Stephen King: Der AnschlagIch war nie das, was man eine Heulsuse nennt. Meine Exfrau gab meinen nicht vorhandenen emotionalen Gradienten als Hauptgrund dafür an, dass sie mich verließ (als ob der Kerl, den sie bei den Anonymen Alkoholikern kennengelernt hatte, ganz nebensächlich wäre). Christy sagte, sie könne mir zur Not verzeihen, dass ich auf der Beerdigung ihres Vaters nicht geweint habe; ich hatte ihn nur sechs Jahre gekannt und könne daher nicht sehen, was für ein wundervoller, großartiger Mensch er gewesen sei (was beispielsweise ein Mustang-Cabrio zum Highschool-Abschluss bewies). Aber als ich auch auf den Beerdigungen meiner Eltern nicht weinte – sie starben im Abstand von nur zwei Jahren, Dad an Magenkrebs, Mutter an einem Herzschlag bei einem Strandspaziergang in Florida –, begann sie die Sache mit dem nicht vorhandenen Gradienten zu verstehen.

Der Lehrer Jake Epping wird von Burgerbudenbesitzer Al in dessen größtes Geheimnis eingeweiht: Er hat in seinem Keller ein Portal in die Vergangenheit. Das erklärt auch, weshalb seine Burger die billigsten weit und breit sind. Nicht weil er, wie alle vermuten, streunende Hunde und kleine Nager verarbeitet, sondern weil er sein Fleisch im Jahre 1958 einkauft, in dem die Preise lächerlich niedrig waren.

Al nutzt das Portal aber nicht nur, um billig einzukaufen. Sein Plan ist, das Attentat auf John F. Kennedy zu verhindern. Leider führt das Portal immer ins Jahr 1958 und man müsste fünf Jahre in der Vergangenheit leben, bis man die Gelegenheit hätte, Lee Harvey Oswald an den tödlichen Schüssen auf den Präsidenten zu hindern. Als Al Krebs bekommt, braucht er schnell einen Nachfolger für seine Mission.

In den Achtzigern und Anfang der Neunziger war ich ein großer Fan von Stephen King (und seines exzessiven Einsatzes von Klammern) und ich zähle »Es« und »Das letzte Gefecht« immer noch zu den besten und spannendsten Romanen. Danach ist mein Interesse erlahmt, zu viele zu dicke und zu langatmige Bücher, die Luft war irgendwie raus. Trotzdem habe ich ihn nie aus den Augen verloren (was aufgrund seiner Omnipräsenz auch schlichtweg unmöglich ist, wenn man sich für Bücher interessiert) und immer mal wieder in das jeweils neueste Werk reingelesen (aber meist enttäuscht weggelegt). Doch seit 2009 sein 1280-seitiges Werk »Die Arena« erschien, ist das Feuer wieder entfacht.

Wer noch kein Buch von Stephen King gelesen hat (soll es ja geben), weil er mit Horrorromanen nichts anfangen kann, darf hier getrost zugreifen (nicht, dass es der erste Nicht-Horror-Roman von King wäre). Kein Horror also, außer dem alltäglichen Grauen, das normale Mitmenschen verbreiten und das bei King schon immer eine große Rolle gespielt hat.

»Der Anschlag« ist ein Thriller und vor allem ein historischer Roman, denn er spielt zum größten Teil in den Jahren 1958 bis 1963. Detailreich lässt King diese Epoche wiederauferstehen und sein Protagonist erlebt anfangs eine Zeit wie im Paradies. Alles ist leuchtender, sauberer, unschuldiger und schmeckt besser. Aber nach und nach offenbaren sich ihm auch die Schattenseiten dieser Zeit: die Rassentrennung, die Kommuninstenhetze und die allgegenwärtige Angst vor einem Atomkrieg.

Nur langsam nähert sich Jake seiner Zielperson Oswald, mehr als einmal befallen ihn Zweifel an seiner Mission und seinen Chancen, die Geschichte zu ändern. Immer wieder gibt es Rückschläge und mehr als einmal droht er zu scheitern. Aber die Frage, die Jake (und den Leser) die ganze Zeit über am meisten beschäftigt ist: Wie wird es sich auf die Geschichte auswirken, wenn er den Anschlag verhindert?

Man könnte King vorwerfen (wenn es sein müsste), dass es nicht nötig gewesen wäre, diese Geschichte auf 1055 Seiten zu erzählen. Aber gerade durch die unzähligen Episoden, Anekdoten und Verstrickungen in den Jahren von Jakes Warten entwickelt das Buch seine Anziehungskraft. Indem es eine eigene Welt schafft, die man als Leser erst allmählich erkundet und die einen immer wieder überraschen kann.

Es sind die kleinen Details und die Gedankenspiele im Zusammenhang mit der Zeitreise, die faszinieren: die Möglichkeiten des Reichtums durch Sportwetten auf bekannte Ereignisse oder die Gefahr des Entdecktwerdens, indem man einen Song singt, den es zu dieser Zeit noch gar nicht gibt. Und zuletzt (aber eigentlich am wichtigsten), weil die Geschichte an keiner Stelle nachlässt oder langweilig wird.

Stephen King: Der Anschlag | Deutsch von Wulf Bergner
Heyne 2012 | 1.056 Seiten | Jetzt bestellen

2 Kommentare

  1. Ich habe dieses Buch unmittelbar nach seinem Erscheinen „verschlungen“, als die Stadtbibliothek Magdeburg so freundlich war es anzuschaffen. Neuerscheinungen bekommt man dort für 2 Euro extra, jedoch nur für 14 Tage. Mein Mann hat gesagt, dass ich 14 Tage weg, also für ihn nicht anwesend war. Ich habe das Buch immer noch im Kopf, obwohl ich vor Boyles Lesung in Berlin noch den „Samurai in Savannah“ lese und das „Schlachten…“ auch schon hinter mir habe. Ein wirklich beeindruckendes Werk!

  2. Ja, alles schmeckte besser…auch die Zigaretten 😉 Ansonsten kann ich mich nur anschliessen. Ein ganz tolles Buch. Fands auch um Längen besser als „Die Arena“ Von den ca. 1358 Stephen King Romanen schafft es „Der Anschlag“ bei mir auf Platz auf Platz 8 der ewigen King Bestenliste. Obwohl ich auch dazu neige, das politische Kuba zu romantisieren 😉

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