Eine kleine Reise zurück zu den Anfängen des Literaturbloggens

Vor einigen Monaten besuchte mich eine Redakteurin der Wolfenbütteler Nachrichten, um mich als Buchblogger zu porträtieren. Der Artikel erschien am 14. Mai 2017 und trug den Titel »Ein Literatur-Blogger der ersten Stunde«. Eine solche Headline liest man natürlich gerne über sich. Aber trifft sie auch zu?

Das umfangreichste Buchbloggerverzeichnis ist derzeit auf www.lesestunden.de zu finden. Tobias Zeising listet dort in einem imposanten, allerdings nicht ganz unumstrittenen Ranking über 1.300 deutschsprachige Buch- und Literaturblogs auf. Als wir vor 10 Jahren, im Sommer 2007, unsere ersten Buchvorstellungen ins Netz stellten, war die Szene um ein Vielfaches überschaubarer. Ich selbst hatte lange Zeit nur zwei Buchblogs auf dem Schirm: Papiergeflüster von Simone Dalbert (seit 2008) und die Buchkolumne von Karla Paul (seit 2006). Die ersten waren wir nicht.

In einer Diskussion auf Facebook kramte Susanne Kasper von literaturschock.de neulich eine Handvoll Links hervor, die belegen, dass schon sehr viel früher über Bücher gebloggt wurde. Hängengeblieben bin ich bei Anguas Lesetagebuch (mit Einträgen aus dem Oktober 2003), nicht wegen der Inhalte und schon gar nicht wegen der Gestaltung, sondern weil auf ihren Seiten einzelne Beiträge – wie in einem Blog üblich – kommentiert werden konnten und dort bereits von einem »Buchlog« die Rede ist. Und in der Blogrolle von Angua (alias Annette Wirtz aus Aachen) ist nachzulesen, dass es bereits mehrere davon gab. Auch Brianna, Illy, Lyra, Martin, Natalie und Steffi führten einen »Buchlog«.

Das Internet vergisst bekanntlich nie und so sind Fragmente dieser Pionierleistung noch heute bei archive.org zu bewundern, von Anguas Lesetagebuch, Illys Weblog, Lyras (Lese-)Tagebuch, Martins Bücherecke, Natalies Buchlog oder auch Steffis Bücherkiste. Installiert waren die Seiten zumeist auf myblog.de, der ersten deutschen Blogging-Plattform (Start Dezember 2002).

Wie definiert sich ein Buchblog?

Damit sind wir bei einer wichtigen Frage angekommen: Was ist ein Buchblog bzw. Literaturblog? Wie definiert er sich? Nur über die Inhalte? Oder spielen auch Aufbau, Struktur und technische Umsetzung der Seiten eine Rolle? Hier gingen die Meinungen in unserer Facebook-Diskussion auseinander.

Literatur-Websites gab es schon vor 2002, nicht wenige, mit Buchvorstellungen und Autoren-Interviews. Das Herz dieser Seiten schlug in den integrierten Diskussionsforen (Message Boards) oder Gästebüchern. Hier tobte damals das interaktive Leben. Social Media im heutigen Sinne gab es noch nicht. (Wohl aber schon jede Menge Spam, Hate Speech und Forenverweise entnervter Webmaster.)

Für Susanne Kasper handelt es sich bei diesen Seiten bereits um Buchblogs. Ich sehe darin eher Vorreiter, schließe mich aber gern ihrer Meinung an. Immerhin kann ich so auf www.tcboyle.de verweisen, jene Fanpage, die ich mit Freunden im August 2003 ins Leben rief und aus der vier Jahre später zunächst der Boylevard und schließlich unser wortmax Bücherblog hervorgehen sollte.

Zwar waren diese Seiten ausschließlich dem US-Schriftsteller T.C. Boyle gewidmet, doch schaute ich mit meinen Kollegen in den Meldungen auf unserer Startseite, in unserem Message Board und monatlichen Newsletter oft über den Tellerrand hinaus. T.C. Boyle bietet ein großes Spielfeld. Verfilmungen, Theater, Anthologien, musikalische Widmungen. Es gab viel zu tun.

Vielleicht bezeichnete mich die Presseleiterin des Hanser Verlags deshalb bei einem Treffen mit T.C. Boyle 2015 in Berlin als »Literaturblogger der ersten Stunde«. Die Redakteurin der Wolfenbütteler Nachrichten (siehe oben) übernahm die schmeichelhafte Bezeichnung für ihren Artikel. Sie bezieht sich also nicht auf den Beginn des wortmax Bücherblogs im August 2007, sondern auf den Start von www.tcboyle.de im Sommer 2003. WordPress war damals gerade erst erfunden worden (die erste stabile Version erschien laut Wikipedia im Januar 2004).

Stolpersteine des frühen digitalen Publizierens

An deutschsprachigen Websites, die mir für meine literarische Fanpage als Vorbild hätten dienen können, kommt mir nur eine in den Sinn. Sie war Philippe Djian (»Betty Blue«) gewidmet, ist aber schon seit ewigen Zeiten offline. Das Letzte, was ich vom Betreiber dieser Website hörte, war, dass ihn ein kleines hessisches Anzeigenblatt verklagen wollte, weil er unerlaubterweise eine Rezension übernommen hatte oder das Zitierte trotz Quellenangabe zu umfangreich war. Stolpersteine des frühen digitalen Publizierens.

Auf amerikanischer Seite gab es natürlich www.tcboyle.net von Sandye Utley. Ohne die verehrte Kollegin auf der anderen Seite des großen Teiches hätte es meine Boyle-Fanpage womöglich nie gegeben und damit auch kein Boylevard, kein wortmax Blog und vieles anderes nicht. Vielleicht würde ich ohne Sandye heute Heizdecken verkaufen. Wer weiß das schon. Als sie im Januar 2007 (viel zu früh) verstarb, war es für eingefleischte Boyle-Fans wie mich ein schwerer Verlust. Ihr T. Coraghessan Boyle Resource Center wurde nicht fortgesetzt, steht dank ihres Bruders Roy aber noch heute im Netz – denkmalgeschützt.

Wichtigster Impulsgeber: Dougals Noel Adams

Obwohl ich Sandyes Arbeit im Rückblick nicht hoch genug einschätzen kann: Wichtigster Impulsgeber für mein Herumwerkeln an der Schnittstelle von Literatur und Internet war sie nicht, sondern Douglas Adams. 1999 war ich mit einem Haufen durchgeknallter Bots in seinem Raumschiff Titanic unterwegs. Um in diesem Computerspiel ans Ziel zu kommen, musste man ein Internetforum besuchen, das von Adams‘ einstiger Ideenagentur The Digital Village kreiert worden war. Ich verbrachte viele Stunden dort, auch dann noch, als ich meine intergalaktische Irrfahrt mit Hilfe der gesammelten Spoiler längst beendet hatte. Die Leute im Forum waren einfach zu nett, zu interessant. Man lernte sich kennen, traf sich, schloss Freundschaften.

Als Douglas Adams urplötzlich (und wie Sandye viel zu früh) im Jahr 2001 verstarb, wurde das Raumschiff-Titanic-Forum umgehend abgeschaltet. Unsere Community saß auf der Straße. Von einem Tag auf den anderen. Aus der Not heraus bastelte ich den Fans von Douglas Adams unter wortmax.de innerhalb weniger Wochen eine neue Bleibe und war in der Folgezeit verblüfft, auf welche wundersame Weise sich die verschiedensten Menschen kennenlernen können, wenn sich ihre Interessen mit einem Schriftsteller auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen. Zu www.tcboyle.de war es danach nur noch ein kleiner Schritt.

Die Zukunft des Lesens

Darf ich mir mit dieser Geschichte die Krone eines »Literaturbloggers der ersten Stunde« aufsetzen? Ganz sicher nicht. Um 1999 herum kümmerte ich mich erstmals mit ernst zu nehmender Begeisterung um das Thema »Literatur im Netz«. Anregende Lektüre fand ich in der SPIEGEL-Spezialausgabe Nr. 10 vom Oktober 1999, die in vielen wunderbaren Artikeln die »Zukunft des Lesens« skzizzierte, oder auch in dem zuvor im Metropolitan-Verlag veröffentlichten, mit vielen Mac-Fensterchen ausgestalteten Buch »Online-Universum« von meiré und meiré und Peter Glaser.

Zu dieser Zeit gab es bereits einige gut sortierte Literatur-Websites (die Gestaltung dürfen wir in dieser grauen Internet-Vorzeit gerne mal ignorieren). Susanne Kasper hat mit dem buecher4um von Petra Ludwig aus Bad Ems ein sehr schönes Beispiel dafür entdeckt. 1998 erblickten ihre Seiten das Licht der virtuellen Öffentlichkeit: mit Rezensionen, Interviews, Pressespiegel, Literatur-Specials und (später) installierten Dikussions4um. »Willkommen in der Welt der Bücher«, heißt es in ihrem Message Board. 1998 hatte eine solche Begrüßungsformel im Netz tiefgreifende Bedeutung.

Das Literaturcafé von Wolfgang Tischer

Und schließlich gibt es da noch Wolfgang Tischer und sein im Juni 1996 eröffnetes Literaturcafé. Seit ich die Seiten kenne, und ich kenne sie seit langem, eine äußerst informative und inspirierende Quelle – für Lesende und Schreibende. Wenn sich jemand im Kontext meines Blogartikels als Pionier feiern darf, dann er. Dass er sich selbst als Literaturblogger sieht, wage ich zu bezweifeln. Festzuhalten aber ist: Wolfgang Tischer beschäftigte sich schon mit Literatur im Netz, als viele der heute aktiven digitalen Büchermenschen noch gar nicht auf der Welt waren. Das ist wahrlich eine Pionierleistung.

Wolfgang Tischer trieb sein das Thema auch offline voran, jenseits gut besuchter Internetseiten. In besonderer Erinnerung ist mir eine Reise zur Leipziger Buchmesse (2004 oder 2005), wo er mit eigenem Messestand sein Literaturcafé nach vorne bringen wollte. Meine Erwartungen waren groß, als ich ihn dort aufsuchte. Doch viel hatten wir uns nicht zu erzählen. Dabei war er einer von nur sehr wenigen, mit dem ich mich damals auf einer Buchmesse über Literatur und Internet hätte austauschen können.

Einsam und verlassen im MausNet

Als Literaturblogger der ersten Stunde bin ich damit wohl aus dem Rennen. Es sei denn, Susanne Kasper oder Mitglieder einer noch zu gründenden Experten-Jury akzeptieren das grobe Datum meiner ersten Online-Rezension. Diese verfasste ich im Frühjahr 1996, vielleicht auch schon im Herbst 1995, jedenfalls noch bevor im Literaturcafé der erste Kaffeesatz gelesen wurde.

Mit quietschenden Modems verknüpften wir damals, basierend auf dem MouseNet (»Willkommen auf dem Informations-Feldweg«), im Raum Braunschweig/Peine eine Handvoll Rechner miteinander. Die Technik, die dahinter steckte, erschloss sich mir nur schwer. Eher war es schwarze Magie, als ich auf meinem monochromen Monitor in Echtzeit verfolgen konnte, wie mein lieber Freund Lothar in knapp 25 Kilometer Entfernung wahllos ein paar Buchstaben in seinen Atari hämmerte.

Schnell war die Idee eines Schwarzes Bretts geboren, das in seiner Gestaltung den rudimentären Charme von Bildschirmtext versprühte. Hier veröffentlichte ich meine erste Online-Besprechung. An welchem Tag genau das war, weiß ich nicht mehr. Welches Buch ich vorstellte, leider auch nicht. Nur an eines meine ich mich zu erinnern: Meine Rezension fand null Beachtung. Das Internet war noch so unendlich leer.

Die Reise zurück in Bildern

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