John Niven: Alte Freunde»Craig?«, fragte Alan, wobei sich der Name wie ein einziges großes Fragezeichen anhörte.

»Lang ist’s her, Kumpel.«

Ein Wirbelwind widersprüchlicher Gefühle stürme auf Alan ein. Schock, selbstverständlich. Mitleid. Die Sorte tief empfundenes, reflexartiges Mitleid, wie es einem beim Anblick der Not einer anderen Kreatur überkommt. Und zuletzt und am offenkundigsten natürlich Freude. Freude darüber, wie bildhaft uns das Universum doch gelegentlich den eigenen Erfolg vor Augen führt und uns demonstriert, wie weit wir es gebracht haben. Wie gut wir unsere Chancen zu nutzen wussten, wohingegen andere …

Alan Grainger hat es geschafft. Als Restaurantkritiker hat er es zu Wohlstand gebracht, ist verheiratet mit einer wunderschönen und ebenfalls erfolgreichen Ehefrau und besitzt drei wohlgeratene Kinder. Eines Tages wird er von einem Obdachlosen angesprochen, der sich als sein bester Freund aus der Jugend entpuppt. Craig war in den Neunzigern ein erfolgreicher Rockmusiker, hat ein entsprechendes Leben auf der Überholspur geführt und ist nun ganz unten angekommen. Die beiden verbringen einen feuchtfröhlichen Abend mit schönen Erinnerungen an die damalige Zeit. Im Überschwang der Gefühle und alkoholbefeuerter Nostalgie, nimmt Alan den Jugendfreund mit zu sich nach Hause. Ein schwerer Fehler, wie sich noch zeigen soll.

Aus diesem Stoff hätte man einen Psychothriller machen können oder eine Gesellschaftssatire wie »Zoff in Beverly Hills« mit Nick Nolte und Richard Dreyfuss. »Alte Freunde« hat ein wenig von dem einen und sehr viel von dem anderen, ist aber doch ganz anders. Durch geschickte Anspielungen hält Niven die Spannung und Neugier beim Leser permanent aufrecht, sodass man – ja, ich scheue mich nicht, diese ausgelutschte Phrase zu bemühen – das Buch nicht aus der Hand legen kann. Nach jedem Kapitel möchte man unbedingt wissen, wie es weitergeht, weil man die ganze Zeit eine überraschende Wendung ahnt, deren Verlauf aber nicht abzusehen ist, ebenso wie die Gründe dafür.

Letztere sind nicht so spektakulär, wie man es sich als (erfahrener Thriller-)Leser bis dahin ausgemalt hat, aber das tut dem Vergnügen keinen Abbruch.

Seit seinem ersten Buch »Kill your friends«, in dem die Musikbranche aufs Korn genommen wurde, hat Niven mehrere Bestseller abgeliefert. Ob es um die Rückkehr von Jesus als Kandidat einer Castingshow geht (»Gott bewahre«), einen kompromisslosen Racheakt (»Das Gebot der Rache«) oder eine Gruppe netter, alter Damen, die sich aus Not dem Verbrechen zuwenden (»Old School«), immer zeigt er seinen eigenen, unverwechselbaren Stil.

Zarte Gemüter könnten sich an der derben Sprache und einigen unappetitlichen Szenen stoßen, aber diese Leser würden wahrscheinlich ohnehin nicht zu einem Buch greifen, das unter dem Label »Heyne Hardcore« erscheint. Gemessen an seinen früheren Büchern schlägt der Autor in diesem Werk allerdings moderatere Töne an, sodass man angesichts des Vokabulars nicht allzu oft rote Ohren bekommt.

John Niven ist für mich inzwischen ein Garant für erstklassige Unterhaltung. Bei seinen Büchern kann man bedenkenlos zugreifen, was ich auch weiterhin tun werde.

John Niven: Alte Freunde | Deutsch von Stephan Glietsch
Heyne 2017 | 352 Seiten | Jetzt bestellen

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