
Die Aktion »Deutschland liest ein Buch« vom Verlag Kiepenheuer & Witsch in Kooperation mit der ZEIT wählt halbjährlich ein Buch, das bei Lesungen, Diskussionsrunden und Events Lesebegeisterte ins Gespräch bringen soll. Im Newsletter des Verlages auf den Plot einer Familiengeschichte über drei Generationen aufmerksam geworden, entschied ich mich für die Teilnahme. Der umfangreiche Roman »Real Americans« von Rachel Khong, der von Tobias Schnettler einfühlsam ins Deutsche übertragen wurde, entpuppte sich im Verlauf als komplexer und spannender Pageturner.
Rachel Khong lebt in Kalifornien, wurde als Tochter einer chinesischen Familie in Malaysia geboren, kam als Kleinkind in die USA und studierte an der Yale-Universität. Die Lesenden tauchen durch drei Teile hinweg (jeder aus einer anderen Perspektive erzählt) in die Geschichte der chinesisch-amerikanischen Familie Chen ein und verfolgen ihre schicksalsbedingte Verbindung zu der überaus reichen, in Deutschland verwurzelten Familie Maier. Ihnen gehört ein einflussreiches Pharma-Unternehmen, das in Wissenschaft und Gesellschaft hervorragend vernetzt ist und am menschlichen Genom experimentiert.
Doch wer sind nun eigentlich die »echten Amerikaner«? Donald Trumps berüchtigte Vollstreckungsbehörde für Zoll- und Einwanderungsangelegenheiten oder diejenigen, die sich unter Lebensgefahr dagegenstellen? Die First Nations oder die Einwanderer aus Europa? Diejenigen, die ihre eigene Herkunft und Identität verleugnen? Im Verlauf von Rachel Khongs Roman setzen sich die drei Protagonist*innen mit grundlegenden Fragen wie »Wer sind wir?«, »Wo kommen wir her?«, »Wieviel davon können wir selbst bestimmen?«, auseinander. Jede/r für sich trifft schwerwiegende Entscheidungen über Zugang zu Macht und Vermögen und wirft dabei die eigenen Skrupel in die Waagschale.
Manhattan 1999: Die 22-jährige Lily Chen arbeitet als unbezahlte Praktikantin für ein Online-Reisemagazin. Ihre monatliche Miete kann sie nur schwer aufbringen. Auf der Firmen-Weihnachtsfeier lernt sie den »verstörend attraktiven« Matthew kennen. Er lädt sie in ein Luxusrestaurant ein und fliegt nur wenig später in einem Jet mit ihr nach Paris. Dass Matthew in Wirklichkeit mit Nachnamen Maier heißt und Erbe des einflussreichen Pharma-Riesen ist, erfährt Lily, als sie längst von ihm eingenommen ist.
Fragen nach ihrer Herkunft nagen an Lilys Identität, erst recht, als ihr in New York immer wieder asiatische Frauen mit weißen Männern begegnen. Warum weiß sie so wenig über die Herkunft ihrer Eltern? Warum passten sie sich nach ihrer Ankunft in den USA so radikal an? Sind sie die typischen Amerikaner? Als Lily mit ihrem Mann Matthew Peking besucht, trifft sie einen ehemaligen Freund ihrer Mutter. Was steht in dem Brief, den er ihr für sie mitgibt? Warum und wohin verlässt Lily mit dem kleinen Sohn ihren Mann?
Eine abgelegene Insel an der Westküste der USA 2021: Hier lebt Lily Chen mit ihrem inzwischen halbwüchsigen Sohn Nick, allein und spartanisch. Ohne Internetzugang und Smartphones. Lily verschweigt ihrem Sohn den Namen seines Vaters. Weil er über sein Aussehen (blauäugig, blond und seiner Mutter wenig ähnlich) immer wieder nachdenkt, entscheidet er sich heimlich für einen DNA-Test. Er findet seinen Vater Matthew, der inzwischen der Maier-Familienstiftung vorsteht. Für den Zugang zur renommierten Yale University nutzt Nick die Privilegien seines Vaters und verstrickt sich gegenüber seiner nichtsahnenden Mutter immer mehr in ein Lügengeflecht. Sind die darauffolgenden Schuldzuweisungen und Kontaktabbrüche lediglich die Reaktionen eines pubertierenden Jugendlichen? Wer beantwortet die Fragen nach Nicks Herkunftskultur? Ist er ein »echter Amerikaner«?
In den Kapiteln über Nicks Zeit am Campus verwebt Rachel Khong leichtfüßig Themen wie Rassismus oder die Diskriminierung von Menschen wegen ihrer sozialen Herkunft oder ihrer Stellung in der Gesellschaft und skizziert so die Aktualität.
San Francisco 2030: Nick arbeitet in einem Biotech-Unternehmen und bekommt mit, wie dort während einer Party mit offensichtlichen Anspielungen an die faschistischen Rassentheorien über Möglichkeiten von Gentherapie und Reproduktionsmedizin gesprochen wird. Er hat seine (totgeglaubte) Großmutter May gefunden, die ihm als Achtzigjährige ihre verstörende Lebensgeschichte erzählt. Die führt zurück bis in das China von Maos Kulturrevolution, wo May im bäuerlichen Süden zwischen Hungersnot und Frauenfeindlichkeit aufwächst. Die unaufhaltsamen Roten Garden vernichten selbst Blumen und gehen mit unvorstellbarer Brutalität vor. Nicht nur hier ist es dem Übersetzer Tobias Schnettler gelungen, die düstere Stimmung adäquat einzufangen.
Welche Konsequenzen haben all die folgenschweren Entscheidungen, die Lilys Mutter und einstige eine ehrgeizige Forscherin in ihrem Leben getroffen hat? Was hat sich erfüllt von den Hoffnungen nach Selbstverwirklichung und dem Wunsch einzigartig zu sein? Wie frei hat sie all ihre Entscheidungen getroffen? Gespannt verfolgt man im letzten Teil, wie Nicks Großmutter am Schicksal ihres Enkels mitbestimmt hat und wie sie am Ende ihres Lebens dazu steht.
Das war unser Traum gewesen, …unseren Kindern die bestmögliche Zukunft zu ermöglichen. Doch es war ein Fehler zu glauben, dass man für jemand anderen entscheiden konnte, ganz gleich, wie gut man es meinte. Und was hatten wir wirklich entschieden? Man hatte uns gesagt, was wir wollten: Propaganda war überall. Vor allem in diesem Land, wo die Propaganda lautete, dass es keine gab – dass wir frei waren. Aber stimmte das? Wenn wir doch bestimmte Leben mehr schätzten als andere; wenn wir dazu gebracht wurden, unnachgiebig immer mehr zu wollen? Was, wenn ich verstanden hatte, dass ich schon genug besaß?
Rachel Khong hat die amerikanische Gesellschaft sehr genau beobachtet. Unaufdringlich richtet sie ihren Spot dabei auf Familie, Identität und Rassismus. Die Protagonist*innen in ihrer außergewöhnlich komponierten Geschichte sind nicht außergewöhnlich und hinterlassen doch einen außerordentlichen Eindruck.
Rachel Khong: Real Americans | Deutsch von Tobias Schnettler
Kiepenheuer & Witsch 2026 | 528 Seiten | Jetzt bestellen
