Clint Lukas: Nie wieder Frieden»In den Storys von Bukowski«, sag ich, »gibt es nur deshalb dauernd Schweinkram, weil er sie an die Sex-Magazine verkaufen musste. Denk ihn dir weg, wenn er dich stört.«

Clint Lukas mag es, aus Bars hinaus geworfen zu werden, er mag Narben, Muskelkater und Büchsenbier. Was er nicht mag: Menschen, die im Zug zu den Türen drängeln, noch bevor der Bahnhof erreicht ist, Frauen, die nach dem Sex gleich ins Bad rennen, oder auch Leute, die ihr Wechselgeld nachzählen.

Es gibt noch weitere Dinge, die der Berliner Autor mag bzw. nicht mag. Er zählt sie am Ende seines Buches »Nie wieder Frieden« in einem längeren Gedicht auf. Seine Einstellung zum Leben lässt sich hier auf kürzestem Wege herauslesen. Er mag das Unangepasste, Unbequeme, Unerwartete. Spießertum, Konformität und politische Korrektheit sind ihm ein Gräuel.

Entsprechend wild präsentieren sich seine Erzählungen. Clint Lukas schont darin weder sich selbst noch sein Publikum. Die vornehmlich in Berlin, Wien und Prag spielenden Geschichten sind daher nicht immer schmerzfrei zu lesen. Sie reihen einige beunruhigende Momente aneinander, provozieren oft und offenbaren viel Selbstzerstörerisches, unter anderem durch einen bewusst ungebremsten, nie in Frage gestellten Drogenkonsum, der das ungeliebte biedere Umfeld erträglicher machen soll.

Trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) glänzen die Geschichten durch Offenheit und Ehrlichkeit. Und durch eine erfrischende Unvoreingenommenheit. Diese zahlt sich für Autor und Leser vor allem dann aus, wenn Schauplätze aufgesucht werden, an denen es richtig wehtun kann. Psychisch und physisch. Ein Hospiz zum Beispiel. Oder die dunkelsten Ecken einer Wiener Schwulenbar. Dabei sind die lautesten Töne nicht immer die interessantesten. Lukas ist grundsätzlich ein aufmerksamer Beobachter, also nicht nur, wenn es darum geht, den Stumpfsinn in unserer Kosumgesellschaft offenzulegen. Es lohnt sich, mit ihm in die Bahn zu steigen, einen Biomarkt zu besuchen oder an einem Poetry Slam in Stralsund teilzunehmen.

»Nie wieder Frieden« empfiehlt sich auch als Lektüre, wenn man einen Einblick in die quirlige Berliner Lesebühnenszene bekommen möchte. Seit 2010 ist Clint Lukas Mitglied der legendären Surfpoeten. Er ist zugleich als Produzent von Kurzfilmen unterwegs (»Coke and Tarts«) und besitzt großes zeichnerisches Talent, wie die filigranen Kugelschreiber-Illustrationen belegen, die die Stories in seinem Erzählband schmücken. Dem anspruchsvoll gestalteten Buch liegt außerdem eine Audio-CD bei – mit zwölf Geschichten, vom Autor persönlich vorgetragen.

Wer die Werke von Charles Bukowski oder Hunter S. Thompson mag, wird an Lukas‘ Geschichten vom südlichen Ende des Wahnsinns sicher schnell Gefallen finden. Für sensiblere Gemüter besteht nach obiger Anleitung die Möglichkeit, sich den »Schweinkram« wegzudenken. Sie werden dann noch immer viel für sich entdecken können.

Clint Lukas: Nie wieder Frieden. Geschichten vom südlichen Ende des Wahnsinns | Deutsch
Periplaneta 2016 | 150 Seiten | amazon-info

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