John Niven: Gott bewahre»Die Welt ist doch krank in der Birne.«

Wer hat sich das nicht schon mal gedacht? Dass dieses Zitat aber von Gott stammen soll, ist weniger nachvollziehbar. Hat er uns und die Welt doch angeblich erschaffen. Doch Gott ist nicht das, was die Kirche uns erzählt, es gibt viel zu viele Geschichten über Gott, die versuchen, Menschen Regeln aufzuerlegen. »Gott Bewahre« von John Niven ist ein erfrischender Roman für solche, die nicht an Gott glauben, dies aber doch gern tun würden. Denn Gott ist in »Gott Bewahre« ein cooler Typ mit einem kiffenden Sohn und sympathischen Ansichten und Hobbys.

Die Selbstzerstörung der Menschheit greift schnell um sich – vor allem ist das im Himmel so zu sehen, denn ein Tag im Himmel entspricht etwa 57 Erdenjahren. Gott war nur eine Woche Angeln, und schon steht alles Kopf. Seit der Renaissance hat Gott nicht mehr auf die Erde geschaut und ist umso schockierter, als er die Ereignisse auf der Erde Revue passieren lässt. Rassismus, Umweltzerstörung, Kommerz und die Christen, die in seinem Namen Schwachsinn verbreiten. Gott bleibt nichts anderes übrig, als seinen Sohn Jesus – passionierter Rock’n’Roller und beherzter Kiffer – zum zweiten Mal auf die Erde zu schicken, um Gottes einziges Gebot zu verbreiten: Seid lieb!

Das Buch ist lustig und überzeugt durch böse, aber sehr witzige Ideen, ist blasphemisch und entlarvt sehr schön die gängige Doppelmoral. Alle Dinge, die offenbar aus dem Gleichgewicht geraten sind – wie billiger Kommerz und scheinheiliger Kapitalismus – werden mit einer großen Portion schwarzem Humor und ohne Blatt vor dem Mund behandelt und durch den Kakao gezogen.

Die Geschichte liest sich dadurch nicht unbedingt wie eine Gesellschaftskritik, trotzdem muss man ob der Dummheit der Menschheit – bei der man sich selbst ja nicht ausschließen kann – oft den Kopf schütteln. Dies ist aber eine von Nivens Lieblingsbeschäftigungen: versteckte Kritik an der Gesellschaft und ihren Hobbys mit vielen Schimpfwörtern. Doch nie hat Niven den Nagel so auf den Kopf getroffen wie in »Gott Bewahre«.

Als linker Leser reibt man sich fast die Hände ob der kreativen, aber sehr bösen Ideen Nivens: Beispielsweise werden rassistische, rechte Prediger in der Hölle den ganzen Tag von mächtigen »Schwarzen« vergewaltigt; auch Abtreibungsgegner kommen dorthin oder Christen, die verkrampft und ohne andere Meinungen zu akzeptieren, die von Moses erfundenen zehn Gebote verbreiten und anderen aufzudrängen versuchen.

Letztendlich fügt sich Jesus dem Befehl seines Vaters und landet gemeinsam mit einer Gruppe aus dem sozialen Netz gefallener Menschen (wie einer ehemaligen Prostituierten mit zwei Kindern) bei einer Casting-Show, wo er behauptet, Jesus zu sein, und obendrein unverschämt gut singt. »Die Neuzugänge sind gestiegen«, wird daraufhin im Himmel festgestellt.

Jesus hat die Erde gerockt.

John Niven: Gott bewahre | Deutsch von Stephan Glietsch und Jörn Ingwersen
Heyne 2011 | 400 Seiten | Jetzt bestellen

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