Game of Thrones vs. Herr der Ringe

Eine Vielzahl neuer Serien veränderte in den letzten Jahren die Fernsehkultur. Es gehört inzwischen zum guten Ton, die Flaggschiffe dieser Welle zu kennen: »Breaking Bad«, »Die Sopranos« und »Game of Thrones«. Letztere ist die vielleicht ambitionierteste und mit Sicherheit die aufwendigste. Allenthalben wird diesen Serien nachgesagt, dass sie die Gesellschaftsromane des 21. Jahrhunderts seien. Bei »Game of Thrones«, deren neueste, sechste Staffel momentan im Pay-TV läuft, muss man sogar noch einen Schritt weitergehen: Obwohl sie im vermeintlich eskapistischen Fantasy-Genre angesiedelt ist, erklärt sie die politische Weltlage – vielleicht besser noch als »Homeland« und »House of Cards«, deren politischer Anspruch deutlich offensichtlicher ist.

Zum Vergleich: In J.R.R. Tolkiens »Der Herr der Ringe«, dem vordem wichtigsten Fantasy-Epos – stilbildend wie kein anderes –, stehen sich zwei Mächte gegenüber: die Guten (hauptsächlich Hobbits, Elben, Zwerge und Teile der Menschheit) und die Bösen (ein fieser Diktator, Orks sowie der andere Teil der Menschheit). Und auch wenn es Wesen gibt, die versuchen, sich aus diesem Konflikt herauszuhalten oder in dessen Verlauf die Seiten wechseln, bleiben die Ringkriege doch im Wesentlichen eine Blockkonfrontation.

Beachtet man die Entstehungszeit dieses modernen Mythos, ist dies auch nicht verwunderlich. Die Vorgeschichte »The Hobbit or There and Back again« erschien 1937, »The Lord of the Rings« 1954/55 – also in einer Zeit, als sich die demokratischen Länder und die Sowjetunion gegen die faschistischen Staaten verbündeten beziehungsweise sich nach dem 2. Weltkrieg mit dem kapitalistischem Westen und dem kommunistischem Osten zwei verfeindete Blöcke gegenüberstanden. Dass der Autor darauf bestanden hat, dass die politische Lage keinerlei Einfluss gehabt habe auf die Konzeption und Dramaturgie der Geschichte, darf geflissentlich ignoriert werden. Denn ob Tolkien diese Behauptung selbst geglaubt hat, ist unklar, aber immerhin vermied er dadurch allzu viele Spekulationen in dieser Richtung – und mögliche Vereinnahmungsversuche durch ideologische Wortführer.

Bei der postmodernen Serie »Game of Thrones« (der erste Band der literarischen Vorlage »A Song of Ice and Fire« – in der Übersetzung: »Das Lied von Eis und Feuer« – erschien 1996) hat sich das politische Paradigma deutlich geändert, denn der Zusammenbruch der meisten sozialistischen Staaten führte zu einem Machtvakuum, das von verschiedenen kleineren Mächten gefüllt wurde. In den folgenden Konflikten vermischte sich politischer Fanatismus mit einem ausgeprägten religiösen Fundamentalismus. Dem Gleichgewicht des Schreckens im Kalten Krieg folgten also kleinere und größere militärische Auseinandersetzungen, die mit allen zur Verfügung stehenden konventionellen Waffen geführt werden. Der Kristallisationspunkt der zahllosen miteinander verwobenen Konflikte ist der Nahe Osten.

David Benioffs und D.B. Weiss‘ »Game of Thrones« und George R.R. Martins »Das Lied von Eis und Feuer« erklären anhand des Schicksals von Königen, Kriegerinnen und Priestern diese neuen Kriege. Hier konkurrieren nicht mehr die Blockmächte mit den jeweiligen Verbündeten miteinander, sondern Rackets, Gangs und Familienclans befehden einander. Der Kampf wird um den Eisernen Thorn geführt, mithin um die Weltherrschaft. Manchen Warlords reichen aber auch einzelne Teile, um hier in mehr oder weniger abgeschiedenen Gegenden Kleinst- und Stadtstaaten zu errichten. Denn der Kampf um den Thron von Westeros hinterlässt ein Machtvakuum, das gefüllt werden will. »Ihr seid jetzt Teil des großen Spiels«, lässt sich Daenerys Targaryen von ihrem Berater Tyrion Lannister erklären, »und das große Spiel ist furchterregend.«

Auch die vermeintlich Guten haben nämlich allerlei Dreck am Stecken, denn in einer schlechten Welt kann auch der Beste nicht gut bleiben. Oder auch nur am Leben. Hier zieht es also jeden auf eine Daseinsstufe herunter, in der man keine Freunde mehr kennt und keine Verbündeten, denn auch die derzeitigen Koalitionspartner können morgen schon erbitterte Gegner sein. Auch das Geschäftsleben dieser Welt entspricht dem heutigen, denn es kennt keinerlei Moral: Sklavenhandel, Zuhälterei und Geldverleih sind nur einige der Branchen, die zu Einfluss und Reichtum führen können. Oder zum baldigen Tod.

Noch mehr: Die konkurrierenden Religionen dieser Welt erweisen sich allesamt als Schwindel (selbst dann, wenn sie wirkungsmächtig sind) und schaden auch den Gläubigen, von den Ketzern, die auf dem Scheiterhaufen enden, ganz zu schweigen. Egal an wen man glaubt, ob an den Herrn des Lichts, den Ertrunkenen Gott oder an die Alten oder an die Neuen Götter – Religion bietet keinen Trost und keine Zuflucht, sondern erweist sich im besten Falle als nutzlos, im schlechtesten als mörderisch.

Die Welt dieses Epos ist aus antiken und mittelalterlichen Elementen geformt. Folter, Hunger, Krankheiten – die verklärenden Blödeleien, wie sie auf Mittelaltermärkten üblich sind, werden hier ad absurdum geführt. Nackte Gewalt bestimmt das Leben in den Sieben Königreichen. Wahre Liebe gibt es nicht, sie ist nur eine weitere Gefahrenquelle, die zu Attentaten, Intrigen und Feldzügen führt. Der Krieg hat nichts Heroisches an sich, sondern wird hier so schmutzig, hässlich und brutal beschrieben, wie er es auch in Wirklichkeit ist. Und wie im echten Leben sind Helden eher selten. Und sie sterben schneller als man »Hilfe« rufen kann. Ein Entkommen aus diesem Chaos ist nicht möglich. Niemand kann sich dem Kampf um den Thron entziehen, denn jeder hat irgendwelche Verpflichtungen oder Begierden, die ein friedliches Leben unmöglich machen.

Der Krieg um den Thron wird mit allen Mitteln geführt. Nehmen wir zum Beispiel die Schlacht zwischen Ramsey Bolton und Rob Stark, die ersterer gewinnen will, indem er seine eigene Kavallerie angreifen lässt und anschließend unter friendly fire nimmt – und damit opfert. Kein Wunder, dass der Wunsch aufkommt, den Machtkampf nicht nur zu gewinnen, sondern ihn für alle Zeiten zu beenden. Es ist kein Zufall, dass es mit Daenerys Targaryen eine Frau ist, die diesen Plan fasst. Nicht unwahrscheinlich ist es jedoch, dass sie an ihren eigenen Ansprüchen scheitern wird, indem sie der Gier verfällt. Vielleicht sollte sie weiter auf ihren Berater hören, den Kleinwüchsigen Tyrion Lannister: »Wir schließen mit unseren Feinden Frieden, nicht mit unseren Freunden«, erklärt er ihr, um ihr einen Pakt mit den Herrschern der Sklavenbucht schmackhaft zu machen. Eine Formulierung übrigens, die auch Barack Obama seinerzeit gerne benutzte.

Noch etwas unterscheidet »Game of Thrones« von »Der Herr der Ringe«. Das Frauenbild hat sich seit der Mitte des letzten Jahrhunderts extrem gewandet. Den Damen werden nunmehr ausgesprochen große und starke Rollen zugestanden werden, Was aber auch heißt, dass sie nicht per se besser sind als die Männer.

Schlussendlich scheint es nur eine Möglichkeit zu geben, die Menschheit zu vereinigen: eine äußere Bedrohung, die in diesem Falle durch die untoten Weißen Wanderer verkörpert wird. Da man nie weiß, wer stirbt und wer überlebt, wer siegt und wer verliert, bleibt die Geschichte spannend. Auch das ist anders als bei »Der Herr der Ringe«. Hier ahnt man schon nach den ersten Seiten, wie sie ausgehen wird. Mit einem herzerwärmenden Happy End. Das ist bei »Game of Thrones keineswegs« ausgemacht. Und mit dieser nervenkitzelnden Ungewissheit bietet die Serie auch nach der sechsten Staffel immer noch verdammt gute Unterhaltung.

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