Es gibt tatsächlich das Genre des Japanischen Katzenromans: 猫文学, »kiterature«. »Das Geschenk eines Regentages« der Autoren Makoto Shinkai (新海 誠) und Naruki Nagakawa (永川 成基) reiht sich da ein: In vier zusammenhängenden Episoden erzählen die Autoren von Beziehungen zwischen schicksalsgeplagten Frauen und ebensolchen Katzen. Es liest sich wie die Verschriftlichung eines Mangas, basiert aber grob auf 彼女と彼女の猫, »Kanojo to Kanojo no neko«, »Sie und ihre Katze«, wie auch das Buch eigentlich heißt, einem 25 Jahre alten kurzen Anime Shinkais: Die Sprache ist leicht, die Inhalte sind schwer. Am Ende steht mehr als nur Hoffnung auf Verbesserung – es obsiegen Humor und Liebe.

Mit dem Ereignis des deutschen Titels beginnt der Reigen: Eine Büroangestellte eilt als einzige nicht an dem Karton mit der verwahrlosten weißen Katze auf der verregneten Straße vorbei, sondern nimmt sich ihrer an und sie mit nach Hause. Die Erzählperspektive wechselt von nun an zwischen der Frau und der Katze, und so bleibt es auch in den folgenden drei Episoden. Man verfolgt die deprimierenden Leben der Japanerinnen und eines Japaners und erlebt, wie deren Gefolgstiere darauf reagieren, während diese ihren eigenen Herausforderungen nachgehen.

Einen starken Kontrast zu den teilweise erschütternden Lebensumständen der Frauen bildet die beinahe kindgerechte Sprache, die jene Situationen abbildet: Es wirkt, als habe jemand versucht, ein Manga in einen Fließtext umzuwandeln. In kurzen Sätzen und beinahe lapidar versetzen die Autoren ihre Leserschaft mitten in eine japanische Lebensrealität, die schmerzhafter und verletzender kaum sein könnte und die Protagonistinnen teilweise sogar in tiefste Depressionen stürzt, sofern sie sie nicht mit einer stoischen Langmut ausstattet, die man als ebenso abschreckend betrachtet. Parallel wandeln die Katzen in ebenfalls bedrohlichen Lagen durch ihre Reviere, verletzt, schwach, von stärkeren Katzen bedroht, des Nachwuchses beraubt, einsam – und doch stark genug, dem Leben zu trotzen; ein Vorbild für die Menschen mithin.

Beide Perspektiven eröffnen der Leserschaft neue Horizonte, in Bezug auf die Menschen insbesondere der nicht-japanischen und in Bezug auf die Katzen wohl so ziemlich allen. In Sachen Verhalten, Rituale, Gepflogenheiten und Emotionalität auf Seiten der Menschen sieht man sich oft Situationen ausgesetzt, die man schwer schluckend als gegeben hinnehmen muss. Schroffe Zurückweisung, abrupte Stimmungswechsel, das kennt man bereits, wenn man einige Animes guckte und sich über sprunghaftes Verhalten der Figuren wunderte. Dazu gehört auch, wie schnell die Figuren, hier menschlich wie tierisch, in Wut geraten, teils über Dinge, die man selbst anders lösen oder wenigstens gleichgültiger auf sie reagieren würde. Wenn es dann aber dazu kommt, dass eine von ihrem treulosen Gatten verlassene Frau bis zur Selbstaufgabe ihre aggressiven Schwiegereltern bis zu deren Tod pflegt, eine Frau als Einstellungsvoraussetzung mit dem Chef in spe zu schlafen hat oder ein Mann in einer Firma bis weit unterhalb der Grenze zur Leibeigenschaft ausgebeutet wird, er diese Firma heimlich verlässt und damit seinen Vater in Unehre stürzt und gegen sich aufbringt, ist man entsetzt.

Die Katzen haben ihre eigenen Probleme zu bewältigen, das schiere Überleben ist da stets das übergeordnete. Die erste Katze etwa sieht sich gleich zu Beginn bereits in den Himmel aufsteigen, bevor sie gerettet wird. Die Geburt des Nachwuchses stürzt eine Katze in lebensbedrohliche Zustände, die nur von der menschlichen Besitzerin und einem beherzten Arztbesuch abgewendet werden können. Das Verteilen der fünf Kinder auf die Nachbarschaft versetzt die Mutterkatze ebenfalls in emotionalen Trubel. Dann gibt es eine Boss-Katze, vor der alle Katzen des Reviers mindestens Respekt haben, und erst später wird jene ihrerseits Hauptfigur einer Episode und man erfährt von ihren eigenen Zweifeln.

Unerwarteterweise installieren die Autoren eine ganz besondere Figur im Zentrum der Katzen, nämlich den Hund John. Er ist alt und weise, hat eine große fürsorgliche Macht und erreichte den Frieden unter den Katzen, indem er deren Reviere sicherte. Sie suchen gern seine Gesellschaft, legen sich zu ihm vor seine Hütte und lauschen seinen philosophischen Erzählungen. Die auch ganz schön hart sein können: Er würde niemanden pflegen, der sich nicht auch um sich selbst kümmern könnte, sagt er, und kündigt damit eine Konsequenz an, mit der er vermeiden will, selbst einmal pflegebedürftig zu werden. Kurioserweise ist genau diese Episode auch die mit dem größten Humoranteil, der Dialog mit dem Streuner birgt eine Menge Witz. Zuletzt – so viel Spoiler sei gestattet – geht es für alle übriggebliebenen Beteiligten mindestens irgendwie weiter, meistens sogar positiv. Ein versöhnlicher, teils dennoch offener Ausgang für all die schicksalsgeplagten Wesen.

Sprechende, denkende, handelnde, kommunizierende Katzen speziell und Tiere allgemein kennt man in der Literatur bereits, und dennoch ist die Perspektive in diesem Buch etwas differenzierter. Obschon man das Innenleben von Katzen als menschlicher Autor ausschließlich mit einem menschlichen Blickwinkel und ganz viel Imagination abbilden kann, vermittelt das Buch den Eindruck von Recherche und Wissenschaft, von gut beobachtetem Katzenverhalten, das somit sogar noch lehrreich ist. Obschon man sich wundert, dass die Katzen – anders, als es das Titelbild suggeriert, sind sie übrigens überwiegend weiß – Milch zu trinken bekommen, nicht Wasser.

An mancher Stelle fällt es etwas schwer, den Dialogen oder den Perspektivwechseln zu folgen; da ist unklar, ob es am Original oder an der Übersetzung liegt. Darüber kann man aber verlustfrei hinweglesen. Am Ende liebt man Katzen in jedem Fall noch mehr und freut sich für die Menschen.

Das Buch heißt auf Englisch wie der nicht auf Deutsch erhältliche Film: »She And Her Cat«, was auch die korrekte Übersetzung von 彼女と彼女の猫 ist. Dem 1999 erschienenen fünfminütigen Film folgte 2016 eine vierteilige Anime-Serie mit dem Untertitel »Everything Flows«, parallel zu dieser Umsetzung die auch auf Deutsch erschienene Manga-Serie »She And Her Cat«, gezeichnet von Tsubasa Yamaguchi (山口つばさ). Autor und Regisseur Shinkai errang in Europa zuletzt berechtigte Aufmerksamkeit mit seinen großartigen Animes »Your Name.« – nur echt mit dem Punkt am Ende – und »Suzume«.

Makoto Shinkai/Naruki Nagakawa: Das Geschenk eines Regentages
Deutsch von Dr. Heike Patzschke
Fischer Taschenbuch 2025 | 256 Seiten | Jetzt bestellen