Ned Beauman: Flieg, Hitler, flieg!Wie alle Kapitalisten behandle ich den freien Markt wie eine reiche alte Großmutter; ich betone, wie sehr ich die alte Schlampe verehre, bezeichne sie als rüstig, nutze aber ihre Lethargie und Demenz mutwillig aus, um Profit daraus zu schlagen. Im Hauptberuf bin ich auf die Alliierten des Zweiten Weltkriegs spezialisiert, aber ich mach auch den Krimkrieg, den Ersten Weltkrieg und Vietnam und das ein oder andere japanische Samurai-Schwert.

Kevin Broom sucht im Auftrag eines reichen Sammlers nach Nazi-Devotionalien. Er findet neben der Leiche eines Privatdetektivs einen Brief von Adolf Hitler an den englischen Käferforscher Erskine, in dem er dem Wissenschaftler für ein besonderes Geschenk dankte. Erskine beschäftigte sich 1934 mit Eugenik und hatte eine neue Käferart entdeckt, deren Musterung die Form eines Hakenkreuzes hat und die er Anophthalmus hitleri nannte.

Die Käfer waren besonders robust und Erskine träumte davon, seine Forschungen auf Menschen auszudehnen. Sein begehrtes Forschungsobjekt war der jüdische Boxer Seth »Sinner« Roach, der im Alter von sechzehn Jahren und trotz seiner geringen Körpergröße jeden Gegner besiegt. Um das Rätsel der Käfer zu lösen, macht sich Kevin zusammen mit einem Killer auf die Suche nach dem Grab des Boxers.

Klingt wie ein abgedrehter Pulp-Krimi, in dem die Nazis mal wieder als MacGuffin herhalten müssen. Als solchem würde man dem Roman sicher einiges nachsehen, aber er ist ein ehrgeiziges Stück Literatur und wird sicher auf einige Ablehnung stoßen. »Flieg, Hitler, flieg!« ist nicht immer geschmackssicher und durchgehend respektlos, aber nie billig oder beleidigend.

Im Original heißt das Buch »Boxer, Beetle« und suggeriert keine so übergroße Bedeutung Hitlers, wie der Effekt heischende deutsche Titel samt Cover. Hitler ist nur eine von vielen reißerischen Zutaten. Und der Autor hat sehr viele Zutaten in seinen Roman gepackt, was nicht per se schlecht ist, aber leider gelingt es ihm nicht, sie alle ordentlich und sinnvoll zu verknüpfen. Manche wirken, als sollten sie nur Neugier wecken: Der verwirrte Wissenschaftler, der seine unterdrückte Homosexualität mit dem Boxer auslebt; der Nerd, der unter einem Syndrom leidet, dass seinem Schweiß und Urin einen penetranten Geruch nach faulem Fisch verleiht; der Auftragskiller, der die Tätowierung der geheimen Thule-Gesellschaft trägt; die mutantenartigen Käfer, die einem Horrorfilm entsprungen sein könnten.

Die Lektüre ließ mich mit sehr ambivalenten Gefühlen zurück. Man könnte eine Menge Schwächen und Ungereimtheiten aufzählen, verpasste Gelegenheiten und ungenutzte Ideen. Und doch bin ich froh, dieses Buch gelesen zu haben. Was vor allem an den Kapiteln mit Kevin Broom liegt. Von den drei Handlungssträngen ist jener der mit Abstand gelungenste, aber leider auch der kürzeste. Daraus hätte eine phantastische Novelle werden können. Mehr als einmal war ich während der Lektüre versucht, die beiden anderen Handlungsstränge zu überblättern, um weiter dieser Figur folgen zu können.

»Flieg, Hitler, flieg!« ist provozierend und unterhaltsam. Es verdient weder die enthusiastischen Lobeshymnen noch die gnadenlosen Verisse in der Presse. Aber auch wenn es noch nicht der große Wurf ist, kommt der Autor auf meinen Merkzettel.

Ned Beauman: Flieg, Hitler, flieg! | Deutsch von Sophie Kreutzfeldt
Dumont 2010 | 280 Seiten | Jetzt bestellen

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