roman von Bérengère Cournut
Schreiber & Leser 2026 | 208 Seiten | Jetzt bestellen