A. C. Weisbecker: Cosmic BanditosJose ist erleuchtet worden. Ich habe ihn dazu gebracht, eine Woche lang seinem Bandito-Dasein zu entsagen. Meine Hütte war die Mönchsklause, ich war der Lehrer. Nachdem Jose mein Weltbild vollkommen aufgenommen hat, ist er ein neuer Mensch. Durch Meditation, Elementarteilchen-Theorie und heimlich mit Peyote versetztem Tequila erkennt er jetzt die Torheit seines Bandito-Lebens.

Drogen-Desperados und Quantenmechanik. Wie passt das denn zusammen? Weisbeckers »Cosmic Banditos« können keine klare Antwort auf diese Frage geben. Dafür sind die Figuren dieses Buches viel zu benebelt. Durchgängig. Auf allen 206 Seiten. Doch wie die Kombination aus wild um sich feuernden Marihuanaschmugglern und der Heisenbergschen Unschärferelation zustande kommt, darf an dieser Stelle verraten werden. Denn es ist der Beginn der Geschichte: ein banaler Überfall am Flughafen von Santa Marta, an der Karibikküste Kolumbiens.

Jose und zwei seiner Bandito-Kumpanen berauben dort eine amerikanische Urlauberfamilie. Sie ergattern neben einer Kamera und mehreren persönlichen Postkarten eine kleine Sammlung von Büchern über Quantenmechanik. Die seltsame Beute lässt sich leicht erklären: Der beraubte Familienvater ist Professor für Physik an der Universität im kalifornischen Berkeley (UCB).

Über Jose gelangen die Bücher in die Hände eines weiteren Banditen, in die Hände von Weisbeckers Protagonisten. Nennen wir ihn »Mr. Quarks«. Diesen Namen legt er sich im Laufe des Buches zu. Ihn machen die geklauten wissenschaftlichen Werke neugierig, und aus seiner Sicht wird die ganze Geschichte erzählt. Dabei schaut er einerseits auf die vergangenen Monate seines chaotischen Bandito-Lebens zurück. Andererseits fängt er nach den ersten vermeintlichen Erkenntnissen über die Gesetze der subatomaren Physik damit an, in all seinem bisherigen und zukünftigen Handeln einen tieferen Sinn zu sehen – und eine Bestimmung.

Mit fortschreitendem Studium versucht »Mr. Quarks« auch sein anarchistisches Umfeld davon zu überzeugen, dass zwischen allen geglückten und gescheiterten Drogentransporten, den Hektolitern Tequila und meterlangen Linien Koks, den wilden Schießereien und unkontrollierten Explosionen (und davon gibt es in dem Buch wirklich sehr viele) tiefere Zusammenhänge existieren.

In einer Leserkritik zu »Cosmic Banditos« heißt es, das Buch sei wie »Pulp Fiction«. Völlig unzutreffend ist der Vergleich nicht. Denn die von »Mr. Quarks« geplante Bandito-Schule für Physik und Kosmologie in Costa Rica erscheint einem auf den ersten Blick irgendwie nicht weniger konträr als die kaffeetantig plaudernden Killer in Quentin Tarantinos Kultfilm. Allerdings fliegt in »Cosmic Banditos« viel mehr durch die Luft. Nur wo das alles hinführen soll, erschließt sich einem lange Zeit nicht so richtig. Nach zwei Dritteln des Buches ist man immer noch auf der Suche nach dem Plot, fahndet danach wie »Mr. Quarks« nach der finalen Erkenntnis.

Weisbecker scheint das geahnt zu haben und kramt an passender Stelle ein Heisenberg-Zitat hervor: Das Universum ist nicht nur fremdartiger, als wir denken, es ist auch fremdartiger, als wir denken können.

Glücklicherweise lenkt er die Geschichte danach in Bahnen, denen man nicht nur folgen kann, sondern auch folgen will. Denn es wird spannend und äußerst unterhaltsam, und für alle löst sich die Story auf wunderbare Weise auf. Wer bis zu diesem Zeitpunkt gedacht hatte, noch mehr Schießereien und Explosionen als auf den Seiten zuvor könne Weisbecker in dem Buch nicht mehr unterbringen, wird ebenso überrascht sein wie der wissenschaftlich weniger bewanderte Leser, der geglaubt hatte, er würde nur diese 206 Seiten benötigen, um die Quantenphysik zu begreifen. Und wer nicht nach dem Sinn des Lebens gesucht hat, sondern lediglich nach dem Sinn dieses Buches, wird es befriedigt zuschlagen.1

A. C. Weisbecker: Cosmic Banditos | Deutsch von Dagmar Hartmann
German Publishing 2001 | 206 Seiten | Nur noch antiquarisch erhältlich

1 Wer keine Fußnoten mag, wird »Cosmic Banditos« gleich wieder zur Seite legen. Denn sie kommen in diesem Buch noch häufiger vor als Explosionen und Schießereien.

3 Kommentare

  1. Te apresento um dos melhores escritores da literatura lusófona:
    CRISTÓVÃO DE AGUIAR.
    Para conhecer melhor, por favor ver o meu blogue.
    Obrigado.

  2. Gott, ich habe diesen Roman verschlungen. Ein psychedelisches Meisterstück

  3. Exzellente Besprechung, leider mag ich (in Romanen) offenbar keine Fußnoten, wie ich bei der Lektüre von „Die Frauen“ lernen durfte.

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