Haruki Murakami: AfterdarkWer Murakami kennt, weiß, auf was er sich einstellen kann: postmoderne Erzählszenarien, reale Fiktionen, fiktionale Realitäten. Murakamis bewusst nüchtern gehaltene Sprache zieht den Leser kunstvoll in die surrealen Tiefen seiner beunruhigenden Welt.

»Afterdark« enthält eigentlich alles, was man von einem echten Murakami erwarten kann: Es gibt diese eigentlich vollkommen normalen jungen Menschen, die so desillusioniert und verloren durch den Großstadtdschungel irren, die faszinierenden und geheimnisvollen Figuren, das Abdriften in Phantasiewelten, einige Katzen.

So manch einem Rezensenten war dieser Murakami schon fast zuviel Murakami, zu stereotypisch, vielleicht nicht innovativ genug. Aber es ist doch nicht alles gleich, der Erzähler dieses Buches behält die Deutungshoheit über die Szenen, der geneigte Leser steht nicht so alleine der szenischen Interpretation gegenüber. Szene ist hier ein gutes Stichwort, »Afterdark« ist ein Roman aus Filmsequenzen, Kamerafahrten und Bildern. Eine Art »Pulp Fiction«, in die Prosa rücküberführt. Stimmungsvoll melancholisch und vielseitig. Der Jazzliebhaber Murakami bietet visuellen Jazz zum lesen, schon der Titel »Afterdark« zitiert einen Song, »Five Spots After Dark« mit Curtis Fuller an der Posaune, ein Song der sich im Buch auch wiederfindet.

»Afterdark« ist die Erzählung einer Nacht, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Um die Analogie zum Kino zu behalten, Literatur im Stile von Jarmuschs »Night on Earth«. Der Roman zieht den Leser mit einem Kameraflug – den Leser befällt recht schnell das Gefühl, quasi voyeuristisch in dieser Kamera zu sitzen – über die leuchtende Skyline eines großstädtischen Vergnügungsviertels hinein in eines dieser anonymen Restaurants, dorthin wo ein junger Posaunist gerade ein Mädchen anspricht.

Mari heißt sie, die Protagonistin dieses Romans, ihre ältere Schwester Eri war eine Klassenkameradin des jungen Mannes, mit dem sie ins Gespräch kommt, mit dem sie während dieser Nacht immer wieder ins Gespräch kommt. Dazwischen erlebt sie Episoden in dieser seltsamen Welt des Rotlichtviertels, es geht um misshandelte Prostituierte, Büroangestellte in rund um die Uhr offenen Supermärkten und so fort. Und es geht um Maris Schwester, die so wunderschön ist, dass Mari unter Komplexen leidet. Und sie leidet gleichzeitig unter der deswegen stattfindenden Entfremdung von ihrer Schwester.

Eri hingegen schläft bereits seit Monaten, um vor dieser oberflächlichen Welt, vor ihrer Existenz als Model zu flüchten. Hier verliert sich der objektive Blick des Erzählers in einen Dämmerzustand zwischen Traum und Realität. Zwischen den Schwestern, diesen Frauen auf der Flucht, spinnt sich der Roman seinen Weg durch die Nacht, nur um seine Protagonisten am nächsten Morgen ohne Klärung, aber mit neuer Hoffnung in ihr ab jetzt wieder unbeobachtetes Leben zu entlassen.

Haruki Murakami: Afterdark | Deutsch von Ursula Gräfe
btb Verlag 2007 | 240 Seiten | Jetzt bestellen

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