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	<title>wortmax | Beiträge von Matthias Bosenick</title>
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	<description>Buchvorstellungen und Beobachtungen</description>
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		<title>Makoto Shinkai/Naruki Nagakawa: Das Geschenk eines Regentages</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Matthias Bosenick]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 19 May 2026 08:07:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Moderne Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Makoto Shinkai]]></category>
		<category><![CDATA[Naruki Nagakawa]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Es gibt tatsächlich das Genre des Japanischen Katzenromans: 猫文学, »kiterature«. »Das Geschenk eines Regentages« der Autoren Makoto Shinkai und Naruki Nagakawa reiht sich da ein: In vier zusammenhängenden Episoden erzählen sie von Beziehungen zwischen schicksalsgeplagten Frauen und ebensolchen Katzen. </p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img fetchpriority="high" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/05/das-geschenk-eines-regentages-vb.jpg" alt="" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16499" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/05/das-geschenk-eines-regentages-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/05/das-geschenk-eines-regentages-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Es gibt tatsächlich das Genre des Japanischen Katzenromans: 猫文学, »kiterature«. »Das Geschenk eines Regentages« der Autoren Makoto Shinkai (新海 誠) und Naruki Nagakawa (永川 成基) reiht sich da ein: In vier zusammenhängenden Episoden erzählen die Autoren von Beziehungen zwischen schicksalsgeplagten Frauen und ebensolchen Katzen. Es liest sich wie die Verschriftlichung eines Mangas, basiert aber grob auf 彼女と彼女の猫, »Kanojo to Kanojo no neko«, »Sie und ihre Katze«, wie auch das Buch eigentlich heißt, einem 25 Jahre alten kurzen Anime Shinkais: Die Sprache ist leicht, die Inhalte sind schwer. Am Ende steht mehr als nur Hoffnung auf Verbesserung – es obsiegen Humor und Liebe.</p>
<p>Mit dem Ereignis des deutschen Titels beginnt der Reigen: Eine Büroangestellte eilt als einzige nicht an dem Karton mit der verwahrlosten weißen Katze auf der verregneten Straße vorbei, sondern nimmt sich ihrer an und sie mit nach Hause. Die Erzählperspektive wechselt von nun an zwischen der Frau und der Katze, und so bleibt es auch in den folgenden drei Episoden. Man verfolgt die deprimierenden Leben der Japanerinnen und eines Japaners und erlebt, wie deren Gefolgstiere darauf reagieren, während diese ihren eigenen Herausforderungen nachgehen.</p>
<p>Einen starken Kontrast zu den teilweise erschütternden Lebensumständen der Frauen bildet die beinahe kindgerechte Sprache, die jene Situationen abbildet: Es wirkt, als habe jemand versucht, ein Manga in einen Fließtext umzuwandeln. In kurzen Sätzen und beinahe lapidar versetzen die Autoren ihre Leserschaft mitten in eine japanische Lebensrealität, die schmerzhafter und verletzender kaum sein könnte und die Protagonistinnen teilweise sogar in tiefste Depressionen stürzt, sofern sie sie nicht mit einer stoischen Langmut ausstattet, die man als ebenso abschreckend betrachtet. Parallel wandeln die Katzen in ebenfalls bedrohlichen Lagen durch ihre Reviere, verletzt, schwach, von stärkeren Katzen bedroht, des Nachwuchses beraubt, einsam – und doch stark genug, dem Leben zu trotzen; ein Vorbild für die Menschen mithin.</p>
<p>Beide Perspektiven eröffnen der Leserschaft neue Horizonte, in Bezug auf die Menschen insbesondere der nicht-japanischen und in Bezug auf die Katzen wohl so ziemlich allen. In Sachen Verhalten, Rituale, Gepflogenheiten und Emotionalität auf Seiten der Menschen sieht man sich oft Situationen ausgesetzt, die man schwer schluckend als gegeben hinnehmen muss. Schroffe Zurückweisung, abrupte Stimmungswechsel, das kennt man bereits, wenn man einige Animes guckte und sich über sprunghaftes Verhalten der Figuren wunderte. Dazu gehört auch, wie schnell die Figuren, hier menschlich wie tierisch, in Wut geraten, teils über Dinge, die man selbst anders lösen oder wenigstens gleichgültiger auf sie reagieren würde. Wenn es dann aber dazu kommt, dass eine von ihrem treulosen Gatten verlassene Frau bis zur Selbstaufgabe ihre aggressiven Schwiegereltern bis zu deren Tod pflegt, eine Frau als Einstellungsvoraussetzung mit dem Chef in spe zu schlafen hat oder ein Mann in einer Firma bis weit unterhalb der Grenze zur Leibeigenschaft ausgebeutet wird, er diese Firma heimlich verlässt und damit seinen Vater in Unehre stürzt und gegen sich aufbringt, ist man entsetzt.</p>
<p>Die Katzen haben ihre eigenen Probleme zu bewältigen, das schiere Überleben ist da stets das übergeordnete. Die erste Katze etwa sieht sich gleich zu Beginn bereits in den Himmel aufsteigen, bevor sie gerettet wird. Die Geburt des Nachwuchses stürzt eine Katze in lebensbedrohliche Zustände, die nur von der menschlichen Besitzerin und einem beherzten Arztbesuch abgewendet werden können. Das Verteilen der fünf Kinder auf die Nachbarschaft versetzt die Mutterkatze ebenfalls in emotionalen Trubel. Dann gibt es eine Boss-Katze, vor der alle Katzen des Reviers mindestens Respekt haben, und erst später wird jene ihrerseits Hauptfigur einer Episode und man erfährt von ihren eigenen Zweifeln.</p>
<p>Unerwarteterweise installieren die Autoren eine ganz besondere Figur im Zentrum der Katzen, nämlich den Hund John. Er ist alt und weise, hat eine große fürsorgliche Macht und erreichte den Frieden unter den Katzen, indem er deren Reviere sicherte. Sie suchen gern seine Gesellschaft, legen sich zu ihm vor seine Hütte und lauschen seinen philosophischen Erzählungen. Die auch ganz schön hart sein können: Er würde niemanden pflegen, der sich nicht auch um sich selbst kümmern könnte, sagt er, und kündigt damit eine Konsequenz an, mit der er vermeiden will, selbst einmal pflegebedürftig zu werden. Kurioserweise ist genau diese Episode auch die mit dem größten Humoranteil, der Dialog mit dem Streuner birgt eine Menge Witz. Zuletzt – so viel Spoiler sei gestattet – geht es für alle übriggebliebenen Beteiligten mindestens irgendwie weiter, meistens sogar positiv. Ein versöhnlicher, teils dennoch offener Ausgang für all die schicksalsgeplagten Wesen.</p>
<p>Sprechende, denkende, handelnde, kommunizierende Katzen speziell und Tiere allgemein kennt man in der Literatur bereits, und dennoch ist die Perspektive in diesem Buch etwas differenzierter. Obschon man das Innenleben von Katzen als menschlicher Autor ausschließlich mit einem menschlichen Blickwinkel und ganz viel Imagination abbilden kann, vermittelt das Buch den Eindruck von Recherche und Wissenschaft, von gut beobachtetem Katzenverhalten, das somit sogar noch lehrreich ist. Obschon man sich wundert, dass die Katzen – anders, als es das Titelbild suggeriert, sind sie übrigens überwiegend weiß – Milch zu trinken bekommen, nicht Wasser.</p>
<p>An mancher Stelle fällt es etwas schwer, den Dialogen oder den Perspektivwechseln zu folgen; da ist unklar, ob es am Original oder an der Übersetzung liegt. Darüber kann man aber verlustfrei hinweglesen. Am Ende liebt man Katzen in jedem Fall noch mehr und freut sich für die Menschen.</p>
<p>Das Buch heißt auf Englisch wie der nicht auf Deutsch erhältliche Film: »She And Her Cat«, was auch die korrekte Übersetzung von 彼女と彼女の猫 ist. Dem 1999 erschienenen fünfminütigen Film folgte 2016 eine vierteilige Anime-Serie mit dem Untertitel »Everything Flows«, parallel zu dieser Umsetzung die auch auf Deutsch erschienene Manga-Serie »She And Her Cat«, gezeichnet von Tsubasa Yamaguchi (山口つばさ). Autor und Regisseur Shinkai errang in Europa zuletzt berechtigte Aufmerksamkeit mit seinen großartigen Animes »Your Name.« – nur echt mit dem Punkt am Ende – und »Suzume«.</p>
<p><strong>Makoto Shinkai/Naruki Nagakawa: Das Geschenk eines Regentages</strong><br />
Deutsch von Dr. Heike Patzschke<br />
Fischer Taschenbuch 2025 | 256 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783596712793?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
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		<item>
		<title>Markus Thielemann: Von Norden rollt ein Donner</title>
		<link>https://www.wortmax.de/markus-thielemann-von-norden-rollt-ein-donner/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Matthias Bosenick]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 24 Mar 2026 13:33:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Moderne Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Markus Thielemann]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Roman »Von Norden rollt ein Donner« von Markus Thielemann ist eine Art Abbild dessen, was das Leben in der Heide ausmacht, kombiniert mit einer metaphysisch angereicherten Charakterzeichnung und einer bisweilen ins Poetische neigenden Erzählweise.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/03/von-norden-rollt-ein-donner.jpg" alt="" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16456" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/03/von-norden-rollt-ein-donner.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/03/von-norden-rollt-ein-donner-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Wer wie der Rezensent in der Lüneburger Heide aufzuwachsen gezwungen war, kann die bitteren Details in Markus Thielemanns zweitem Roman »Von Norden rollt ein Donner« bestätigen, und da vieles darin Beschriebene auf eine Weise in diese Schäferei-Geschichte eingebaut ist, dass man wie der hypersensible Hütehund mit der Nase darauf gestoßen wird, fallen einem die Ungeheuerlichkeiten wie Genickschläge zurück ins Bewusstsein. So ist das Buch eine Art Abbild dessen, was das Leben in der Heide ausmacht, kombiniert mit einer metaphysisch angereicherten Charakterzeichnung und einer bisweilen ins Poetische neigenden Erzählweise. Hermann Löns, die Heide brennt!</p>
<p>Jede Familie trägt wohl irgendein Ereignis mit sich herum, eine Schuld, eine Erbsünde, über die nicht gesprochen wird, die als allenfalls angedeutetes Geheimnis vage Schatten wirft, die aber das Verhalten der Verursachenden beeinflusst und die sich in die Erziehung der Nachkommen und deren Nachkommen einschleicht wie eine psychische Krankheit. So ergeht es Jannes, der gerade in die Erwachsenenwelt übergegangenen Hauptfigur in »Von Norden rollt ein Donner«. Seine Oma – bezeichnenderweise heißt sie wie die Kulturpflanze, die sein Leben bestimmt: Erika – kommt in ein Altenheim, seinem Opa Wilhelm haftet das Gestrige an, wohingegen dessen vergleichsweise progressiver Schwiegersohn, Jannes‘ Vater Friedrich, nach unbestimmten Untersuchungen mit Ergebnissen vom Nervenarzt zurückkehrt, über die zwar niemand spricht, die aber dazu beitragen, dass er auch von seiner Gattin Sibylle aus der Verantwortung herausgenommen wird.</p>
<p>Jannes‘ alte Freunde führen andernorts neue Leben, die einzigen verbliebenen Gemeinsamkeiten sind die Trinkveranstaltungen, zu denen sie sich gelegentlich und zusehends seltener via WhatsApp verabreden. In der Heide nahe Unterlüß geblieben und dann auch noch, wie seine Vorfahren, Schäfer geworden ist nur Jannes. Mit zwei Collies als Begleitung führt er haufenweise Heidschnucken durch die unendliche Lüneburger Heide – und begegnet immer wieder einer mystischen Frau, deren Erscheinung er als real empfindet, die sich alsbald indes als fiebriges Trugbild herausstellt und die, in Kombination mit den demenzbedingten vermeintlich wirren Äußerungen der Oma, auf ein katastrophales Familiengeheimnis hindeutet, dessen Schuld bis hin zu Jannes quer durch die Generationen unbewusst die Seelen peinigt.</p>
<p>Während Jannes nun glaubt, wie sein Vater einer Nervenkrankheit aufgesessen zu sein, und versucht, diese vor seiner Familie zu verbergen, findet ringsum das aktuelle Heideleben statt. Heißt hier: Es gibt eine diffuse, weil bisher unbegründete Angst vor dem zurückgekehrten Wolf, der mit den Heidschnucken die Existenzgrundlage der Bauern reißen würde, und gegensätzliche Haltungen dazu, auch innerhalb Jannes‘ Familie. Ein Team vom NDR dreht mit jener eine Reportage über die Schäferei, da kommt dies auch zur Sprache. Eine Bürgersprechstunde bringt die Positionen gegeneinander auf, Jannes‘ Vater greift die Anregung eines neuen Nachbarn auf und veranstaltet ein Osterfeuer, das den Wolf vertreiben und die Öffentlichkeit auf die Problematik aufmerksam machen soll. Und von Norden rollt ein Donner, der bisweilen auch von der Kampfmittelindustrie in der Nähe rühren könnte.</p>
<p>Die fiebertraumartigen Begegnungen mit Rose, jener mythischen Erscheinung, und Jannes‘ Versuche, hinter deren Botschaft zu kommen, bestimmen den Kern dieser Geschichte. Der Heidealltag und die Heidehistorie sind Randerscheinungen, die die Leserschaft mitnehmen muss, weil es Jannes eben nicht besser ergeht, und viele dieser Randerscheinungen sind äußerst unbequem. Einige so alltäglich wie überall, andere spezifisch auf die Gegend beschränkt.</p>
<p>Die Verehrung des nationalistischen und antisemitischen so genannten Heidedichters Hermann Löns ist da nur ein bitterer, aber naheliegender Aspekt, der indes an Bitterkeit zulegt, sobald der neue Nachbar ganz unverdächtig für Löns zu schwärmen beginnt – und Jannes beinahe beiläufig Insignien des Rechtsradikalen bei dem hilfsbereiten, freundlichen Neuheidjer ausmacht, etwa die Wolfsangel oder bestimmte Shirt-Aufschriften. Niemand in diesem Buch nimmt allerdings Anstoß daran, erkennt gar die Zeichen, obschon Jannes kurz eher neugierig als kritisch nachfragt, denn der Nachbar hütet sich, konkret zu werden, und greift vielmehr die ihm passende Grundstimmung der Gegend auf und verstärkt sie. Ausgerechnet dort, wo Hitlers Schergen das Konzentrationslager Bergen-Belsen betrieben, nisten sich zunehmend mehr rechtsoffene bis rechte Familien ein und unterwandern die Dörfer, das ist eine aktuelle Realität in der Heide, die im blaubraunen Rauschen aus dem Osten reichlich in den Hintergrund tritt. In diesem Buch allerdings auch, und man kann dem Autor dennoch abnehmen, dass er da kritischer ist als seine Protagonisten. Immerhin erspart er den Lesenden so die erwartbar aussichtslose Auseinandersetzung mit dem Rechtsbösen, das hätte hier den Rahmen auch nur gesprengt. Als unterschwellige Bedrohung schwingt es dennoch mit.</p>
<p>Wie so einiges ist dies ja ohnehin lediglich ein Randaspekt der Geschichte, und da beweist Thielemann in den Details eine erschreckend gute Ortskenntnis: Er weiß, wie es ist, in der Ödnis aufzuwachsen. Er weiß auch, wie es ist, wenn Heerscharen von Touristen einfallen und dem Hirten zu Leibe rücken; so etwas erlebte der Rezensent als Begleiter eines befreundeten Heidschnuckenschäfers selbst einmal. Fußball-Gucken in der CD-Kaserne in Celle, das strukturschwache militärische Umfeld im Süden der Heide und die Freizeitparkattraktionen in deren Norden, lokale Besonderheiten, Thielemann kennt sie, als sei er selbst Heidjer, ganz wie Jannes. Das historisch bedingte Thema Schuld ist ihm nicht minder fremd, nicht nur die während des Zweiten Weltkriegs angehäufte, sondern auch danach, als die Flüchtlinge aus den Ostgebieten in die Heide fielen und das fahrende Volk, wie es hier freundlich umschrieben ist, um das mit Z beginnende Wort zu vermeiden, das stattdessen zum Sprachgebrauch gehörte, den Heidebauern zum Feindbild wurde. Auch solche Geschichten hatte sich der Rezensent dereinst »von früher« anzuhören. Der Wolf ist da nun im Buch nurmehr ein Sündenbock, den man loswerden will wie eine drückende Erinnerung.</p>
<p>Der noch sehr junge Jannes ist ein sympathischer, besonnener, vernünftiger Mensch, mit dem sich zu identifizieren angenehm leicht fällt. So mäandert man mit ihm durch die Geschichte, die mit dem den Alltag begleitenden zunehmenden Wahn an Sogkraft zulegt. Zeitlich verankert ist die Handlung zehn Jahre vor Erstellung des Romans, also um 2014, und dauert einen Winter lang, bis hin zur nächsten Heideblüte. Man begleitet den Jungschäfer, und zwar gleichsam nahe, da man sein Innenleben miterlebt, wie distanziert, da Jannes die typische Orientierungslosigkeit der Jungadoleszenten inneliegt, mit der er die für ihn noch rätselhafte Welt des Erwachsenseins von außen betrachtet, sie aber mit einem souveränen Wertesystem meistert.</p>
<p>Thielemann beginnt Jannes‘ Reise auf eine Weise zu erzählen, die zunächst zeitlos wirkt, die auch zu Zeiten von Löns‘ Geburt hätte spielen können, in die dann noch vor Ablauf der ersten Seite der Geschützdonner des Kampfmittelherstellers bricht und die Lesenden zunächst verwirrt. Beinahe poetisch beginnt dieser Roman, und das Poetische behält Thielemann dezidiert eingesetzt bei, etwa in Landschafts- und Wetterbeschreibungen, selbst bei Schilderungen alltäglicher Verrichtungen, in denen der Autor einen Detailreichtum an den Tag legt, der seine Kenntnis unterstreicht und dennoch nicht langweilt, sondern das Gesamtbild anreichert. Als Kontrast dazu schildert Thielemann das Leben dort in einer zeitgenössischen Sprache, lässt die Figuren im Lokalkolorit kommunizieren, mit »wie« statt »als«, mit Einschüben von Heidjerplatt, mit – bereits 2014 – aktuellen Begriffen, Inhalten und Strömungen.</p>
<p>So begibt man sich mit Thielemann und Jannes zurück in die Heide, in die alte Heimat, oder für Fremde: in die Touristengegend, deren Blüte gefärbt ist wie ein Hämatom, wie Thielemann seinen Jannes feststellen lässt. Obschon Schuld über der Handlung schwebt, alte wie aktuelle, und obschon unschöne Realitäten Teil der Sache sind, gelingt es Thielemann, weder die Lönsfans zu bedienen, noch die Gegend und ihre Bewohnenden komplett zu zerlegen. Man sollte eben keinen Heimatroman erwarten, nur weil er in der Heide spielt. Die brennt ja ohnehin bereits.</p>
<p><strong>Markus Thielemann: Von Norden rollt ein Donner</strong> | Deutsch<br />
C.H.Beck 2025 | 287 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783406837364?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Ian Rankin: Puppenspiel</title>
		<link>https://www.wortmax.de/ian-rankin-puppenspiel/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Matthias Bosenick]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Aug 2025 15:24:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Genreliteratur]]></category>
		<category><![CDATA[Ian Rankin]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wenn man von einem Autor zum ersten Mal in dessen Stammkneipe erfährt, legt man sich daheim aus Neugier mal ein Buch von ihm zu. Im Falle von Ian Rankin aus Edinburgh fiel dies erschütternd langweilig aus, na gut, gibt’s halt eine zweite Chance.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/08/puppenspiel-vb.jpg" alt="" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16210" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/08/puppenspiel-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/08/puppenspiel-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Wenn man von einem Autor zum ersten Mal in dessen Stammkneipe erfährt, legt man sich daheim aus Neugier mal ein Buch von ihm zu. Im Falle von Ian Rankin aus Edinburgh fiel dies erschütternd langweilig aus, na gut, gibt’s halt eine zweite Chance: Das 2002 auf Deutsch erschienene »Puppenspiel« aus der Reihe um Rankins Inspektor John Rebus soll’s richten, schafft dies aber auch nicht. Eine in den Grundzügen interessante Geschichte bekommt eine Ausdehnung auf über 600 Seiten, gestreckt mit entsetzlicher Langeweile.</p>
<p>Hier ist die Art, wie ich 2019 erstmals von Ian Rankin hörte, spannender als das Buch: Anfang der Nuller ersteigerte ich bei einem eBay-Nutzer eine CD nicht. Damals war Paypal noch nicht etabliert und waren US-Importe daher nahezu unerreichbar. Ich mailte deshalb den Verkäufer an, ob er das Album – von Les Claypools Fearless Flying Frog Brigade – zufällig nochmal im Bestand habe, und er antwortete, dass sein Schwager demnächst in die USA reisen würde und mir dieses und das zweite Album mitbringen könnte. Was auch geschah. Zum Austausch trafen sich der jüngst nach Hamburg verzogene Verkäufer Olli und ich uns in seiner Heimatstadt Celle und verabredeten aus dem Stand, dass wir uns kurz darauf in Hamburg zum Konzert der Band (!) treffen würden. Der Beginn einer Freundschaft, die 2019 darin mündete, dass Olli und ich zusammen nach Edinburgh reisten, weil wir im benachbarten Glasgow die neuseeländische Band Shihad sehen wollten. Olli aktivierte noch seinen Rugby-Freund Bill, der mit uns kommen würde und uns außerdem an den anderen Tagen durch Edinburghs Pubs schleuste. So auch ins Ox, die Oxford Bar, in der Bill uns offenbarte, sie sei das Stammpub von Ian Rankin. Von wem?</p>
<p>Mein erster Versuch mit dem Autor war »Die Kassandra Verschwörung«, nur echt ohne Bindestrich, das Rankin 1993 als »Witch Hunt« und unter dem Pseudonym Jack Harvey veröffentlicht hatte. Mehr, als dass es ein ausnehmend zähes Leseerlebnis war, blieb davon nicht hängen. Nun also als neuer Versuch der Gelegenheitsfund »Puppenspiel«, im Original »The Falls«, nach einem der Handlungsorte, von dem zu erwarten steht, dass es, da einige Jahre später verfasst, mögliche Anfängerschwächen überwunden habe. Hat es nicht, sondern sie vielmehr etabliert.</p>
<p>Ausgangslage ist, dass sich die Spur einer jungen Frau zwischen ihrem Zuhause und der Verabredung mit Freunden verliert und dass der stinkreiche Vater sofort die Polizei einschaltet, weil er ein Verbrechen wittert. Da sich aber wahrhaftig alle Spuren verloren haben und sich nicht mal ein Verbrechen überhaupt ausmachen lässt, treten die Ermittler auf der Stelle. Mit zwei Ausnahmen: Auf dem Laptop der Verschwundenen lassen sich wortwörtlich rätselhafte Emails rekonstruieren, die sie mit jemandem namens Quizmaster austauschte. Und im abgelegenen Heimatflecken der jungen Frau findet eine Künstlerin sofort einen kleinen Holzsarg mit einer Puppe darin, was den findigen Inspektor mit dem sprechenden Namen Rebus auf die Idee bringt, diesen Fall mit älteren Fällen von gefundenen Minisärgen und verschwundenen oder verstorbenen Frauen sowie mit einem Dutzend historischer Sargfunde in Verbindung zu bringen. Muss er wissen.</p>
<p>Das Buch ist über 600 Seiten dick. Es braucht 200 Seiten bis zum ersten Toten, und der stirbt eines natürlichen Todes. Erst nach 300 Seiten wird aus der orientierungslosen Vermisstensuche ein konkreter, aber kaum weniger orientierungsloser Mordfall. Der Rest dazwischen und danach sind Herumgeeiere, Herumgeassoziiere und Herumgejammere. Den Showdown reißt Rankin in nur zehn bis 20 Seiten ab, und das, obwohl es sich sogar noch um einen zweifachen handelt. Man könnte das Buch zusammenfassen mit dem Eintrag, der laut Douglas Adams im »Anhalter« unter dem Stichwort Erde zu finden ist: größtenteils harmlos.</p>
<p>Wir bewegen uns im Jahr 2001, als Mobiltelefone, Email und mobiles Internet noch nicht jedem zugängliche Zauberphänomene waren, und Rankin erweckt den Eindruck, als gehöre er selbst zu denen, die keinen Einblick in die Materie haben. Kostenlose Emails gibt es seit den Neunzigern, und er lässt die Polizisten sich wundern, dass der Absender wechselnde Adressen nutzt, ganz abgesehen davon, dass die Ermittler nicht mal selbst jeder einen Mailaccount haben. Emails, so lässt Rankin wissen, können, ähnlich wie Mobiltelefonnummern, nicht zurückverfolgt werden, weshalb die Kripoleute delirierend umhertaumeln, anstatt ihren Job zu machen. Später im Buch ist »der Geheimdienst« dann doch dazu in der Lage, Absender auszumachen, und man fragt sich, warum dieser Service nicht von Anfang an in Anspruch genommen wurde, schließlich drückt mit dem Vater der Verschwundenen ein einflussreicher Bänker auf die Tube. Aber irgendwie muss man ja auf 600 Seiten und trotzdem zum Ziel kommen.</p>
<p>Ähnlich mit spitzen Fingern schreibt Rankin über Subkulturen und Angehörige sozialer Randbereiche, als wären sie ihm selbst verschlossen, als sei er ein Fremdkörper in seiner eigenen Geschichte, anstatt dass er seine Leserschaft von mitten aus diesen Gesellschaften heraus mitnimmt. In D&#038;D- und sonstige Rollenspieler mag er sich nicht hineinversetzen, und auch seine Ermittler lässt er wie Ochsen vorm Scheunentor agieren, sobald sie mit ungewöhnlichen Welten in Kontakt treten, obschon man davon ausgehen darf, dass insbesondere Kriminalpolizisten so ziemlich jeden Scheiß schon mal gesehen haben dürften. </p>
<p>So weltfremd tappen alle Beteiligten durch den Fall, der das halbe Buch über erstmal gar keiner ist. Immerhin finden sie Hilfe bei zwei externen Fachleuten, nämlich einem pensionierten Pathologen mit dem abermals halbwegs sprechenden Namen Devlin und einer Museumsmitarbeiterin, die dann gleich Rebus‘ neue Geliebte wird, wie praktisch. Ebenso entsetzlich praktisch ist die Rolle von Devlin, aber das sei hier erstmal nicht gespoilert.</p>
<p>Einerseits lässt sich Rankin seitenweise über Nebenthemen aus, etwa dem Umgang der Polizei mit der Presse, und offenbart aber gleichzeitig andererseits, dass er davon eigentlich doch nicht so recht die Ahnung haben kann, denn in der Realität dürften sich die Machtverhältnisse teilweise anders darstellen. Ebenso, sobald es zu Verhören kommt: Das Gestümper der Polizei ist erbärmlich, gleichermaßen abgebildet in vielen Dialogen, in denen eine Figur eine Erkenntnis mit einer anderen teilen will, um ein Ergebnis zu erzielen, und sich dann jedes Mal auf ein sinnloses Zerfasern des Gespräches einlässt, nur damit das Buch noch einige weitere hundert Seiten dauern darf.</p>
<p>So betulich stellt Rankin auch seinen Helden dar, der als Querkopf gilt, der ständig in Kneipen herumhängt und irrwitzigen Ideen folgt, die dann in der Regel auch noch zutreffen. Warum man ihm dann allmählich nicht gleich den richtigen Riecher zutraut und ihn ungebremst machen lässt, weiß der Autor, der dieses Konzept hier schließlich zum bereits zwölften Mal anwendet. In diesem Falle kramt Rebus nach Auffinden des ersten Mini-Sarges ganze vier vergleichbare Fälle aus den zurückliegenden 30 Jahren zusammen, die sich quer über ganz Schottland ereigneten und die trotzdem ganz ganz zufällig genau jetzt direkt in Rebus‘ Kreisen zusammenlaufen. Hat er doch wieder Recht gehabt, der Schlingel! Und auch nicht, denn der Quizmaster hat damit nix zu tun. Wie wird man nun dessen habhaft? Indem man sich als Polizistin auf sein Spiel einlässt und versucht, seine Rätsel zu lösen, anstatt ihn via Provider einzukreisen, natürlich.</p>
<p>Als Füllstoff dichtet Rankin allen Personen Biografien an. Allen. Ausführliche. Banale. Beliebige. Bis in die dritte Nebenebene. Insbesondere Rebus hat an »alten Geistern« zu knabbern, die er fortwährend in Alkohol zu ertränken versucht, übrigens seinerseits im Ox, muss ja. Da hat Henning Mankell echt was angerichtet, als er seinen Kurt Wallander ab 1991 in die Verzweiflung stürzte und einen Gescheiterte-Ermittler-Trend lostrat. Diesen Kniff wenden zwar unzählbare Autoren an, aber es gibt darunter auch einige, denen es gelingt, damit nicht zu langweilen, etwa Ben Aaronovitch mit seinem Peter Grant in »Die Flüsse von London« oder sogar Jussi Adler Olsen mit Carl Mørck in der »Sonderdezernat Q«-Reihe – möglicherweise greift bei Rankin die Kombination aus dem Eindruck von Fremdeln im eigenen Revier und seiner tiefgreifenden Humorbefreiung. Immerhin kennt er sich in seiner Heimatstadt ganz gut aus und lässt dies die Leserschaft auch dringendst wissen, indem er darüber weiteren Füllstoff einfließen lässt.</p>
<p>Kurioserweise generiert Rankin Situationen, die das Potenzial haben, spannend zu werden, brenzlig, knifflig – und lässt sie stets und immer in nichts verpuffen. Keine Action, keine Gefahr, nichts, nicht mal der Doppel-Showdown strahlt Bedrohlichkeit aus, zumal Rankin ihn auch so hoppladihopp abhandelt, als wolle er die Cosy-Leserschaft nicht in Alpträume stürzen. Stattdessen erfindet er Animositäten zwischen den Polizisten m/w/d, inklusive übergriffigem Knutschen und absurd schwachen Charakteren. Gossip statt Thrill.</p>
<p>Erzählerisch fußt einfach zu viel auf Zufällen: Die Särge der vier alten Fälle sind noch auffindbar, Akten dazu ebenfalls, und es gab tatsächlich nur diese exakt vier Fälle, die Rebus nur durch einen Geistesblitz überhaupt zusammenbringt, und nicht etwa noch unzählbare mehr, die die Behörden schlichtweg aufgrund ihrer Banalität gar nicht publik machten, nein, exakt vier, alle paar Jahre mal einer, und Rebus bringt sie nicht nur zusammen, sondern auch noch nach Jahrzehnten den Täter zur Strecke, von dem keiner ahnte, dass er existiert, weil man die Fälle nicht für Straftaten hielt, und dessen Motivation zu allem Übel nicht eben schlüssig ist. Und was war jetzt mit diesem deutschen Touristen?</p>
<p>Eine weitere erzählerische Schwäche ist es, dass Rankin vermeintlich folgenreiche Gedanken nicht ausformuliert, sondern mit drei Punkten andeutet. Zusätzliche sprachliche Merkwürdigkeiten dürften dem Übersetzer Christian Quatmann oder dem Verlag anzulasten sein: Rebus siezt hier seine neue Vorgesetzte, obwohl er mal was mit ihr hatte. Der Titel hat mit dem Inhalt nur am Rande zu tun. Und dann deutscht Quatmann englische Wörter ein, anstatt sie als feststehende Begriffe bei der Leserschaft als bekannt vorauszusetzen oder wenigstens zu erläutern, was den Eindruck verstärken würde, sich tatsächlich in Edinburgh zu bewegen und nicht in sarenwama Darmstadt. Jugendliche lässt er im Park »Apfelwein« aus Dosen trinken, darüber hätte sich Heinz Schenk sicherlich gefreut, nicht aber jeder, der ahnt, dass es sich dabei um Cider handeln müsste. Stets ist die Rede von Kneipen statt von Pubs, also bitte. D&#038;D, also Dungeons &#038; Dragons, übersetzt er allen Ernstes als »Drachen und Degen«. Wenn Rebus hingegen bei der Beerdigungsfloskel »Asche zu Asche« an David Bowie denken muss, wird nur denen, die dessen Song »Ashes To Ashes« kennen, der Zusammenhang klar. Die Rätseltexte hingegen lässt Quatmann auf Englisch, gottlob. Hier wird nicht so richtig klar, was der Verlag der Leserschaft zutraut und was nicht. Und – auf das Gälische Prost gehört ein Akut: »Sláinte«, das weiß jeder Touri.</p>
<p>Das mit der Popmusik ist ohnehin so ein Spleen von Rankin, der so gar nicht ins ansonsten so Betuliche passen will. Ständig lässt er die Figuren über Mucke quatschen und Rebus irgendwelche Platten auflegen. Ist ja nett, weil das auch in der Realität für manche Leute zum Alltag gehört, bleibt aber bis auf wenige Ausnahmen an einer gefälligen Oberfläche. Zumindest aus der Perspektive von Kontinentaleuropäern gibt es Ausnahmen, denn auf den Inseln sind Musiker, die hierzulande zum Untergrund gehören, bisweilen Mainstream, etwa Mark E. Smith oder Declan MacManus, nach dem Rankin ernsthaft eine der Figuren benennt, inklusive dem Hinweis, dass der ja heiße wie Elvis Costello in echt. Auch andere Namen schottischer Musiker tauchen hier auf, so heißt Rebus‘ neue Flamme mit Nachnamen Burchill, wie der Gitarrist der Glasgower Simple Minds.</p>
<p>Warum bleibt man dann trotzdem dran? Vermutlich, um herauszufinden, was es denn nun mit allem auf sich hat und wie es zur Lösung kommt. Aber das lohnt sich nur so bedingt. Ein wenig, weil man heute quasi in eine Art Technikmuseum blickt, in dem etwa die Rede von längst vergessenen WAP-Handys ist. Mag man sich gar nicht ausmalen, wie die anderen Fälle mit Rebus seit 1987 so sind. Mehr als solche verfasst Rankin ja kaum. Erst im vergangenen Jahr kam mit »Midnight And Blue« der 25. Rebus-Krimi heraus, in Deutschland indes noch nicht. Kleine Peinlichkeit zum Schluss: Auf den Buchrücken schrieb der Manhattan-Verlag seinerzeit »Von Englands Krimiautor Nr. 1«, was dem Schotten gehörig den Whisky aus dem Blut getrieben haben dürfte. Kann man ihn im Ox ja mal fragen.</p>
<p><strong>Ian Rankin: Puppenspiel</strong> | Deutsch von Christian Quatmann<br />
Goldmann 2004 | 640 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783442456369?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
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		<title>Luz, Despentes: Vernon Subutex II</title>
		<link>https://www.wortmax.de/luz-despentes-vernon-subutex-ii/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Matthias Bosenick]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 14 Aug 2025 06:07:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Graphic Novel & Comic]]></category>
		<category><![CDATA[Luz]]></category>
		<category><![CDATA[Virginie Despentes]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>»Vernon Subutex II« von Luz und Virginie Despentes generiert ein schwarzes Loch in der Seele der Lesenden, das man fortan mit sich herumträgt und das einiges an Kraft abverlangt, sich auf die anderen Aspekte des Buches zu fokussieren.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/08/vernon-subutex-II-gn-vb.png" alt="Luz, Despentes: Vernon Subutex II" title="Luz, Despentes: Vernon Subutex II" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16202" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/08/vernon-subutex-II-gn-vb.png 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/08/vernon-subutex-II-gn-vb-480x225.png 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Bitterste Ernüchterung stellt sich nach der Lektüre des zweiten Teils der Comic-Version von Virginie Despentes Romantrilogie <a href="https://www.wortmax.de/virginie-despentes-das-leben-des-vernon-subutex/">»Das Leben des Vernon Subutex«</a> ein: Die sich vermeintlich im Wandel zum Schönen befindliche Chaoswelt des Titelhelden kommt nicht ohne Abgrund aus, Charlie-Hebdo-Zeichner Luz und die Autorin sorgen im Abschluss der Geschichten für den größtmöglichen Kater. »Vernon Subutex II«, anders als bei den Romanen bereits nach zwei Ausgaben der Schlusspunkt, ist wahrhaftig kein Märchen. Das Böse gewinnt, für die Guten bleibt nur die Illusion einer mit Ach und Krach lebenswerten Nische. Erschütternd.</p>
<p>Es geht so märchenhaft los: Um den in Paris obdachlos lebenden Vernon Subutex herum sammeln sich <a href="https://www.wortmax.de/luz-despentes-vernon-subutex/">im ersten Teil</a> eine Menge Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, so gegensätzlich wie die politischen, religiösen, sexuellen, künstlerischen, finanziellen und sonstigen Ansichten und Lebensweisen, denen die Figuren entspringen, und zu Beginn des zweiten Bandes etablieren sie eine Schicksalsgemeinschaft, der man als Lesender gern ebenfalls angehören würde. Hier herrschen Empathie, Vergebung, Akzeptanz, Weiterentwicklung, Reflexion, Zusammenhalt, und das so intensiv, dass diese kritische und skeptische Gruppe sogar für einen geläuterten Ex-Nazi offen ist. Das Paradies, ausgelebt mit Tanzpartys und mit Reisen an Strände, hippiesk und traumhaft.</p>
<p>Doch ist auch diese Gruppe nicht davor gefeit, dem Bösen ausgesetzt zu sein, intern wie extern. So kriecht alsbald Gevatter Wurm in diesen frischen Apfel und lässt ihn bitterlich verrotten. Jener Nazi etwa bekommt von seinen früheren Gefolgsleuten auf tödliche Weise gezeigt, was es bedeutet, sich von ihnen abzuwenden – eine Erschütterung, die dem Paradies die Farben trübt, obschon sich noch während der Beisetzung die Freundin des Verstorbenen der Vernon-Gruppe anschließt, sich also dennoch Raum für Gutes zeigt. Als nächstes stirbt ein Obdachloser eines natürlichen Todes, hinterlässt unerwarteterweise einen gigantischen Lottogewinn und verführt seine bestenfalls von ihm geduldete Witwe dazu, den Freundeskreis um den Segen zu betrügen. Zersetzung setzt ein.</p>
<p>Tja, und dann wollen sich zwei junge Frauen aus dieser Menschengruppe an einem Regisseur dafür rächen, dass er die Mutter der einen in den Tod getrieben haben soll, und zwar, indem sie ihm ihre Vorwürfe auf seinen Rücken tätowieren. Und fortan im Untergrund leben müssen. Gewalt erzeugt Gegengewalt, es entwickelt sich eine Spirale, deren Finale den im Verwesen begriffenen Apfel mit einem Streich vom Antlitz der Erde fegt. An diesem Punkt der Handlung wünscht man sich, sich verlesen oder, sobald man feststellt, dass dies nicht der Fall ist, die Lektüre vorher abgebrochen zu haben, so kann es doch nicht weitergehen, das kann doch nicht das sein, wie diese Utopie verläuft. Ist es aber. Es ist eben kein Märchen, in dem David den Goliath besiegt. Goliath behält die Oberhand.</p>
<p>»Vernon Subutex II« generiert ein schwarzes Loch in der Seele der Lesenden, das man fortan mit sich herumträgt und das einiges an Kraft abverlangt, sich auf die anderen Aspekte des Buches zu fokussieren. Davon gibt es unzählige, denn das, was am ersten Comic bereits so gelungen war, setzt Luz auch hier fort. In seinem zwar unklaren, aber dennoch feinen Stil assoziiert sich Luz optisch durch den Inhalt, dass es eine Freude ist und man den Gedanken, den man bereits beim Lesen des ersten Comics hatte, erneut aufgreift: Wie konnte Despentes verschriftlicht haben, was Luz optisch darstellt? Wenn aus den Adern einer Hand ein Stadtpark mit Bäumen wird, hinter denen eine Person hervortritt: Wie geht das ausformuliert? Oder wenn sich der gepeinigte Regisseur die Anklagen mit Drachen übertätowieren lässt und sich das, was er die Leserschaft als inneren Monolog wissen lässt, in den Dekorationen des Tattoostudios wiederspiegelt? Oder wie der Soundtrack, den der Star-DJ Vernon auf seine Feiermeute loslässt, exakt die parallel verlaufenden Geschehnisse kommentiert? »Tattooed Man« von Coil ist da nur das offensichtlichste Beispiel. Von fast filmartigen Überblendungen und je nach Stimmung monochromer Farbgebung ganz abgesehen.</p>
<p>Despentes lässt wissen, dass sie für diesen zweiten Comicband zusammen mit Luz die Geschichte von Vernon Subutex überarbeitete. Ohne Kenntnis der Romanvorlage kann man nur raten: Die relativ direkten Analogien zum islamistischen Attentat auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo, dem Luz alias Rénard Luzier entging, weil er nicht vor Ort war, hätten sich in den erst knapp danach erschienenen Büchern durchaus bereits niedergeschlagen haben können, doch wirkt es hier wie eine – nach zwei Graphic Novels zum Thema – erneute Verarbeitung der Geschehnisse, die Luz in den Ablauf integriert. Wie überhaupt das von Anschlägen geschüttelte Frankreich – das Bataclan wuchert hier deutlich durch – mit den gesellschaftlichen Folgen aus diesem Buch nicht herauszunehmen ist. Klar ist jedenfalls, dass der zweite und dritte Roman hier zu einem einzelnen Comic komprimiert sind.</p>
<p>Angst überwiegt, da kann der Nachlass des zu Beginn der Geschehnisse verstorbenen Musikers Alex Bleach ein tröstlicher Soundtrack sein, so denn Vernon den ihm überlassenen USB-Stick dereinst auch außerhalb seiner DJ-Sets öffentlich machen würde. Doch das wie das Berichten über die Ereignisse überlässt er anderen, da spielen die bereits aus »Apokalypse Baby« bekannte ambivalente Privatdetektivin Hyäne und Despentes selbst eine wesentliche Rolle. Irgendwie möchte man das zweite dicke Buch hoffnungsvoll beiseitelegen, und irgendwie gelingt es dem Autorengespann sogar, ein solches Gefühl unter dem tonnenschweren Ballast der Welt hervorkriechen zu lassen. Zufriedenstellend ist das nicht im Vergleich zu den Verlusten, die man zu beklagen hat. Am Ende wiegt das ohnehin tonnenschwere Buch mindestens doppelt.</p>
<p><strong>Luz &#038; Despentes: Vernon Subutex II</strong> | Deutsch von Lilian Pithan &#038; Claudia Steinitz<br />
Reprodukt 2024 | 368 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783956403903?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
<p><a href="https://www.graff.de/shop/item/9783956403903?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank"><img decoding="async" src="https://www.graff.de/affiliate/qrcode/oQBpG59Pt0GhCE6U" /></a></p>
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		<title>Craig Thompson: Tagebuch einer Reise</title>
		<link>https://www.wortmax.de/craig-thompson-tagebuch-einer-reise/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Matthias Bosenick]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 08 Jul 2025 07:51:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Graphic Novel & Comic]]></category>
		<category><![CDATA[Craig Thompson]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das »Tagebuch einer Reise« von Craig Thompson dokumentiert eine 2004 vollzogene Signier- und Recherchereise des US-Autoren nach Europa und Nordafrika, erzählt also nicht unmittelbar eine Comic-Geschichte, sondern bildet den Zeitverlauf mit seinen Ereignissen ab - und das wankelmütige Innenleben des reflektierten Zeichners.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/07/tagebuch-einer-reise-vb.jpg" alt="Craig Thompson: Tagebuch einer Reise" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16175" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/07/tagebuch-einer-reise-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/07/tagebuch-einer-reise-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Betrachtet man die Zeichnungen in diesem wahrhaftigen »Tagebuch einer Reise«, kann man sich gar nicht vorstellen, dass ihr Ersteller Craig Thompson an ihnen lediglich jeweils einen Tag gearbeitet haben soll, so fein ausgearbeitet sind sie, bisweilen Kunstwerken gleich. Dieses Tagebuch dokumentiert eine 2004 vollzogene Signier- und Recherchereise des US-Autoren nach Europa und Nordafrika, erzählt also nicht unmittelbar eine Comic-Geschichte, sondern bildet den Zeitverlauf mit seinen Ereignissen ab – und das wankelmütige Innenleben des reflektierten Zeichners. Es lohnt sich hier die Neuauflage mit den Bonus-Seiten.</p>
<p>Für den Kontext: Thompsons zweites Buch, sein eigentlich erstes richtig großes nach dem Auftakt <a href="https://www.graff.de/shop/item/9780375714764?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">»Good-Bye, Chunky Rice«</a> 1999, ist gleich ein weltweiter Erfolg: Die autobiografische Graphic Novel <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783956403972?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">»Blankets«</a> des damals 28jährigen US-Amerikaners verzaubert ab 2003 die Herzen, in Stil und Inhalt. Was für ein begabter Zeichner Thompson ist! Seine Panels bilden nicht einfach die Geschichte ab, sie sind selbst Gesamtbilder; dieses Stilmittel vertieft er 2011 noch in <a href="https://www.graff.de/shop/item/9780571241323?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">»Habibi«</a>, für das er in Marokko recherchiert, was man hier im »Tagebuch einer Reise« nachverfolgen kann. Denn eigentlich befindet sich Thompson mit »Blankets« ja in Europa auf Signierreise, nutzt aber die Zeit, um eine Stippvisite übers Mittelmeer in seine Reisepläne zu integrieren.</p>
<p>In der Detailfreude seiner Zeichnungen offenbart sich Thompson als guter Beobachter, der das für ihn Fremde in Europa und Marokko mit einem offenen Blick auf den Punkt erfasst und wiedergibt. Man kann sich als Betrachtender in seinen Skizzen verlieren, so ausgearbeitet und reichhaltig fallen sie aus. Bäume und Katzen, so lässt er wissen, sind seine Lieblingsmotive, und man möchte Gebäude hinzufügen, von französischen Kathedralen bis marokkanischen Siedlungen. Allein für die Standbilder, die Momentaufnahmen, die Schlaglichter lohnt sich schon die Anschaffung dieses Buches, weil Thompson mit ihnen mehr generiert als eine narrative Abfolge von Sequenzen, sondern eigenständige Illustrationen, die man sich auch losgelöst an die Wand hängen mag.</p>
<p>Dennoch sind diese Kunstwerke hier Teil eines weiter gefassten Inhalts, und der besteht aus den Eindrücken, Beobachtungen, Ereignissen, Rechercheergebnissen, Dialogen und inneren Monologen, die Thompson zwischen Frankreich, Marokko und weiteren europäischen Ländern ereilen. Dabei zeigt er sich auch inhaltlich so aufmerksam und respektvoll, wie er es in seinen Zeichnungen ausdrückt, bis hin zu der sympathischen Selbstoffenbarung, dass er als Nutznießer des vergleichsweise minderwertigen US-Bildungssystems von vermeintlich einfachen physikalischen Gesetzmäßigkeiten keine Ahnung hat, die Europäern hingegen sonnenklar sind.</p>
<p>Das Narrative dieses Tagebuchs liegt darin, dass Thompson in chronologischer Abfolge zeichnerisch berichtet, womit er seine Zeit verbringt. Zumeist sind dies, zumindest in Europa, Begegnungen und Treffen mit wahlweise Verlagsmitarbeitenden oder Freunden, in Marokko hingegen mit Einheimischen und anderen Touristen. Jede Begegnung bringt neue Geschichten und Reflexionen mit sich. Aufs Zeichnerische allein verlässt er sich indes nicht, sondern bringt viele Inhalte in Textblöcken unter. Dazu gehören – wie bei »Blankets« und später auch bei <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783956404344?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">»Ginsengwurzeln«</a> – neben philosophischen Exkursen auch seine eigenen Emotionen, Depressionen, Zweifel und weitere autobiografische Details. Insbesondere die selbstanalytischen Aspekte verleihen nicht nur dem Buch, sondern auch dem Autoren eine Tiefe, die ihn umso vertrauenswürdiger macht. Bis auf die Sache mit der Freundin, die ihm abhandenkommt: Seine Weinereien, wenn er Frauen kennenlernt, die vergeben sind, weil dann mit ihnen nichts läuft – und damit meint er netterweise eher Beziehungen als Bettgeschichten –, sind etwas sehr drüber und stoßen irgendwann sogar ab. Aber er zieht das nicht das komplette Buch lang durch, gottlob, und hat ja mehrheitlich andere Schwerpunkte.</p>
<p>Ursprünglich erschien »Tagebuch einer Reise« in den USA bereits 2004, aber in der 2021 nachgereichten Neuauflage mit rund 30 Bonus-Seiten fügt Thompson Details zur Entstehungsgeschichte des Buches sowie weitere Positionen der Reise hinzu. Man erfährt, dass Thompson den Vertrag über dieses Buch so vereinbarte, dass es quasi noch vor Ablauf der Reise in den Druck zu gehen hatte, deshalb ist das ursprüngliche Ende etwas abrupt.</p>
<p>Was nun aber Thompsons Selbstzweifel angeht, so stehen ihm nach Abschluss dieser Reise noch erheblichere bevor: »Habibi« ereilt zwar einige Achtung, aber sein wagemutiges Weltraumabenteuer »Space Dumplings« fällt 2015 bei allen durch, Kritikern wie Lesenden, weshalb er sich zunächst aus dem Geschäft zurückzieht. Und bald das nächste Mammutprojekt startet, denn an den in den USA in zwölf Einzelbüchern plus Bonus erschienenen »Ginsengwurzeln«, eine Mischung aus Autobiografie und Reprotage, arbeitet er von 2019 bis 2024.</p>
<p><strong>Craig Thompson: Tagebuch einer Reise</strong> | Deutsch von Matthias Wieland<br />
Reprodukt 2021 | 256 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783956402715?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
<p><a href="https://www.graff.de/shop/item/9783956402715?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank"><img decoding="async" src="https://www.graff.de/affiliate/qrcode/oQBpG59Pt0GhCE6U" /></a></p>
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		<title>Wolf Haas: Eigentum</title>
		<link>https://www.wortmax.de/wolf-haas-eigentum/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Matthias Bosenick]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 May 2025 14:45:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Moderne Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Wolf Haas]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>So richtig ein Roman ist »Eigentum« nicht. Das zeichnet die Bücher des Österreichers Wolf Haas ja ohnehin aus, dass sie allesamt von gewöhnlicher Literatur abweichen, und auf »Eigentum« trifft dies noch mehr zu: Es scheint vielmehr eine Fingerübung zu sein, in Sprache, in Textstruktur, in Assoziation und in Psychologie.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/05/eigentum_vb.jpg" alt="Wolf Haas: Eigentum" title="Wolf Haas: Eigentum" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16132" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/05/eigentum_vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/05/eigentum_vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>So richtig ein Roman ist »Eigentum« nicht. Das zeichnet die Bücher des Österreichers Wolf Haas ja ohnehin aus, dass sie allesamt von gewöhnlicher Literatur abweichen, und auf »Eigentum« trifft dies noch mehr zu: Es scheint vielmehr eine Fingerübung zu sein, in Sprache, in Textstruktur, in Assoziation und in Psychologie. Die Freude an der Form überwiegt hier über die am Inhalt, da darf man sich keinen Illusionen hingeben. Aber Freude, die hat man bei der Lektüre dieses Buches durchaus, denn selbst Fingerübungen meistert Haas mit Bravour.</p>
<p>Wie viel Autobiographie in »Eigentum« wahrhaftig zu finden ist, ist für den Genuss des Buches zweitrangig. Obschon man dem Autoren wünscht, mit dem nahenden Tod seiner Mutter nicht ganz so abgeklärt umzugehen wie der Ich-Erzähler, der hier ebenfalls Wolf Haas heißt. Denn dieses anstehende Ableben seiner Mutter nimmt Erzähler Haas hier zum Anlass, ihre und seine eigene Biographie in Einklang zu bringen. So lässt er sie in ihrem Originalton zu Wort kommen, ebenso in Ich-Form verfasst wie die Gedanken des Erzählers, was anfänglich etwas verwirrt. Der will nun versuchen, ihre Geschichte abzubilden, bevor sie stirbt, und schreibt quasi gegen die Zeit an. Selbst daraus generiert Krimifachmensch Haas jedoch keine vordergründige Spannung, weil sein erzählerischer Schwerpunkt eben eher ein formaler ist. Man begleitet ihn also vorrangig beim Anwenden seiner Mittel und bekommt nebenbei etwas erzählt.</p>
<p>Wiederholung ist das Mittel, dass Haas hier elementar anwendet. Der Erzähler borgt es sich bei seiner Mutter aus, das macht er transparent; man bekommt gleich von ihm berichtet, dass sie fortwährend einzelne Aspekte zum Dreiklang wiederholte, und zusätzlich in den Originaltönen der Mutter eine Erzählweise kredenzt, die ohne Stringenz um die Bestandteile herumeiert, Fäden legt, verwirrt, wieder aufgreift und allmählich weit genug ausrollt, um ihnen folgen zu können. Der Ich-Haas selbst assoziiert um die Fäden der Mutter und seine eigenen Gedanken herum, die sich um sein Leben, seine Vergangenheit und seine Aufgaben drehen, und flicht so ein Netz aus wiederkehrenden Bildern, Motiven, Zitaten, das beinahe eine Art Schablone bildet, die man quasi über die Seiten des Buches legen kann und dann Deckungsgleichheiten ausmacht. Darin liegt die größtmögliche Kunst des Autoren: diese Muster im eigenen Erzählen überhaupt selbst auszumachen und sie erzählerisch zu verstärken und sinnvoll zu verbinden.</p>
<p>Sicherlich lässt Haas hier auch Humor zu, den schwarzen zuvorderst, angesichts des Themas nicht so verwunderlich, doch ist Humor nicht der Schwerpunkt von »Eigentum«, auch wenn man sich über die frechen, gleichmütigen Kommentare des Erzählers zu seiner Mutter mindestens wundert, wenn nicht gelegentlich über die lacht; die Frage, ob sein Verhalten angebracht ist, stellt sich der Erzähler selbst. Doch eigentlich ist ihre Geschichte eher tragisch: Beinahe stoisch scheint die Mutter durch ihr Leben marschiert zu sein, von familiärer Armut zu dem Willen befeuert, mit Fleiß aus dieser Armut zu entkommen, um – daher der Titel – endlich zu Eigentum zu gelangen, doch das gelingt ihr erst im Alter von über 90 Jahren, nämlich mit ihrer Grabstätte. Ernüchterndes Fazit eines so langen Lebens, und betrachtet man zudem die Wesenszüge der Mutter, die auf den Sohn abperlten, landet man im nächsten Abteil dieses Textes, nämlich der Psychologie, der Selbstreflexion. Auch hier wieder gibt es Muster zu erkennen, und zwar solche, die sich von der – etwa ständig jammernden – Mutter auf den Sohn übertrugen und die dessen Handeln bestimmen und ihm seine Schwächen erläutern.</p>
<p>Obschon das Formale hier den Schwerpunkt des Genusses ausmacht, lässt sich nicht von der Hand weisen, dass das Bisschen Handlung zu Herzen geht. Schließlich kam die Mutter zur Inflation 1923 zur Welt, verbrachte ihre Lehrjahre in der Schweiz, wurde zum Kriegsdienst nach Deutschland einberufen, half den alliierten Besatzern bei der Entnazifizierung und verlor ihren Mann viel zu früh. Zudem war sie mindestens ein streitbarer Geist, also im Dorf unbeliebt und entsprechend auf sich allein gestellt. Die Sache mit dem Rauswurf aus dem angeblichen Abbruchhaus, das dann zum Luxushotel wurde, ist ein Genickschlag, der den Gerechtigkeitssinn der Lesenden wachrüttelt. Dieses Haus nun stellte die Heimstatt des heranwachsenden Haas dar, direkt an dem Friedhof gelegen, auf dem die Mutter nun zu Grabe getragen wird; daran spinnt Haas weitere Seitenarme, die wiederum als vollendet konstruierte Zirkelschüsse fungieren.</p>
<p>Diese Wiederholungen nun tragen viele Überraschungen in sich, zumeist darin, an welcher Stelle sie auftreten und welchen Bezug sie nun nehmen, aber sie bergen auch Redundanz, Stillstand. Man hat bisweilen den Eindruck, erzählerisch nicht voranzukommen, weil Haas noch seinen Werkzeugkoffer ausschütteln muss. Aber so geht es eben zu bei hoher Literatur, da gehen Form und Inhalt idealerweise Hand in Hand, und falls es ein Ungleichgewicht zu Ungunsten des Inhalts geben sollte, macht dies die Freude an Haas‘ Fabulierkunst eben wett.</p>
<p>So ist »Eigentum« abseits der neunteiligen Brenner-Reihe, die eh einen komplett eigenen Tonfall hat – den Haas überdies mit seinen herausgelassenen Verben in »Eigentum« lediglich ein einziges Mal zur Anwendung bringt –, ein weiterer Haas’scher Literaturmonolith neben <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783455008845?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">»Das Wetter vor 15 Jahren«</a> und den anderen Nicht-Brennern. Er brennt ja trotzdem.</p>
<p><strong>Wolf Haas: Eigentum</strong> | Deutsch<br />
Penguin 2025 | 160 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783328111566?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
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		<title>Jo Hedwig Teeuwisse: Fake History &#8211; Hartnäckige Mythen aus der Geschichte</title>
		<link>https://www.wortmax.de/jo-hedwig-teeuwisse-fake-history-hartnaeckige-mythen-aus-der-geschichte/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Matthias Bosenick]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 15 Apr 2025 08:53:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Harry Rowohlt]]></category>
		<category><![CDATA[Jo Hedwig Teeuwisse]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>»Fake History - Hartnäckige Mythen aus der Geschichte« ist ein Buch wie ein Krimi, weil Jo Hedwig Teeuwisse detektivisch zur Sache geht und ihre Ermittlungsschritte und Quellen transparent hält. Das Werk hat nur einem Schönheitsfehler: Die Übersetzung ist furchtbar.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/04/Fake-History-vb.jpg" alt="Jo Hedwig Teeuwisse: Fake History - Hartnäckige Mythen aus der Geschichte" title="Jo Hedwig Teeuwisse: Fake History - Hartnäckige Mythen aus der Geschichte" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16065" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/04/Fake-History-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/04/Fake-History-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Zwar listet Historikerin Jo Hedwig Teeuwisse »101 Dinge, die so nie passiert sind, aber alle für wahr halten« in ihrem programmatisch betitelten Buch »Fake History – Hartnäckige Mythen aus der Geschichte« auf, doch ist die Niederländerin viel zu beflissen, um darin nicht noch viele weitere fehlerhafte, unvollständige, unplausible oder schlichtweg gelogene Fakten von der Antike bis ins Internetzeitalter unterhaltsam und informativ ins Licht der Wahrheit zu rücken. Ein Buch wie ein Krimi, weil Teeuwisse detektivisch zur Sache geht und ihre Ermittlungsschritte und Quellen transparent hält. Mit nur einem Schönheitsfehler: Die Übersetzung ist furchtbar.</p>
<p>Auch als noch so aufgeklärter Lesender findet man sich bei der Lektüre dieses Buches überführt, seinerseits unwahren Mythen aufgesessen zu sein. Das Mittelalter etwa hat sein heutiges Bild aus der viktorianischen Zeit, verrät Teeuwisse, die erklärt, warum Menschen zwischen den Jahren 500 und 1500 nicht unsauber gewesen sein oder schlechte Zähne gehabt haben können, warum man nicht seine Fäkalien einfach auf die Straße kippte (warum sollte es Menschen – anders als noch in der Antike – plötzlich egal sein, ob sie reinlich waren?), warum die Pestmaske kein typisches mittelalterliches Requisit war (sie entstand erst viel später), warum die Eiserne Jungfrau nie zum Einsatz kam (sie ist eine spätere Erfindung, die man dem Mittelalter zuschrieb); und das sind nur ganz wenige Aspekte, an denen die Historikerin rüttelt. Man liest ihre Ausführungen und staunt, wie schlüssig ihre Beweisführung ist und dass man nicht selbst schon darauf kam, Zweifel an manchen Bildern gehabt zu haben. Sie wurden einfach fortwährend als wahr wiederholt.</p>
<p>Doch die Autorin bleibt nicht im Mittelalter verhaftet, auch nicht bei den Viktorianern, denen sie viele falsche Bilder nachweisen kann. Bereits Ägypter und Römer geben viel Material für unwahre Annahmen, von der Antike aus beackert Teeuwisse Epoche um Epoche, über die Französische Revolution, die Tudors und die Nazis bis in die jüngere Vergangenheit und die Gegenwart. Dazu gibt sie zunächst die falsche Annahme aus und widerlegt diese dann; alles unchronologisch, also abwechslungsreich. Bisweilen hat man von manchen falschen Annahmen noch nie gehört, bekommt aber eine mordsspannende Geschichte dazu erzählt. </p>
<p>Zu den jüngeren Geschichte-Geschichten gehört, welchen Einfluss eine US-Brausemarke auf die Farbe des Weihnachtsmannes hat, bestimmte erste Filmküsse, die Erfindung des Begriffs Serienmörder, das erste Selfie, das erste Katzenfoto und so manches mehr. Letztere Beispiele offenbaren, wie Teeuwisse auf die Idee kam, dieses Buch zu verfassen: Sie ist im Internet, in Social Media, aktiv und machte es sich zur Aufgabe, dortige Falschbehauptungen mit Belegen zu widerlegen. So manches Mal weckte ein Verdacht ihr Interesse und sie begann zu forschen, und diese Forschungswege und Rechercheetappen gibt sie den Lesenden in diesem Buch gleich mit preis. So kommt es auch, dass Photoshop als Quelle für Falschbehauptungen in die jüngere Zeit gehört – und dass das Buch mit der Warnung vor KI-Fotos endet.</p>
<p>In ihrer Beweisführung geht Teeuwisse bisweilen zweigleisig vor: Sie nennt einen Fake-Fakt, der beispielsweise auf einem im Netz geteilten Foto basiert, und zerlegt einmal das Foto an sich und zum anderen den damit verbreiteten Fakt. Beispiel: Ein Foto solle die erste schwarze Anwältin der USA zeigen. Teeuwisse recherchiert, wer diese erste schwarze Anwältin in Wahrheit war, und dann, wer tatsächlich auf den Fotos zu sehen ist. Ein weiterer wichtiger Aspekt in Teeuwisses Arbeit tritt dabei nebenbei zutage: Sie ist quasi antifaschistische, antirassistische, antisexistische Bürgerrechtlerin, was sie abermals auf zwei Beinen ausrichtet, nämlich einerseits der Würdigung von Minderheiten und andererseits der Demaskierung von Verschwörungstheoretikern, die ihre menschenverachtende Argumentation auf wissentlich gestreuten Falschmeldungen fußen lassen. Damit entschlüsselt die Historikerin nicht nur die Wahrheit hinter geschichtlichen Ereignissen, sondern auch die Motive derer, die die Lüge streuen.</p>
<p>Man verschlingt dieses Buch wie einen Krimi. Und das, man muss es leider feststellen, trotz der Sprache. Teeuwisse schreibt bei Twitter – ja, der Rezensent hat trotz allem noch einen Account auf dieser Plattform und weigert sich, den Namen X dafür zu verwenden – auf Englisch und verfasste auch diese Buch nicht in ihrer Muttersprache. Hält man die Übersetzung und ihre Tweets gegeneinander, bekommt man eine Ahnung davon, wie der Originaltext ausgesehen haben und gemeint gewesen sein könnte. Doch auf Deutsch funktioniert es nicht, den Sprachgebrauch einfach zu übersetzen. Hier passiert es nun, dass man den Eindruck bekommt, es mit dem Buch einer US-Amerikanerin zu tun zu haben, die überheblich, selbstgerecht, reißerisch und pseudolustig auf Leute herabblickt, die Falschmeldungen glauben oder Wahrheiten nicht wissen, und das auch noch in einem für eine Faktenpredigerin unspezifischen Tonfall. »Die Leute« behaupten dies, ja, welche Leute denn? »Lassen Sie es mich erklären«, ja, wie sollte man sie auch daran hindern? Und sobald es in sexuelle Themen übergeht, wird die Autorin kicherig ausweichend wie ein Teenager. Liest man dagegen ihre Tweets im Originaltonfall, funktioniert diese Art der Sprache plötzlich. Da hätte der Übersetzer also nicht wortgetreu arbeiten, sondern den gemeinten Inhalt transferieren sollen, ganz so, wie es Harry Rowohlt dereinst nahelegte.</p>
<p>Dazu kommen einige Details, die nicht zur Faktenhuberei passen, die man aber zumeist abermals der Übersetzung anlasten kann. Man spricht etwa nicht mehr von »Glühbirne«, wenn das Leuchtmittel gemeint ist. Auch der Umgang mit den Begriffen Holland und Niederlande ist uneindeutig: Geboren wurde Teeuwisse in Den Haag, das ist die Hauptstadt der Provinz Südholland, aber sie lebt jetzt in Bourtange, das liegt in der Provinz Groningen; alles davon liegt in den Niederlanden, in den Texten jedoch würfelt es sich unklar durcheinander. Der »Kristallpalast« in London wiederum geht eindeutig auf den Übersetzer zurück, ganz auf Teeuwisses Mist hingegen ist der »Apfel« gewachsen, den Eva im Paradiese Adam überreichte, denn davon ist in der Bibel keine Rede, sondern von der unspezifischen Frucht vom Baum der Erkenntnis. Dabei ist gerade dies ein hervorragender Ansatzpunkt für Recherchen, etwa, wann erstmals in diesem Zusammenhang vom Apfel die Rede war. Das wäre etwas für eine Fortsetzung, die Teeuwisse selbst als möglich in Aussicht stellt, indem sie abschließend – wieder so eine US-amerikanische Formulierung – »jede Menge« weitere Beispiele für Falschfakten auflistet und die Lesenden zum Googeln ermuntert.</p>
<p>Wer aus nachvollziehbaren Gründen in Geschichte nicht aufgepasst hat, aber irgendwie Bock hat, einiges an Infos nachzuholen, bekommt mit »Fake History« ein gigantisches Kompendium an hervorragend recherchiertem Wissen dargeboten. Die furchtbare Übersetzung kann man bei der Lektüre mit einiger Mühe sogar ganz gut ignorieren.</p>
<p><strong>Jo Hedwig Teeuwisse: Fake History – Hartnäckige Mythen aus der Geschichte</strong> | Deutsch von Ralf Pannowitsch<br />
Heyne 2023 | 433 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783453606616?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
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		<title>Kathrin Aehnlich: Wie Frau Krause die DDR erfand</title>
		<link>https://www.wortmax.de/kathrin-aehnlich-wie-frau-krause-die-ddr-erfand/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Matthias Bosenick]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Mar 2025 08:56:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Moderne Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Kathrin Aehnlich]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>»Wie Frau Krause die DDR erfand« ist ein Lehrstück, eine Recherchearbeit, ein Wikipediaeintrag, eine Liebeserklärung, eine Selbstermächtigung. Sie ist keine verblendete Ostalgie, keine Verklärung, auch keine Verurteilung, sondern um eine realistische, ausgewogene Darstellung des Alltagslebens bestrebt. </p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/03/wie-frau-krause-die-ddr-erfand-vb.jpg" alt="" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16023" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/03/wie-frau-krause-die-ddr-erfand-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/03/wie-frau-krause-die-ddr-erfand-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Wie stellt sich ein Mensch aus dem Westen das Leben in der DDR vor? Die Leipziger Autorin Kathrin Aehnlich ahnt es und lässt einen TV-Redakteur aus dem Westen eine Frau aus dem Osten nach Beispielen für ein Leben im Unrechtssaat suchen, die sich irgendwo im Grau zwischen Unterdrückung und Überwachung vor dem Staatsapparat duckten. Allein, sie wird nicht fündig. Herzenswarm, empathisch und informativ schildert und entlarvt Aehnlich in »Wie Frau Krause die DDR erfand« das, was auf allen Seiten an Trugbildern weitergetragen wird. </p>
<p>Eigentlich ist Frau Krause, Sprössling einer Tänzerfamilie, Schauspielerin und auf der Suche nach einem Engagement, das sie zwar nicht bekommt, aber dafür eben den genannten Rechercheauftrag. Um den zu erfüllen, reist sie – teilweise in Begleitung eines Theaterfreundes, von dem sie gar nicht wusste, dass er nicht aus dem Osten, sondern aus Braunschweig kommt – in das Industriestädtchen, in dem sie geboren wurde, spürt ihrer eigenen Geschichte genau so wie der Gegenwart der Dortgebliebenen nach und wird fortwährend sowohl bestätigt als auch ernüchtert. Ihren westdeutschen Auftraggeber, Herrn Fuchs, und sein TV-Team ereilt die Ernüchterung ebenso, denn die wollen alle die altvertraute dunkelgraue Katastrophe, nicht den zufriedenen Wohlklang. </p>
<p>Unvorstellbar, dass man es sich in der DDR überhaupt hat gutgehen lassen können, nicht? Die müssen doch alle unterdrückt gewesen sein, unter Restriktionen und Reglementierungen gelitten haben, sie waren schließlich eingesperrt gewesen und müssen dies auch permanent so empfunden haben. Aber Pustekuchen, es ging den meisten der 16 Millionen Bürger seelisch ganz passabel und sie hatten Wege gefunden, dafür zu sorgen, dass dies überhaupt so sein konnte. Was nichts daran änderte, dass sie in einem Unrechtsstaat lebten und ihnen dies auch bewusst war, aber die menschliche Psyche ist schließlich darauf ausgelegt, Schlimmes auszublenden und fürs seelische Wohlergehen zu sorgen. Das galt auch in der DDR. Das sollte TV-Redakteur Fuchs nun lernen, doch er hält an seinen Vorstellungen fest – die nun wiederum Frau Krause spiegelt, denn sie gleicht diese mit ihrer Vorstellung davon ab, wie es im Westen gewesen sein musste und wie Wessis heute ticken, und kommt, anders als Herr Fuchs, der sie dennoch zu überraschen weiß, zu schlüssigen Folgerungen.</p>
<p>Man könnte dieses Buch beinahe als Reportage auffassen, als von Aehnlich selbstgewählten Auftrag, die eigenen Erinnerungen festzuhalten, sie mit denen seiner früheren Nachbarn abzugleichen und die Erkenntnisse einerseits mit seinen früheren DDR-Mitbewohnenden zu teilen und andererseits den Westbürgern plausibel zu machen. »Wie Frau Krause die DDR erfand« ist ein Lehrstück, eine Recherchearbeit, ein Wikipediaeintrag, eine Liebeserklärung, eine Selbstermächtigung. Sie ist keine verblendete Ostalgie, keine Verklärung, auch keine Verurteilung, sondern um eine realistische, ausgewogene Darstellung des Alltagslebens bestrebt. </p>
<p>Man lernt eine Menge in diesem Buch, auch Fakten, etwa über den Designer der Weltuhr und die Paradoxie der Existenz einer solchen in Berlin, Hauptstadt der DDR, oder auch über Ketwurst und Mitropa, über Dederon und Fotografien, also eben greifbare Elemente eines Alltags in der DDR, wie man sie in den Händen hielt, ganz so, wie auch die zugesandten Westprodukte, in deren Austausch man im Westen Ostprodukte erhielt, deren Zusendung diametral anders motiviert war. Es geht Aehnlich bei ihrer Aufschlüsselung aber nicht um Abrechnung, sondern um Annäherung, und das mit großem Herzen, breit gefächertem Tiefgang und angemessenem Witz.</p>
<p>Die Freude an diesem Buch hat indes einige leichte Einkerbungen. Zu Beginn dreht sich Frau Krause sehr um sich selbst, es erweckt dein Eindruck, man begleite vielmehr die Autorin dabei, eine große Aufräumaktion vorzubereiten. Aehnlich versteift sich anfangs in den Personen und Biografien, die an mancher Stelle etwas konstruiert wirken, aber im Verlaufe nicht nur plausibel werden, sondern sogar ausnehmend liebenswert. Schwierigkeiten bekommt man an anderen Stellen mit den Zeitebenen, wenn unklar ist, ob Aehnlich aus Bequemlichkeit zum Präteritum statt zum Plusquamperfekt greift, ob also eine geschilderte Begebenheit eine Erinnerung aus der DDR ist oder ob sie in der erzählten Vergangenheit stattfindet. Zuletzt wirken manche Dialoge etwas unplausibel sprunghaft, wenn eine Figur etwas für den Lesenden Unverdächtiges sagt und die andere darauf in einer Art reagiert, die dann unschlüssig bleibt. Zumindest möglicherweise lediglich für den nichteingeweihten Westlesenden, vielleicht geht es früheren DDR-Bürgern ja anders und Aehnlich spielt da auf ostdeutsche Selbstverständlichkeiten an. Sei’s drum, man liest drüber hinweg.</p>
<p>Wer als Westgucker »Sonnenallee« kennt, hatte seinerzeit bereits einen solchen Aha-Effekt, wie ihn der Herr Fuchs hier nicht haben möchte: Auch in einem Unterdrücker-Regime konnte man »Pop und Rock« auf seinem T-Shirt stehen und ein knallbuntes Dasein haben. Vergleichbar verbrachten die Protagonisten in Frau Krauses Umfeld auch ihre Leben, arrangierten sich, pickten sich Rosinen heraus, gestalteten, verreisten, lebten. Wer hätte das gedacht, wie, Herr Fuchs? Den spielt Aehnlich aber nicht gegen die DDR aus, für den vergeblich auf Schadenfreude und Fremdscham lauernden Lesenden hat sie ein ganz anderes As im Ärmel, das den Fuchs in einem unerwarteten Licht stehen lässt. Auch für Frau Krause. Wie man sich doch täuschen kann!</p>
<p>PS: Spoiler: Frau Krause hat die DDR ja gar nicht erfunden! Dieses Buch ist abermals eine Empfehlung von Onkel Rosebud.</p>
<p><strong>Kathrin Aehnlich: Wie Frau Krause die DDR erfand</strong> | Deutsch<br />
Verlag Antje Kunstmann 2019 | 176 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783956143168?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
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		<title>Reinhard Kleist: Low – David Bowie’s Berlin Years</title>
		<link>https://www.wortmax.de/reinhard-kleist-low-david-bowies-berlin-years/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Matthias Bosenick]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Feb 2025 09:32:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Film & Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Graphic Novel & Comic]]></category>
		<category><![CDATA[Aleister Crowley]]></category>
		<category><![CDATA[Asmus Tietchens]]></category>
		<category><![CDATA[Brian Eno]]></category>
		<category><![CDATA[Coco Schwab]]></category>
		<category><![CDATA[David Bowie]]></category>
		<category><![CDATA[Edgar Froese]]></category>
		<category><![CDATA[Iggy Pop]]></category>
		<category><![CDATA[Marc Bolan]]></category>
		<category><![CDATA[Reinhard Kleist]]></category>
		<category><![CDATA[Robert Fripp]]></category>
		<category><![CDATA[Romy Haag]]></category>
		<category><![CDATA[Tangerine Dream]]></category>
		<category><![CDATA[Tony Visconti]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>1976 zieht David Bowie nach Berlin-Schöneberg, um seine in Los Angeles ausgeuferte Sucht nach schädlichen Substanzen in den Griff zu bekommen – und um eine am Krautrock geschulte neue Musik zu entwickeln. Daraus gestaltet Reinhard Kleist mit grobem Strich und reduzierter Farbe ein umfangreiches biografisches Schlaglicht auf den Künstler, die Musikszene und die Welt Ende der Siebziger.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.wortmax.de/reinhard-kleist-low-david-bowies-berlin-years/">Reinhard Kleist: Low – David Bowie’s Berlin Years</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.wortmax.de">wortmax</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/02/low-vb.jpg" alt="" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-15990" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/02/low-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/02/low-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>1976 zieht der Engländer David Bowie, noch keine 30 Jahre alt, aber bereits mehrfacher Erneuerer der Musikgeschichte, in die Hauptstraße 155 in Berlin-Schöneberg, um seine in Los Angeles ausgeuferte Sucht nach schädlichen Substanzen in den Griff zu bekommen – und um eine am Krautrock geschulte neue Musik zu entwickeln. Daraus gestaltet Comiczeichner Reinhard Kleist in »Low – David Bowie’s Berlin Years« mit grobem Strich und reduzierter Farbe ein umfangreiches biografisches Schlaglicht auf den Künstler, die Musikszene und die Welt Ende der Siebziger.</p>
<p>In der Gestaltung seiner Geschichte arbeitet Kleist mit allerlei Assoziationen, die das Oeuvre von David Bowie quasi vorgibt: »Space Oddity«, »Starman«, »The Man Who Fell To Earth«, »Blackstar« – das Kosmische ist von Bowies erstem bis zu seinem letzten Ton immer wieder mal greifbar, und der Zeichner und Autor greift zu. Dabei haben all diese Assoziationen mit Bowies Berlin-Zeit gar nichts zu tun, dort entstanden ganz andere Songs, aber immerhin lässt sich mit dem Krautrock, dem Bowie nacheifert, eine Verwandtschaft zur Kosmischen Musik ausmachen, die mit Edgar Froese von Tangerine Dream auch eine inhaltliche Verbindung findet. Der Blick zu »2001: Odyssee im Weltraum« liegt da ebenfalls nahe, aber dazu später. Zudem lässt Kleist fortwährend einen Astronauten in ausgewählten Szenen erscheinen.</p>
<p>Aus dem tiefschwarzen All heraus beginnt Kleist Bowies Reise, die in der riesigen leeren Wohnung in Schöneberg aufsetzt. Kleists Strich ist bei aller Opulenz nicht unbedingt auf Filigranität und Exaktheit ausgelegt, oft zeichnet er mit dickem Pinsel und reduzierter Kontur. Bisweilen hat dies zur Folge, dass man manche Figuren nicht gleich erkennt, obwohl sie quasi prominent und manchem Lesenden somit vertraut sein sollten. Aber daran gewöhnt man sich, denn man erfasst nicht nur intuitiv, dass Kleist an ganz Anderem gelegen ist – nämlich der Geschichte, die weit mehr umfasst als lediglich ein musikalisches Genie in einem Tonstudio bei der Berliner Mauer während des Kalten Krieges.</p>
<p>Deshalb erzählt Kleist die Historie auch nicht chronologisch-faktisch, sondern mit Zeitsprüngen und Nebenarmen, die Bowies romantische und familiäre Emotionalität ebenso berücksichtigen wie seine Sucht, seine Kreativität, seine Freundschaft zu Iggy Pop und seine Eskapaden. Man kann Bowie in Berlin nämlich nur dann verstehen, wenn man Bowie in L.A. und Bowie in England kennt, und diese Aspekte schließt Kleist in seine Erzählung ein, also von wegen, nur die Berlin-Jahre. Einen Nachteil gibt es: Als wissbegieriger Fan muss man einiges Vorwissen mitbringen, wenn man das Buch als mehr als nur eine Geschichte über einen geläuterten Rockstar auffassen möchte, sondern auch als eine Art Wikipedia-Eintrag, in dem Namen und Ereignisse eine exaktere Rolle spielen: Viele Protagonisten erscheinen hier lediglich mit Vornamen und Rolle, ohne Google entgehen selbst Fans einige Aha-Momente, von denen das Buch zahlreiche bietet. </p>
<p>Beispiele: Zwei Tonys treten hier auf, einer mit einem Rechtsstreit in der Rückblende und einer aktuell im Studio, das verwirrt schon sehr; der erste war Ex-Manager Defries, der zweite Produzent Visconti. Edgar mit seiner Lockenpracht lässt sich leicht als Froese dechiffrieren, der für wenige Stunden in die Hansa-Studios eingeflogene Fripp ist der Robert von King Crimson, der zu »›Heroes‹« wesentliche Gitarrenideen beisteuert. Angie ist Bowies Exfrau, mit der er sich um mehr als nur das Sorgerecht für Sohn Zowie zofft, der übrigens angeblich bei Bowie in Berlin lebt, aber nie zu sehen ist. Bowies Berliner Geliebter Romy Haag haftet der Ruf an, ein Mann zu sein, was sie offenbar tatsächlich selbst so kolportierte. Bowies Managerin Coco Schwab spielt noch wichtige Rollen, Bowies Mitbewohner Iggy Pop kennt man ohnehin bestens. Wichtiges Personal aus der Realität also, das man zum vollen Verständnis des Buches kennen sollte.</p>
<p>Doch auch die erzählte Geschichte bleibt bei allen Nebenschauplätzen in manchen Details fragmentarisch, als Lesender ist man selbst gefordert, die Lücken aus den Zusammenhängen heraus zu füllen, was aber keine Schwierigkeit darstellt. Anders ist es mit den Zeitsprüngen, für die genauere Kenntnisse der Biografie vonnöten sind, um sie leicht erkennen zu können. Eine Verständnishilfe installiert Kleist: Ein an Bowie gerichteter Du-Erzähler begleitet den Musiker auf dieser Reise, der zudem auch den Lesenden wertvolle Informationen und Kontexte vermittelt – und der sich, Spoiler!, als Bowies Alter Ego aus dem Jenseits entpuppt, schließlich wissen Kleist und die Lesenden – anders als Bowie in Berlin –, dass jener zum Zeitpunkt dieser Niederschrift längst verstorben sein würde.</p>
<p>In Berlin lebt Bowie nur drei Jahre lang, die Alben »Low«, »›Heroes‹« und das hier nicht einmal mehr erwähnte »Lodger« gelten als die Berlin-Trilogie. Im Grunde stellt »Station To Station« aus dem Jahr 1976 bereits die Weichen für den Berlin-Sound, obwohl es noch in Los Angeles entstand; schließlich landeten Auszüge dieses Albums auch auf dem 1981 erschienen Soundtack zum Film »Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo«, der sich eigentlich maßgeblich bei den Berlin-Alben bedient, aber die »Station To Station«-Songs im Sound der drei Berlin-Alben aufgehen lässt. Von denen »Lodger« ja 1979 in Montreux entstand, aber immer noch mit Brian Eno, der somit die eigentliche Klammer dieser Trilogie darstellt. Aber das ist nur Nerdwissen am Rande.</p>
<p>Was Kleist hier alles anreißt: Bowies psychisch kranker Bruder und seine Mutter in England, die in den USA gekeimte Inspiration für Berlin als rettenden Zufluchtsort, Musikerempfehlungen wie Asmus Tietchens, Bowies merkwürdige Eskapaden wie den Hitlergruß im Gestapo-Mantel in London oder seine manische Begeisterung für Aleister Crowley in den USA, Bowies Inkarnationen wie Ziggy Stardust, Halloween Jack, Thin White Duke oder Thomas Jerome Newton, Bowies Unterstützung für eine von Nazis bedrohte Berliner Schwulenbar, am Beispiel Marc Bolans, dass fehlende künstlerische Innovation Stillstand bedeutet, und vieles mehr. Rein lexikalisch, das ist ein großer Pluspunkt, bleibt Kleist nicht: Er stellt Bowies Werdegang empathisch dar, sogar gelegentlich mit Humor, insbesondere in den Dialogen mit Iggy Pop.</p>
<p>Zuletzt erlaubt sich Kleist einen Griff nach außerhalb der Schublade: Im Kinofilm »2001: Odyssee im Weltraum« (»2001: A Space Odyssey«) heißt die Hauptfigur David Bowman; der Film und das Buch erschienen 1968, Bowies Song »Space Oddity« ein Jahr später. Für Bowies Zukunft nach Berlin borgt sich Kleist die Filmszene aus, als Bowman nach dem Flug durch den Monolithen auf dem Jupiter den weißen Raum betritt und sein älteres Ich auf dem Bett liegen sieht. Hier übernimmt Kleist Bowies Darstellung aus dem Video zu »Lazarus«, das kurz vor dessen Tod erschien und auf dem finalen Studioalbum »Blackstar« enthalten ist. Der schwarze Stern am Firmament, aus dem Bowie am Anfang des Buches auf die Erde fiel.</p>
<p><strong>Reinhard Kleist: Low – David Bowie‘s Berlin Years</strong> | Deutsch<br />
Carlsen 2024 | 180 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783551793638?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
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		<title>Peter Richter: 89/90</title>
		<link>https://www.wortmax.de/peter-richter-89-90/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Matthias Bosenick]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 03 Sep 2024 07:48:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Moderne Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Politik & Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Peter Richter]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Es braucht ein wenig, um in »89/90« von Peter Richter hineinzufinden, aber wenn es dann erst seinen durch die historischen Ereignisse begründeten und mit Humor garnierten Sog entwickelt, mag man es nicht mehr aus der Hand legen – bis es allerdings, ebenfalls aus historischen Gründen, unbequem, erschütternd und ernüchternd wird. </p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2024/09/89-90-vb.jpg" alt="Peter Richter: 89/90" title="Peter Richter: 89/90" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-15645" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2024/09/89-90-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2024/09/89-90-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Es braucht ein wenig, um in »89/90« von Peter Richter hineinzufinden, aber wenn es dann erst seinen durch die historischen Ereignisse begründeten und mit Humor garnierten Sog entwickelt, mag man es nicht mehr aus der Hand legen – bis es allerdings, ebenfalls aus historischen Gründen, unbequem, erschütternd und ernüchternd wird. Richters namenlose Ich-Figur betrachtet die Wendezeit aus der Perspektive eines rationalen Jugendlichen aus dem Tal der Ahnungslosen, also Dresden, dessen Umfeld weder DDR-linientreu noch dem kapitalistischen Westen zugewandt ist. Bis die Nazis zu dominieren beginnen.</p>
<p>Der Einstieg gestaltet sich etwas ziellos, beinahe willkürlich: Man begleitet den Ich-Erzähler dabei, Jugendlicher zu sein, sich mit Freunden illegal nachts im Freibad zu treffen, Mädchen kennen zu lernen, Bande zu knüpfen, die politische und gesellschaftliche Gegenwart der DDR zu spiegeln. Da Richter scheinbar fragmentarisch erzählt und alle paar Zeilen einen Absatz kennzeichnet, erfordert es Durchhaltevermögen, um festzustellen, dass sehr wohl alles zusammenhängt und aufeinander Bezug nimmt, ebenso wie die Fachbegriffe, Abkürzungen und Umstände erklärenden Fußnoten, die der Autor einstreut. Die sind sicherlich nicht nur für Westgeborene relevant, sondern auch für einstige DDR-Bürger, die außerhalb Dresdens und damit in einem anderen Soziotop aufwuchsen. Nämlich einem, das Westfernsehen empfangen konnte, und somit, wie der Erzähler bemerkt, vom Kapitalismus sediert ist und erstrecht nicht gegen das Ost-Regime aufbegehrt – anders als die Leute im deshalb so genannten Tal der Ahnungslosen, weil West-TV dort nicht zu empfangen war. Man reagierte aus sich selbst heraus, aus eigener Wahrnehmung, aus eigenem Unrechtsbewusstsein auf die politischen Systeme, und entwickelte damit Positionen, die weder die DDR-Linie einhielten noch den Westen einforderten, sondern im Grunde eine verbesserte DDR. Man war insubordinant aus rationalen Gründen, man duldete Restriktionen, Überwachungen, Gängelungen nicht, weil man sie nicht für sinnvoll hielt, weil man sich auch ohne Bevormundung dazu bereit und in der Lage sah, eine vernunftgesteuerte Gesellschaft zu formen. So sammeln sich hier also Rebellen im Freibad, die Leben wollen, Freude an der Existenz haben, und die dem System mit Ironie und Humor begegnen.</p>
<p>Der nächste Aspekt, der das Verständnis beeinträchtigt, und das leider nahezu durchgehend, ist Richters Stil, die Namen der Protagonisten mit einem Initial abzukürzen, vermutlich, um den Eindruck der Authentizität dieser offenbar autobiografisch grundierten Berichte zu erwecken. Man verliert nur sehr schnell den Überblick, weil man zu Buchstaben weniger Bezug hat als zu ganzen Namen, weshalb auch Richter einigen Figuren noch Attribute anheftet, etwa Berufe, Spitznamen oder andere Eigenschaften, wie Lehrerin K., das Baby oder T., der Transvestit. Dennoch erschwert es das Dranbleiben und die Identifikation, obschon Richter sein Personal dafür verwendet, ausnehmend umfassend abzubilden, welche Sichtweisen die Menschen zu der Zeit hatten und in der Folge der Ereignisse entwickelten. Das überwältigt, wie ausführlich und differenziert Richter vorgeht; sobald der Gedanke aufkommt, eine Figur könnte auch einen anderen Weg einschlagen, als sie es im Buch unternimmt, geht Richter exakt auf diesen Aspekt ein, und wenn er ihn nur anreißt. Der Autor lässt sich nicht von den abwegigsten Ideen seiner Mitmenschen überraschen, alles ist möglich. Und so dachte man damals in der DDR ja auch.</p>
<p>Darin liegt der Kern des Buches, und alsbald auch der Sog der Geschichte: Dinge verändern sich, Michail Gorbatschow leitet im dominanten Russland die Perestroika ein, deren Wind der Veränderung auch die Satellitenstaaten durchweht. Parteichef Erich Honecker dankt ab, Egon Krenz wird dessen Nachfolger, Hans Modrow wird Regierungschef, Helmut Kohl spricht in Dresden, Hans-Dietrich Genscher in Prag, plötzlich sind Dinge möglich, die 40 Jahre lang unterdrückt waren, und sei es nur die freie Rede oder die flapsige Erwiderung an den ABV, die plötzlich ungesühnt bleibt. Diesen flapsigen, aber exakten Tonfall hat auch der Ich-Erzähler – ohne übrigens das lokale Idiom zu verschriftlichen –, die Kombination geht bestens auf, da er einerseits dem Wahnsinn in der Rückschau mit Ironie begegnet, andererseits auch dessen Schwere abzubilden weiß.</p>
<p>Während man inmitten der Geschichte mit dem Ich-Erzähler tanzt, entwickelt sich der vermeintlich goldene Tanzboden allmählich zum Vulkan: Nazis schießen als Folge der neu gewonnenen Freiheiten wie Pilze aus dem Boden und Richter erspart es einem nicht, den immensen Druck nachfühlbar zu vermitteln, der davon ausgeht, dass man nicht mal Dreadlocks haben oder zu den wenigen ausländischen Minderheiten der DDR gehören muss, nämlich Vietnamesen oder Mosambikaner, um in willkürlicher Lebensgefahr zu schweben. Diese Szenerie ist bedrückend, und Richter drückt sie den Lesenden aktiv ins Bewusstsein, in dem er ohne Unterlass Beispiele erzählt von Nazi-Terror, aber auch davon, wie Linke diesem begegnen, also von einer Welle der Gewalt, die mit einigem Glück lediglich im Krankenhaus endet. Ab hier, ab dem Jahreswechsel »89/90« mehr oder weniger, erfährt der Sog der Geschichte eine Bremse, tauscht der Autor Humor gegen Ernsthaftigkeit ein, man möchte das nicht lesen, man möchte verfolgen, wie alles gut ausgeht, wie die Guten gewinnen, und sei es nur Oberhand, aber nein, das gibt die Realität nicht her, bis heute nicht, das wissen wir. Die Geschichte verläuft damit wie eine Gauß-Kurve: langsam steigend, sich rauschhaft in die Höhe schwingend und dann abrupt in die Tiefe rauschend. Ja, der Ich-Erzähler lebt, schließlich berichtet er ja und ist somit wenigstens mit dem Leben davongekommen, aber schön ist das nicht mit all den keuleschwingenden Rechten. Da kommen einem die ganzen Kapitalismusgewinner, Zuhälter, Glücksspieler, Wendehälse, Drogendealer, Terroristen als das kleinere Übel vor. Es herrscht auch unter dem Buchpersonal große Orientierungslosigkeit bei kolportierten unendlichen Möglichkeiten; am Ende hat dann jeder aus dem Freibad eine andere Position eingenommen und einen anderen Lebenslauf eingeschlagen, und Richter zählt sie alle auf.</p>
<p>Im Grunde hat »89/90« nicht wirklich eine durchgehende Handlung, sondern bildet das Leben in der DDR im genannten Zeitraum ab, und das so umfassend, dass es positiv schwindelig macht. Dabei wirkt das Buch nicht überfrachtet, sondern Richter spreizt seine Finger wie beiläufig in alle Richtungen aus, er schüttelt sein ganzheitliches Wissen aus dem Ärmel. Da er seine Botschaften mit Humor transportiert, hat »89/90« angenehm etwas von Edutainment. Was man nicht alles lernt, was Richter nicht alles beherzigt, nicht nur Politik und Gesellschaft, darunter auch die Hausbesetzungen mit der Folge der neuen illegalen Cafés, die in der Äußeren Neustadt teilweise noch heute existieren, die Rolle der Kirche oder die Desillusionierung bei Feststellung, wer alles IM war, sondern auch Popkultur von Musik über Kino und Theater bis Fußball, und als Krönung lässt er die Ich-Person allem Erlebten mit einem selbstkritischen, analytischen Blick begegnen. Etwa, indem er feststellt, dass den West-Punkbands nach dem ersten Mal in Realität live sehen aufgrund ihrer tatsächlichen Unbegabtheit der heilsversprechende Schleier des unendlichen Kassette-Kopierens abhandenkam.</p>
<p>Bei der Perspektive, die der sympathische Erzähler einnimmt, fällt es dem Lesenden leicht, sich mit ihm zu identifizieren, und zwar auf eine verdutzende Weise leicht, sobald man eben nicht das Leben in Dresden lebte, sondern sagen wir in Braunschweig, und also seine Perspektive gar nicht haben konnte, aber die Vernunft gestaltet hier eine starke Bindung. Vieles geht einem außerdem nahe, weil man es sich nicht vorstellen kann, etwa wenn der Erzähler sagt, es habe niemand wissen können, was sie alles zum letzten Mal tun würden, oder dass sie in der Nacht zum 3. Oktober 1990 in einem anderen Land aufwachen, ohne sich fortbewegt zu haben. Was aus überheblicher Westsicht wie eine Erlösung wirkte, war für manche DDR-Bürger kaum mehr als eine Verschiebung der Belastungen. Dieses Verständnis fehlt von außen häufig, ein Buch wie »89/90« trägt viel zu solchem Verständnis bei. Empfohlen übrigens von KrautNick-Kolumnist Onkel Rosebud und seiner Freundin, die in Dresden-Neustadt leben.</p>
<p><strong>Peter Richter: 89/90</strong> | Deutsch<br />
btb 2015 | 416 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783442714650?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank" rel="noopener">Jetzt bestellen</a></p>
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