John le Carré: Das Vermächtnis der SpioneFolgendes ist eine nach besten Wissen und Gewissen verfasste, wahrheitsgetreue Darstellung meiner Rolle in der britischen Operation mit dem Codenamen WINDFALL, die Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre gegen das ostdeutsche Ministerium für Staatssicherheit (STASI) geführt wurde und mit dem Tod des besten britischen Geheimagenten und der unschuldigen Frau endete, für die er sein Leben ließ.

So beginnt der neueste Agenten-Roman des gewieften Schreibers John le Carré, in dem er die Zeit des Kalten Krieges wieder aufleben lässt. Der in die Jahre gekommene Spion Peter Guillam wird 2017 aus seinem Pensionärs-Domizil in Frankreich in das Britische Innenministerium berufen. Wegen eines schwer verpfuschten Auftrags vor vielen Jahren droht dem Geheimdienst ein Untersuchungsausschuss, den die Kinder der damals zu Tode gekommenen Menschen anstrengen wollen. Dabei geht es neben der Reputation auch um eine hohe Schadensersatzklage.

Aber nun ist es bei einem Geheimdienst wohl so, dass eigentlich alles geheim und niemandem zu trauen ist. Das kennen wir aus aktuellen Vorkommnissen. Also wurden auch hier nicht alle Akten der fraglichen Operation WINDFALL im Archiv gefunden, nein, sogar das Wenige, das vorhanden ist, scheint mächtig manipuliert zu sein. Also wird einer der noch lebenden Beteiligten zu dem Fall vernommen, der ehemalige Assistent des Super-Spions Georges Smiley und jetzige Rentner Guillam.

Das ist nicht nur ein toller Plot, sondern auch eine tolle Umsetzung, denn der 1931 geborene le Carré schreibt sehr plastisch und erzählt uns den Stoff aus der Ich-Perspektive. Er verwebt meisterlich die beiden Zeitebenen, lässt den Protagonisten in inneren Monologen an die Vergangenheit erinnern, und sie mit den Akten vergleichen, die er teilweise selbst manipuliert hat. Das ist toll gemacht und verführt zu langen Lesezeiten am Stück.

Schnell merkt man, dass man es mit einem ausgebufften Romancier zu tun hat, der ganz genau weiß, wie der Prosa-Hase läuft. Knappe, treffende Beschreibungen der Umgebung und der Menschen wenn »… eine agile Mittvierzigerin mit kurzen Haaren im Geschäftskostüm hereinsaust …« oder »ein milchgesichtiges, bebrilltes Privatschulbürschchen unbestimmten Alters in Hemd und mit Zahnspange« hinter seinem Schreibtisch aufspringt.

Allerdings hätte ich mir hin und wieder eine differenziertere Sprache gewünscht, wenn Aussagen unterschiedlichster Menschen aus alten Akten und Verhören zitiert werden, aber das nur am Rande. Im Vordergrund steht die verzwickte Arbeit der Geheimdienste, und allein beim Lesen wird man wegen der oft absurd scheinenden Arbeit von Agenten und Doppelagenten fast verrückt: die Fallen, die sie sich gegenseitig stellen, die Gegenmaßnahmen, die Chimären, die Lügerei.

»Das Problem bei euch Spionen, nicht persönlich gemeint, ist, dass keiner von euch Wahrheit von Märchen unterscheiden kann. Was es einem furchtbar schwer macht euch zu verteidigen.« Lässt es der Autor dann auch eine Anwältin auf den Punkt bringen.

Und noch krasser den Sohn eines Getöteten. »Ihr seid alle krank, ihr Spione. Ihr seid nicht das Heilmittel, ihr seid die verfluchte Krankheit.«

Alles in allem ein Roman, der auch für nicht eingefleischte Liebhaber von Agenten-Geschichten geeignet ist, und der das wirre Geflecht – vielleicht auch aktueller Geheimdienstarbeit – entlarvt. So oder so ähnlich könnte sie aussehen.

John le Carré: Das Vermächtnis der Spione | Deutsch von Peter Torberg
Ullstein 2017 | 320 Seiten | Jetzt bestellen

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