Pippi, Mon Amour

War es ein Fingerzeig? Etwa vor 100 Jahren, als die Katze meiner Lieblingsoma Junge bekam, war ich ganz aus dem Häuschen. Eines dieser plüschigen kleinen Wesen hatte es mir besonders angetan. Das Kätzchen hatte rotes Fell, war ziemlich frech und ließ sich nur ganz schwer einfangen. Doch gerade das machte wohl die Anziehung aus. Trotz aller Quengelei blieben meine Eltern hart: Ich durfte das Kätzchen nicht behalten. Nur kurze Zeit später sollte ein anderes rothaariges Wesen meinen Weg kreuzen.

Sonntag Nachmittags, immer bevor meine Mutter selbstgebackenen Kuchen auftischte, lief im Fernsehen die sogenannte Kinderstunde. Meist waren es Sendungen der Augsburger Puppenkiste, oder mit Pan Tau, den ich damals über alles liebte. An jenem Tag aber ritt ein rothaariges Mädchen auf einem riesigen gepunkteten Pferd über dem Bildschirm. Und singen tat es auch noch:

2 x 3 macht 4
Widdewiddewitt und Drei macht Neune!
Ich mach‘ mir die Welt
Widdewidde wie sie mir gefällt

Allein das Lied klang für meine Ohren geradezu revolutionär. Man kann sagen, dass danach die Welt nie wieder so war wie vorher. Pippi Langstrumpf war für mich eine Offenbarung. Vorher fand ich Mädchen irgendwie doof, weil sie sofort heulten und ständig »Vater, Mutter, Kind« spielen wollten statt »Cowboy und Indianer«.

Pippilotta Viktualia Rollgardina Schokominza Efraimstochter Langstrumpf war jedoch aus einem anderen Holz geschnitzt. Dass Pippi ganz wie ich wenig Interesse an der »Plutimikation« zeigte, machte sie nur sympathischer. Bis heute sind mir Menschen, die gern mit Zahlen hantieren, höchst suspekt. Wie Pippi beschloss ich, in Zukunft meinen eigenen Weg zu gehen und nicht darauf zu hören, »was die Leute sagen«. So etwas ist natürlich leichter, wenn eine Tasche voller Goldmünzen vom alten Herrn unterm Bett steht. Doch das waren Kleinigkeiten.

Pippi hatte ein Haus, einen Affen und ein Pferd. Was braucht man mehr? Die Schule und sämtliche Erwachsenen konnten ihr gestohlen bleiben. Wer ihr dumm kam, bekam tüchtig auf die Zwölf. Pippi machte aus jedem Tag ein Abenteuer.

Nur: Warum verplemperte sie ihre Zeit mit diesen Oberlangweilern Tommi und Annika? Zum Glück hatte meine große Schwester alle Pippi Langstrumpf-Bücher, deren brave Illustrationen ich – nebenbei gesagt – nie so richtig mochte. Pippi war für mich auf ewig mit dem Gesicht Inger Nilssons verbunden. Kein anderes Mädchen konnte so herrlich lachen.

Heute weiss ich ganz sicher, dass Pippi mein Frauenbild extrem geprägt hat. Selbstbewusste freche Frauen mit Humor haben bei mir sofort einen riesigen Sympathiebonus. Am wichtigsten ist mir jedoch noch immer das Lachen eines Menschen. Wenn beim Lachen eines Erwachsenen das innere Kind sichtbar wird, schmelze ich sofort dahin. Ein schönes Gesicht besagt gar nichts. Nicht die Augen sind das Fenster zur Seele, es ist das Lachen.

Jahrzehnte später sah ich ein Interview mit Inger Nilsson. Zu meiner Überraschung war sie in Wirklichkeit blond und ohne eine einzige Sommersprosse. Viel schlimmer fand ich jedoch, dass sich in ihrem Gesicht die gleiche Unzufriedenheit eingegraben hatte, die ich bei den meisten meiner Mitmenschen sehe. Selbst ihr Lachen wirkte nun gedämpft. Pippi war erwachsen geworden.

Später schrieb ich sogar an einem Buch über Astrid Lindgren und Pippi Langstrumpf mit. Eine rothaarige Freundin mit Sommersprossen hatte ich indes nie. Es hat sich nie ergeben. Irgendwann würde ich jedoch gern wie Pippi in einem alten Holzhaus wohnen. Doch statt eines Pferdes würden sich ganz viele Katzen auf der Veranda herumlümmeln.

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