
»Erebus« von Michael Palin ist eigentlich ein Buch für Winterabende: klamme Finger, heißer Tee und draußen möglichst Schneeregen. Ich habe es unter der valencianischen Sonne gelesen. Das Frösteln musste ich mir dazudenken, aber Palin macht es einem leicht. Seit die deutsche Ausgabe 2019 bei mare erschien, lag das Buch auf meinem Wunsch-Stapel ganz weit oben.
Aus zwei guten Gründen. Der erste ist Sir John Franklin, der 1845 mit zwei Schiffen und gut 130 Mann aufbrach, um die Nordwestpassage zu bezwingen, und nie zurückkam. Der zweite ist Michael Palin, mein liebster Python. Ich kenne und schätze ihn aus dem Flying Circus, aus Filmen wie »Magere Zeiten« und »The Death of Stalin« oder auch als Romancier, der einem Postamt in der englischen Provinz ein schrulliges Denkmal gesetzt hat (»Hemingways Stuhl«, btb 1997). Nur der Reisende Palin ist bei mir bisher zu kurz gekommen, dabei ist er auf der Insel als Urheber spannender Reisedokumentationen seit Jahrzehnten eine Institution. Gerade erst war er wieder unterwegs, diesmal auf den Philippinen. »Erebus« ist meine erste Reise mit ihm. Sie führt allerdings gut 180 Jahre zurück.
Wir schreiben das Jahr 1826. Im walisischen Pembroke läuft die HMS Erebus vom Stapel, ein Mörserschiff von knapp 32 Metern Länge, im Fachjargon Bombarde genannt. Sie ist weder schnell noch wendig, dafür zäh. Nach ein paar ereignisarmen Dienstjahren im Mittelmeer beginnt 1839 ihre zweite Karriere, die als Polarschiff.
Unter James Clark Ross segelt sie zusammen mit der HMS Terror nach Süden. Vier Jahre dauert die Fahrt, mit zwei Zwischenstopps in Van-Diemens-Land, dem heutigen Tasmanien. Sie führt durch heftige Stürme und riesige Eisberge bis an das Schelfeis, das heute Ross‘ Namen trägt, und zu einem Vulkan, der seither Mount Erebus heißt. Silvester wird auf dem Eis getanzt. Den magnetischen Südpol, ihr eigentliches Ziel, erreicht die Expedition nicht. Sie gilt trotzdem als Erfolg, denn nie zuvor waren Menschen so weit nach Süden vorgedrungen. Über die Falklandinseln und Ascension geht es 1843 zurück nach England, ein Jahr später wird Ross zum Ritter geschlagen.
1845 folgt die zweite große Fahrt, diesmal nach Norden. Das Kommando hat jetzt der in die Jahre gekommene Sir John Franklin. Bei einer früheren Arktis-Expedition (1819-1822) hatte er mehr als die Hälfte seiner Männer verloren und selbst nur knapp überlebt, angeblich, weil er seine Stiefel aß. Später regierte er als Gouverneur von Van-Diemens-Land, mit mäßigem Glück und unrühmlichem Ende. Ross und seine Männer hatte er dort übrigens noch als Gastgeber empfangen. Jetzt will er sich rehabilitieren und mit der HMS Erebus und der HMS Terror endlich die Nordwestpassage bezwingen. Im Juli 1845 werden die Schiffe in der Baffin Bay zum letzten Mal gesichtet, danach verschluckt sie das Packeis.
Was mit den Schiffen und ihren Besatzungen geschah, kommt erst ab 1850 nach und nach ans Licht, durch zahlreiche Suchexpeditionen und durch die Berichte der Inuit. Es ist erschütternd. Die Einzelheiten sollen an dieser Stelle nicht verraten werden, unter anderem der Spannung wegen. Nur so viel: Keiner der Männer kehrte zurück. Das Wrack der HMS Erebus wurde erst 2014 entdeckt, das der HMS Terror 2016. Manches ist noch immer ungeklärt, zum Beispiel woran Franklin starb und wo er begraben liegt.
Was das Buch auszeichnet, ist nicht nur die packende Geschichte selbst, sondern vor allem die Art, wie Michael Palin sie erzählt. Er schreibt weder reißerisch noch pathetisch, dafür leidenschaftlich, einfühlsam und zutiefst menschlich. Und wohltuend sachlich an den genau richtigen Stellen. Das gilt für die Fahrt in die Antarktis ebenso wie für die letzte, verhängnisvolle Expedition ins nördliche Polarmeer. Das Leben an Bord schildert er so detailliert, dass man das Knarren der Planken zu hören glaubt. Die Entdeckungsreisenden rückt er mit all ihren Stärken und Schwächen so nah heran, dass man das Buch vor allem gegen Ende nicht mehr aus der Hand legen mag.
»Erebus« ist eines der mitreißendsten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Es war meine erste Reise mit Mr. Palin, hoffentlich und wahrscheinlich nicht die letzte.
Michael Palin: Erebus | Deutsch von Rudolf Mast
mareverlag 2019 | 400 Seiten | Jetzt bestellen
