Botho Strauß: Sie/ErDoch das Verstehen, das die großen Werke einem Leser geben, ist wohl allemal größer als sein eigener Verstand.

»Sie/Er« ist eine Zusammenstellung von 35 Texten, die verschiedenen Werken von Botho Strauß entnommen sind, unter anderem aus »Mikado«, »Vom Aufenthalt« und »Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich«. Botho Strauß hat ihnen für diesen Band teilweise neue Titel gegeben, angeordnet hat sie der Schriftsteller Thomas Hürlimann.

Bis auf vier etwas längere Texte handelt es sich weniger um Geschichten als um sehr kurze Szenen, die eine Situation, meistens zwischen Mann und Frau, schlaglichtartig erhellen. Die hintergründige Sprache, auffällige Formulierungen, ein ganz subtiler, fast böser Humor und symbolische Andeutungen lassen hinter den Szenen oder zwischen den Zeilen eine größere Bedeutung erahnen, die dem Leser aber nie eindeutig oder offen präsentiert wird: Vor allem die kurzen Geschichten lassen einen ratlos, aber deshalb natürlich umso nachdenklicher zurück.

Die Figuren und die Situationen sind teilweise skurril, fast schon grotesk, oder aber alltäglich, dann finden sie sich meistens in umso seltsameren, manchmal auch unrealistischen und gar komplett fantastischen Situationen wieder – stellenweise erinnern die Texte an Roald Dahl.

Da ist zum Beispiel der Mann, dem die Polizei seine entführte Frau zurückbringt – nur ist er fest davon überzeugt, dass sie nicht seine Frau ist. Sie dagegen behauptet, sie sei seine Frau. Schließlich ist er sich nicht mehr sicher. Die Elemente des Settings verwandeln sich unter Strauß‘ Art, sie zu beschreiben, in unheimliche, bedeutungsvolle Gegenstände: Sie strahlen mehr oder etwas völlig anderes aus als das, was sich dem Auge darbietet.

So ähnlich geht es einer Fotografin in der Geschichte »Die Eine und die Andere«: Elsa, eine Auftragsfotografin, versucht verzweifelt, ein Foto von einer älteren Schriftstellerin zu machen, das deren Persönlichkeit zum Ausdruck bringt. Die beiden schließen einen Pakt – wie einige andere Figuren in den Texten.

So oder so tun sich in fast jedem Text Abgründe hinter der Fassade des alltäglichen Lebens und große Diskrepanzen zwischen dem, was man zu sehen glaubt, und dem, was wirklich vor einem ist, auf – nicht nur in Bezug auf die Zweierbeziehungen, wie der Titel vermuten lässt. »Sie/Er« ist definitiv nichts für Leser, die keine offenen Enden mögen.

Fans von Botho Strauß kommen hier jedoch voll auf ihre Kosten, denn in dieser neuen Zusammenstellung und mit den neuen Titeln eröffnen sich ganz neue Deutungsmöglichkeiten für seine Texte. Auch alle anderen Leser, die besondere Formulierungen mögen und gerne schöne Sätze zweimal lesen, werden an »Sie/Er« Gefallen finden.

Botho Strauß: Sie/Er | Deutsch
Hanser 2012 | 320 Seiten | Jetzt bestellen

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