Woody Brown: Ein ganz normales Wunder

Wie lange einen Titelfiguren aus Büchern im Herzen begleiten können, wurde mir erneut bewusst, als ich mich dieser Tage mit dem zweiten Buch der Kiepenheuer-und-Witsch-Aktion »Deutschland liest ein Buch« auseinandersetzte. Der Autor des Buches »Ein ganz normales Wunder« heißt Woody Brown und ist der erste nicht-sprechende autistische Absolvent der University of California Los Angeles. Er kommuniziert mit Hilfe einer Buchstabiertafel.

Wie ist das möglich, überlegte ich und dachte an den kleinen Tino aus Roswitha Gepperts Buch »Die Last, die du nicht trägst« aus dem Jahr 1978. Hier kämpft eine Mutter in der DDR für ihren Sohn herzzerreißend um ein Minimum an Entwicklung und Autonomie. Als sich herausstellt, dass Tino benachteiligt ist, zerbricht ihre Ehe.

Mit dem Bild des autistischen Tino im Kopf, der zum Leidwesen seiner Mutter minutenlang begeistert Häuserecken beobachtete, ließ ich mich nun auf das Leben in der Tagesstätte »Upward Bound« ein, in der Erwachsene Menschen mit geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen leben. Hier begegne ich dem Pfleger Carlos mit seinem unerschütterlichen Optimismus, der mit den Schützlingen respektvoll umgeht. Er hört im wahrsten Sinne des Wortes in sie hinein und sieht sie als Menschen, die nichts für ihr Anderssein können. Ich treffe auf Tom, der wegen einer Zerebralparese weder seine Muskeln noch Knochen bewegen und auch nicht sprechen kann.

Kannst du nicht kommunizieren, muss das bedeuten, dass du geistig zurückgeblieben bist.

Tom verzehrt sich nach Liebe und doch scheint sie für ihn so aussichtslos. Studentin Ann arbeitet als Badeaufsicht nur für ein paar Monate in der Einrichtung, weil sie die Zeit bis zum Semesterbeginn überbrücken möchte. Da ist auch noch Walter, der nach einem schweren Schicksalsschlag versucht, zurück ins Leben zu finden.

Insgesamt aus sieben Perspektiven, die unterschiedlicher kaum sein können, verknüpft Woody Brown die Lebenswege der Insass*innen und Betreuer*innen von »Upward Bound«. Brown erzählt mal aus der Ich-Perspektive, mal schaut er aus dem Blickwinkel eines personalen Erzählers. Er schafft es in den einzelnen Kapiteln, die jeweils unterschiedlichen Personen zugeordnet sind, den Lesenden Persönlichkeiten vorzustellen. Man kann ihre Gedanken verfolgen, ihre Gefühle und Bedürfnisse nachvollziehen und sich mit ihren Widersprüchen auseinandersetzen.

Gerade darin besteht die Besonderheit dieses Buches. Den Fokus auf alles Zwischenmenschliche gerichtet lebt Woody Brown seine ausgezeichnete Beobachtungsgabe voll aus. Es sind die Begegnungen, die berühren, die Momente, die man festhalten möchte. Kleine Gesten, die in meinem Alltag einfach untergehen, scheinen hier zu etwas Wunderbarem aufzublühen.

Nervosität und Aufregung können mit Freude und Gelassenheit verwechselt werden, wenn man nicht stumm neben ihr steht und das Summen ihrer Drähte hört. Das tut Walter in den Momenten, in denen sie aus dem Fenster schauen. Er lauscht mit ganzem Herzen.

Wie viel nehmen wir von unserer Umwelt in Wirklichkeit wahr? Wie leichtfertig erlauben wir uns oft ein Urteil über das Leben anderer? Wärme trug mich von Kapitel zu Kapitel, unterschwellige Komik zauberte mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht. Sind diese Menschen tatsächlich anders als ich, wenn sie doch ebenso nach Liebe, Nähe und Geborgenheit suchen? Woody Brown provoziert mit seinen Figuren das genaue Hinsehen, das nochmals Lesen. Nach und nach versteht man, wie viel Leben in den Schützlingen von »Upward Bound« steckt.

Stephan Kleiner hat mit seiner kongenialen Übertragung ins Deutsche aus diesem Roman ein Kraftpaket werden lassen, obwohl er leise und anrührend daherkommt. Das Buch feiert die Zugehörigkeit und zeigt, auf wie viele unterschiedliche Arten Menschen miteinander verbunden sein können. Die Lektüre lässt nachdenken, belehrt nicht und wirkt lange nach. Tino und seine Mutter müssen nun ein wenig zusammenrücken in meinem literarischen Herzen. Für Carlos, Tom, Ann, Walter und all die anderen aus »Upward Bound«.

Woody Brown: Ein ganz normales Wunder | Deutsch von Stephan Kleiner
Kiepenheuer & Witsch 2026 | 224 Seiten | Jetzt bestellen