In dem kleinen Fischerörtchen Kuinak in Alaska ist das Leben hart, aber die Bewohner machen das Beste daraus. Die unbarmherzige Natur, die schwindenden Lachsvorkommen und der allgemeine Zustand der Welt sind schon schlimm genug, aber dann trifft auch noch eine Filmcrew aus Hollywood mit einer gigantischen Luxusyacht ein, um im Ort ein Kinderbuch zu verfilmen. Angeführt von Nicholas Levertov, der aus Kuinak stammt und dessen Motive eher finsterer Natur sein dürften. Das vermuten zumindest Ike Sallas und Alice Carmody. Er ein abgehalfterter Ökoterrorist, der sich einst mit Levertov eine Gefängniszelle teilte, sie eine Künstlerin und Unternehmerin mit cholerischem Temperament – und außerdem Levertovs Mutter.
Ken Kesey ist vor allem durch die Verfilmungen seiner ersten beiden Romane bekannt. »Einer flog übers Kuckucksnest« war als Film und Buch ein Welterfolg. »Manchmal ein großes Verlangen« konnte daran nicht anknüpfen, wurde aber immerhin mit Paul Newman verfilmt. Danach dauerte es dreißig Jahre bis zu diesem Roman (1993) und weitere dreißig Jahre, bis er auf Deutsch erschien.
Kesey hat nur drei Romane verfasst, zu mehr war bei einem derart ereignisreichen Leben wohl keine Zeit. Man werfe dazu nur einen Blick in Tom Wolfes Doku-Roman »Unter Strom«, der die berühmte Reise Keseys mit seinem buntbemalten Bus durch die USA beschreibt, meist unter LSD-Einfluss.
Kesey erschafft in seinem Buch eine Welt, in die man hineinkriechen möchte. Keine heile Welt, beileibe nicht, denn dazu sind die Bewohner und ihre Lebensumstände zu erschreckend. Die meisten von ihnen sind »nur« seltsam, aber einige eben auch brandgefährlich. »Ausgerechnet Alaska« in der Tarantino-Version.
Das Landleben versprüht ähnliche Vibes wie in Pynchons »Vineland«, die herrlich exzentrischen Figuren könnten direkt aus einem Roman von Tom Robbins herübergewechselt sein und die Handlung ist so wild und ungestüm wie in den frühen Romanen von T.C. Boyle. Man möge mir das ausufernde name dropping nachsehen, aber »Seemannslied« liest sich wie ein Best-of meiner Neunziger.
700 Seiten lang erlebt man den turbulenten Alltag der amerikanischen und indigenen Bewohner, den Culture-Clash zwischen Dörflern und Hollywood-Crew, den Kampf gegen eine raue und gnadenlose Natur, die es gleichzeitig zu erhalten gilt. Verfasst in einem prallen und ironischen Erzählton, den man nur lieben kann. »Seemannslied« ist mein Lieblingsbuch 2025.
Ken Kesey: Seemannslied | Deutsch von Milena Adam
März Verlag 2025 | 703 Seiten | Jetzt bestellen
