Cormac McCarthy: The CrossingHe said that in any case the past was little more than a dream and its force in the world greatly exaggerated. For the world was made new each day and it was only men’s clinging to its vanished husks that could make of that world one husk more.

An philosophischen Aussagen dieser Art herrscht in »The Crossing« kein Mangel. Der Roman erzählt die Geschichte Billy Parhams, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in New Mexico im Südwesten der USA aufwächst. Als er sechzehn ist, verirrt sich eine schwangere Wölfin auf das Ranchland seiner Familie, und Billy setzt sich in den Kopf, sie zu fangen.

Es gelingt ihm auch. Doch anstatt sie zu erschießen und so den Viehbestand der Rancher der Umgebung zu sichern, beschließt Billy, die Wölfin nach Mexiko zurückzubringen, wo sie herkam, und sie dort freizulassen. Als sie ihm endlich in die Falle geht, stellt das Tier für Billy nämlich weit mehr dar als eine Bedrohung für die Viehzucht, die aus dem Weg geräumt werden muss. Der Anblick des realen Wolfes fasziniert ihn.

Ohne seinen Eltern Bescheid zu sagen, macht sich Billy zu Pferde und mit seiner Wölfin auf den Weg nach Mexiko. Bevor er sein Ziel, das Hochgebirge, erreicht, wird sie ihm abgenommen. Da Billy keine Papiere mit sich führt, ist es den mexikanischen Beamten ein Leichtes, das Tier zu beschlagnahmen. Billy muss hilflos dabei zusehen, wie seine Wölfin für einen Hundekampf zur Volksbelustigung zweckentfremdet wird und unter grausamen Qualen stirbt – vielleicht eine der schrecklichsten Szenen, die McCarthy je geschrieben hat.

Doch damit nicht genug. Billy begräbt die Wölfin und ihre Ungeborenen, wandert einige Zeit ziellos mit seinem Pferd in den Bergen herum und kehrt schließlich nach Hause zurück. Dort sind inzwischen seine Eltern erschossen und die restlichen Pferde seiner Familie gestohlen worden. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Boyd, der von der Katastrophe traumatisiert ist, macht sich Billy erneut auf den Weg nach Mexiko, diesmal, um die gestohlenen Pferde zu suchen.

Er findet sie auch. Doch diesmal endet sein Konflikt mit den einheimischen Autoritäten Mexikos damit, dass sein Bruder fast tödlich verwundet wird und Billy verlässt. Billy sucht eine Zeit lang vergeblich nach ihm, gibt schließlich auf und kehrt nach Amerika zurück. Dort erfährt er, dass sein Land inzwischen in den Zweiten Weltkrieg eingetreten ist. Billy unternimmt mehrere Versuche, bei der Army aufgenommen zu werden, wird jedoch aufgrund eines Herzfehlers abgelehnt.

Als er erneut mit dem Entschluss, Boyd zu suchen, nach Mexiko zurückkehrt, gelingt es ihm endlich, mehr über den Verbleib seines Bruders herauszufinden. Boyd ist tot und hat durch seine Kämpfe für die verarmte, unterdrückte Landbevölkerung Mexikos die Gestalt eines Volkshelden angenommen. Billy beschließt, die Leiche seines Bruders (immer noch zu Pferde) in sein Heimatland zu überführen und dort zu beerdigen. Dieses Vorhaben muss er fast mit dem Tod seines Pferdes bezahlen – das letzte, das ihm noch von seinem Vater geblieben ist – als er unterwegs von Straßenräubern überfallen wird.

Billy begräbt Boyd und kehrt danach nicht mehr nach Mexiko zurück. Er wird zum einsamen, umherziehenden Cowboy, der mal hier und mal dort arbeitet und nirgendwo sesshaft wird. Obwohl seine Existenz alles andere als glamourös gezeichnet wird, ist Billy nicht unglücklich. Er glaubt fest daran, dass sein Leben als Viehhirte das einzig lebenswerte ist. Das letzte Bild, das der Leser von Billy zu sehen bekommt, zeigt ihn jedoch, wie er Zeuge der ersten atomaren Testexplosion in den USA wird, was das endgültige Ende seines nomadischen, fast vorzivilisatorischen Lebensstils besiegelt.

Billys Geschichte ist herzzereißend; man kann es nicht anders sagen. Sie ist allerdings gespickt mit Begegnungen mit verschiedenen Gestalten, die komplizierte, philosophische Erörterungen an Billy herantragen, deren Sinn ihm meist verschlossen bleibt. Dies fängt an mit dem alten Fallensteller, den Billy um Rat angeht, um die Wölfin zu fangen, und der ihm sagt, der Wolf sei wie eine Schneeflocke. Es geht weiter mit einem eremitischen Ex-Mormonen, der sich über das Wesen Gottes auslässt, mit verschiedenen einheimischen Indiandern Mexikos, die jeweils ihre Lebensweisheiten und Weltsicht beisteuern, über einen Blinden, der sein Augenlicht in der mexikanischen Revolution verlor, bis hin zu dem Zigeuner, der gegen Ende schließlich Billys Pferd das Leben rettet. Jede dieser Gestalten und Alltagsphilosophen hat etwas anderes über das Wesen der Welt zu sagen, das nicht nur in McCarthys zugleich prägnanter und poetischer Formulierungskunst einfach schön klingt, sondern über das man als Leser stundenlang nachdenken kann.

Cormac McCarthy: The Crossing | Englisch
Random House 1995 | 432 Seiten | Nur noch antiquarisch erhältlich

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