Hardy Crueger: OkergeschichtenDas Aquamarin gilt als Glücksstein der Seefahrer. Außerdem wird ihm die Kraft zugeschrieben, seinen Besitzer von allen Sorgen zu befreien. Für Jörg und Sahra Bachmann stimmte das leider nicht.

MS AquaMarin war der Name des Schiffes, auf dem das Unaussprechliche geschehen war. Das Unaussprechliche, das sie daran hinderte, nach Hause zurückzukehren. Das Unaussprechliche, das sie aus ihrem Urlaubsort vertrieben und in Wolfenbüttel hatte Unterschlupf suchen lassen.

Entlang der Oker ist das Verbrechen zu Hause und zwar nicht immer in Form von simplen Morden, sondern in vielfältiger Weise. Die »Okergeschichten« eint der gemeinsame Handlungsort, entlang der Oker von der Quelle über Braunschweig, Wolfenbüttel und Goslar. Manche Geschichten basieren auf knappen Zeitungsmeldungen, Sachbucheinträgen über wahre Kriminalfälle oder sind an berühmte Thriller-Klassiker angelehnt, aber es ist der Autor Hardy Crueger, der ihnen das Fleisch auf die Rippen schafft. Und jede Menge Blut.

Die Hauptfiguren sind häufig psychisch gestörte Persönlichkeiten, die in Konflikt mit ihrer Umwelt geraten. Dabei geht es recht drastisch zur Sache, aber die Handlung verkommt nie zum Splatter, der sich an seiner eigenen Schockwirkung ergötzt. Natürlich hat da jeder Leser seine eigenen Befindlichkeiten und Grenzen, aber ich empfand die geschilderte Brutalität stets als der Handlung angemessen und aus ihr begründet.

Die Geschichten sind sehr unterschiedlich, was eine Menge Abwechslung bietet. Allerdings kann es deshalb auch sein, dass nicht jedem Leser alle Geschichten gleichermaßen gefallen. Mir persönlich haben die ersten beiden Erzählungen aus verschiedenen Gründen überhaupt nicht zugesagt, und ich überlegte schon, die Lektüre abzubrechen. Glücklicherweise las ich noch die dritte Geschichte und war von ihr hingerissen. »Über alle Flüsse« besitzt eine unglaublich dichte Atmosphäre und ist ein kleines Meisterstück. Eine Mischung aus Stephen Kings »Stand by me« und »Tschick« – und leider viel zu kurz.

Der Rest der Sammlung traf dann weitgehend meinen Geschmack und unterhielt mich großartig, wobei mir die menschlichen Dramen noch weit besser gefielen, als die reinen Kriminalfälle. Crueger besitzt ein ausgezeichnetes Gespür dafür, Menschen in Situationen zu bringen, die sie verzweifeln lassen. In manchen Fällen entstehen dadurch absurde Situationen, die beinahe ins Surreale abrutschen. Umso überraschter war ich, gerade bei einigen von diesen Geschichten am Ende durch eine abgedruckte Zeitungsmeldung zu erfahren, dass sie auf wahren Begebenheiten beruhen.

Die »Okergeschichten« sind solide geschriebene, spannende und abwechslungsreiche Kurz-Psychothriller, die einige Überraschungen parat halten. Meine persönlichen Favoriten in der Sammlung sind »Über alle Flüsse«, »Der Angler« und »Das Mädchen am Ufer«.

Der Autor trägt seine Geschichten übrigens regelmäßig bei Flussfahrten auf der Oker vor.

Hardy Crueger liest auch auf dem Braunschweiger Krimifestival, das in diesem Jahr vom 22. Oktober bis 3. November 2017 stattfindet.

Hardy Crueger: Okergeschichten | Deutsch
Edition Ebelletristik 2014 | 120 Seiten | Jetzt bestellen

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