Ernst Friedrich: Krieg dem Kriege»Die Fotografien der Schlachtfelder, diese Abdeckereien des Krieges, die Fotografien der Kriegsverstümmelten gehören zu den fürchterlichsten Dokumenten, die mir jemals unter die Augen gekommen sind. Es gibt kein kriminalistisches Werk, keine Publikation, die etwas ähnliches an Grausamkeiten, an letzter Wahrhaftigkeit, an Belehrung böte.« (Kurt Tucholsky)

In diesen Tagen wird immer wieder – mit und ohne Bezug zur aktuellen politischen Weltlage – an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor genau 100 Jahren erinnert. Sehr zu empfehlen ist an dieser Stelle ein multimediales Gemeinschaftsprojekt des deutsch-französischen TV-Senders arte und der Wochenzeitung »Die Zeit«: »1914 – Tag für Tag«. Es zeigt, wie die Menschen im Jahre 1914 lebten, was sie beschäftigte und was in den Zeitungen zu lesen war, bevor es zur Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts kam.

Ich selber möchte den Jahrestag zum Anlass nehmen, um auf ein Buch von Ernst Friedrich hinzuweisen, das erstmals 1924 erschien und sich nach Veröffentlichung einen Ruf als »Bibel der Pazifisten« erwarb. Bildhaft (und zwar im wahrsten Sinne des Wortes) werden darin die Schrecken des Ersten Weltkrieges dargestellt. Der Titel des Buches ein Aufruf, viersprachig: Krieg dem Kriege! Guerre à la Guerre! War against War! Oorlog aan den Orloog!

»Krieg dem Kriege« ist in erster Linie ein Bildband. Die Fotos zeigen vom Krieg verwüstete Landschaften, Giftgaseinsätze, Hinrichtungen, Leichenberge, massenweise verstümmelte und geschändete Körper sowie jede Menge Soldaten, denen die Gesichter fehlen: weggeschossen, weggesprengt oder auf eine andere brutale Weise entstellt.

Es sind grausame Bilder. Sie verstören, auch in heutiger Zeit noch, in der wir glauben, durch die Kriegsbilder aus aller Welt immun gegen schockierende Aufnahmen wie diese zu sein. Man ahnt, welche Wirkung das Buch auf die Menschen vor 90 Jahren gehabt haben muss, als vornehmlich kitschige Feldpostkarten ein Bild von den Schlachtfeldern zeichneten.

Natürlich sind auch solche Bilder in dem Buch zu finden: begeisterte junge Männer mit Blümchen am Bajonett, Offiziere beim Kaffeekränzchen, Soldaten in Heldenpose und der deutsche Kronprinz beim Tennis. Doch es sind nur wenige, und sie dienen als zynische Gegenüberstellung zu den Grausamkeiten, die die Soldaten in den Kriegsgebieten tatsächlich erfahren mussten. Gleiches gilt für viele der kurzen Kommentare, wie zum Beispiel »Herrlich ist das Soldatenleben«, darüber das Bild mehrerer Leichen in einem Schützengraben.

Aus heutiger Sicht mag diese Form der Aufklärung ein wenig naiv wirken. Aber ist sie das, wenn heute ganze Regierungen sich dem Irrglauben hingeben, man könnte Kriege durch den Einsatz unbemannter Drohnen irgendwie »sauberer« gestalten? Wenn selbst im vermeintlich aufgeklärten Europa wieder zunehmend nationalistische Töne angeschlagen werden? Wenn Werbefilme der Bundeswehr bis heute suggerieren, alles sei nur ein großer Abenteuerspielplatz? Und vor allem: Wenn Experten in den Medien immer noch ängstlich befragt werden müssen, ob vielleicht die aktuelle weltpolitische Lage mit der von 1914 vergleichbar ist?

1914 ist nicht mit 2014 vergleichbar. Natürlich nicht. Aber es gibt immer noch genügend Menschen, denen man dieses Buch an den Kopf schmettern sollte – verbunden mit der Hoffnung, dass sie es aufschlagen und lesen.

Ernst Friedrich: Krieg dem Kriege | Deutsch
Zweitausendeins 1980 | 252 Seiten

Die Ausgabe von 1980 ist nur noch antiquarisch erhältlich. Im Mai 2015 ist das Buch im Ch. Links Verlag in einer stark erweiterten Neuauflage erschienen. | Jetzt bestellen

1 Kommentar

  1. Es leiden immer die unschuldigen Menschen die es sowieso im Leben schwer haben.

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