Cormac McCarthy: The RoadHe’d not have thought the value of the smallest thing predicated on a world to come. It surprised him. That the space which these things occupied was itself an expectation.

In McCarthys postapokalyptischem Roman »The Road« wandern zwei Figuren, ein Vater und sein junger Sohn, in fast Beckett-ähnlicher Manier durch wohl eines der krassesten »Wastelands« der Literatur. Die Welt, wie wir sie kennen, ist zerstört. Die Ursache – Vulkanausbruch, Meteoriten-Einschlag, Atomunfall – bleibt unklar, und das ist Absicht. Denn dadurch vermittelt der Roman noch eindrücklicher, wie zerbrechlich unsere bekannte Welt ist, wie sehr dem Zufall ausgeliefert und wie wenig alles menschliche Planen das Universum interessiert:

People were always getting ready for tomorrow. I didn’t believe in that. Tomorrow wasnt getting ready for them. It didnt even know they were there.

Als der Roman beginnt, ist die Zerstörung schon ein paar Jahre her. Es gibt nur noch wenige Menschen auf der Welt und noch weniger zu essen, denn die aufgewirbelte Asche lässt fast kein Sonnenlicht mehr zur Erde durch. Es ist entsprechend kalt. Der Mann und der Junge, beide namenlos, sind unterwegs nach Süden, zum Meer. Ihr karges Gepäck – Konservendosen, Werkzeuge, Kleidung – transportieren sie in einem Einkaufswagen.

Doch nicht nur die Kälte und der Hunger bedrohen ihr Leben, sondern vor allem die anderen Überlebenden der Katastrophe. Nach dem Untergang aller zivilisatorischen Strukturen entscheiden allein raue Gewalt und körperliche Überlegenheit, wer überlebt und wer nicht. Ständig müssen der Mann und der Junge vor Menschen flüchten, die zu Kannibalen geworden sind und sie als Beute sehen.

Fast alles, was früher die Leute beschäftigte, ist seit der Zerstörung völlig bedeutungslos: Von Zeit zu Zeit stößt der Mann auf Bücher oder alte Zeitungen und ist schockiert, wie trivial all das im Grunde ist, was den Menschen einst wichtig war. Sein Sohn dagegen ist erst nach der Katastrophe geboren. Für ihn teilt sich die Welt ganz einfach in good guys und bad guys: Die Guten essen keine anderen Menschen, stehlen und töten nicht, die Bösen schon. Die Konzepte von Gut und Böse haben die Apokalypse also überlebt.

Auch die Fragen, ob es einen Gott gibt und ob es einen Sinn hat, weiterzuleben – laut Camus die einzig wirklich wichtige Frage der Philosophie – existieren noch. Denn für den Mann und seinen Sohn bedeutet Weiterleben nur Schmerzen, Hunger und Kälte zu ertragen und dabei einen weitaus grausameren Tod als Selbstmord zu riskieren (manche von McCarthys Kannibalen essen ihre Beute portionsweise). Der Mann gibt zu, dass es nur wenige Nächte gibt, in denen er die Toten nicht beneidet. Seine Frau hat sich irgendwann nach der Geburt des Jungen umgebracht, um genau dem Schicksal, vergewaltigt und gegessen zu werden, zu entgehen.

In »The Road« wechselt McCarthy zwischen extrem präzisen, realistischen und fast schon minimalistischen Beschreibungen der Details seiner verwüsteten Szenerie und lyrisch-philosophischen Überlegungen über diese Welt – ein faszinierender Kontrast. Einerseits gewinnt McCarthys poetische Sprache der Zerstörung eine gewisse Schönheit ab, getreu seinem Motto:

All things of grace and beauty such that one holds them to one’s heart have a common provenance in pain. Their birth in grief and ashes.

Gleichzeitig sorgt McCarthys Stil dafür, dass die zerstörte Welt des Romans sehr wirklichkeitsnah rüberkommt: Nach der Lektüre von »The Road« haben nur wenige Leser sich nicht plötzlich gefreut, dass unsere ganz alltägliche Welt mit all ihren Schwächen noch existiert – dass es noch Vögel gibt, grüne Bäume und einen blauen Himmel. Tausende von Amerikanern haben geweint oder ihre Kinder nachts nach der Lektüre aufgeweckt, um ihnen zu sagen, dass sie sie lieben.

Kein Zweifel – »The Road« schafft es, unsere alltäglichen Probleme ins rechte Licht zu rücken, und dass man scheinbar selbstverständliche Dinge wieder ganz anders schätzt. Schließlich hat die Katastrophe, die in »The Road« die gesamte Menschheit erfasst, nicht viel andere Konsequenzen als die Endlichkeit jedes einzelnen Lebens. »The Road« stellt ständig Fragen wie: Gibt es einen Unterschied zwischen dem, was nie war, und dem, was nie sein wird?

Cormac McCarthy: The Road | Englisch
Alfred A. Knopf 2006 | 256 Seiten | Jetzt bestellen

1 Kommentar

  1. Wahnsinnig beklemmende Endzeitstimmung, die sich in überschaubarem Buchumfang fesselnd manifestiert.
    Das Ende des Werkes hinterlässt den Leser in apathischer Bewegungslosigkeit. Hoffen wir, dass es bei einer fiktiven Story bleibt.
    Man durchlebt in diesem dünnen Buch alle Zustände des menschlichen Daseins. Hoffnungslosigkeit; wiederaufkeimende Hoffnung; Schockstarre; Resignation und Selbstaufgabe wechseln sich ab wie Klimazonen in fernen Kontinenten.
    Lesend in gewohnter, wärmespendender Umgebung findet man sich unversehens in einer Welt wieder, der Gott den Rücken gekehrt zu haben scheint. Worte vermögen hier mehr als alles Bildmaterial den Pinsel der Vorstellungskraft zu führen.

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