Husch Josten: In Sachen JosephRund zwanzig bis dreißig Prozent aller Kinder und Jugendlichen haben zeitweise imaginäre Gefährten, die unterschiedliche Funktionen erfüllen, das Einfühlungs- und Kommunikationsvermögen fördern und helfen, Verlust zu bewältigen. Man vermutet, dass viele Erwachsene es ebenso handhaben und nur nie thematisieren.

Helen ist Ende 30, lebt alleine in einer schönen Wohnung und in einer perfekten geistigen Welt, die von Joseph, ihrem imaginären Freund seit Kindertagen, beherrscht wird. Joseph ist zwei Jahre älter als sie, beschützt sie vor anderen, ist immer da, wenn sie ihn braucht, zum Beispiel wenn reale Männer sie verlassen oder wenn sie mit jemandem reden will. Joseph ist stark, attraktiv, promiskuitiv, unabhängig und wortgewandt, versteht ihre literarischen Anspielungen und kümmert sich nicht um die Meinung anderer. Helen dagegen leidet sehr darunter, wie andere ihr Leben beurteilen – vor allem ihren Single-Status:

Es hat so kommen müssen mit ihr und der Einsamkeit. Jeder hat es gedacht. Das dauerhafte Alleinsein sei nicht gesund, haben sie gedacht, und Helen hat ihre Gedanken lesen können.

Als sie für ein paar Tage in ihr Elternhaus zurückkehrt, um sich um ihren Vater zu kümmern, während ihre Mutter im Krankenhaus ist, kommen ihre Kindheitserinnerungen wieder hoch. Ihr wird bewusst, dass ihre Flucht in Josephs Welt nicht ganz gesund ist, »pathologisch möglicherweise«.

Am Anfang des Romans kann man als Leser, der noch nichts über das Buch erfahren hat, nicht sofort mit Sicherheit wissen, dass Joseph nur in Helens Gedankenwelt existiert. Außer ihrem eigenen Vater, ihrer Mutter und ein paar Arbeitskollegen trifft das auch auf die anderen Figuren zu, mit denen Helen über Joseph redet, zum Beispiel Martha, Josephs Mutter, oder Paco, den Helen für seinen Sohn hält.

In ihrem Alltag ist Helen Bibliothekarin – macht es viel Unterschied, ob sie sich in eine Welt von Geschichten und Figuren flüchtet, die andere aufgeschrieben haben, oder in eine, die nur in ihrem Kopf existiert? Ihre Mutter findet übrigens für die Tagebücher, die Helen als Kind geschrieben hat, einen Käufer. Sprachlich bemerkenswert ist Helens Gedankenwelt allemal.

Der Grund für Helens prekäre psychische Situation liegt nicht nur in ihrer eigenen Kindheit, sondern in der ihrer Eltern. Ihr Großvater war ein eingefleischter Nazi, der den Bruder ihres Vaters regelmäßig verprügelte, weil er »weich und weibisch« war, sprich: sensibel und künstlerisch begabt – solange, bis der Junge stirbt und seine Mutter sich selbst tötet. Helens Vater macht sich Vorwürfe, dass er seinen Vater nie daran gehindert hat, seine Mutter und seinen Bruder zu misshandeln. Er traut sich keine Familie zu und will Helens Mutter verlassen, entscheidet sich jedoch für das »bescheidenere Glück«, mit ihr zusammen zu bleiben, als sie ihm antwortet, dass sie schwanger ist.

Der kurze Aufenthalt in Helens Elternhaus bringt sie jedoch nicht nur gehörig durcheinander, sondern stößt auch einige notwendige Veränderungen an. Sie redet mit ihrem Vater, zieht aus ihrer Wohnung aus, verändert sich beruflich – und nimmt Abschied von Joseph. Das hat sie schon öfter getan, wusste aber immer, dass er wieder zurückkommen würde. Das ist diesmal anders.

Husch Josten: In Sachen Joseph | Deutsch
Berlin University Press 2011 | 169 Seiten | Jetzt bestellen

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