John Niven: Old SchoolEthel Merriman, siebenundachtzig, saß strahlend in ihrem elektrischen Rollstuhl. Ihren »Greifer« – einen Teleskoparm mit einer mechanischen Greifzange am Ende, der ihr Zugriff auf Dinge außerhalb ihrer Reichweite bot – hatte sie hinter ihrem Rücken verstaut, so wie früher ein Kutscher seine Muskete … Vorn an ihrem Rollstuhl verkündete ein Aufkleber: »Kein Schwanz ist so hart wie das Leben!« Auf der Rückseite verkündete ein anderer: »Ich bremse für niemand!«

Geldsorgen und die Sehnsucht nach einem erfüllten Leben plagen eine Gruppe älterer Damen. Da wäre Susan, deren Mann gerade durch den unsachgemäßen Umgang mit Sexspielzeug den Tod gefunden hat und deren scheinbar gesicherte Existenz sich als ein Berg aus Schulden entpuppt. Ihre beste Freundin Julie arbeitet in einem Altenpflegeheim, in dem auch die dauerfluchende, trinkende und rauchende Ethel lebt, ein Musterbeispiel an Hedonismus. Komplettiert wird die Damenrunde durch Jill, die dringend Geld für eine lebensrettende Operation ihres Enkelkindes benötigt.

Gemeinsam beschließen sie einen Banküberfall. Als professionellen Berater engagieren sie ein Unikum namens Nails, der mit Abstand die abgefahrenste Figur zwischen all diesen Exzentrikern ist und ein eigenes Buch verdient hätte. Was folgt, ist wohl die witzigste Beschreibung eines Banküberfalls mit anschließender Verfolgungsjagd, die ich jemals gelesen bzw. gehört habe.

Nach erfolgter Tat setzen die Damen sich nach Frankreich ab. Ein cholerischer Sergeant und sein braver Assistent müssen ihnen ins verhasste Nachbarland folgen. Die alten Damen pendeln durch die hochklassigsten Hotels Südfrankreichs, dicht gefolgt von dem gereizten Sergeant und seinem zunehmend frankophiler werdenden Assistenten. Auf der Suche nach neuen Pässen geraten Susan und ihre Freundinnen an einen russischen Gangster, der sehr schnell herausbekommt, um wen es sich bei seinen Kundinnen tatsächlich handelt. Er möchte daraufhin auch einen Anteil an der Beute und zwar genau einhundert Prozent.

Hervorheben muss man bei diesem Hörbuch Sprecher Gerd Köster, der jeder der Hauptfiguren eine eigene Stimme verleiht und auch die Frauenrollen unverwechselbar gestaltet. Der Hörer weiß auch ohne Angabe immer, wer gerade spricht. Das ist besonders beeindruckend, da Kösters Stimme eigentlich so feminin klingt wie die von Tom Waits.

»Old School« ist eine Komödie der alten Schule und damit meine ich britischen Humor im Stil von Tom Sharpe, mit abstrusen Verwicklungen und Verstümmelungen im männlichen Genitalbereich. Kritisch anzumerken wäre nur, dass das Buch seinen Höhepunkt schon etwas zu früh erreicht. Obwohl es noch einige sehr schöne Szenen gibt, wie zum Beispiel eine Verfolgungsjagd in Rollstühlen am Flughafen, erreicht das Buch in der zweiten Hälfte nie mehr die Rasanz und Komik des Banküberfalls.

Trotzdem ein sehr empfehlenswertes Buch, das die Fangemeinde von John Niven in Deutschland erfreuen und vergrößern wird. Nivens erster Roman »Kill your friends« wurde inzwischen verfilmt und kommt demnächst in die Kinos.

John Niven: Old School | Deutsch von Stephan Glietsch
Random House Audio 2015 | Gelesen von Gerd Köster | amazon-info

1 Kommentar

  1. Schönes Ding, ist notiert. Danke !

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