Ambrose Bierce: LügengeschichtenAn einem frühen Junimorgen 1872 ermordete ich meinen Vater – eine Tat, die mich damals tief beeindruckte.

An einem frühen Junimorgen 1999 kaufte ich in einem Laden mit preisreduzierten Büchern die »Lügengeschichten« von Ambrose Bierce – wegen des erstes Satzes, der mich damals tief beeindruckte. Neugierig gemacht hatte mich aber auch die Inhaltsangabe auf dem Rücken des Taschenbuches: Ambrose Bierce ist ein Schriftsteller, der »in der ironisch-sarkastischen Tradition eines Mark Twain ebenso zu Hause ist wie in der übersinnlich-schaurigen eines Edgar Allan Poe«, las ich dort. Und tatsächlich: Viele der insgesamt 23 Erzählungen, die in dem Büchlein zu finden sind und den Bänden VI und VIII der Collected Works of Ambrose Bierce (1911, repr. 1966) entnommen wurden, könnten von einem dieser beiden Größen der amerikanischen Literatur stammen.

Vielleicht muss man Bierce auf eine ähnlich hohe Stufe stellen. Immerhin gilt er zusammen mit E. A. Poe und H. P. Lovecraft als Erfinder der modernen Horror-Literatur. Jedenfalls ahnt man schon nach dem Lesen der ersten drei Lügengeschichten, »Ein unvollständiger Brand«, »Ein Grab ohne Boden« und »Die Stadt der Verstorbenen«, wie er sich diesen Ruf erworben hat. Es geht um Elternmord, lebendiges Begraben und Leichenschänderei. Dabei ist das allein sicher noch nichts Außergewöhnliches. Es ist die Art und Weise, wie sich Bierce seinen morbiden Themen widmet. Er schreibt über Mord, Folter und Totschlag, als hätte er sich nur mal eben irgendwo den Kopf gestoßen oder mit dem Küchenmesser in den Finger geschnitten.

Mit den Pythons, die uns in den 80ern des vorigen Jahrhunderts den Sinn des Lebens erklärt haben, ist diese Art von schwarzer Humor alltäglich geworden, im 19. Jahrhundert war sie vermutlich neu. Vielleicht wurde Bierce nur deshalb von vielen als Menschenfeind bezeichnet, als the wickedest man of San Francisco.

Tierfreunde werden wohl heute noch ihre Schwierigkeiten mit den Texten von Bierce haben. Denn es kommen legale Familienbetriebe darin vor, die Hunde (später auch Babys) zu einem medizinischen Öl verarbeiten (»Hundeöl«), oder Seeleute, die eine Schiffsladung Katzen mit Wasser auf das Zehnfache ihrer normalen Größe aufpumpen (»Katzencargo«). Was für ein Mensch Bierce wirklich war, ist umstritten. Es wird ihm nicht nur eine lebensverachtende Einstellung nachgesagt, sondern auch, dass er eine liebenswürdige und hilfsbereite Seele gewesen sein soll.

Bierce ist ein Klassiker, liest sich aber keinesfalls wie ein Klassiker (zumindest nicht in der hier vorliegenden Übersetzung). Dennoch – und bei aller Bizarrerie seiner Lügengeschichten – sollte man ihn im Kontext zu seiner vom amerikanischen Bürgerkrieg geprägten Persönlichkeit lesen. Bierce wurde 1842 als zehntes von dreizehn Kindern einer Farmersfamilie in Ohio geboren, lief mit 15 von daheim fort, war später als Bürgerkriegsteilnehmer mehrfach verwundet und in Gefangenschaft geraten, arbeitete danach als Journalist und litt im Alter unter einer schweren Asthma-Krankheit. Er erlebte den Tod zweier Söhne, eine gescheiterte Ehe, hatte Probleme mit dem Alkohol und verschwand schließlich in den Jahren 1913/1914 auf mysteriöse Weise in den Wirren des mexikanischen Bürgerkriegs.

Bei soviel Schmerz und Tragik in nur einer Biografie ist es eher erstaunlich, wieviel Humor Bierce sich bewahrt hat. Dieser ist in dem Band mit den Lügengeschichten nicht immer tiefschwarz, sondern fällt auch sehr anarchisch aus, wie z. B. in »Der Reinfall von Hope und Wandel«. Es ist die Geschichte eines Unternehmens, das im Winter auf dem Michigan See ein Eisgeschäft eröffnet und im Sommer damit baden geht. Die Story ist derart flott geschrieben und wortverspielt, dass sie an einen Briefwechsel der Marx Brothers erinnert, an »Flywheel, Shyster & Flywheel«, die allerdings erst sehr viel später erfunden wurden.

Es ist offensichtlich: Bierce war seiner Zeit weit voraus. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, weshalb sein Werk erst nach dem Zweiten Weltkrieg größere, internationale Beachtung fand. Zu Lebzeiten blieb Ambrose Bierce nur die für seinen Humor typische Feststellung: »Mein Ruf als unbekannter Autor ist weltweit.«

Ambrose Bierce: Lügengeschichten | Deutsch von Viola Eigenberz u. Trautchen Neetix
btb Taschenbuch 1997 | 188 Seiten | Jetzt bestellen

3 Kommentare

  1. Hört sich für mein Dafürhalten angenehm schräg an 🙂 Ich gebe Dir als Lesetip für den nächsten Urlaub mal einen Streifzug der Werke von Poe mit auf den Weg (aber ich lese hier heraus, daß Du die möglicherweise schon kennst, gerade aber die weniger bekannten sind auch sehr lesenswert); auch die „Küßchen“-Geschichten von Roald Dahl könnten Dir möglicherweise gefallen.

  2. *küßchen küßchen!* kann ich auch sehr empfehlen. ich hatte es mir auch auf empfehlung geordert, weil ich für die „lammkeule“ schwärmte, die ich vor längerer zeit in einem „magazin“ gelesen hatte. vergnüglicher, schwarzer humor, wer ihn denn liebt. ich werde gleich nochmal nach den anderen geschichtensammlungen vom roald einen blick werfen 😉

  3. Bierce zählt zu meinen absoluten Lieblingsautoren. Tatsächlich war er zu Lebzeiten völlig verkannt, und selbst heute kennen ihn viele Leute nicht. Dabei basiert sogar ein Film direkt auf einer seiner Geschichten.
    Der Mann war ein Genie!
    Roald Dahl, wie von mauzi erwähnt, schlägt in die selbe Kerbe, ist aber ein wenig „humorvoller“. Kann man natürlich ebenfalls wärmstens empfehlen.

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