der_lange_schatten»Eine gute Rede und sie kommt unversehrt zu ihnen zurück. Eine schlechte oder mittelmäßige Rede und sie ist tot. So einfach ist das.«

Die Frau des deutschen Botschafters in Namibia ist entführt worden. Die Täter verlangen von ihrem Mann, dass er eine Rede hält, in der er der Volksgruppe der Nama und Hereros Reparationen zusichert für das Unrecht, das ihnen in der Zeit der deutschen Kolonialherrschaft in Südwestafrika zu Beginn des 20. Jahrhunderts angetan wurde. Damals vernichteten die Deutschen einen Großteil der beiden Bevölkerungsgruppen, indem sie sie erst mit Waffengewalt besiegten, dann in eine Wüste trieben, wo sie verdursten mussten (Fliehende, auch Zivilisten, Frauen und Kinder, wurden erschossen), und die wenigen Überlebenden in Konzentrationslagern internierten.

Das Thema ist hochaktuell: Erst in diesem Jahr, demselben in dem der Krimi von Bernhard Jaumann erschienen ist, hat die deutsche Bundesregierung die damaligen Geschehnisse in Namibia als Völkermord anerkannt. Eine offizielle Entschuldigung und die von Hereros und Nama geforderte finanzielle Entschädigung steht jedoch noch aus. Genau darum geht es in dem Krimi »Der lange Schatten«. Es ist der dritte Fall in der Reihe um die ehemalige Windhoeker Polizistin Clemencia Garises.

Clemencia, die nach ihrer Polizeikarriere ein privates Sicherheitsunternehmen eröffnet hat, hatte den Auftrag, die Frau des deutschen Botschafters, Mara Engels, zu beschützen. Der Anlass der Drohung der Entführer an den Botschafter, den Forderungen der Herero nachzugeben, ist eine Reise einer namibischen Delegation nach Deutschland, um Schädel in Empfang zu nehmen, nach Afrika zurückzubringen und dort zu beerdigen. Die Deutschen hatten diese Schädel zu »Rasseforschungszwecken« während der Kolonialherrschaft aus Afrika gestohlen. Teilweise zwangen sie dabei überlebende Herero, selbst die Fleischreste von den Knochen zu schaben. Bis heute lagern einige dieser Schädel in deutschen Universitäten.

Der Fall scheint also recht klar. Doch zur selben Zeit, als die Delegation nach Deutschland reist, wird dort der Schädel eines Rasseforschers aus einem Grab in Freiburg gestohlen; kurz darauf erschießt ein junger Afrikaner einen Polizisten in Berlin. Außerdem wollte Mara kurz vor ihrem Verschwinden gerade ein afrikanisches Kind adoptieren, das zusammen mit ihr entführt wird. Ein deutscher Journalist, der in Namibia lebt, für eine Zeitung arbeitet, die noch aus der Zeit des Kaiserreichs stammt und die Schädel-Delegation begleitet, vermutet einen Zusammenhang hinter den Ereignissen und gerät beinahe selbst in Verdacht.

Gemeinsam mit Clemencia entschlüsselt er, was wirklich vor sich geht. Schnell stellt sich heraus, dass nicht alles so ist, wie es scheint. Die Geschichte nimmt mehrere höchst unerwartete Wendungen, in deren Verlauf Opfer und Täter teilweise mehrmals die Rollen wechseln und Clemencia sich fragt, ob sie eigentlich das Leben lebt, das sie leben möchte. Am Ende weiß der Botschafter nicht einmal mehr, welche Aussage seiner Frau – und den Hereros – wirklich schaden oder nützen würde.

Der Autor, der selbst persönlich in Namibia war, zeichnet hier ein kenntnisreiches Bild von Afrika und seiner Geschichte, das über Klischees und die gängigen Geschichten von Hunger, Aids und Bürgerkrieg hinausgeht.

Bernhard Jaumann: Der lange Schatten | Deutsch
Kindler 2015 | 320 Seiten | Jetzt bestellen

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