Kurt Vonnegut: Mann ohne LandWenn Ihr Eure Eltern quälen wollt und nicht den Nerv habt schwul zu werden, könnt Ihr es zumindest mit den schönen Künsten versuchen.

Wer so etwas schreibt, kann nur entweder total meschugge oder ziemlich weise sein. Nach der Lektüre mehrerer Bücher Kurt Vonneguts kann ich behaupten, dass Letzteres der Wahrheit wohl am nächsten kommt. Ein Querdenker reinsten Wassers, jemand der redet und schreibt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, was sich im gegenwärtigen Amerika nur wenige Leute erlauben dürfen. Vonnegut ist so einer, denn mit seinen Büchern – allem voran dem Klassiker »Schlachthaus 5« – hat er sich bereits zu Lebzeiten einen Platz im Olymp der Gegenwartsliteratur erschrieben.

»Mann ohne Land« kann man im wahrsten Sinne als seine letzten Worte an die Leserschaft sehen; wie immer genial übersetzt von Harry Rowohlt. Das dünne Bändchen enthält seine Sicht der Dinge zu fast allen Problemen, die unsere Welt zur Zeit beschäftigen: Erderwärmung, tumbe US-Präsidenten, Wahlbetrug, Literatur, Sex, Krieg, Politik und Autos. Vonnegut hat zu jedem Thema eine Meinung, und die ist meist unkonventionell, klug und dabei saukomisch.

Ich weiss, was Frauen wollen: jede Menge Menschen, mit denen sie reden können. Worüber wollen sie reden? Sie wollen über alles reden. Was wollen Männer? Sie wollen viele Kumpels, und es wäre ihnen lieb, wenn die Leute nicht immer so böse auf sie wären, schreibt er zu einem Gedankenflug ansetzend. Geklärt hat er sie nicht, die großen Probleme dieser Welt, aber schon allein seine Analyse Shakespeares ist die Anschaffung dieses Buches wert.

Für einen alten Zausel macht er sich verdammt viele Gedanken um den Fortbestand der menschlichen Rasse. Man ahnte es schon: Unter der Maske des Scherzboldes steckt wie so oft der enttäuschte Idealist. Und wie bei allen alten Idealisten zieht sich eine gehörige Portion Pessimismus durch seine Zukunftsvisionen. Mehrmals bezieht sich Vonnegut dabei auf Mark Twain, einem anderen enttäuschten Idealisten. Kein Wunder: Vonnegut ist mit seiner engagierten Prosa sicherlich einer der Erben Twains.

Vielen mag seine Zivilisationskritik zu simpel gestrickt sein, aber statt die Dinge dekorativ zu umschreiben, zieht es Vonnegut vor, sich auf unserem kollektiven Wohnzimmerteppich so richtig auszukotzen, bevor er abtritt. Das tut er jedoch so hinreißend komisch, dass selbst sein Pessimismus noch erträglich ist. Vonnegut, einer der letzten wahren Humanisten, starb 2007 im Alter von vierundachtzig Jahren. Viel zu früh, möchte man sagen. Er sah das freilich anders:

Das allerletzte was ich jemals wollte, war am Leben zu sein, wenn die drei mächtigsten Menschen auf dem gesamten Planeten, Bush, Dick und Colin heißen.

Kurt Vonnegut: Mann ohne Land | Deutsch von Harry Rowohlt
Piper Taschenbuch 2007 | 170 Seiten | Jetzt bestellen

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