Ophelia Hansen/Mark Jischinski: WankelmuseWelcher Raum in einer vom gehetzten Alltagsleben bestimmten Realität ist für gelebte Sehnsüchte besser geeignet als der virtuelle?

Zugegeben: Die vorliegende Liebesgeschichte ist weder die erste noch die einzige »Beziehungskiste«, die ihre Leserschaft über nachempfundene elektronische Briefe erreicht. Daniel Glattauers Emmi Rothner und Leo Leike oder auch die Filmhelden Kathleen Kelly und Joe Fox aus dem Streifen »E-Mail für dich« lassen grüßen. Doch nirgends erleben die Helden ein solch schwindelerregendes Wechselbad der Gefühle wie in dem neuen Roman von Ophelia Hansen und Mark Jischinski.

»Wankelmuse« heißt das Buch, das als Fortsetzung des Büchleins »Spatzenmuse« gedacht ist, aber ohne weiteres auch ganz für sich stehen kann. Für sich steht auch der Titel selbst einschließlich der drohenden Gewitterwolken auf dem Umschlag.

Carlotta Spatz hat ihren »Sperling« Max Tettenborn aus dem »Nest« geworfen und »zwitschert« ihm noch einmal so richtig die Meinung – per E-Mail, versteht sich. Das Lesen dieser fremden Post weckt freilich den Voyeur im Leser; und der möchte wissen, was aus den beiden Streitenden wird. Was folgt, ist eine Odyssee zweier Menschen, die nach einem missglückten WIR auf die Suche nach ihrem ganz eigenen ICH gehen – anrührend und einfühlsam – mal humorvoll, mal traurig.

Die an Metaphern reiche Sprache lässt die Leserphantasie blühen und ihn mit lebhaften Bildern im Kopf ebenso das grüne Irland bereisen, wie die Schönheiten des vertrauten Örtchens Werder entdecken. Der Reiz der virtuellen Auseinandersetzung liegt im Zurückblicken der beiden Protagonisten auf ihre Vergangenheit, die Besinnung auf sich selbst einschließlich ihres Handelns.

Ganz bei sich beginnen Carlotta und Max ihren eigenen Charakter zu akzeptieren. Der Weg dorthin ist steinig. Ewige (Selbst-)Zweifel, Schuldzuweisungen, Misstrauen und Ängste sind so präsent wie das Leben, für das es keine Gebrauchsanweisung gibt. Allzeit fesselt die Streitkultur des Paares, die unmerklich immer wieder ins Philosophieren abgleitet.

Fragen wie »Wer bin ich?« oder »Was macht mich aus?« treiben bald auch den Leser um – heimlich hoffend auf ein Happy-End. Den Mails weichen die tagebuchähnlichen Monologe, denen endlich ein Treffen folgt … doch »Wankelmuse« Carlotta hat noch immer nicht genug. Erst als Max seine Gefühle für sie vor einer großen Öffentlichkeit preisgibt, scheint auch sie ihr Seelenheil gefunden zu haben.

»Wankelmuse« ist eine sensible Parabel für alle Verliebten, Liebenden und die, die es (wieder) werden wollen. Sie kommt ohne schulmeisterlichen Zeigefinger und Klischees aus und zeigt, wie zwei liebende Menschen nebeneinander, miteinander und füreinander da sein können.

Ophelia Hansen/Mark Jischinski: Wankelmuse | Deutsch
Adakia Verlag 2013 | 214 Seiten | Jetzt bestellen

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