Matt Ruff: MirageDies ist der Tag, der die Welt verändert. Es ist der 21. Scha’ban des Jahres 1422 nach der Hijra. Beziehungsweise laut dem internationalen Handelskalender: der 9. November 2001. Sonnenaufgang ist in Bagdad um 6 Uhr 25. Als die ersten Strahlen auf die Tigris-und-Euphrat-Zwillingstürme fallen, steht ein alter Mann im Hauptspeisesaal des Restaurants »Fenster zur Welt« und blickt hinaus auf die Stadt.

Am 9.11.2001 fliegen christliche Fundamentalisten zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des Welthandelszentrums von Bagdad. Die Vereinigten Arabischen Staaten (VAS) beginnen einen jahrelangen Kampf gegen den Terrorismus und besetzen die terroristischen Hochburgen von Amerika. Acht Jahre nach dem Anschlag neigt sich der Kampf dem Ende zu und in Bagdad geht das Leben seinen gewohnten Gang. Dann erfahren drei Bundesagenten des Arabischen Heimatschutzes von einem verhafteten amerikanischen Selbstmordattentäter, dass sie sich alle in einer Parallelwelt befinden. Ihre Suche nach der Wahrheit wird von verschiedenen Seiten behindert. Seltsame Reliquien werden gefunden, die nur gefälscht sein können. Beispielsweise die New York Times vom 12. September mit den zerstörten Türmen des World Trade Center darauf.

Matt Ruffs Buch ist reich an Anspielungen, wobei er die Geschehnisse nicht Eins zu Eins umkehrt, sondern auch den jeweiligen kulturellen Begebenheiten anpasst. Dies beginnt bereits beim Datum und seiner Schreibweise. Die Anschläge in Bagdad fanden am neunten November statt, dem 9.11. In dieser Welt sind die VAS die einzige wirtschaftliche Supermacht, während Amerika in Trümmern liegt und Europa nie zu bedeutender Größe gewachsen ist. Ruff liefert diese Hintergrundinformationen zwischen den einzelnen Kapiteln durch Einträge aus der »Bibliothek von Alexandria« ein, einem Internetportal wie Wikipedia:

Ein davon sehr verschiedenes Bagdad – eines, das die Post-9.11.-Stimmung leider realistischer wiedergibt – wird in der gegenwärtig äußerst erfolgreichen Serie »24/7 Jihad« porträtiert, deren einzelne Staffeln jeweils einen Tag im Leben des Antiterror-Kämpfers Jafar Bashir schildern.

Bei Büchern über Parallelwelten gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man lässt die »verdrehte« Welt für sich stehen oder man versucht, ihre Herkunft zu erklären. Ruff hätte besser den ersten Weg beschritten, entschied sich aber für den zweiten, was zu einigen Längen in der zweiten Hälfte führt. Doch seine Auflösung ist so einfach wie genial, obwohl manche Leser sie unbefriedigend finden werden. Eine scheinbare Notlösung wie bei Stephen Kings »Die Arena«, aber angesichts des kulturellen Hintergrunds, in dem »Mirage« spielt, gefiel mir diese Erklärung ausgesprochen gut.

Wenn man den phantastischen Aspekt mal außer Acht lässt, handelt es sich um einen grundsoliden Politthriller – und zwar einen der besseren. Der Roman ist actionreich und spannend, darüber hinaus randvoll mit interessanten Ideen, klugen Anspielungen und prominentem Personal.

Verglichen mit Ruffs früheren Romanen ist der Stil knapp und sehr geradeaus. Mir fehlte die ungebremste Fabulierkunst seiner ersten beiden Romane, aber dies ist offensichtlich den Konventionen des Thrillergenres geschuldet, das der Autor hier nutzt. Trotzdem ist »Mirage« ein Volltreffer. Als Thriller, als Politsatire und als Science-Fiction-Roman.

Matt Ruff: Mirage | Deutsch von Ditte und Giovanni Bandini
dtv 2014 | 496 Seiten | amazon-info

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