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	<title>wortmax | Beiträge von Matthias Bosenick</title>
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	<description>Buchvorstellungen und Beobachtungen</description>
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	<title>wortmax | Beiträge von Matthias Bosenick</title>
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	<item>
		<title>Paula Hawkins: Girl On The Train</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Matthias Bosenick]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 22 Sep 2026 11:16:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Genreliteratur]]></category>
		<category><![CDATA[Agatha Christie]]></category>
		<category><![CDATA[Paula Hawkins]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein »Girl On The Train«, das als Londoner Pendlerin vom Zugfenster aus Begebenheiten beobachtet, die ein Verbrechen betreffen, erdenkt Paula Hawkins, indem sie aus drei Frauenperspektiven ein kriminelles Whodunit erzählen lässt – jedoch darüber hinaus hauptsächlich Gejammer.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img fetchpriority="high" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/09/girl-on-the-train-vb.jpg" alt="Paula Hawkins: Girl On The Train" title="Paula Hawkins: Girl On The Train" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16618" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/09/girl-on-the-train-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/09/girl-on-the-train-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Der Zug mit den Agatha-Christie-Epigonen, die das Original zu kopieren versuchen, es aber um Längen verfehlen, startet um 16 Uhr 50 ab Paddington. Ein »Girl On The Train«, das als Londoner Pendlerin vom Zugfenster aus Begebenheiten beobachtet, die ein Verbrechen betreffen, erdenkt Paula Hawkins, indem sie aus drei Frauenperspektiven ein kriminelles Whodunit erzählen lässt – jedoch darüber hinaus hauptsächlich Gejammer. Die Lösung weiß man dann schon recht bald, man kennt ja seine Agatha Christie, und das Ende ist einem ohnehin längst egal. Kein gut ausgearbeiteter Fahrplan.</p>
<p>Es gibt eine Hauptfigur, ein Opfer und noch eine dritte Frau, nämlich die neue Gattin des Exmanns der ersten. Hauptfigur Rachel pendelt täglich mit dem Zug am Grundstück von Opfer Megan und deren Gatten Scott vorbei, zufällig in unmittelbarer Nachbarschaft von Anna und Tom gelegen, also ihrem Ex und der dritten beteiligten Frau. Nun ist Rachel arbeitslose Alkoholikerin und permanent benebelt, weshalb ihre Beobachtungen zum Abend, an dem Megan verschwindet, lückenhaft sind; die zentrale Herausforderung ist es für Rachel folglich, den Abend zu rekonstruieren zu versuchen. Getrieben von Eifersucht auf Anna und dem Wunsch, das Verschwinden, das sich bald als Mord herausstellt, aufzuklären, verhält sich Rachel nun permanent bekloppt.</p>
<p>Als Clou erzählt Hawkins die Geschichte aus drei Ich-Perspektiven mit einem zeitlichen Versatz, und zwar Rachel und Anna in der Gegenwart und Megan so weit die Vergangenheit nachholend, dass ihr Schicksal sich gegen Ende mit den Erkenntnissen von Rachel deckt. So kommt man mit ihr den Geschehnissen auf die Spur, die sie fragmentarisch aufdeckt. Als weiteren Clou zerteilt Hawkins diese Ich-Erzählungen in Tageszeiten, zumeist in morgens und abends.</p>
<p>Dieser Thriller hat noch weitere Figuren, nämlich Rachels Vermieterin Cathy, einen rothaarigen Mann am Bahnhof, Megans Psychologen Kamal und – wenn man aufpasst – einen Lover von Megan, von dem sie nur in der dritten Person spricht, ohne seinen Namen zu nennen. Wenn man das nicht vergisst, während man das Buch liest und verfolgt, wie sich die wenigen Verdächtigen nach und nach die Köpfe aus den Schlingen ziehen, wird nach Agatha Christies Methode, dass immer der Unverdächtigste der Mörder ist, schnell klar, um wen es sich dabei handelt. So billig wie hier setzte Christie selbst ihre Regel indes nie um, obschon Hawkins das Thema <em>Gaslighting</em> einigermaßen ansprechend einbindet.</p>
<p>Aber das ist nicht der einzige Wermutstropfen. Rachel, Megan und Anna neigen dazu, zu jammern. Ausführlich. Ohne deren mit weiterhin selbstverletzendem Verhalten kombiniertes Selbstmitleid, das man hier nicht mal als literarisches Psychogramm kategorisieren mag, wäre der Roman nur ein Fünftel so dick, aber zügiger zu lesen. Man quält sich durch diese Wimmerstrecken, deren Anlass man noch nicht mal sofort erläutert bekommt. Dafür nutzt Hawkins die volle Dicke des Buches, dass sie die längst cotraumatisierten Lesenden mit den jeweiligen Hintergründen lang hinhält. Es gibt eben Gründe für das Alkoholproblem von Rachel, klar, und natürlich auch für das absurd promiskuitive Verhalten von Megan, die sich gleichzeitig vor ihrem offenbar seine Impulskontrolle nicht im Griff habenden Gatten fürchtet, mit dem Rachel dann aber auch noch im Bett landet. Besoffen, versteht sich. </p>
<p>Während man also das Gejammer elendig emotionalisierend ausgewalzt bekommt, setzt Hawkins die handgezählt zwei inhaltlich relevanten Überraschungen beiläufig wie einen Pflock in die Geschichte, ohne genau damit dann wirklich emotional zu werden. Schließlich mündet alles in einem Showdown, der auf diese Weise mit einer vorab getroffenen Absicherung unnötig gewesen wäre, somit abermals an Spannung einbüßt. Was indes danach folgt, geht durchaus als versöhnlicher Abschluss durch.</p>
<p>Mit der Vorgehensweise, die Handlung in Tageszeiten aufzuteilen, wie nach Art von Tagebüchern, ohne dass es solche sein sollen, zerstört Hawkins zudem ihre eigene Thrillerintention: Sie deutet Geschehnisse oder Vorhaben an, die durchaus Spannung generieren könnten, und erzählt diese dann in der nächsten Tageszeit als Rückschau nach, anstatt die Lesenden direkt mit hineinzuziehen. Das macht die Geschichte ungemein passiv und bremst die Spannung zusätzlich. Außerdem gelingt es Hawkins nicht, den drei Frauen individuelle Sprachweisen anzudichten, sie denken und sprechen alle gleich. Und das auch noch gleich belanglos, Hawkins schreibt in jeder Hinsicht banal.</p>
<p>Erstaunlich genug, dass dieses Buch gleich zweimal verfilmt wurde, das erste Mal offenbar sogar vertraglich vereinbart, noch bevor das Buch überhaupt geschrieben war. Jener Film lässt die Handlung in New York stattfinden, der zweite ist eine indische Produktion für Netflix, die wiederum in London spielt. Rätselhaft ist dabei, warum man den Titel für den deutschen Markt stets um sein einleitendes <em>The</em> kürzt. Da hätte es anderes Kürzungspotential gegeben, obschon das Ergebnis dann trotzdem inhaltlich kaum wertvoller als ein Jerry-Cotton-Heft geworden wäre.</p>
<p><strong>Paula Hawkins: Girl On The Train</strong> | Deutsch von Christoph Göhler<br />
Blanvalet 2016 | 448 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783734100512?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
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		<title>Wolf Haas: Wackelkontakt</title>
		<link>https://www.wortmax.de/wolf-haas-wackelkontakt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Matthias Bosenick]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 15 Sep 2026 07:35:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Moderne Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Maurits Cornelis Escher]]></category>
		<category><![CDATA[Wolf Haas]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Sobald Wolf Haas Experiment und Erzählung kombiniert, erweitert er literarische Dimensionen, und das gilt auch für seinen jüngsten Roman »Wackelkontakt«, ein weiterer außerhalb seiner Simon-Brenner-Reihe. Brillant, detailverliebt, witzig, spannend und doch leider mit einem Ende, das so nicht nötig gewesen wäre.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/09/wackelkontakt-vb.jpg" alt="Wolf Haas: Wackelkontakt" title="Wolf Haas: Wackelkontakt" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16615" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/09/wackelkontakt-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/09/wackelkontakt-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Sobald Wolf Haas Experiment und Erzählung kombiniert, erweitert er literarische Dimensionen, und das gilt auch für seinen jüngsten Roman »Wackelkontakt«, ein weiterer außerhalb seiner Simon-Brenner-Reihe. Eine der Figuren heißt Escher mit Nachnamen, und damit gibt Haas die Struktur vor: Wie verschachtelte Zeichnungen – MC Eschers »Drawing Hands« – finden hier zwei Geschichten parallel statt, und zwar jeweils als Lektüre in der anderen. Was man zunächst nicht glauben kann: Sie laufen aufeinander zu. Brillant, detailverliebt, witzig, spannend und doch leider mit einem Ende, das so nicht nötig gewesen wäre.</p>
<p>Mit seiner erzähltechnischen Idee hält Haas selbst in dem Roman nicht hinterm Berg: Die erste Figur heißt Franz Escher, und jenem Franz Escher dichtet Haas Verwicklungen und Probleme damit an, den Nachnamen von Maurits Cornelis Escher zu tragen, dem niederländischen Grafiker, der mit seinen Zeichnungen Perspektiven sprengte. Dessen Bilder sowie die anderer Künstler puzzelt Franz Escher gern, sofern er nicht gerade liest, und zwar Mafiaromane, wie den über den Italiener Elio Russo, der im Zuge eines Zeugenschutzprogramms als Marko Steiner zunächst in Duisburg und später in Österreich ein neues Leben anfängt. Wenn jener nicht irgendwelche technischen Gerätschaften repariert, liest er Romane, etwa den über den Österreicher Franz Escher, der in seiner Wohnung sitzt und wegen eines Wackelkontakts in seiner Steckdose auf einen Elektriker wartet.</p>
<p>Mit der Grundidee reißt Haas die Lesenden sofort in das Buch hinein, zumal er sprachlich gewitzt vorgeht, ohne gottlob den auf seinen Ermittler Simon Brenner spezialisierten Tonfall zu übernehmen, und indem er seinen Figuren diverse Nebenstränge andichtet, Eigenschaften, Vorlieben, Vergangenheiten, Beziehungen, und die allesamt in eine zwingende bis logische Verbindung zueinander setzt; die »Madonna mit dem langen Hals« sei da exemplarisch angeführt. Das ergibt sozusagen ein literarisches Fraktal, ein Möbiusband. Dabei gönnt sich Haas indes keine erzählerische Ruhe: Selbst wenn er sich in Nebenschauplätzen austobt, scheint er durch die Geschichten zu eilen, man liest atemlos mit ihm. Was auch daran liegt, dass der erste Tote recht schnell zur Hand ist – und das unerwarteterweise nicht in der Mafia-Geschichte.</p>
<p>Als Escher nämlich gedankenverloren für seine gewohnte Ordnung sorgt, indem er die umgeklappten Sicherungen in eine aktive Reihe bringt, stürzt sein Elektriker im Nebenraum vom Schlag getroffen zu Boden. Währenddessen gründet der von seinen verratenen Ex-Mafiosi gejagte Steiner eine Familie mit einer Frau, die ihrerseits eine geheime Vergangenheit hat. Als dann deren Tochter von italienischen Erpressern entführt wird, sieht sich nunmehr der beruflich als Trauerredner arbeitende Escher in der Pflicht. Wie es dazu kommt, lässt staunen.</p>
<p>Nur webt Haas zum Ende hin so viele neue Stränge in den bereits dicht verknoteten Teppich ein, dass das Bild zuletzt leicht verschwommen wird, bis hin zu einem erst spät angedeuteten versöhnlichen Schluss, der zum wahnwitzigen Anfang nicht so recht passt. Da hätte er konsequent bleiben dürfen. Zudem ist es natürlich unmöglich, die Struktur eines Bildes in Literatur umzuformen, schließlich hat ein Bild keine vorgegebene Narration, keine Lesreihe, da kann das Auge so springen, wie es will, und nicht, wie Haas es verfasst. Doch nimmt man dies und den Schluss bei dem Gesamtvergnügen, das der literarische »Wackelkontakt« bereitet, wohlwollend in Kauf – und etwas zum Grübeln mit, wie es zu diesem Finale innerhalb der Geschichten kommen konnte. </p>
<p><strong>Wolf Haas: Wackelkontakt</strong> | Deutsch<br />
Penguin Verlag 2026 | 240 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783328113393?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
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		<item>
		<title>Barbara Gowdy: Der weiße Knochen</title>
		<link>https://www.wortmax.de/barbara-gowdy-der-weisse-knochen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Matthias Bosenick]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Sep 2026 09:03:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Moderne Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Barbara Gowdy]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Mit »Der weiße Knochen« taucht man ab in die Welt von Elefanten und deren Mitbewohner. Doch weil sich unsere Spezies nicht ausschließlich durch eine solche Empathie auszeichnet, wie es bei der Kanadierin Barbara Gowdy der Fall ist, stellt sich die Welt dieser Giganten nicht eben als schreckensfrei dar.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/09/der-weisse-knochen-vb.jpg" alt="Barbara Gowdy: Der weiße Knochen" title="Barbara Gowdy: Der weiße Knochen" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16597" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/09/der-weisse-knochen-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/09/der-weisse-knochen-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Vor Barbara Gowdys Imaginationskraft kann man nur niederknien. Es bedarf ja schon einiger kognitiver Leistung, um fremde Welten in Science Fiction oder Fantasy literarisch zum Leben zu erwecken, mit fremden Lebensformen, deren Sozialverhalten und Glaubenswelten sich von den humanoiden eklatant unterscheiden, doch diese Mittel anzuwenden auf real existierende Wesen, die uns mindestens aus Funk und Fernsehen vertraut sind, und das dann auch noch schlüssig, das ist bemerkenswert. Mit »Der weiße Knochen« taucht man nämlich ab in die Welt von Elefanten und deren Mitbewohner. Doch weil sich unsere Spezies nicht ausschließlich durch eine solche Empathie auszeichnet, wie es bei der Kanadierin Gowdy der Fall ist, stellt sich die Welt dieser Giganten nicht eben als schreckensfrei dar. »Der weiße Knochen« fesselt bis zuletzt, brutal, erschütternd, liebevoll und mit Humor.</p>
<p>Wir begleiten vornehmlich Matsch, eine Elefantenkuh, die zu Beginn der Geschichte ihren Kuhnamen erhält, weil ein Bulle ihr den Kälbertunnel grub – und gleich mit dem ersten Kapitel zieht Gowdy die Leserschaft mitten hinein in diese kuriose Welt der Elefanten. Das erste Fünftel des Buches stellt vornehmlich eine Positionsbestimmung dar, eine Orientierungshilfe, um sich als Lesender in dieser komplexen Welt zurechtzufinden. Der Kälbertunnel, das ist der weibliche Geschlechtsbereich, und ein Bulle macht mit seiner ersten Besteigung ein weibliches Kalb zur Kuh. Das nun widerfährt Matsch, und sobald dieser Moment eintritt, wählen die anderen Kühe aus der Familie einen Sippen-Kuhnamen für sie, der mit Sie beginnt und gefolgt ist von einem Wort, das mit dem Sippenbuchstaben startet. In Matschs Falle fällt die Wahl der anderen Sie-Schs auf Sie-Schmollt, was sie schmollend ablehnt und damit bestätigt.</p>
<p>Dieses erste Fünftel ist möglicherweise etwas zäh, weil man sich orientieren muss und weil darin gefühlt eher wenig Handlung stattfindet, aber sobald eine handlungsrelevante Zäsur eintritt, begreift man, wie wichtig diese Sequenzen sind, mit ihren Rückblicken und Erläuterungen. Denn diese Zäsur bedeutet den Tod großer Teile der Bezugsfamilie von Matsch, ausgelöst durch von den Elefanten sogenannte Hinterbeiner, also Menschen, Wilderer, die ein Blutbad unter den Tieren anrichten und nur wenige entkommen lassen. Und da beginnt die eigentliche Geschichte, die frei auf den Erfahrungen fließt, die man im ersten Fünftel machte, und man fließt nun freihändig mit.</p>
<p>Fortan begleitet man nicht nur Matsch, sondern auch zwei wichtige Bezugstiere, nämlich ihre Freundin Dattelbett sowie Langschatten, den Bullen, der sie bestieg. Was sie drei verbindet, ist die Suche nacheinander und die nach dem mythischen Weißen Knochen, von dem es heißt, dass er, in die Luft geworfen, bei seiner Landung den Weg zeigt zum Sicheren Ort, einem Sehnsuchtsort, der umso dringlicher ein Ziel für die Tiere darstellt, seit sie das Schlachten miterleben mussten, und seit eine entsetzliche Dürre über das Land hereinbrach.</p>
<p>Auch jetzt ist es weniger die Handlung, die das Buch auszeichnet, als das, was Gowdy sich als Träger der Geschichte ausdenkt. Die Elefanten sind strukturiert, jeder hat bestimmte Eigenschaften und damit Rollen in der Familie. Manche haben Visionen, manche können Omen deuten, manche können in Gedanken sprechen, und das dann auch mit anderen Tieren. Zudem gibt es auch in diesen Familien diverse Charaktere, von Gowdy herzlich porträtiert, mit Sturheit, Egozentrik, Empathie, Trauer, Verrücktheit und mehr. Man gewinnt die Elefanten lieb, und das bereits im ersten Fünftel, was die genannte Zäsur umso furchtbarer macht. </p>
<p>Nicht nur haben die Elefantenfamilien eigene Wesenszüge, es gibt sogar Familien, die nicht mit Sie beginnen, sondern mit Wir, weil sie intelligenter sind, somit überheblicher, sich aber als weniger widerstandsfähig erweisen. Deren Augen senden grüne Strahlen aus; das klingt wirr, aber man glaubt es Gowdy. Ebenso, dass manche Elefanten ihre Imagination für Erinnerung halten, dass sie – auch aufgrund ihres sprichwörtlichen Nicht-vergessen-Könnens – gelegentlich in solchen und in echten Erinnerungen verweilen, dass sie unendlich weit riechen und kommunizieren können und mehr. Mittlerweile hat man sich auch daran gewöhnt, dass einem die Elefanten als zivilisiert dargestellt werden, sie aber gleichzeitig koten und urinieren, sobald sie emotional aufgewühlt sind, dass sie Exkremente und Erbrochenes essen und dass auch ihre Sexualität nichts so Privates ist wie bei den Menschen, die sie trotz einer annährend anthropomorphen Darstellung eben nicht sind. Da erzählt Gowdy radikal, aber effektiv, denn dieser Holzhammer ist nötig, um während der Lektüre nicht auf die Idee zu kommen, dass man eigentlich doch wieder nur Menschen begleitet. Sondern die Siejenigen, wie die matriarchalisch ausgerichteten Elefanten sich selbst nennen, angelehnt an ihre Gottheit, die Sie, deren Auge die Sonne ist. Ganz nebenbei handelt Gowdy überdies auch noch spirituelle Diskurse ab, man staunt.</p>
<p>Noch mehr Imaginationskraft belegt Gowdy bei der Beschreibung der anderen Tiere. Deren Welten sind handlungsrelevant, weil jede Absurdität etwas zum Fortgang der Geschehens beiträgt, und zudem abermals so schlüssig erdacht, als könnte Gowdy wahrhaftig in die Seelen der Tiere blicken. Adler halten ihr Spiegelbild, das sie beim Überfliegen von Gewässern sehen, für ihr Geister-Ich. Wildhunden glimmt ein Feuer hinter den Augen. Mangusten wiederholen im Chor jedes Wort mehrfach, bis sie endlich einen vollständigen Satz zusammen haben. Auch die Lebenswahrheit von Gnus, Nashörnern, Straußen und vielen anderen Tieren bringt einem Gowdy nahe, und man wähnt sich in einem SciFi- oder Fantasyroman voller absurd-exotischer Wesen mit kuriosen Glaubenssätzen, nur dass die Autorin diese auf Tiere der afrikanischen Steppe anwendet. Das ist verblüffend.</p>
<p>Dafür verwendet Gowdy eine beinahe sachliche Sprache, was die Authentizität der Inhalte nur steigert, und durchsetzt sie mit poetischen, blumigen Bildern und einem entwaffnenden Humor. Die Dialoge zwischen den Elefanten sowie den anderen Tieren folgen den jeweiligen Charaktereigenschaften und bekommen dadurch eine doppelte pointierte Schlagkraft, auch schildert Gowdy manche Geschehnisse mit Lakonie. Im Rahmen der mühseligen Begebenheiten ereilen einen solche ironischen Momente umso überraschender, man bricht oft in lautes Lachen aus. Das tut gut, weil die Geschichte selbst nicht darauf angelegt ist, lustig zu sein, im Gegenteil, bereits im Vorwort deutet Gowdy an, dass es der Mensch ist, der den Elefanten die Existenz streitig macht, und dieser Umstand hängt als unvermittelt zustoßendes Damoklesschwert über dem gesamten Buch.</p>
<p>Ohne Kenntnis des Originals muss man der Übersetzung von Ulrike Becker und Claus Varrelmann ausnehmend dankbar sein. Vergleicht man etwa die teils furchtbaren deutschsprachigen Namensgebungen bei Terry Pratchett, sind die hier in »Der weiße Knochen« gefundenen Bezeichnungen ausnehmend passend, sie nisten sich beinahe gemütlich im Herzen der Leserschaft ein. Man mag einfach Wesen, die Hagelkorn, Sturm oder Blitz heißen. Brillant ist der Name Mir-Mir für die hinterlistige Gepardin, die den Elefanten suggeriert, den Weg zum Sicheren Ort zu kennen, ihn jedoch ausschließlich im Tausch gegen eines der Kälber als Mahlzeit verraten will. Kurios ist einzig, dass die trächtigen Elefantenkühe von den ungeborenen Kälbern in ihren Leibern bereits als »Neugeborene« sprechen.</p>
<p>Diesem Buch muss eine immense Recherche zugrunde liegen. Gowdy zeichnet diese Wanderungen so plastisch, als wäre »Der weiße Knochen« nicht einfach ein Roman, sondern eine Mitschrift. Man taucht bereitwillig ab in diese Welt, man lässt sich von ihrem Sog mitreißen, und man ist emotional aufgewühlt über all das, was das Arschloch Mensch mit seinem Planeten anrichtet. Das Böse hier ist stets der Mensch; so verschlagen manche anderen Tiere hier auch sein mögen, an die Tödlichkeit der Hinterbeiner kommt keines heran. Wir wissen ja selbst, dass es auf der Erde keinen Sicheren Ort gibt.</p>
<p>»Der weiße Knochen« ist eine Empfehlung von <a href="https://www.wortmax.de/irgendwo-muessen-buecher-ja-schliesslich-spielen-hardy-crueger-1962-2025/">Hardy Crueger</a>.</p>
<p><strong>Barbara Gowdy: Der weiße Knochen</strong> | Deutsch von Ulrike Becker und Claus Varrelmann<br />
Unionsverlag 2013 (Original 1998, Antje Kunstmann 1999) | 320 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783293205970?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.wortmax.de/barbara-gowdy-der-weisse-knochen/">Barbara Gowdy: Der weiße Knochen</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.wortmax.de">wortmax</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Makoto Shinkai/Naruki Nagakawa: Das Geschenk eines Regentages</title>
		<link>https://www.wortmax.de/makoto-shinkai-naruki-nagakawa-das-geschenk-eines-regentages/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Matthias Bosenick]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 19 May 2026 08:07:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Moderne Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Makoto Shinkai]]></category>
		<category><![CDATA[Naruki Nagakawa]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Es gibt tatsächlich das Genre des Japanischen Katzenromans: 猫文学, »kiterature«. »Das Geschenk eines Regentages« der Autoren Makoto Shinkai und Naruki Nagakawa reiht sich da ein: In vier zusammenhängenden Episoden erzählen sie von Beziehungen zwischen schicksalsgeplagten Frauen und ebensolchen Katzen. </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.wortmax.de/makoto-shinkai-naruki-nagakawa-das-geschenk-eines-regentages/">Makoto Shinkai/Naruki Nagakawa: Das Geschenk eines Regentages</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.wortmax.de">wortmax</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/05/das-geschenk-eines-regentages-vb.jpg" alt="" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16499" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/05/das-geschenk-eines-regentages-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/05/das-geschenk-eines-regentages-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Es gibt tatsächlich das Genre des Japanischen Katzenromans: 猫文学, »kiterature«. »Das Geschenk eines Regentages« der Autoren Makoto Shinkai (新海 誠) und Naruki Nagakawa (永川 成基) reiht sich da ein: In vier zusammenhängenden Episoden erzählen die Autoren von Beziehungen zwischen schicksalsgeplagten Frauen und ebensolchen Katzen. Es liest sich wie die Verschriftlichung eines Mangas, basiert aber grob auf 彼女と彼女の猫, »Kanojo to Kanojo no neko«, »Sie und ihre Katze«, wie auch das Buch eigentlich heißt, einem 25 Jahre alten kurzen Anime Shinkais: Die Sprache ist leicht, die Inhalte sind schwer. Am Ende steht mehr als nur Hoffnung auf Verbesserung – es obsiegen Humor und Liebe.</p>
<p>Mit dem Ereignis des deutschen Titels beginnt der Reigen: Eine Büroangestellte eilt als einzige nicht an dem Karton mit der verwahrlosten weißen Katze auf der verregneten Straße vorbei, sondern nimmt sich ihrer an und sie mit nach Hause. Die Erzählperspektive wechselt von nun an zwischen der Frau und der Katze, und so bleibt es auch in den folgenden drei Episoden. Man verfolgt die deprimierenden Leben der Japanerinnen und eines Japaners und erlebt, wie deren Gefolgstiere darauf reagieren, während diese ihren eigenen Herausforderungen nachgehen.</p>
<p>Einen starken Kontrast zu den teilweise erschütternden Lebensumständen der Frauen bildet die beinahe kindgerechte Sprache, die jene Situationen abbildet: Es wirkt, als habe jemand versucht, ein Manga in einen Fließtext umzuwandeln. In kurzen Sätzen und beinahe lapidar versetzen die Autoren ihre Leserschaft mitten in eine japanische Lebensrealität, die schmerzhafter und verletzender kaum sein könnte und die Protagonistinnen teilweise sogar in tiefste Depressionen stürzt, sofern sie sie nicht mit einer stoischen Langmut ausstattet, die man als ebenso abschreckend betrachtet. Parallel wandeln die Katzen in ebenfalls bedrohlichen Lagen durch ihre Reviere, verletzt, schwach, von stärkeren Katzen bedroht, des Nachwuchses beraubt, einsam – und doch stark genug, dem Leben zu trotzen; ein Vorbild für die Menschen mithin.</p>
<p>Beide Perspektiven eröffnen der Leserschaft neue Horizonte, in Bezug auf die Menschen insbesondere der nicht-japanischen und in Bezug auf die Katzen wohl so ziemlich allen. In Sachen Verhalten, Rituale, Gepflogenheiten und Emotionalität auf Seiten der Menschen sieht man sich oft Situationen ausgesetzt, die man schwer schluckend als gegeben hinnehmen muss. Schroffe Zurückweisung, abrupte Stimmungswechsel, das kennt man bereits, wenn man einige Animes guckte und sich über sprunghaftes Verhalten der Figuren wunderte. Dazu gehört auch, wie schnell die Figuren, hier menschlich wie tierisch, in Wut geraten, teils über Dinge, die man selbst anders lösen oder wenigstens gleichgültiger auf sie reagieren würde. Wenn es dann aber dazu kommt, dass eine von ihrem treulosen Gatten verlassene Frau bis zur Selbstaufgabe ihre aggressiven Schwiegereltern bis zu deren Tod pflegt, eine Frau als Einstellungsvoraussetzung mit dem Chef in spe zu schlafen hat oder ein Mann in einer Firma bis weit unterhalb der Grenze zur Leibeigenschaft ausgebeutet wird, er diese Firma heimlich verlässt und damit seinen Vater in Unehre stürzt und gegen sich aufbringt, ist man entsetzt.</p>
<p>Die Katzen haben ihre eigenen Probleme zu bewältigen, das schiere Überleben ist da stets das übergeordnete. Die erste Katze etwa sieht sich gleich zu Beginn bereits in den Himmel aufsteigen, bevor sie gerettet wird. Die Geburt des Nachwuchses stürzt eine Katze in lebensbedrohliche Zustände, die nur von der menschlichen Besitzerin und einem beherzten Arztbesuch abgewendet werden können. Das Verteilen der fünf Kinder auf die Nachbarschaft versetzt die Mutterkatze ebenfalls in emotionalen Trubel. Dann gibt es eine Boss-Katze, vor der alle Katzen des Reviers mindestens Respekt haben, und erst später wird jene ihrerseits Hauptfigur einer Episode und man erfährt von ihren eigenen Zweifeln.</p>
<p>Unerwarteterweise installieren die Autoren eine ganz besondere Figur im Zentrum der Katzen, nämlich den Hund John. Er ist alt und weise, hat eine große fürsorgliche Macht und erreichte den Frieden unter den Katzen, indem er deren Reviere sicherte. Sie suchen gern seine Gesellschaft, legen sich zu ihm vor seine Hütte und lauschen seinen philosophischen Erzählungen. Die auch ganz schön hart sein können: Er würde niemanden pflegen, der sich nicht auch um sich selbst kümmern könnte, sagt er, und kündigt damit eine Konsequenz an, mit der er vermeiden will, selbst einmal pflegebedürftig zu werden. Kurioserweise ist genau diese Episode auch die mit dem größten Humoranteil, der Dialog mit dem Streuner birgt eine Menge Witz. Zuletzt – so viel Spoiler sei gestattet – geht es für alle übriggebliebenen Beteiligten mindestens irgendwie weiter, meistens sogar positiv. Ein versöhnlicher, teils dennoch offener Ausgang für all die schicksalsgeplagten Wesen.</p>
<p>Sprechende, denkende, handelnde, kommunizierende Katzen speziell und Tiere allgemein kennt man in der Literatur bereits, und dennoch ist die Perspektive in diesem Buch etwas differenzierter. Obschon man das Innenleben von Katzen als menschlicher Autor ausschließlich mit einem menschlichen Blickwinkel und ganz viel Imagination abbilden kann, vermittelt das Buch den Eindruck von Recherche und Wissenschaft, von gut beobachtetem Katzenverhalten, das somit sogar noch lehrreich ist. Obschon man sich wundert, dass die Katzen – anders, als es das Titelbild suggeriert, sind sie übrigens überwiegend weiß – Milch zu trinken bekommen, nicht Wasser.</p>
<p>An mancher Stelle fällt es etwas schwer, den Dialogen oder den Perspektivwechseln zu folgen; da ist unklar, ob es am Original oder an der Übersetzung liegt. Darüber kann man aber verlustfrei hinweglesen. Am Ende liebt man Katzen in jedem Fall noch mehr und freut sich für die Menschen.</p>
<p>Das Buch heißt auf Englisch wie der nicht auf Deutsch erhältliche Film: »She And Her Cat«, was auch die korrekte Übersetzung von 彼女と彼女の猫 ist. Dem 1999 erschienenen fünfminütigen Film folgte 2016 eine vierteilige Anime-Serie mit dem Untertitel »Everything Flows«, parallel zu dieser Umsetzung die auch auf Deutsch erschienene Manga-Serie »She And Her Cat«, gezeichnet von Tsubasa Yamaguchi (山口つばさ). Autor und Regisseur Shinkai errang in Europa zuletzt berechtigte Aufmerksamkeit mit seinen großartigen Animes »Your Name.« – nur echt mit dem Punkt am Ende – und »Suzume«.</p>
<p><strong>Makoto Shinkai/Naruki Nagakawa: Das Geschenk eines Regentages</strong><br />
Deutsch von Dr. Heike Patzschke<br />
Fischer Taschenbuch 2025 | 256 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783596712793?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
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		<title>Markus Thielemann: Von Norden rollt ein Donner</title>
		<link>https://www.wortmax.de/markus-thielemann-von-norden-rollt-ein-donner/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Matthias Bosenick]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 24 Mar 2026 13:33:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Moderne Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Markus Thielemann]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Roman »Von Norden rollt ein Donner« von Markus Thielemann ist eine Art Abbild dessen, was das Leben in der Heide ausmacht, kombiniert mit einer metaphysisch angereicherten Charakterzeichnung und einer bisweilen ins Poetische neigenden Erzählweise.</p>
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<p>Wer wie der Rezensent in der Lüneburger Heide aufzuwachsen gezwungen war, kann die bitteren Details in Markus Thielemanns zweitem Roman »Von Norden rollt ein Donner« bestätigen, und da vieles darin Beschriebene auf eine Weise in diese Schäferei-Geschichte eingebaut ist, dass man wie der hypersensible Hütehund mit der Nase darauf gestoßen wird, fallen einem die Ungeheuerlichkeiten wie Genickschläge zurück ins Bewusstsein. So ist das Buch eine Art Abbild dessen, was das Leben in der Heide ausmacht, kombiniert mit einer metaphysisch angereicherten Charakterzeichnung und einer bisweilen ins Poetische neigenden Erzählweise. Hermann Löns, die Heide brennt!</p>
<p>Jede Familie trägt wohl irgendein Ereignis mit sich herum, eine Schuld, eine Erbsünde, über die nicht gesprochen wird, die als allenfalls angedeutetes Geheimnis vage Schatten wirft, die aber das Verhalten der Verursachenden beeinflusst und die sich in die Erziehung der Nachkommen und deren Nachkommen einschleicht wie eine psychische Krankheit. So ergeht es Jannes, der gerade in die Erwachsenenwelt übergegangenen Hauptfigur in »Von Norden rollt ein Donner«. Seine Oma – bezeichnenderweise heißt sie wie die Kulturpflanze, die sein Leben bestimmt: Erika – kommt in ein Altenheim, seinem Opa Wilhelm haftet das Gestrige an, wohingegen dessen vergleichsweise progressiver Schwiegersohn, Jannes‘ Vater Friedrich, nach unbestimmten Untersuchungen mit Ergebnissen vom Nervenarzt zurückkehrt, über die zwar niemand spricht, die aber dazu beitragen, dass er auch von seiner Gattin Sibylle aus der Verantwortung herausgenommen wird.</p>
<p>Jannes‘ alte Freunde führen andernorts neue Leben, die einzigen verbliebenen Gemeinsamkeiten sind die Trinkveranstaltungen, zu denen sie sich gelegentlich und zusehends seltener via WhatsApp verabreden. In der Heide nahe Unterlüß geblieben und dann auch noch, wie seine Vorfahren, Schäfer geworden ist nur Jannes. Mit zwei Collies als Begleitung führt er haufenweise Heidschnucken durch die unendliche Lüneburger Heide – und begegnet immer wieder einer mystischen Frau, deren Erscheinung er als real empfindet, die sich alsbald indes als fiebriges Trugbild herausstellt und die, in Kombination mit den demenzbedingten vermeintlich wirren Äußerungen der Oma, auf ein katastrophales Familiengeheimnis hindeutet, dessen Schuld bis hin zu Jannes quer durch die Generationen unbewusst die Seelen peinigt.</p>
<p>Während Jannes nun glaubt, wie sein Vater einer Nervenkrankheit aufgesessen zu sein, und versucht, diese vor seiner Familie zu verbergen, findet ringsum das aktuelle Heideleben statt. Heißt hier: Es gibt eine diffuse, weil bisher unbegründete Angst vor dem zurückgekehrten Wolf, der mit den Heidschnucken die Existenzgrundlage der Bauern reißen würde, und gegensätzliche Haltungen dazu, auch innerhalb Jannes‘ Familie. Ein Team vom NDR dreht mit jener eine Reportage über die Schäferei, da kommt dies auch zur Sprache. Eine Bürgersprechstunde bringt die Positionen gegeneinander auf, Jannes‘ Vater greift die Anregung eines neuen Nachbarn auf und veranstaltet ein Osterfeuer, das den Wolf vertreiben und die Öffentlichkeit auf die Problematik aufmerksam machen soll. Und von Norden rollt ein Donner, der bisweilen auch von der Kampfmittelindustrie in der Nähe rühren könnte.</p>
<p>Die fiebertraumartigen Begegnungen mit Rose, jener mythischen Erscheinung, und Jannes‘ Versuche, hinter deren Botschaft zu kommen, bestimmen den Kern dieser Geschichte. Der Heidealltag und die Heidehistorie sind Randerscheinungen, die die Leserschaft mitnehmen muss, weil es Jannes eben nicht besser ergeht, und viele dieser Randerscheinungen sind äußerst unbequem. Einige so alltäglich wie überall, andere spezifisch auf die Gegend beschränkt.</p>
<p>Die Verehrung des nationalistischen und antisemitischen so genannten Heidedichters Hermann Löns ist da nur ein bitterer, aber naheliegender Aspekt, der indes an Bitterkeit zulegt, sobald der neue Nachbar ganz unverdächtig für Löns zu schwärmen beginnt – und Jannes beinahe beiläufig Insignien des Rechtsradikalen bei dem hilfsbereiten, freundlichen Neuheidjer ausmacht, etwa die Wolfsangel oder bestimmte Shirt-Aufschriften. Niemand in diesem Buch nimmt allerdings Anstoß daran, erkennt gar die Zeichen, obschon Jannes kurz eher neugierig als kritisch nachfragt, denn der Nachbar hütet sich, konkret zu werden, und greift vielmehr die ihm passende Grundstimmung der Gegend auf und verstärkt sie. Ausgerechnet dort, wo Hitlers Schergen das Konzentrationslager Bergen-Belsen betrieben, nisten sich zunehmend mehr rechtsoffene bis rechte Familien ein und unterwandern die Dörfer, das ist eine aktuelle Realität in der Heide, die im blaubraunen Rauschen aus dem Osten reichlich in den Hintergrund tritt. In diesem Buch allerdings auch, und man kann dem Autor dennoch abnehmen, dass er da kritischer ist als seine Protagonisten. Immerhin erspart er den Lesenden so die erwartbar aussichtslose Auseinandersetzung mit dem Rechtsbösen, das hätte hier den Rahmen auch nur gesprengt. Als unterschwellige Bedrohung schwingt es dennoch mit.</p>
<p>Wie so einiges ist dies ja ohnehin lediglich ein Randaspekt der Geschichte, und da beweist Thielemann in den Details eine erschreckend gute Ortskenntnis: Er weiß, wie es ist, in der Ödnis aufzuwachsen. Er weiß auch, wie es ist, wenn Heerscharen von Touristen einfallen und dem Hirten zu Leibe rücken; so etwas erlebte der Rezensent als Begleiter eines befreundeten Heidschnuckenschäfers selbst einmal. Fußball-Gucken in der CD-Kaserne in Celle, das strukturschwache militärische Umfeld im Süden der Heide und die Freizeitparkattraktionen in deren Norden, lokale Besonderheiten, Thielemann kennt sie, als sei er selbst Heidjer, ganz wie Jannes. Das historisch bedingte Thema Schuld ist ihm nicht minder fremd, nicht nur die während des Zweiten Weltkriegs angehäufte, sondern auch danach, als die Flüchtlinge aus den Ostgebieten in die Heide fielen und das fahrende Volk, wie es hier freundlich umschrieben ist, um das mit Z beginnende Wort zu vermeiden, das stattdessen zum Sprachgebrauch gehörte, den Heidebauern zum Feindbild wurde. Auch solche Geschichten hatte sich der Rezensent dereinst »von früher« anzuhören. Der Wolf ist da nun im Buch nurmehr ein Sündenbock, den man loswerden will wie eine drückende Erinnerung.</p>
<p>Der noch sehr junge Jannes ist ein sympathischer, besonnener, vernünftiger Mensch, mit dem sich zu identifizieren angenehm leicht fällt. So mäandert man mit ihm durch die Geschichte, die mit dem den Alltag begleitenden zunehmenden Wahn an Sogkraft zulegt. Zeitlich verankert ist die Handlung zehn Jahre vor Erstellung des Romans, also um 2014, und dauert einen Winter lang, bis hin zur nächsten Heideblüte. Man begleitet den Jungschäfer, und zwar gleichsam nahe, da man sein Innenleben miterlebt, wie distanziert, da Jannes die typische Orientierungslosigkeit der Jungadoleszenten inneliegt, mit der er die für ihn noch rätselhafte Welt des Erwachsenseins von außen betrachtet, sie aber mit einem souveränen Wertesystem meistert.</p>
<p>Thielemann beginnt Jannes‘ Reise auf eine Weise zu erzählen, die zunächst zeitlos wirkt, die auch zu Zeiten von Löns‘ Geburt hätte spielen können, in die dann noch vor Ablauf der ersten Seite der Geschützdonner des Kampfmittelherstellers bricht und die Lesenden zunächst verwirrt. Beinahe poetisch beginnt dieser Roman, und das Poetische behält Thielemann dezidiert eingesetzt bei, etwa in Landschafts- und Wetterbeschreibungen, selbst bei Schilderungen alltäglicher Verrichtungen, in denen der Autor einen Detailreichtum an den Tag legt, der seine Kenntnis unterstreicht und dennoch nicht langweilt, sondern das Gesamtbild anreichert. Als Kontrast dazu schildert Thielemann das Leben dort in einer zeitgenössischen Sprache, lässt die Figuren im Lokalkolorit kommunizieren, mit »wie« statt »als«, mit Einschüben von Heidjerplatt, mit – bereits 2014 – aktuellen Begriffen, Inhalten und Strömungen.</p>
<p>So begibt man sich mit Thielemann und Jannes zurück in die Heide, in die alte Heimat, oder für Fremde: in die Touristengegend, deren Blüte gefärbt ist wie ein Hämatom, wie Thielemann seinen Jannes feststellen lässt. Obschon Schuld über der Handlung schwebt, alte wie aktuelle, und obschon unschöne Realitäten Teil der Sache sind, gelingt es Thielemann, weder die Lönsfans zu bedienen, noch die Gegend und ihre Bewohnenden komplett zu zerlegen. Man sollte eben keinen Heimatroman erwarten, nur weil er in der Heide spielt. Die brennt ja ohnehin bereits.</p>
<p><strong>Markus Thielemann: Von Norden rollt ein Donner</strong> | Deutsch<br />
C.H.Beck 2025 | 287 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783406837364?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
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		<title>Ian Rankin: Puppenspiel</title>
		<link>https://www.wortmax.de/ian-rankin-puppenspiel/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Matthias Bosenick]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Aug 2025 15:24:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Genreliteratur]]></category>
		<category><![CDATA[Ian Rankin]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wenn man von einem Autor zum ersten Mal in dessen Stammkneipe erfährt, legt man sich daheim aus Neugier mal ein Buch von ihm zu. Im Falle von Ian Rankin aus Edinburgh fiel dies erschütternd langweilig aus, na gut, gibt’s halt eine zweite Chance.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/08/puppenspiel-vb.jpg" alt="" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16210" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/08/puppenspiel-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/08/puppenspiel-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Wenn man von einem Autor zum ersten Mal in dessen Stammkneipe erfährt, legt man sich daheim aus Neugier mal ein Buch von ihm zu. Im Falle von Ian Rankin aus Edinburgh fiel dies erschütternd langweilig aus, na gut, gibt’s halt eine zweite Chance: Das 2002 auf Deutsch erschienene »Puppenspiel« aus der Reihe um Rankins Inspektor John Rebus soll’s richten, schafft dies aber auch nicht. Eine in den Grundzügen interessante Geschichte bekommt eine Ausdehnung auf über 600 Seiten, gestreckt mit entsetzlicher Langeweile.</p>
<p>Hier ist die Art, wie ich 2019 erstmals von Ian Rankin hörte, spannender als das Buch: Anfang der Nuller ersteigerte ich bei einem eBay-Nutzer eine CD nicht. Damals war Paypal noch nicht etabliert und waren US-Importe daher nahezu unerreichbar. Ich mailte deshalb den Verkäufer an, ob er das Album – von Les Claypools Fearless Flying Frog Brigade – zufällig nochmal im Bestand habe, und er antwortete, dass sein Schwager demnächst in die USA reisen würde und mir dieses und das zweite Album mitbringen könnte. Was auch geschah. Zum Austausch trafen sich der jüngst nach Hamburg verzogene Verkäufer Olli und ich uns in seiner Heimatstadt Celle und verabredeten aus dem Stand, dass wir uns kurz darauf in Hamburg zum Konzert der Band (!) treffen würden. Der Beginn einer Freundschaft, die 2019 darin mündete, dass Olli und ich zusammen nach Edinburgh reisten, weil wir im benachbarten Glasgow die neuseeländische Band Shihad sehen wollten. Olli aktivierte noch seinen Rugby-Freund Bill, der mit uns kommen würde und uns außerdem an den anderen Tagen durch Edinburghs Pubs schleuste. So auch ins Ox, die Oxford Bar, in der Bill uns offenbarte, sie sei das Stammpub von Ian Rankin. Von wem?</p>
<p>Mein erster Versuch mit dem Autor war »Die Kassandra Verschwörung«, nur echt ohne Bindestrich, das Rankin 1993 als »Witch Hunt« und unter dem Pseudonym Jack Harvey veröffentlicht hatte. Mehr, als dass es ein ausnehmend zähes Leseerlebnis war, blieb davon nicht hängen. Nun also als neuer Versuch der Gelegenheitsfund »Puppenspiel«, im Original »The Falls«, nach einem der Handlungsorte, von dem zu erwarten steht, dass es, da einige Jahre später verfasst, mögliche Anfängerschwächen überwunden habe. Hat es nicht, sondern sie vielmehr etabliert.</p>
<p>Ausgangslage ist, dass sich die Spur einer jungen Frau zwischen ihrem Zuhause und der Verabredung mit Freunden verliert und dass der stinkreiche Vater sofort die Polizei einschaltet, weil er ein Verbrechen wittert. Da sich aber wahrhaftig alle Spuren verloren haben und sich nicht mal ein Verbrechen überhaupt ausmachen lässt, treten die Ermittler auf der Stelle. Mit zwei Ausnahmen: Auf dem Laptop der Verschwundenen lassen sich wortwörtlich rätselhafte Emails rekonstruieren, die sie mit jemandem namens Quizmaster austauschte. Und im abgelegenen Heimatflecken der jungen Frau findet eine Künstlerin sofort einen kleinen Holzsarg mit einer Puppe darin, was den findigen Inspektor mit dem sprechenden Namen Rebus auf die Idee bringt, diesen Fall mit älteren Fällen von gefundenen Minisärgen und verschwundenen oder verstorbenen Frauen sowie mit einem Dutzend historischer Sargfunde in Verbindung zu bringen. Muss er wissen.</p>
<p>Das Buch ist über 600 Seiten dick. Es braucht 200 Seiten bis zum ersten Toten, und der stirbt eines natürlichen Todes. Erst nach 300 Seiten wird aus der orientierungslosen Vermisstensuche ein konkreter, aber kaum weniger orientierungsloser Mordfall. Der Rest dazwischen und danach sind Herumgeeiere, Herumgeassoziiere und Herumgejammere. Den Showdown reißt Rankin in nur zehn bis 20 Seiten ab, und das, obwohl es sich sogar noch um einen zweifachen handelt. Man könnte das Buch zusammenfassen mit dem Eintrag, der laut Douglas Adams im »Anhalter« unter dem Stichwort Erde zu finden ist: größtenteils harmlos.</p>
<p>Wir bewegen uns im Jahr 2001, als Mobiltelefone, Email und mobiles Internet noch nicht jedem zugängliche Zauberphänomene waren, und Rankin erweckt den Eindruck, als gehöre er selbst zu denen, die keinen Einblick in die Materie haben. Kostenlose Emails gibt es seit den Neunzigern, und er lässt die Polizisten sich wundern, dass der Absender wechselnde Adressen nutzt, ganz abgesehen davon, dass die Ermittler nicht mal selbst jeder einen Mailaccount haben. Emails, so lässt Rankin wissen, können, ähnlich wie Mobiltelefonnummern, nicht zurückverfolgt werden, weshalb die Kripoleute delirierend umhertaumeln, anstatt ihren Job zu machen. Später im Buch ist »der Geheimdienst« dann doch dazu in der Lage, Absender auszumachen, und man fragt sich, warum dieser Service nicht von Anfang an in Anspruch genommen wurde, schließlich drückt mit dem Vater der Verschwundenen ein einflussreicher Bänker auf die Tube. Aber irgendwie muss man ja auf 600 Seiten und trotzdem zum Ziel kommen.</p>
<p>Ähnlich mit spitzen Fingern schreibt Rankin über Subkulturen und Angehörige sozialer Randbereiche, als wären sie ihm selbst verschlossen, als sei er ein Fremdkörper in seiner eigenen Geschichte, anstatt dass er seine Leserschaft von mitten aus diesen Gesellschaften heraus mitnimmt. In D&#038;D- und sonstige Rollenspieler mag er sich nicht hineinversetzen, und auch seine Ermittler lässt er wie Ochsen vorm Scheunentor agieren, sobald sie mit ungewöhnlichen Welten in Kontakt treten, obschon man davon ausgehen darf, dass insbesondere Kriminalpolizisten so ziemlich jeden Scheiß schon mal gesehen haben dürften. </p>
<p>So weltfremd tappen alle Beteiligten durch den Fall, der das halbe Buch über erstmal gar keiner ist. Immerhin finden sie Hilfe bei zwei externen Fachleuten, nämlich einem pensionierten Pathologen mit dem abermals halbwegs sprechenden Namen Devlin und einer Museumsmitarbeiterin, die dann gleich Rebus‘ neue Geliebte wird, wie praktisch. Ebenso entsetzlich praktisch ist die Rolle von Devlin, aber das sei hier erstmal nicht gespoilert.</p>
<p>Einerseits lässt sich Rankin seitenweise über Nebenthemen aus, etwa dem Umgang der Polizei mit der Presse, und offenbart aber gleichzeitig andererseits, dass er davon eigentlich doch nicht so recht die Ahnung haben kann, denn in der Realität dürften sich die Machtverhältnisse teilweise anders darstellen. Ebenso, sobald es zu Verhören kommt: Das Gestümper der Polizei ist erbärmlich, gleichermaßen abgebildet in vielen Dialogen, in denen eine Figur eine Erkenntnis mit einer anderen teilen will, um ein Ergebnis zu erzielen, und sich dann jedes Mal auf ein sinnloses Zerfasern des Gespräches einlässt, nur damit das Buch noch einige weitere hundert Seiten dauern darf.</p>
<p>So betulich stellt Rankin auch seinen Helden dar, der als Querkopf gilt, der ständig in Kneipen herumhängt und irrwitzigen Ideen folgt, die dann in der Regel auch noch zutreffen. Warum man ihm dann allmählich nicht gleich den richtigen Riecher zutraut und ihn ungebremst machen lässt, weiß der Autor, der dieses Konzept hier schließlich zum bereits zwölften Mal anwendet. In diesem Falle kramt Rebus nach Auffinden des ersten Mini-Sarges ganze vier vergleichbare Fälle aus den zurückliegenden 30 Jahren zusammen, die sich quer über ganz Schottland ereigneten und die trotzdem ganz ganz zufällig genau jetzt direkt in Rebus‘ Kreisen zusammenlaufen. Hat er doch wieder Recht gehabt, der Schlingel! Und auch nicht, denn der Quizmaster hat damit nix zu tun. Wie wird man nun dessen habhaft? Indem man sich als Polizistin auf sein Spiel einlässt und versucht, seine Rätsel zu lösen, anstatt ihn via Provider einzukreisen, natürlich.</p>
<p>Als Füllstoff dichtet Rankin allen Personen Biografien an. Allen. Ausführliche. Banale. Beliebige. Bis in die dritte Nebenebene. Insbesondere Rebus hat an »alten Geistern« zu knabbern, die er fortwährend in Alkohol zu ertränken versucht, übrigens seinerseits im Ox, muss ja. Da hat Henning Mankell echt was angerichtet, als er seinen Kurt Wallander ab 1991 in die Verzweiflung stürzte und einen Gescheiterte-Ermittler-Trend lostrat. Diesen Kniff wenden zwar unzählbare Autoren an, aber es gibt darunter auch einige, denen es gelingt, damit nicht zu langweilen, etwa Ben Aaronovitch mit seinem Peter Grant in »Die Flüsse von London« oder sogar Jussi Adler Olsen mit Carl Mørck in der »Sonderdezernat Q«-Reihe – möglicherweise greift bei Rankin die Kombination aus dem Eindruck von Fremdeln im eigenen Revier und seiner tiefgreifenden Humorbefreiung. Immerhin kennt er sich in seiner Heimatstadt ganz gut aus und lässt dies die Leserschaft auch dringendst wissen, indem er darüber weiteren Füllstoff einfließen lässt.</p>
<p>Kurioserweise generiert Rankin Situationen, die das Potenzial haben, spannend zu werden, brenzlig, knifflig – und lässt sie stets und immer in nichts verpuffen. Keine Action, keine Gefahr, nichts, nicht mal der Doppel-Showdown strahlt Bedrohlichkeit aus, zumal Rankin ihn auch so hoppladihopp abhandelt, als wolle er die Cosy-Leserschaft nicht in Alpträume stürzen. Stattdessen erfindet er Animositäten zwischen den Polizisten m/w/d, inklusive übergriffigem Knutschen und absurd schwachen Charakteren. Gossip statt Thrill.</p>
<p>Erzählerisch fußt einfach zu viel auf Zufällen: Die Särge der vier alten Fälle sind noch auffindbar, Akten dazu ebenfalls, und es gab tatsächlich nur diese exakt vier Fälle, die Rebus nur durch einen Geistesblitz überhaupt zusammenbringt, und nicht etwa noch unzählbare mehr, die die Behörden schlichtweg aufgrund ihrer Banalität gar nicht publik machten, nein, exakt vier, alle paar Jahre mal einer, und Rebus bringt sie nicht nur zusammen, sondern auch noch nach Jahrzehnten den Täter zur Strecke, von dem keiner ahnte, dass er existiert, weil man die Fälle nicht für Straftaten hielt, und dessen Motivation zu allem Übel nicht eben schlüssig ist. Und was war jetzt mit diesem deutschen Touristen?</p>
<p>Eine weitere erzählerische Schwäche ist es, dass Rankin vermeintlich folgenreiche Gedanken nicht ausformuliert, sondern mit drei Punkten andeutet. Zusätzliche sprachliche Merkwürdigkeiten dürften dem Übersetzer Christian Quatmann oder dem Verlag anzulasten sein: Rebus siezt hier seine neue Vorgesetzte, obwohl er mal was mit ihr hatte. Der Titel hat mit dem Inhalt nur am Rande zu tun. Und dann deutscht Quatmann englische Wörter ein, anstatt sie als feststehende Begriffe bei der Leserschaft als bekannt vorauszusetzen oder wenigstens zu erläutern, was den Eindruck verstärken würde, sich tatsächlich in Edinburgh zu bewegen und nicht in sarenwama Darmstadt. Jugendliche lässt er im Park »Apfelwein« aus Dosen trinken, darüber hätte sich Heinz Schenk sicherlich gefreut, nicht aber jeder, der ahnt, dass es sich dabei um Cider handeln müsste. Stets ist die Rede von Kneipen statt von Pubs, also bitte. D&#038;D, also Dungeons &#038; Dragons, übersetzt er allen Ernstes als »Drachen und Degen«. Wenn Rebus hingegen bei der Beerdigungsfloskel »Asche zu Asche« an David Bowie denken muss, wird nur denen, die dessen Song »Ashes To Ashes« kennen, der Zusammenhang klar. Die Rätseltexte hingegen lässt Quatmann auf Englisch, gottlob. Hier wird nicht so richtig klar, was der Verlag der Leserschaft zutraut und was nicht. Und – auf das Gälische Prost gehört ein Akut: »Sláinte«, das weiß jeder Touri.</p>
<p>Das mit der Popmusik ist ohnehin so ein Spleen von Rankin, der so gar nicht ins ansonsten so Betuliche passen will. Ständig lässt er die Figuren über Mucke quatschen und Rebus irgendwelche Platten auflegen. Ist ja nett, weil das auch in der Realität für manche Leute zum Alltag gehört, bleibt aber bis auf wenige Ausnahmen an einer gefälligen Oberfläche. Zumindest aus der Perspektive von Kontinentaleuropäern gibt es Ausnahmen, denn auf den Inseln sind Musiker, die hierzulande zum Untergrund gehören, bisweilen Mainstream, etwa Mark E. Smith oder Declan MacManus, nach dem Rankin ernsthaft eine der Figuren benennt, inklusive dem Hinweis, dass der ja heiße wie Elvis Costello in echt. Auch andere Namen schottischer Musiker tauchen hier auf, so heißt Rebus‘ neue Flamme mit Nachnamen Burchill, wie der Gitarrist der Glasgower Simple Minds.</p>
<p>Warum bleibt man dann trotzdem dran? Vermutlich, um herauszufinden, was es denn nun mit allem auf sich hat und wie es zur Lösung kommt. Aber das lohnt sich nur so bedingt. Ein wenig, weil man heute quasi in eine Art Technikmuseum blickt, in dem etwa die Rede von längst vergessenen WAP-Handys ist. Mag man sich gar nicht ausmalen, wie die anderen Fälle mit Rebus seit 1987 so sind. Mehr als solche verfasst Rankin ja kaum. Erst im vergangenen Jahr kam mit »Midnight And Blue« der 25. Rebus-Krimi heraus, in Deutschland indes noch nicht. Kleine Peinlichkeit zum Schluss: Auf den Buchrücken schrieb der Manhattan-Verlag seinerzeit »Von Englands Krimiautor Nr. 1«, was dem Schotten gehörig den Whisky aus dem Blut getrieben haben dürfte. Kann man ihn im Ox ja mal fragen.</p>
<p><strong>Ian Rankin: Puppenspiel</strong> | Deutsch von Christian Quatmann<br />
Goldmann 2004 | 640 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783442456369?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
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		<item>
		<title>Luz, Despentes: Vernon Subutex II</title>
		<link>https://www.wortmax.de/luz-despentes-vernon-subutex-ii/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Matthias Bosenick]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 14 Aug 2025 06:07:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Graphic Novel & Comic]]></category>
		<category><![CDATA[Luz]]></category>
		<category><![CDATA[Virginie Despentes]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>»Vernon Subutex II« von Luz und Virginie Despentes generiert ein schwarzes Loch in der Seele der Lesenden, das man fortan mit sich herumträgt und das einiges an Kraft abverlangt, sich auf die anderen Aspekte des Buches zu fokussieren.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/08/vernon-subutex-II-gn-vb.png" alt="Luz, Despentes: Vernon Subutex II" title="Luz, Despentes: Vernon Subutex II" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16202" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/08/vernon-subutex-II-gn-vb.png 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/08/vernon-subutex-II-gn-vb-480x225.png 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Bitterste Ernüchterung stellt sich nach der Lektüre des zweiten Teils der Comic-Version von Virginie Despentes Romantrilogie <a href="https://www.wortmax.de/virginie-despentes-das-leben-des-vernon-subutex/">»Das Leben des Vernon Subutex«</a> ein: Die sich vermeintlich im Wandel zum Schönen befindliche Chaoswelt des Titelhelden kommt nicht ohne Abgrund aus, Charlie-Hebdo-Zeichner Luz und die Autorin sorgen im Abschluss der Geschichten für den größtmöglichen Kater. »Vernon Subutex II«, anders als bei den Romanen bereits nach zwei Ausgaben der Schlusspunkt, ist wahrhaftig kein Märchen. Das Böse gewinnt, für die Guten bleibt nur die Illusion einer mit Ach und Krach lebenswerten Nische. Erschütternd.</p>
<p>Es geht so märchenhaft los: Um den in Paris obdachlos lebenden Vernon Subutex herum sammeln sich <a href="https://www.wortmax.de/luz-despentes-vernon-subutex/">im ersten Teil</a> eine Menge Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, so gegensätzlich wie die politischen, religiösen, sexuellen, künstlerischen, finanziellen und sonstigen Ansichten und Lebensweisen, denen die Figuren entspringen, und zu Beginn des zweiten Bandes etablieren sie eine Schicksalsgemeinschaft, der man als Lesender gern ebenfalls angehören würde. Hier herrschen Empathie, Vergebung, Akzeptanz, Weiterentwicklung, Reflexion, Zusammenhalt, und das so intensiv, dass diese kritische und skeptische Gruppe sogar für einen geläuterten Ex-Nazi offen ist. Das Paradies, ausgelebt mit Tanzpartys und mit Reisen an Strände, hippiesk und traumhaft.</p>
<p>Doch ist auch diese Gruppe nicht davor gefeit, dem Bösen ausgesetzt zu sein, intern wie extern. So kriecht alsbald Gevatter Wurm in diesen frischen Apfel und lässt ihn bitterlich verrotten. Jener Nazi etwa bekommt von seinen früheren Gefolgsleuten auf tödliche Weise gezeigt, was es bedeutet, sich von ihnen abzuwenden – eine Erschütterung, die dem Paradies die Farben trübt, obschon sich noch während der Beisetzung die Freundin des Verstorbenen der Vernon-Gruppe anschließt, sich also dennoch Raum für Gutes zeigt. Als nächstes stirbt ein Obdachloser eines natürlichen Todes, hinterlässt unerwarteterweise einen gigantischen Lottogewinn und verführt seine bestenfalls von ihm geduldete Witwe dazu, den Freundeskreis um den Segen zu betrügen. Zersetzung setzt ein.</p>
<p>Tja, und dann wollen sich zwei junge Frauen aus dieser Menschengruppe an einem Regisseur dafür rächen, dass er die Mutter der einen in den Tod getrieben haben soll, und zwar, indem sie ihm ihre Vorwürfe auf seinen Rücken tätowieren. Und fortan im Untergrund leben müssen. Gewalt erzeugt Gegengewalt, es entwickelt sich eine Spirale, deren Finale den im Verwesen begriffenen Apfel mit einem Streich vom Antlitz der Erde fegt. An diesem Punkt der Handlung wünscht man sich, sich verlesen oder, sobald man feststellt, dass dies nicht der Fall ist, die Lektüre vorher abgebrochen zu haben, so kann es doch nicht weitergehen, das kann doch nicht das sein, wie diese Utopie verläuft. Ist es aber. Es ist eben kein Märchen, in dem David den Goliath besiegt. Goliath behält die Oberhand.</p>
<p>»Vernon Subutex II« generiert ein schwarzes Loch in der Seele der Lesenden, das man fortan mit sich herumträgt und das einiges an Kraft abverlangt, sich auf die anderen Aspekte des Buches zu fokussieren. Davon gibt es unzählige, denn das, was am ersten Comic bereits so gelungen war, setzt Luz auch hier fort. In seinem zwar unklaren, aber dennoch feinen Stil assoziiert sich Luz optisch durch den Inhalt, dass es eine Freude ist und man den Gedanken, den man bereits beim Lesen des ersten Comics hatte, erneut aufgreift: Wie konnte Despentes verschriftlicht haben, was Luz optisch darstellt? Wenn aus den Adern einer Hand ein Stadtpark mit Bäumen wird, hinter denen eine Person hervortritt: Wie geht das ausformuliert? Oder wenn sich der gepeinigte Regisseur die Anklagen mit Drachen übertätowieren lässt und sich das, was er die Leserschaft als inneren Monolog wissen lässt, in den Dekorationen des Tattoostudios wiederspiegelt? Oder wie der Soundtrack, den der Star-DJ Vernon auf seine Feiermeute loslässt, exakt die parallel verlaufenden Geschehnisse kommentiert? »Tattooed Man« von Coil ist da nur das offensichtlichste Beispiel. Von fast filmartigen Überblendungen und je nach Stimmung monochromer Farbgebung ganz abgesehen.</p>
<p>Despentes lässt wissen, dass sie für diesen zweiten Comicband zusammen mit Luz die Geschichte von Vernon Subutex überarbeitete. Ohne Kenntnis der Romanvorlage kann man nur raten: Die relativ direkten Analogien zum islamistischen Attentat auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo, dem Luz alias Rénard Luzier entging, weil er nicht vor Ort war, hätten sich in den erst knapp danach erschienenen Büchern durchaus bereits niedergeschlagen haben können, doch wirkt es hier wie eine – nach zwei Graphic Novels zum Thema – erneute Verarbeitung der Geschehnisse, die Luz in den Ablauf integriert. Wie überhaupt das von Anschlägen geschüttelte Frankreich – das Bataclan wuchert hier deutlich durch – mit den gesellschaftlichen Folgen aus diesem Buch nicht herauszunehmen ist. Klar ist jedenfalls, dass der zweite und dritte Roman hier zu einem einzelnen Comic komprimiert sind.</p>
<p>Angst überwiegt, da kann der Nachlass des zu Beginn der Geschehnisse verstorbenen Musikers Alex Bleach ein tröstlicher Soundtrack sein, so denn Vernon den ihm überlassenen USB-Stick dereinst auch außerhalb seiner DJ-Sets öffentlich machen würde. Doch das wie das Berichten über die Ereignisse überlässt er anderen, da spielen die bereits aus »Apokalypse Baby« bekannte ambivalente Privatdetektivin Hyäne und Despentes selbst eine wesentliche Rolle. Irgendwie möchte man das zweite dicke Buch hoffnungsvoll beiseitelegen, und irgendwie gelingt es dem Autorengespann sogar, ein solches Gefühl unter dem tonnenschweren Ballast der Welt hervorkriechen zu lassen. Zufriedenstellend ist das nicht im Vergleich zu den Verlusten, die man zu beklagen hat. Am Ende wiegt das ohnehin tonnenschwere Buch mindestens doppelt.</p>
<p><strong>Luz &#038; Despentes: Vernon Subutex II</strong> | Deutsch von Lilian Pithan &#038; Claudia Steinitz<br />
Reprodukt 2024 | 368 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783956403903?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
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		<title>Craig Thompson: Tagebuch einer Reise</title>
		<link>https://www.wortmax.de/craig-thompson-tagebuch-einer-reise/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Matthias Bosenick]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 08 Jul 2025 07:51:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Graphic Novel & Comic]]></category>
		<category><![CDATA[Craig Thompson]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das »Tagebuch einer Reise« von Craig Thompson dokumentiert eine 2004 vollzogene Signier- und Recherchereise des US-Autoren nach Europa und Nordafrika, erzählt also nicht unmittelbar eine Comic-Geschichte, sondern bildet den Zeitverlauf mit seinen Ereignissen ab - und das wankelmütige Innenleben des reflektierten Zeichners.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/07/tagebuch-einer-reise-vb.jpg" alt="Craig Thompson: Tagebuch einer Reise" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16175" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/07/tagebuch-einer-reise-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/07/tagebuch-einer-reise-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Betrachtet man die Zeichnungen in diesem wahrhaftigen »Tagebuch einer Reise«, kann man sich gar nicht vorstellen, dass ihr Ersteller Craig Thompson an ihnen lediglich jeweils einen Tag gearbeitet haben soll, so fein ausgearbeitet sind sie, bisweilen Kunstwerken gleich. Dieses Tagebuch dokumentiert eine 2004 vollzogene Signier- und Recherchereise des US-Autoren nach Europa und Nordafrika, erzählt also nicht unmittelbar eine Comic-Geschichte, sondern bildet den Zeitverlauf mit seinen Ereignissen ab – und das wankelmütige Innenleben des reflektierten Zeichners. Es lohnt sich hier die Neuauflage mit den Bonus-Seiten.</p>
<p>Für den Kontext: Thompsons zweites Buch, sein eigentlich erstes richtig großes nach dem Auftakt <a href="https://www.graff.de/shop/item/9780375714764?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">»Good-Bye, Chunky Rice«</a> 1999, ist gleich ein weltweiter Erfolg: Die autobiografische Graphic Novel <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783956403972?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">»Blankets«</a> des damals 28jährigen US-Amerikaners verzaubert ab 2003 die Herzen, in Stil und Inhalt. Was für ein begabter Zeichner Thompson ist! Seine Panels bilden nicht einfach die Geschichte ab, sie sind selbst Gesamtbilder; dieses Stilmittel vertieft er 2011 noch in <a href="https://www.graff.de/shop/item/9780571241323?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">»Habibi«</a>, für das er in Marokko recherchiert, was man hier im »Tagebuch einer Reise« nachverfolgen kann. Denn eigentlich befindet sich Thompson mit »Blankets« ja in Europa auf Signierreise, nutzt aber die Zeit, um eine Stippvisite übers Mittelmeer in seine Reisepläne zu integrieren.</p>
<p>In der Detailfreude seiner Zeichnungen offenbart sich Thompson als guter Beobachter, der das für ihn Fremde in Europa und Marokko mit einem offenen Blick auf den Punkt erfasst und wiedergibt. Man kann sich als Betrachtender in seinen Skizzen verlieren, so ausgearbeitet und reichhaltig fallen sie aus. Bäume und Katzen, so lässt er wissen, sind seine Lieblingsmotive, und man möchte Gebäude hinzufügen, von französischen Kathedralen bis marokkanischen Siedlungen. Allein für die Standbilder, die Momentaufnahmen, die Schlaglichter lohnt sich schon die Anschaffung dieses Buches, weil Thompson mit ihnen mehr generiert als eine narrative Abfolge von Sequenzen, sondern eigenständige Illustrationen, die man sich auch losgelöst an die Wand hängen mag.</p>
<p>Dennoch sind diese Kunstwerke hier Teil eines weiter gefassten Inhalts, und der besteht aus den Eindrücken, Beobachtungen, Ereignissen, Rechercheergebnissen, Dialogen und inneren Monologen, die Thompson zwischen Frankreich, Marokko und weiteren europäischen Ländern ereilen. Dabei zeigt er sich auch inhaltlich so aufmerksam und respektvoll, wie er es in seinen Zeichnungen ausdrückt, bis hin zu der sympathischen Selbstoffenbarung, dass er als Nutznießer des vergleichsweise minderwertigen US-Bildungssystems von vermeintlich einfachen physikalischen Gesetzmäßigkeiten keine Ahnung hat, die Europäern hingegen sonnenklar sind.</p>
<p>Das Narrative dieses Tagebuchs liegt darin, dass Thompson in chronologischer Abfolge zeichnerisch berichtet, womit er seine Zeit verbringt. Zumeist sind dies, zumindest in Europa, Begegnungen und Treffen mit wahlweise Verlagsmitarbeitenden oder Freunden, in Marokko hingegen mit Einheimischen und anderen Touristen. Jede Begegnung bringt neue Geschichten und Reflexionen mit sich. Aufs Zeichnerische allein verlässt er sich indes nicht, sondern bringt viele Inhalte in Textblöcken unter. Dazu gehören – wie bei »Blankets« und später auch bei <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783956404344?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">»Ginsengwurzeln«</a> – neben philosophischen Exkursen auch seine eigenen Emotionen, Depressionen, Zweifel und weitere autobiografische Details. Insbesondere die selbstanalytischen Aspekte verleihen nicht nur dem Buch, sondern auch dem Autoren eine Tiefe, die ihn umso vertrauenswürdiger macht. Bis auf die Sache mit der Freundin, die ihm abhandenkommt: Seine Weinereien, wenn er Frauen kennenlernt, die vergeben sind, weil dann mit ihnen nichts läuft – und damit meint er netterweise eher Beziehungen als Bettgeschichten –, sind etwas sehr drüber und stoßen irgendwann sogar ab. Aber er zieht das nicht das komplette Buch lang durch, gottlob, und hat ja mehrheitlich andere Schwerpunkte.</p>
<p>Ursprünglich erschien »Tagebuch einer Reise« in den USA bereits 2004, aber in der 2021 nachgereichten Neuauflage mit rund 30 Bonus-Seiten fügt Thompson Details zur Entstehungsgeschichte des Buches sowie weitere Positionen der Reise hinzu. Man erfährt, dass Thompson den Vertrag über dieses Buch so vereinbarte, dass es quasi noch vor Ablauf der Reise in den Druck zu gehen hatte, deshalb ist das ursprüngliche Ende etwas abrupt.</p>
<p>Was nun aber Thompsons Selbstzweifel angeht, so stehen ihm nach Abschluss dieser Reise noch erheblichere bevor: »Habibi« ereilt zwar einige Achtung, aber sein wagemutiges Weltraumabenteuer »Space Dumplings« fällt 2015 bei allen durch, Kritikern wie Lesenden, weshalb er sich zunächst aus dem Geschäft zurückzieht. Und bald das nächste Mammutprojekt startet, denn an den in den USA in zwölf Einzelbüchern plus Bonus erschienenen »Ginsengwurzeln«, eine Mischung aus Autobiografie und Reprotage, arbeitet er von 2019 bis 2024.</p>
<p><strong>Craig Thompson: Tagebuch einer Reise</strong> | Deutsch von Matthias Wieland<br />
Reprodukt 2021 | 256 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783956402715?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
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		<item>
		<title>Wolf Haas: Eigentum</title>
		<link>https://www.wortmax.de/wolf-haas-eigentum/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Matthias Bosenick]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 May 2025 14:45:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Moderne Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Wolf Haas]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>So richtig ein Roman ist »Eigentum« nicht. Das zeichnet die Bücher des Österreichers Wolf Haas ja ohnehin aus, dass sie allesamt von gewöhnlicher Literatur abweichen, und auf »Eigentum« trifft dies noch mehr zu: Es scheint vielmehr eine Fingerübung zu sein, in Sprache, in Textstruktur, in Assoziation und in Psychologie.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/05/eigentum_vb.jpg" alt="Wolf Haas: Eigentum" title="Wolf Haas: Eigentum" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16132" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/05/eigentum_vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/05/eigentum_vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>So richtig ein Roman ist »Eigentum« nicht. Das zeichnet die Bücher des Österreichers Wolf Haas ja ohnehin aus, dass sie allesamt von gewöhnlicher Literatur abweichen, und auf »Eigentum« trifft dies noch mehr zu: Es scheint vielmehr eine Fingerübung zu sein, in Sprache, in Textstruktur, in Assoziation und in Psychologie. Die Freude an der Form überwiegt hier über die am Inhalt, da darf man sich keinen Illusionen hingeben. Aber Freude, die hat man bei der Lektüre dieses Buches durchaus, denn selbst Fingerübungen meistert Haas mit Bravour.</p>
<p>Wie viel Autobiographie in »Eigentum« wahrhaftig zu finden ist, ist für den Genuss des Buches zweitrangig. Obschon man dem Autoren wünscht, mit dem nahenden Tod seiner Mutter nicht ganz so abgeklärt umzugehen wie der Ich-Erzähler, der hier ebenfalls Wolf Haas heißt. Denn dieses anstehende Ableben seiner Mutter nimmt Erzähler Haas hier zum Anlass, ihre und seine eigene Biographie in Einklang zu bringen. So lässt er sie in ihrem Originalton zu Wort kommen, ebenso in Ich-Form verfasst wie die Gedanken des Erzählers, was anfänglich etwas verwirrt. Der will nun versuchen, ihre Geschichte abzubilden, bevor sie stirbt, und schreibt quasi gegen die Zeit an. Selbst daraus generiert Krimifachmensch Haas jedoch keine vordergründige Spannung, weil sein erzählerischer Schwerpunkt eben eher ein formaler ist. Man begleitet ihn also vorrangig beim Anwenden seiner Mittel und bekommt nebenbei etwas erzählt.</p>
<p>Wiederholung ist das Mittel, dass Haas hier elementar anwendet. Der Erzähler borgt es sich bei seiner Mutter aus, das macht er transparent; man bekommt gleich von ihm berichtet, dass sie fortwährend einzelne Aspekte zum Dreiklang wiederholte, und zusätzlich in den Originaltönen der Mutter eine Erzählweise kredenzt, die ohne Stringenz um die Bestandteile herumeiert, Fäden legt, verwirrt, wieder aufgreift und allmählich weit genug ausrollt, um ihnen folgen zu können. Der Ich-Haas selbst assoziiert um die Fäden der Mutter und seine eigenen Gedanken herum, die sich um sein Leben, seine Vergangenheit und seine Aufgaben drehen, und flicht so ein Netz aus wiederkehrenden Bildern, Motiven, Zitaten, das beinahe eine Art Schablone bildet, die man quasi über die Seiten des Buches legen kann und dann Deckungsgleichheiten ausmacht. Darin liegt die größtmögliche Kunst des Autoren: diese Muster im eigenen Erzählen überhaupt selbst auszumachen und sie erzählerisch zu verstärken und sinnvoll zu verbinden.</p>
<p>Sicherlich lässt Haas hier auch Humor zu, den schwarzen zuvorderst, angesichts des Themas nicht so verwunderlich, doch ist Humor nicht der Schwerpunkt von »Eigentum«, auch wenn man sich über die frechen, gleichmütigen Kommentare des Erzählers zu seiner Mutter mindestens wundert, wenn nicht gelegentlich über die lacht; die Frage, ob sein Verhalten angebracht ist, stellt sich der Erzähler selbst. Doch eigentlich ist ihre Geschichte eher tragisch: Beinahe stoisch scheint die Mutter durch ihr Leben marschiert zu sein, von familiärer Armut zu dem Willen befeuert, mit Fleiß aus dieser Armut zu entkommen, um – daher der Titel – endlich zu Eigentum zu gelangen, doch das gelingt ihr erst im Alter von über 90 Jahren, nämlich mit ihrer Grabstätte. Ernüchterndes Fazit eines so langen Lebens, und betrachtet man zudem die Wesenszüge der Mutter, die auf den Sohn abperlten, landet man im nächsten Abteil dieses Textes, nämlich der Psychologie, der Selbstreflexion. Auch hier wieder gibt es Muster zu erkennen, und zwar solche, die sich von der – etwa ständig jammernden – Mutter auf den Sohn übertrugen und die dessen Handeln bestimmen und ihm seine Schwächen erläutern.</p>
<p>Obschon das Formale hier den Schwerpunkt des Genusses ausmacht, lässt sich nicht von der Hand weisen, dass das Bisschen Handlung zu Herzen geht. Schließlich kam die Mutter zur Inflation 1923 zur Welt, verbrachte ihre Lehrjahre in der Schweiz, wurde zum Kriegsdienst nach Deutschland einberufen, half den alliierten Besatzern bei der Entnazifizierung und verlor ihren Mann viel zu früh. Zudem war sie mindestens ein streitbarer Geist, also im Dorf unbeliebt und entsprechend auf sich allein gestellt. Die Sache mit dem Rauswurf aus dem angeblichen Abbruchhaus, das dann zum Luxushotel wurde, ist ein Genickschlag, der den Gerechtigkeitssinn der Lesenden wachrüttelt. Dieses Haus nun stellte die Heimstatt des heranwachsenden Haas dar, direkt an dem Friedhof gelegen, auf dem die Mutter nun zu Grabe getragen wird; daran spinnt Haas weitere Seitenarme, die wiederum als vollendet konstruierte Zirkelschüsse fungieren.</p>
<p>Diese Wiederholungen nun tragen viele Überraschungen in sich, zumeist darin, an welcher Stelle sie auftreten und welchen Bezug sie nun nehmen, aber sie bergen auch Redundanz, Stillstand. Man hat bisweilen den Eindruck, erzählerisch nicht voranzukommen, weil Haas noch seinen Werkzeugkoffer ausschütteln muss. Aber so geht es eben zu bei hoher Literatur, da gehen Form und Inhalt idealerweise Hand in Hand, und falls es ein Ungleichgewicht zu Ungunsten des Inhalts geben sollte, macht dies die Freude an Haas‘ Fabulierkunst eben wett.</p>
<p>So ist »Eigentum« abseits der neunteiligen Brenner-Reihe, die eh einen komplett eigenen Tonfall hat – den Haas überdies mit seinen herausgelassenen Verben in »Eigentum« lediglich ein einziges Mal zur Anwendung bringt –, ein weiterer Haas’scher Literaturmonolith neben <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783455008845?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">»Das Wetter vor 15 Jahren«</a> und den anderen Nicht-Brennern. Er brennt ja trotzdem.</p>
<p><strong>Wolf Haas: Eigentum</strong> | Deutsch<br />
Penguin 2025 | 160 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783328111566?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
<p><a href="https://www.graff.de/shop/item/9783328111566?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank"><img decoding="async" src="https://www.graff.de/affiliate/qrcode/oQBpG59Pt0GhCE6U" /></a></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Jo Hedwig Teeuwisse: Fake History &#8211; Hartnäckige Mythen aus der Geschichte</title>
		<link>https://www.wortmax.de/jo-hedwig-teeuwisse-fake-history-hartnaeckige-mythen-aus-der-geschichte/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Matthias Bosenick]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 15 Apr 2025 08:53:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Harry Rowohlt]]></category>
		<category><![CDATA[Jo Hedwig Teeuwisse]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>»Fake History - Hartnäckige Mythen aus der Geschichte« ist ein Buch wie ein Krimi, weil Jo Hedwig Teeuwisse detektivisch zur Sache geht und ihre Ermittlungsschritte und Quellen transparent hält. Das Werk hat nur einem Schönheitsfehler: Die Übersetzung ist furchtbar.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/04/Fake-History-vb.jpg" alt="Jo Hedwig Teeuwisse: Fake History - Hartnäckige Mythen aus der Geschichte" title="Jo Hedwig Teeuwisse: Fake History - Hartnäckige Mythen aus der Geschichte" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16065" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/04/Fake-History-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/04/Fake-History-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Zwar listet Historikerin Jo Hedwig Teeuwisse »101 Dinge, die so nie passiert sind, aber alle für wahr halten« in ihrem programmatisch betitelten Buch »Fake History – Hartnäckige Mythen aus der Geschichte« auf, doch ist die Niederländerin viel zu beflissen, um darin nicht noch viele weitere fehlerhafte, unvollständige, unplausible oder schlichtweg gelogene Fakten von der Antike bis ins Internetzeitalter unterhaltsam und informativ ins Licht der Wahrheit zu rücken. Ein Buch wie ein Krimi, weil Teeuwisse detektivisch zur Sache geht und ihre Ermittlungsschritte und Quellen transparent hält. Mit nur einem Schönheitsfehler: Die Übersetzung ist furchtbar.</p>
<p>Auch als noch so aufgeklärter Lesender findet man sich bei der Lektüre dieses Buches überführt, seinerseits unwahren Mythen aufgesessen zu sein. Das Mittelalter etwa hat sein heutiges Bild aus der viktorianischen Zeit, verrät Teeuwisse, die erklärt, warum Menschen zwischen den Jahren 500 und 1500 nicht unsauber gewesen sein oder schlechte Zähne gehabt haben können, warum man nicht seine Fäkalien einfach auf die Straße kippte (warum sollte es Menschen – anders als noch in der Antike – plötzlich egal sein, ob sie reinlich waren?), warum die Pestmaske kein typisches mittelalterliches Requisit war (sie entstand erst viel später), warum die Eiserne Jungfrau nie zum Einsatz kam (sie ist eine spätere Erfindung, die man dem Mittelalter zuschrieb); und das sind nur ganz wenige Aspekte, an denen die Historikerin rüttelt. Man liest ihre Ausführungen und staunt, wie schlüssig ihre Beweisführung ist und dass man nicht selbst schon darauf kam, Zweifel an manchen Bildern gehabt zu haben. Sie wurden einfach fortwährend als wahr wiederholt.</p>
<p>Doch die Autorin bleibt nicht im Mittelalter verhaftet, auch nicht bei den Viktorianern, denen sie viele falsche Bilder nachweisen kann. Bereits Ägypter und Römer geben viel Material für unwahre Annahmen, von der Antike aus beackert Teeuwisse Epoche um Epoche, über die Französische Revolution, die Tudors und die Nazis bis in die jüngere Vergangenheit und die Gegenwart. Dazu gibt sie zunächst die falsche Annahme aus und widerlegt diese dann; alles unchronologisch, also abwechslungsreich. Bisweilen hat man von manchen falschen Annahmen noch nie gehört, bekommt aber eine mordsspannende Geschichte dazu erzählt. </p>
<p>Zu den jüngeren Geschichte-Geschichten gehört, welchen Einfluss eine US-Brausemarke auf die Farbe des Weihnachtsmannes hat, bestimmte erste Filmküsse, die Erfindung des Begriffs Serienmörder, das erste Selfie, das erste Katzenfoto und so manches mehr. Letztere Beispiele offenbaren, wie Teeuwisse auf die Idee kam, dieses Buch zu verfassen: Sie ist im Internet, in Social Media, aktiv und machte es sich zur Aufgabe, dortige Falschbehauptungen mit Belegen zu widerlegen. So manches Mal weckte ein Verdacht ihr Interesse und sie begann zu forschen, und diese Forschungswege und Rechercheetappen gibt sie den Lesenden in diesem Buch gleich mit preis. So kommt es auch, dass Photoshop als Quelle für Falschbehauptungen in die jüngere Zeit gehört – und dass das Buch mit der Warnung vor KI-Fotos endet.</p>
<p>In ihrer Beweisführung geht Teeuwisse bisweilen zweigleisig vor: Sie nennt einen Fake-Fakt, der beispielsweise auf einem im Netz geteilten Foto basiert, und zerlegt einmal das Foto an sich und zum anderen den damit verbreiteten Fakt. Beispiel: Ein Foto solle die erste schwarze Anwältin der USA zeigen. Teeuwisse recherchiert, wer diese erste schwarze Anwältin in Wahrheit war, und dann, wer tatsächlich auf den Fotos zu sehen ist. Ein weiterer wichtiger Aspekt in Teeuwisses Arbeit tritt dabei nebenbei zutage: Sie ist quasi antifaschistische, antirassistische, antisexistische Bürgerrechtlerin, was sie abermals auf zwei Beinen ausrichtet, nämlich einerseits der Würdigung von Minderheiten und andererseits der Demaskierung von Verschwörungstheoretikern, die ihre menschenverachtende Argumentation auf wissentlich gestreuten Falschmeldungen fußen lassen. Damit entschlüsselt die Historikerin nicht nur die Wahrheit hinter geschichtlichen Ereignissen, sondern auch die Motive derer, die die Lüge streuen.</p>
<p>Man verschlingt dieses Buch wie einen Krimi. Und das, man muss es leider feststellen, trotz der Sprache. Teeuwisse schreibt bei Twitter – ja, der Rezensent hat trotz allem noch einen Account auf dieser Plattform und weigert sich, den Namen X dafür zu verwenden – auf Englisch und verfasste auch diese Buch nicht in ihrer Muttersprache. Hält man die Übersetzung und ihre Tweets gegeneinander, bekommt man eine Ahnung davon, wie der Originaltext ausgesehen haben und gemeint gewesen sein könnte. Doch auf Deutsch funktioniert es nicht, den Sprachgebrauch einfach zu übersetzen. Hier passiert es nun, dass man den Eindruck bekommt, es mit dem Buch einer US-Amerikanerin zu tun zu haben, die überheblich, selbstgerecht, reißerisch und pseudolustig auf Leute herabblickt, die Falschmeldungen glauben oder Wahrheiten nicht wissen, und das auch noch in einem für eine Faktenpredigerin unspezifischen Tonfall. »Die Leute« behaupten dies, ja, welche Leute denn? »Lassen Sie es mich erklären«, ja, wie sollte man sie auch daran hindern? Und sobald es in sexuelle Themen übergeht, wird die Autorin kicherig ausweichend wie ein Teenager. Liest man dagegen ihre Tweets im Originaltonfall, funktioniert diese Art der Sprache plötzlich. Da hätte der Übersetzer also nicht wortgetreu arbeiten, sondern den gemeinten Inhalt transferieren sollen, ganz so, wie es Harry Rowohlt dereinst nahelegte.</p>
<p>Dazu kommen einige Details, die nicht zur Faktenhuberei passen, die man aber zumeist abermals der Übersetzung anlasten kann. Man spricht etwa nicht mehr von »Glühbirne«, wenn das Leuchtmittel gemeint ist. Auch der Umgang mit den Begriffen Holland und Niederlande ist uneindeutig: Geboren wurde Teeuwisse in Den Haag, das ist die Hauptstadt der Provinz Südholland, aber sie lebt jetzt in Bourtange, das liegt in der Provinz Groningen; alles davon liegt in den Niederlanden, in den Texten jedoch würfelt es sich unklar durcheinander. Der »Kristallpalast« in London wiederum geht eindeutig auf den Übersetzer zurück, ganz auf Teeuwisses Mist hingegen ist der »Apfel« gewachsen, den Eva im Paradiese Adam überreichte, denn davon ist in der Bibel keine Rede, sondern von der unspezifischen Frucht vom Baum der Erkenntnis. Dabei ist gerade dies ein hervorragender Ansatzpunkt für Recherchen, etwa, wann erstmals in diesem Zusammenhang vom Apfel die Rede war. Das wäre etwas für eine Fortsetzung, die Teeuwisse selbst als möglich in Aussicht stellt, indem sie abschließend – wieder so eine US-amerikanische Formulierung – »jede Menge« weitere Beispiele für Falschfakten auflistet und die Lesenden zum Googeln ermuntert.</p>
<p>Wer aus nachvollziehbaren Gründen in Geschichte nicht aufgepasst hat, aber irgendwie Bock hat, einiges an Infos nachzuholen, bekommt mit »Fake History« ein gigantisches Kompendium an hervorragend recherchiertem Wissen dargeboten. Die furchtbare Übersetzung kann man bei der Lektüre mit einiger Mühe sogar ganz gut ignorieren.</p>
<p><strong>Jo Hedwig Teeuwisse: Fake History – Hartnäckige Mythen aus der Geschichte</strong> | Deutsch von Ralf Pannowitsch<br />
Heyne 2023 | 433 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783453606616?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
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