Zeruya Shalev: Mann und Frau… so also lebt ihr alle, das ist das große Geheimnis des Lebens … ungerührt lauft ihr alle auf der Überholspur, und nur ich war so stur, alles empfinden zu wollen, mit meinen Plattfüßen den nackten Königsweg zu nehmen, keine Nuance zu mißachten, mich an der infizierten Wurzel des Gefühls aufzureiben …

Die Geschichte an sich ist banal, die Zeruyah Shalev in »Mann und Frau« erzählt, dem zweiten Teil ihrer Trilogie über Liebe in der heutigen Zeit. Eine Ehe, die langsam aber sicher an gegenseitigen, halb unausgesprochenen Vorwürfen zugrunde geht, untergraben von dem Resultat nie verarbeiteter, latenter Schuldzuweisungen, zerrüttet durch eine sich im Lauf der Jahre fast unbemerkt eingeschlichenen Feindseligkeit.

Na’ama und Udi sind an einem Punkt in ihrem Zusammenleben angelangt, an dem sie selbst ihre Liebe, die doch noch ab und zu aufflackert und sich in stürmischen Ausbrüchen äußert, nicht mehr retten kann. Trotzdem fällt Na’am aus allen Wolken, als ihr Mann Udi sie verlässt. Denn schließlich, denkt sie, war ihre Liebe und ihr Zusammensein immer da, so unhinterfragt und lebensnotwendig wie die Umdrehungen der Erde, von denen man ja auch nichts spürt.

Streit und Trennung der Eltern wirken sich auch auf Noga aus, die knapp zehnjährige Tochter der beiden, die in der Schule zu einer Außenseiterin wird. Ob zwischen Na’ama und Udi von Anfang etwas nicht stimmte, wie Na’amas Mutter meint, oder ob erst Na’amas nie ganz vollzogene Untreue und ein Versehen von Udi, das Noga fast das Leben kostet, zu dem Zerwürfnis geführt haben, bleibt unklar und ist letztlich auch nicht von Belang, genauso wie die Frage, ob Udi und Na’ama wieder zusammenfinden.

Wodurch dieser Roman besticht ist die Sprachgewalt der Autorin, die uns an Na’amas Innenwelt in der Ich-Perspektive teilhaben lässt. Die originellen und beeindruckenden Bilder, mit denen sie Na’amas Gefühle in Worte kleidet, lassen einen innehalten. Auf fast jeder Seite trifft man auf Sätze, die man einfach zweimal lesen muss, so schön sind sie.

Zeruyah Shalev: Mann und Frau | Deutsch von Mirjam Pressler
BvT Berliner Taschenbuch 2002 | 399 Seiten | Jetzt bestellen

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