Ein Preisboxer aus der Unterschicht, der ein Empfehlungsschreiben von Charles Dickens mit sich führt, um es im Amerika des 19. Jahrhunderts Edgar Allan Poe zu überreichen, der ihm helfen soll, den Magier zu finden, der seine kleine Familie bestialisch gemeuchelt hat und damit noch nicht genug: besagter Magier, Jonathan, geht über Leichen, um Salomons Thron in seinen Besitz zu bringen, um die Kontrolle über die Hölle und alle ihr innewohnenden Dämonen zu erlangen. Denn dummerweise hat Jonathan den übelsten von ihnen, Asmodeus, heraufbeschworen und wird ihn nun nicht mehr los. Sind Sie noch da? Prima! Denn diese auf den ersten Blick vollkommen unpassend anmutende Melange von Charakteren und Ereignissen funktioniert wider Erwarten ganz hervorragend.
Pierce James Figg, ein ehemaliger Preisboxer, der mittlerweile dem Ring den Rücken gekehrt hat und stattdessen junge Männer die Kunst der Selbstverteidigung lehrt, ist am Boden zerstört, als seine Frau und sein Sohn Opfer des wahnsinnigen Jonathan werden. Er schwört blutige und tödliche Rache. Der Schriftsteller Charles Dickens, der sowohl mit ihm als auch dem hochbegabten und gleichzeitig bettelarmen Poe bekannt ist, gibt Figg ein Schreiben an den Meister der dunklen Literatur mit, damit dieser ihm mit seinem klugen Geist und kriminalistischen Spürsinn zur Seite steht.
Doch ehe die beiden sich zusammenraufen, sind einige Kämpfe zu überstehen, zu unterschiedlich sind sie – der einfache, ehrbare, des Redens wenig mächtige Boxer und der dem Alkohol sehr zugetane Schriftsteller, der seine scharfe Zunge niemals zügeln kann und auf dem Boden jedes alkoholischen Behältnisses seine unendliche Trauer zu vergessen sucht.
Leserinnen und Leser werden auf eine hochspannende Reise in die verdreckten, dunkelsten Ecken New Yorks mitgenommen, und was vom Verlag als Horrorroman beworben wird (ja, ein bisschen gruselig ist es manchmal), funktioniert in erster Linie (das aber ganz hervorragend) als eine Mischung aus Abenteuerroman (die Jagd nach dem dämonenbeschwörenden Magier) und Psychogramm Edgar Allan Poes. Denn dem Roman kommt zugute, dass Marc Olden zeitlebens ein großer Bewunderer des Verfassers solcher Klassiker wie »Der Rabe«, »Das verräterische Herz« oder »Maske des roten Todes«. Man bekommt einen tiefen Einblick in das Seelenleben des amerikanischen Dichters und in seinen Alltag – ein Dasein, das von viel Leid geprägt war und welches erahnen lässt, woher die Inspirationen für sein angsteinflößendes Werk gekommen sind.
Abgerundet wird das Buch von seiner grandiosen Gestaltung – gehalten in schwarz-rot (wie passend) und vor einem Hintergrund, der neben Raben auch noch ganz andere Kreaturen andeutet, prangt das abgehärmte sorgenvolle Gesicht Edgar Allan Poes. Bei dieser 2025 im Festa Verlag veröffentlichten Ausgabe passt einfach alles. Erstmals auf deutsch veröffentlicht wurde der Roman schon 1999 im Verlag Bastei Lübbe, damals unter dem Titel »Salomons Thron«.
Marc Olden: Edgar Allan Poe muss sterben | Deutsch von Susanne Picard
Festa Verlag 2025 | 576 Seiten | Jetzt bestellen
