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	<title>wortmax | Beiträge von Renate Bojanowski</title>
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	<description>Buchvorstellungen und Beobachtungen</description>
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	<title>wortmax | Beiträge von Renate Bojanowski</title>
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		<title>Woody Brown: Ein ganz normales Wunder</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Renate Bojanowski]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 06 Oct 2026 10:33:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Moderne Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Stephan Kleiner]]></category>
		<category><![CDATA[Woody Brown]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Den Fokus auf alles Zwischenmenschliche gerichtet lebt Woody Brown seine ausgezeichnete Beobachtungsgabe voll aus. Es sind die Begegnungen, die berühren, die Momente, die man festhalten möchte. Kleine Gesten, die in meinem Alltag einfach untergehen, scheinen hier zu etwas Wunderbarem aufzublühen. </p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img fetchpriority="high" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/10/ein-ganz-normales-wunder-vb.jpg" alt="Woody Brown: Ein ganz normales Wunder" title="Woody Brown: Ein ganz normales Wunder" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16625" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/10/ein-ganz-normales-wunder-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/10/ein-ganz-normales-wunder-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Wie lange einen Titelfiguren aus Büchern im Herzen begleiten können, wurde mir erneut bewusst, als ich mich dieser Tage mit dem zweiten Buch der Kiepenheuer-und-Witsch-Aktion »Deutschland liest ein Buch« auseinandersetzte. Der Autor des Buches »Ein ganz normales Wunder« heißt Woody Brown und ist der erste nicht-sprechende autistische Absolvent der University of California Los Angeles. Er kommuniziert mit Hilfe einer Buchstabiertafel.</p>
<p>Wie ist das möglich, überlegte ich und dachte an den kleinen Tino aus Roswitha Gepperts Buch <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783897981959?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">»Die Last, die du nicht trägst«</a> aus dem Jahr 1978. Hier kämpft eine Mutter in der DDR für ihren Sohn herzzerreißend um ein Minimum an Entwicklung und Autonomie. Als sich herausstellt, dass Tino benachteiligt ist, zerbricht ihre Ehe.</p>
<p>Mit dem Bild des autistischen Tino im Kopf, der zum Leidwesen seiner Mutter minutenlang begeistert Häuserecken beobachtete, ließ ich mich nun auf das Leben in der Tagesstätte »Upward Bound« ein, in der Erwachsene Menschen mit geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen leben. Hier begegne ich dem Pfleger Carlos mit seinem unerschütterlichen Optimismus, der mit den Schützlingen respektvoll umgeht. Er hört im wahrsten Sinne des Wortes in sie hinein und sieht sie als Menschen, die nichts für ihr Anderssein können. Ich treffe auf Tom, der wegen einer Zerebralparese weder seine Muskeln noch Knochen bewegen und auch nicht sprechen kann. </p>
<blockquote><p><em>Kannst du nicht kommunizieren, muss das bedeuten, dass du geistig zurückgeblieben bist.</em></p></blockquote>
<p>Tom verzehrt sich nach Liebe und doch scheint sie für ihn so aussichtslos. Studentin Ann arbeitet als Badeaufsicht nur für ein paar Monate in der Einrichtung, weil sie die Zeit bis zum Semesterbeginn überbrücken möchte. Da ist auch noch Walter, der nach einem schweren Schicksalsschlag versucht, zurück ins Leben zu finden. </p>
<p>Insgesamt aus sieben Perspektiven, die unterschiedlicher kaum sein können, verknüpft Woody Brown die Lebenswege der Insass*innen und Betreuer*innen von »Upward Bound«. Brown erzählt mal aus der Ich-Perspektive, mal schaut er aus dem Blickwinkel eines personalen Erzählers. Er schafft es in den einzelnen Kapiteln, die jeweils unterschiedlichen Personen zugeordnet sind, den Lesenden Persönlichkeiten vorzustellen. Man kann ihre Gedanken verfolgen, ihre Gefühle und Bedürfnisse nachvollziehen und sich mit ihren Widersprüchen auseinandersetzen.  </p>
<p>Gerade darin besteht die Besonderheit dieses Buches. Den Fokus auf alles Zwischenmenschliche gerichtet lebt Woody Brown seine ausgezeichnete Beobachtungsgabe voll aus. Es sind die Begegnungen, die berühren, die Momente, die man festhalten möchte. Kleine Gesten, die in meinem Alltag einfach untergehen, scheinen hier zu etwas Wunderbarem aufzublühen. </p>
<blockquote><p><em>Nervosität und Aufregung können mit Freude und Gelassenheit verwechselt werden, wenn man nicht stumm neben ihr steht und das Summen ihrer Drähte hört. Das tut Walter in den Momenten, in denen sie aus dem Fenster schauen. Er lauscht mit ganzem Herzen.</em></p></blockquote>
<p>Wie viel nehmen wir von unserer Umwelt in Wirklichkeit wahr? Wie leichtfertig erlauben wir uns oft ein Urteil über das Leben anderer? Wärme trug mich von Kapitel zu Kapitel, unterschwellige Komik zauberte mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht. Sind diese Menschen tatsächlich anders als ich, wenn sie doch ebenso nach Liebe, Nähe und Geborgenheit suchen? Woody Brown provoziert mit seinen Figuren das genaue Hinsehen, das nochmals Lesen. Nach und nach versteht man, wie viel Leben in den Schützlingen von »Upward Bound« steckt.</p>
<p>Stephan Kleiner hat mit seiner kongenialen Übertragung ins Deutsche aus diesem Roman ein Kraftpaket werden lassen, obwohl er leise und anrührend daherkommt. Das Buch feiert die Zugehörigkeit und zeigt, auf wie viele unterschiedliche Arten Menschen miteinander verbunden sein können. Die Lektüre lässt nachdenken, belehrt nicht und wirkt lange nach. Tino und seine Mutter müssen nun ein wenig zusammenrücken in meinem literarischen Herzen. Für Carlos, Tom, Ann, Walter und all die anderen aus »Upward Bound«.</p>
<p><strong>Woody Brown: Ein ganz normales Wunder</strong> | Deutsch von Stephan Kleiner<br />
Kiepenheuer &#038; Witsch 2026 | 224 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783462016482?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
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		<title>Tomer Gardi: Liefern</title>
		<link>https://www.wortmax.de/tomer-gardi-liefern/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Renate Bojanowski]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Aug 2026 09:12:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Moderne Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Anne Birkenhauer]]></category>
		<category><![CDATA[Tomer Gardi]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In »Liefern« lässt Tomer Gardi Kuriere zu Wort kommen. Dafür hat er drei Jahre an unterschiedlichen Orten der Welt recherchiert und Betroffene interviewt. Gardis Figuren arbeiten unter Zeitdruck in einem erbarmungslosen Job mit langen Arbeitszeiten und den ständig drohenden Gefahren auf der Straße.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/08/liefern-vb.jpg" alt="Tomer Gardi: Liefern" title="Tomer Gardi: Liefern" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16592" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/08/liefern-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/08/liefern-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Dass Zeit eine ebenso wertvolle Ressource ist wie Geld, wusste bereits Benjamin Franklin. Mit seiner berühmten Metapher betonte er in seinem Werk »Ratschläge für junge Kaufleute« aus dem Jahr 1748 den wirtschaftlichen Wert der Arbeit. Dass Zeit Geld ist, wissen auch die Kuriere auf dem Fahrrad, die abgehetzt mit lautstarkem Klingelgeräusch in meinem Wohnviertel die Fußgänger aufscheuchen. Die »Rider« bringen überall Essen von einem Ort zum anderen, und doch sehen wir sie nicht. Sind wir zu verwöhnt?</p>
<p>In seinem neuen Roman »Liefern« lässt der israelische Autor Tomer Gardi genau solche Kuriere zu Wort kommen. Dafür hat er drei Jahre an unterschiedlichen Orten der Welt recherchiert und Betroffene interviewt. Gardis Figuren arbeiten unter Zeitdruck in einem erbarmungslosen Job mit langen Arbeitszeiten und den ständig drohenden Gefahren auf der Straße. Alle kämpfen für sich allein als selbständige Dienstleister*innen unter permanentem Druck der Konkurrenz. Mafiöse Mittelspersonen verschaffen Geflüchteten ohne Arbeitserlaubnis falsche Identitäten, gegen Kohle, versteht sich.</p>
<p>Filmon, der aus Eritrea nach Tel Aviv geflüchtet ist, benötigt dringend Geld. Er möchte seiner Frau und Tochter (die er noch nie gesehen hat) nach Berlin folgen. Deshalb heuert er unter falschem Namen bei einem Lieferservice an. Seine Frau lernt inzwischen Deutsch bei Nina in Berlin. Die wiederum verliebt sich während ihres Aufenthaltes in Neu-Delhi in den Argentinier Ramon. Dort beobachten die Lesenden, wie eine Frau das Essen auf einem <em>»brüllenden, glänzend schwarzen Scooter«</em> ausfährt. Hinter ihr sitzt ein Kind mit einer roten Bonanza-Tasche auf dem Rücken. Der Venezolaner Ciervo liefert das Essen in Buenos Aires aus. Ständig stürzt sein Handy ab. Zufälligerweise findet er ein anderes, nämlich das von Ramon. Wer bis hierher leicht den Überblick verloren hat, findet Halt beim Ich-Erzähler. Doch alles hat auch er nicht im Griff, deutet der Autor doch manche Story nur an.</p>
<p>Während der Erzählende nach Istanbul reist, um sich von einem Preisgeld eine Haartransplantation zu leisten, genießt man Gardis feinsinnigen Humor. Wie schelmisch er über die Schummeleien in der Literaturpreisjury, die blutigen kahlen Köpfe in der Klinik für Haartransplantationen oder die unverschämte Wissbegier deutscher Autoren in der afrikanischen Provinz plaudert. Als der Ich-Erzähler an seiner haarigen Unternehmung noch zweifelt, trifft er den Lieferanten Resul. Der erzählt ihm seine Lebensgeschichte. </p>
<blockquote><p><em>Wisst ihr eigentlich, warum die Leute die Kuriere hassen? Weil wir menschlich sind, sagte Resul. Weil diese Dienstleistung, die alle am liebsten so bekämen, als würde sie von einer Maschine verrichtet, von einem Menschen gemacht wird, einem Menschen, der sich aufregt, einem Menschen, der eine Würde hat, einem Menschen, der Fehler macht. Das Menschliche ist das überflüssige Element, das man an den Kurieren hasst.</em></p></blockquote>
<p>Tomer Gardi lotst die Lesenden durch ein Dickicht an Figuren und Handlungsorte. Seine prekär Beschäftigten reiben sich in Tel Aviv ebenso auf, wie in Berlin, Istanbul, Delhi, Buenos Aires oder Naivasha. Neben den Kurieren begegnet man Küchenhelfern, Döner-Verkäufern, Gästebetreuern und Rosenpflückerinnen. Alle sind einem System gnadenlos ausgeliefert: der App, den Algorithmen, den Bewertungen.</p>
<p>Gardis Sprache ist einfach, kreativ und dabei sehr poetisch. Bei ihm steht jemand nachts »im Unschein«, die Rosenpflückerin »will werden« statt sein. Er gebraucht für uns fremde Wörter, denn wir sind privilegiert und kennen die absurden Prozesse im Zusammenhang mit der Arbeitsmigration nicht. Wer von uns hat je eine »Flüchtlingsunterkunft«, ein »Ankunftszentrum« oder eine »Erstaufnahmeeinrichtung« von innen gesehen?</p>
<p>Der Text berührt. Er schmerzt. Das ist gewiss auch der Übersetzerin Anne Birkenhauer zu verdanken, mit der Tomer Gardi für dieses Buchprojekt zusammengearbeitet hat. Anne Birkenhauer hat außerdem den Teil »Mimesis« aus dem Hebräischen ins Deutsche übertragen.</p>
<p>Tomer Gardi lässt einen so nah an die Figuren, auch, weil man ihre Wärme spürt. Er erzählt seine Geschichten tiefgründig und doch mit dem gewissen Schalk im Nacken. Bewusst lässt er die Grenzen der autofiktionalen Erzählung verschwimmen. Das ist großartig. Dieser Roman hat mich umdenken lassen. Habe ich bis vor kurzem einem »Rider« auch manchmal böse etwas hinterhergerufen, wenn er mich gestreift hat, gehe ich nun respektvoll zur Seite, bevor dies passiert. Hinter den Essenslieferanten mit ihren quadratischen Taschen verbergen sich Menschen mit ihren eigenen Geschichten, Sehnsüchten und Träumen. Ihre Heimatlosigkeit geht uns alle etwas an!</p>
<p><strong>Tomer Gardi: Liefern</strong> | Deutsch von Anne Birkenhauer<br />
Tropen 2026 | 320 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783608502633?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
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		<item>
		<title>Daniel Faßbender: Heaven’s Gate: Ein Fall für Caruso</title>
		<link>https://www.wortmax.de/daniel-fassbender-heavens-gate-ein-fall-fuer-caruso/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Renate Bojanowski]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 21 Jul 2026 07:51:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Genreliteratur]]></category>
		<category><![CDATA[Daniel Faßbender]]></category>
		<category><![CDATA[Dashiell Hammet]]></category>
		<category><![CDATA[Jörg Fauser]]></category>
		<category><![CDATA[Raymond Chandler]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Daniel Faßbender studierte Literaturwissenschaft, Politik und Geschichte und stand 2018 mit seinem Debütroman »Die weltbeste Geschichte vom Fallen« auf der Longlist des Blogbuster-Literaturpreises. Für »Heaven’s Gate« erhielt er ein Stipendium des 1:1-Mentoring-Programms des Literaturbüros Nordrheinwestfalens und des Literaturhauses Bonn.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.wortmax.de/daniel-fassbender-heavens-gate-ein-fall-fuer-caruso/">Daniel Faßbender: Heaven’s Gate: Ein Fall für Caruso</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.wortmax.de">wortmax</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/07/heavens-gate-vb.jpg" alt="" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16540" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/07/heavens-gate-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/07/heavens-gate-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Der Schweizer Diogenes Verlag veranstaltet regelmäßig Zoom-Konferenzen für Buchhändler*- und Blogger*innen, in denen er seine aktuellen Bücher vorstellt. Anfang des Jahres las Daniel Faßbender dort aus seinem Krimi-Debüt »Heaven’s Gate: Ein Fall für Caruso«. Dies ist der erste Teil einer Reihe, der die Lesenden auf die philippinische Insel Surogao entführt, auf der sich der ehemalige Profisurfer Caruso als Privatdetektiv niedergelassen hat. Die eindrucksvolle Leichtigkeit des Augenblicks, in dem die Hauptfigur die titelgebende, anspruchsvolle Riesen-Welle bezwingt, hat mich so fasziniert, dass das Buch umgehend auf meinem Bücherstapel landete.</p>
<blockquote><p><em>Ich stehe auf der Stelle, während ich mich mit hoher Geschwindigkeit auf ein gleißendes Licht zubewege. Ein Rausch. Ein konturloses Jetzt. Freiheit.</em></p></blockquote>
<p>Daniel Faßbender studierte Literaturwissenschaft, Politik und Geschichte und stand im Jahr 2018 mit seinem Debütroman <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783981848465?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">»Die weltbeste Geschichte vom Fallen«</a> auf der Longlist des Blogbuster-Literaturpreises. Für »Heaven’s Gate: Ein Fall für Caruso« erhielt er ein Stipendium des 1:1-Mentoring-Programms des Literaturbüros Nordrheinwestfalens und des Literaturhauses Bonn. Daniel Faßbender lebt in Köln, ist selbst leidenschaftlicher Surfer und arbeitet in einer TV-Nachrichtenredaktion.</p>
<p>Seine Hauptfigur, Privatdetektiv Caruso, lebt seit ungefähr einem Jahr auf der philippinischen Insel Surogao. Er will surfen, frönt dem Nichtstun in seiner Hängematte und ertränkt seinen Trübsinn im Alkohol. Kleinere Aufträge, wie etwa das Wiederfinden gestohlener Roller oder Surfboards, halten ihn mehr, meistens jedoch eher weniger über Wasser. Er braucht unbedingt Geld. Da kommt ihm die geheimnisvolle Spanierin Ángel Guzmán Gaviria gerade recht. Sie möchte, dass er ihren seit zwei Wochen verschwundenen Sohn findet. Caruso fühlt sich von Ángel angezogen, weil sie ihn an seine Verflossene erinnert. Ihr Sohn ist ebenfalls ein begeisterter Surfer. Also sagt er zu. Übernimmt sich Caruso mit diesem Fall?</p>
<p>Zunächst geht er die Suche nach dem jungen Mann gelassen an. Doch schon bald versinkt er tief im Sumpf von Drogen, Gewalt, Korruption und den damit einhergehenden Problemen. An Carusos Seite steht der ehemalige Häftling, Zuhälter und Drogenhändler Dieter »Diego« Mühle. Der clevere Mann der »alten Schule« ist auch der Vater des Gesuchten. Durch ihn entsteht Spannung, er sorgt für genügend Widerspruch und verleiht Faßbenders Erzählstil den Hardboiled-Charakter. Vortrefflich geling dem Autor der Einsatz von althergebrachten Genre-Stereotypen (jovialer Umgangston, Diegos sexistische Verhaltensweisen, nachvollziehbare Zuspitzung durch Gewalt am Ende).</p>
<p>Offen sprach Faßbender während der Online-Lesung über seine Vorbilder: Dashiell Hammet, Raymond Chandler, Jörg Fauser. Man spürt sie insoweit, dass sie sogar im Text genannt werden. Doch man spürt auch Faßbenders Weiterentwicklung. Caruso entspricht nicht den klassischen Männlichkeitsbildern. Man empfindet seine innere Zerrissenheit, erlebt, wie er mit seinen eigenen Lastern kämpft oder welche Auswirkungen Trostlosigkeit, Gewalt und die gesellschaftlichen Missstände auf ihn haben. </p>
<p>Mit Diego stellt der Autor der Hauptfigur einen grandiosen zweiten Protagonisten an die Seite, der ebenso komplex angelegt ist wie Caruso selbst. Ist er sympathisch oder eher nicht? Auf jeden Fall ist er eine raffiniert angelegte Figur in dem actiongeladenen, einfallsreich konzipierten Kriminialfall à la »Surf Noir« vor einer interessant gewählten Kulisse, der zudem vorzüglich unterhält. Die gut nachvollziehbare, packende Auflösung fesselt bis zur letzten Zeile, auch wenn die gesellschaftliche Misere ebenso unverändert bleibt wie Carusos persönliche Situation. Auf eine Fortsetzung darf man sich gespannt freuen.</p>
<blockquote><p><em>Ich verstaute mein Gepäck und wechselte auf das Oberdeck. In der Ferne erschien Heaven’s Gate, dahinter wankte der Surftower im Wind. …Für einen kurzen Moment drehte der Wind, blies von der Küste aufs Meer, und die Welle entfaltete ihre volle Pracht. Ein verirrter Funken Sonne ließ die Kathedrale erstrahlen. Ich schloss die Augen und kehrte zurück in ihr Innerstes.</em></p></blockquote>
<p><strong>Daniel Faßbender: Heaven’s Gate: Ein Fall für Caruso</strong> | Deutsch<br />
Diogenes 2026 | 304 Seiten | <a href="https://www.book2look.com/book/9783257301182(wortmax.de)" target="_blank">Mehr lesen</a> | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783257301182?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Bestellen</a></p>
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		<title>Jürgen Kehrer: Heldenreise ins ewige Eis</title>
		<link>https://www.wortmax.de/juergen-kehrer-heldenreise-ins-ewige-eis/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Renate Bojanowski]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 25 Jun 2026 08:34:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Herbert Schröder-Stranz]]></category>
		<category><![CDATA[Jürgen Kehrer]]></category>
		<category><![CDATA[Roald Amundsen]]></category>
		<category><![CDATA[Robert Falcon Scott]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Weil mich die Geschichte um den spektakulären Wettlauf zum geografischen Südpol zwischen Amundsen und Scott immer schon fasziniert hat, kam mir Jürgen Kehrers Buch »Heldenreise ins ewige Eis: Der Untergang der Deutschen Arktischen Expedition auf Spitzbergen 1912/13« wie gerufen.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.wortmax.de/juergen-kehrer-heldenreise-ins-ewige-eis/">Jürgen Kehrer: Heldenreise ins ewige Eis</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.wortmax.de">wortmax</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/06/Heldenreise-ins-ewige-Eis-vb.jpg" alt="" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16530" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/06/Heldenreise-ins-ewige-Eis-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/06/Heldenreise-ins-ewige-Eis-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Woher stammt eigentlich unsere Sehnsucht nach Heldentum? Wer ist ein Held? Und wer sind die Menschen, die alles daransetzen, als Helden in die Geschichte einzugehen? Interessante Fragen, die mich dazu bewegt haben, wieder einmal zu einem Sachbuch zu greifen. Da mich die Geschichte um den spektakulären Wettlauf zum geografischen Südpol zwischen dem Norweger Roald Amundsen und dem Briten Robert Falcon Scott immer schon fasziniert hat, kam mir Jürgen Kehrers im März 2026 beim Quadriga Verlag erschienenes Buch »Heldenreise ins ewige Eis: Der Untergang der Deutschen Arktischen Expedition auf Spitzbergen 1912/13« wie gerufen.</p>
<p>Darin erzählt der bekannte Journalist, Drehbuchautor und Schriftsteller die ebenso spannende wie tragische Geschichte über die Deutsche Arktische Expedition in dieser Zeit. Während die Polarforschung boomte, zählten die Nordost- oder Nordwestpassage, aber auch der Nord- und Südpol zu den begehrten Zielen. Solche Unternehmungen bargen Risiken und wurden häufig mit dem Leben bezahlt (u.a. John Franklin oder Robert Falcon Scott).</p>
<blockquote><p><em>»Hätten diese Leute ein klein wenig Erfahrung in Eis und Schnee gehabt, so hätte sich all dieses Elend leicht vermeiden lassen. Reisen in jene Gegenden können wahrhaftig genug Schwierigkeiten bieten, ohne dass man diese durch leichtsinnige Ausrüstung und Überfluss an Unkenntnis noch zu vergrößern braucht.«</em> Fridtjof Nansen (1861 – 1930)</p></blockquote>
<p>Andererseits konnte man auf diese Art und Weise auch berühmt oder gar als Held gefeiert werden. Genau das schwebte dem 1884 in Stranz geborenen Herbert Schröder vor, der (um sich aus der Masse herauszuheben) seinem gewöhnlichen Nachnamen den Geburtsort hinzufügte und später Schröder-Stranz hieß. Ohne Schulabschluss verpflichtete er sich zunächst bei der kaiserlichen »Schutztruppe«, die in Südwestafrika für den Völkermord an den Herero verantwortlich war. Als Offiziersanwärter entpuppte er sich jedoch als ungeeignet. Im Jahr 1905 hatte er die Idee, während einer wissenschaftlichen Expedition zu klären, ob sich die Nordostpassage für den Schiffsverkehr nutzen ließe. Würde er so als Polarreisender unsterblich werden und als Mann der Tat in die Geschichte eingehen?</p>
<p>Seine Suche nach Sponsoren war langwierig und dauerte mehrere Jahre. Dennoch vermutet Jürgen Kehrer hinter dem Hochstapler Schröder etwas Anziehendes, das den bekannten Polarforscher Ernst von Drygalski überzeugte, seine Pläne zu unterstützen. Um leichter Geldgeber zu finden, entschied sich Schröder-Stranz für eine Vorexpedition. Die finanzierte Herzog Ernst II. von Sachsen-Altenburg. </p>
<p>Ausführlich und nacherlebbar beschreibt Jürgen Kehrer den Verlauf dieser Expedition. Ungenügende Vorbereitung, Überheblichkeit und mangelnde Kenntnisse dominierten den Misserfolg dieser Forschungsreise. Schröder-Stranz hatte seine Route wider besseren Wissens entlang der Nordküste Spitzbergens geplant. Gemeinsam mit drei weiteren Männern setzt er sich von der Mannschaft ab, um die zweitgrößte Insel von Spitzbergen (Nordostland) zu durchqueren. Diese kleine Gruppe kehrte nicht zu den anderen zurück und gilt seitdem als verschollen.</p>
<p>Eis umschließt das Expeditionsschiff. Es entbrennt ein harter Überlebenskampf, der einige dazu veranlasst, auf dem Landweg Hilfe zu generieren. Der Autor lässt die Lesenden hautnah miterleben, wie die Expeditionsteilnehmer in zu dünner Kleidung, mit zu wenig Nahrung über erodiertes Packeis und Berge von Gletscherschutt klettern. Manchmal mag man sich die Folgen nicht vorstellen: erfrorene Finger und Zehen, die ohne ausreichende medizinische Hintergründe und Narkose amputiert werden müssen. Auch das zwischenmenschliche Klima ist eisig – einer spricht dem anderen Zuständigkeiten und Fachwissen ab. Ähnlich ergeht es den ausgesandten Rettungsmannschaften. Sie gelangen nicht zur Hauptexpedition, scheitern an der eigenen Selbstüberschätzung und müssen am Ende selbst gerettet werden.</p>
<p>Jürgen Kehrer ist mit seiner plastischen Erzählweise ein spannendes Buch gelungen, das man ohne Pause durchliest. Sehr anschaulich und unterhaltsam beleuchtet er die Geschichte von Menschen, die Außergewöhnliches vollbringen wollten, allen voran Schröder-Stranz. Letzterer mag aus seiner Sicht gewiss alles in seiner Macht Stehende in seine Unsterblichkeit investiert haben, Anmaßung und Selbstüberschätzung stehen jedoch keinem Helden gut.</p>
<p><strong>Jürgen Kehrer: Heldenreise ins ewige Eis. Der Untergang der Deutschen Arktischen Expedition auf Spitzbergen 1912/13</strong> | Deutsch<br />
Quadriga 2026 | 272 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783869951652?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.wortmax.de/juergen-kehrer-heldenreise-ins-ewige-eis/">Jürgen Kehrer: Heldenreise ins ewige Eis</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.wortmax.de">wortmax</a>.</p>
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		<item>
		<title>Usama Al Shamani: In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied</title>
		<link>https://www.wortmax.de/usama-al-shamani-in-der-tiefe-des-tigris-schlaeft-ein-lied/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Renate Bojanowski]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 09 Jun 2026 09:51:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Moderne Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Margot Friedländer]]></category>
		<category><![CDATA[Usama Al Shamani]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Aktueller kann ein Roman nicht sein, auch wenn mir das Hineininterpretieren fernliegt. Hier wird gezeigt, wohin die Reise geht, wenn Ideologien die Oberhand gewinnen, die Gier nach Macht so groß wird, dass ein Menschenleben nichts mehr bedeutet, ein ganzes Volk zum Schuldigen erklärt und brutal ausgelöscht wird.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/06/In-der-Tiefe-des-Tigris-schlaeft-ein-Lied.jpg" alt="Usama Al Shamani: In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied" title="Usama Al Shamani: In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied" width="120" height="188" class="alignleft size-full wp-image-16519" />Geschichte ist stets mit dem eigenen Blickwinkel verbunden. Man kann Ereignisse lebendig halten, aus dem Gedächtnis verbannen, verschweigen oder auch, wenn es kaum noch Überlebende gibt, einfach vergessen. Eine der letzten Überlebenden des Holocaust, die Erinnerungskultur bis zu ihrem Tod im vergangenen Jahr aktiv gelebt hat, war für mich Margot Friedländer. Doch auch wenn ein Familienangehöriger stirbt, können lästige Teile der Vergangenheit aus dem Gedächtnis verschwinden. Woher kommen wir? Welche Geschichte prägte unsere Vorfahren?</p>
<p>Genau diese Hintergründe haben mich an dem kleinen Büchlein mit dem poetischen Titel »In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied« von Usama Al Shamani gereizt, das 2025 im Schweizer Limmat Verlag erschienen ist. Hierin konfrontiert der in Bagdad geborene Autor seinen Protagonisten Gadi mit dem Schicksal seiner Familie. Erst der Tod seines Vaters, zu dem die Verbindung längst abgebrochen war, hebt die Ereignisse aus der Vergangenheit ans Licht, erzählt von Schrecken und dem Einfluss der Verdrängung.</p>
<p>Gadi lebt seit Jahrzehnten in Zürich und arbeitet als Dozent für hebräische Sprache. Als seine Schwester ihn an das Sterbebett des Vaters Zakai Mieche in das Krankenhaus in Jerusalem ruft, setzt er sich in den Flieger. Wegen seiner Schwester, wegen des Pflichtbewusstseins gegenüber seiner Familie. Gadi erlebte seinen Vater nicht als Fürsorgenden. Er kennt ihn als den, der irgendwann verschwand. Die Bindung zwischen Vater und Sohn riss. Gadis Vater Zakai Mieche hinterlässt seinen beiden Kindern neben einer Reihe Aufzeichnungen, Dokumenten, Heften und Briefen ein Testament, der seinen letzten Wunsch enthält. Die eine Hälfte seiner Asche soll in Israel verbleiben, die andere in den Tigris gestreut werden. </p>
<blockquote><p><em>22.Juni 2017<br />
Der Tigris ist der Letzte, der mir in Bagdad eine Stimme gibt. Viele meiner Träume blieben dort am Ufer zurück, von der Sonne umarmt und voller Hoffnung. In diesem Wasser nimmt mein Tod eine sanftere Gestalt an. Der Fluss wird mich zurück zu meinem alten Lied führen.</em></p></blockquote>
<p>Auf eindrückliches Bitten seiner Schwester nimmt Gadi die Dokumente und die Asche an sich. Mit Unbehagen beginnt er bereits im Flugzeug mit dem Lesen der Dokumente. Ahnt er, welche Leidensgeschichte seiner Familie sich darin offenbart? </p>
<p>Dass die systematische Verfolgung der Juden in Gadis Heimatland Irak in größerem Ausmaß Anfang der 1940er Jahre begann und der Farhud (Pogrom 1941 in Bagdad) im Juni 1941 als Todesstoß der jüdischen Gemeinde gilt, war mir bis zu dieser Lektüre nicht bekannt. Nach 1948 verschlechterte sich die Lage der im Irak lebenden Juden noch einmal. Offene Verfolgung, Diskriminierung, Berufsverbote und willkürliche Verhaftungen gehörten auch dort zum rassistischen Tagesgeschäft. Der Protagonist Gadi taucht tief in die Geschichte seiner Familie ein, die all das verlor, was zuvor das Leben in Bagdad charakterisierte &#8211; nämlich das friedliche, respektvolle Zusammenleben mehrerer Religionen. Gadi liest von der Auslöschung einer mehr als zweitausendjährigen jüdischen Tradition durch Hitlers Helfer, amerikanische Bomben und Saddam Hussein. So wird ihm bewusst, wie wenig er über die Geschichte seiner Familie und die seines Herkunftslandes weiß. Mir persönlich ging das Schicksal von Gadis Großvater besonders nahe. Was wurde aus dem einst so geachteten Fabrikanten? Welche Krater hinterließen Fremdenhass, wütender Antisemitismus, willkürliche Verfolgung, Enteignung und Gewalt in einem Land, das sich wegen einer Allianz mit Hitler-Deutschland Vorteile erhoffte? Wohin trieb es Gadis Großvater und dessen Familie?</p>
<p>Gemeinsam mit einem Freund reist Gadi nach Bagdad, die Urne mit der Asche seines Vaters im Gepäck. Beeindruckend, wie Usama Al Shamani den Spannungsbogen bis hierhin hält und ihn erst auflöst, als er die 90-jährige Myra (eine der letzten Jüdinnen in Bagdad) kennenlernt und über die Aufzeichnungen seines Vaters mit ihr ins Gespräch kommt. Das ist insofern schwierig, weil Myra ihre Herkunft konsequent verschweigt. Al Shamani hat tiefgründig recherchiert und seine Geschichte trotz der dokumentarisch angelegten Textpassagen sehr poetisch und mit metaphernreicher Sprache gespickt. Das berührt zutiefst.</p>
<p>Aktueller kann ein Roman nicht sein, auch wenn mir das Hineininterpretieren fernliegt. Hier wird gezeigt, wohin die Reise geht, wenn Ideologien die Oberhand gewinnen, die Gier nach Macht so groß wird, dass ein Menschenleben nichts mehr bedeutet, ein ganzes Volk zum Schuldigen erklärt und brutal ausgelöscht wird.</p>
<p><strong>Usama Al Shamani: In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied</strong> | Deutsch<br />
Limmat Verlag 2025 | 224 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783039260935?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
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		<title>Esther Schüttpelz: Grüne Welle</title>
		<link>https://www.wortmax.de/esther-schuettpelz-gruene-welle/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Renate Bojanowski]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 21 Apr 2026 11:48:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Moderne Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Esther Schüttpelz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Für ihren ersten Roman »Ohne mich« wurde Esther Schüttpelz 2023 mit dem Debütpreis der lit.COLOGNE ausgezeichnet. Jetzt erschien ihr zweites Buch »Grüne Welle«. Darin verfährt sich eine Frau nach einem Kinobesuch mit ihrer Freundin in einem alten Golf und findet den Weg zur Autobahn nicht.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/04/gruene-welle-vb.jpg" alt="" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16481" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/04/gruene-welle-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/04/gruene-welle-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Für ihren ersten Roman <a href="https://www.wortmax.de/esther-schuettpelz-ohne-mich/">»Ohne mich«</a> wurde die im Münsterland lebende Autorin Esther Schüttpelz 2023 mit dem Debütpreis der lit.COLOGNE ausgezeichnet. Im vergangenen Monat erschien beim Schweizer Diogenes Verlag ihr zweites Buch mit dem Titel »Grüne Welle«. Darin verfährt sich eine Frau nach einem gemeinsamen Kinobesuch mit ihrer Freundin in einem alten Golf in einer Umleitung und findet den Weg zur Autobahn nicht. Sie nimmt sich vor, bei der nächsten roten Apel anzuhalten und zu wenden, doch sie fährt immer weiter. Sie hat genau das, was sich alle Autofahrenden auf dem späten Heimweg wünschen: eine Grüne Welle.</p>
<p>Die namenlose Protagonistin trifft sich einmal im Monat mit ihrer einzigen Freundin im Kino. Sie ist Künstlerin, jedoch nicht besonders erfolgreich. Nun fährt sie auf einsamen Landstraßen durch die Dunkelheit und entfernt sich immer mehr von der naheliegenden Kleinstadt, in der sie mit ihrem Mann (einem Anwalt) eine Stadtvilla bewohnt. Die Frau fährt und fährt, vertraut ein wenig orientierungslos dem Zufall der roten Ampel und gibt sich ihren dahinschlängelnden gedanklichen Monologen hin. </p>
<blockquote><p><em>Was, wenn sie stimmen, dachte sie, die vielen Geschichten vom Ende der schönsten Dinge, was, wenn es uns längst nicht mehr gibt, wir es nur nicht wahrhaben wollen? Die Frau wurde panisch. Was war das Leben für ein Betrug. Gibt uns das beste nur, damit wir es wieder verlieren. Ganz ohne Grund, nur weil es anscheinend genug ist. Ganz ohne Grund hatten die Frau und die Freundin sich nichts zu sagen. Genau wie es vorher ohne Grund so viel zu reden gegeben hatte. In ihrem Mund erstickte die Frau ihre Fragen mit dem Rauch ihrer sechsten oder siebten oder siebzehnten Zigarette und schluckte sie runter in ihren Bauch.</em></p></blockquote>
<p>Was für eine gespenstische Atmosphäre, die gleichzeitig einen solchen Sog erzeugt, dass man ohne Pause weiterliest. Während man dem einnehmenden Selbstgespräch folgt, passiert man mit ihr die alte Wohngemeinschaft, die Galerie, in der sie einst arbeitete und erfährt so mit jeder Seite etwas mehr. Da brodelt es unfassbar unter der Oberfläche. Man spürt direkt das bedrohliche Rauschen im Hintergrund. Von häuslicher Gewalt ist die Rede und beim Lesen entstehen Bilder im Kopf. Diese Frau fährt nicht einfach so weg. Sie ist unvorbereitet und hat doch eine Idee. Man erahnt die Metapher hinter der Grünen Welle. Ist die Frau ehrlich zu sich? Was treibt sie weg von ihrer Ehe, von der Enge ihres Lebens?</p>
<p>Ganze vierundzwanzig Stunden ist die Frau unterwegs. Im Morgengrauen überfährt sie ein Reh und lädt es in ihren Kofferraum. An einer Dorftankstelle nimmt sie zwei abenteuerlustige Anhalterinnen mit, die die bedrückend-getriebene Begrenztheit ihrer Gedanken und die des Autos durchbrechen. In einem zweiten Handlungsstrang sucht die beste Freundin den Ehemann der Protagonistin auf. Ihm gibt Esther Schüttpelz im gesamten Geschehen nur wenig Raum.</p>
<p>Schnörkellos, bildstark und kompakt auf nur 208 Seiten erzählt die Autorin ihre Geschichte und rückt am Ausgangspunkt die Psyche ihrer Protagonistin in den Fokus. In vierundzwanzig Kapiteln, konzentriert, direkt im Handlungskern beginnend und mit einem außergewöhnlichen Sound ist sie nah an ihrer Protagonistin und deren Freundin, während die anderen Figuren weiter entfernt scheinen. Am Ende muss die Protagonistin eine Entscheidung treffen. Doch wie chaotisch läuft die Entscheidungsfindung in ihrem Kopf ab? Weil Abwägen in ihrer Situation schwierig ist, wird es von der Ampel übernommen.  Die bleibt diesmal ewig rot.</p>
<p>Eine sehr lesenswerte, betörende Geschichte, die einen auch nachdenklich zurücklässt. Können wir die Situation der Frau objektiv bewerten? Soll man die Wahrheit aussparen, weil es sie nicht gibt? Wie ehrlich sind wir mit uns selbst, wenn wir uns entscheiden müssen? </p>
<p><strong>Esther Schüttpelz: Grüne Welle</strong> | Deutsch<br />
Diogenes 2026 | 208 Seiten | <a href="https://www.book2look.com/book/9783257073812(wortmax.de)" target="_blank">Mehr lesen</a> | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783257073812?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Bestellen</a></p>
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		<item>
		<title>Rachel Khong: Real Americans</title>
		<link>https://www.wortmax.de/rachel-khong-real-americans/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Renate Bojanowski]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 17 Mar 2026 15:11:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Moderne Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Rachel Khong]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Rachel Khong hat die amerikanische Gesellschaft sehr genau beobachtet. Unaufdringlich richtet sie ihren Spot dabei auf Familie, Identität und Rassismus. Die  Protagonist*innen in ihrer außergewöhnlich komponierten Geschichte sind nicht außergewöhnlich und hinterlassen doch einen außerordentlichen Eindruck.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/03/real-americans-vb.jpg" alt="" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16450" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/03/real-americans-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/03/real-americans-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Die Aktion »Deutschland liest ein Buch« vom Verlag Kiepenheuer &#038; Witsch in Kooperation mit der ZEIT wählt halbjährlich ein Buch, das bei Lesungen, Diskussionsrunden und Events Lesebegeisterte ins Gespräch bringen soll. Im Newsletter des Verlages auf den Plot einer Familiengeschichte über drei Generationen aufmerksam geworden, entschied ich mich für die Teilnahme. Der umfangreiche Roman »Real Americans« von Rachel Khong, der von Tobias Schnettler einfühlsam ins Deutsche übertragen wurde, entpuppte sich im Verlauf als komplexer und spannender Pageturner.</p>
<p>Rachel Khong lebt in Kalifornien, wurde als Tochter einer chinesischen Familie in Malaysia geboren, kam als Kleinkind in die USA und studierte an der Yale-Universität. Die Lesenden tauchen durch drei Teile hinweg (jeder aus einer anderen Perspektive erzählt) in die Geschichte der chinesisch-amerikanischen Familie Chen ein und verfolgen ihre schicksalsbedingte Verbindung zu der überaus reichen, in Deutschland verwurzelten Familie Maier. Ihnen gehört ein einflussreiches Pharma-Unternehmen, das in Wissenschaft und Gesellschaft hervorragend vernetzt ist und am menschlichen Genom experimentiert. </p>
<p>Doch wer sind nun eigentlich die »echten Amerikaner«? Donald Trumps berüchtigte Vollstreckungsbehörde für Zoll- und Einwanderungsangelegenheiten oder diejenigen, die sich unter Lebensgefahr dagegenstellen? Die First Nations oder die Einwanderer aus Europa? Diejenigen, die ihre eigene Herkunft und Identität verleugnen? Im Verlauf von Rachel Khongs Roman setzen sich die drei Protagonist*innen mit grundlegenden Fragen wie »Wer sind wir?«, »Wo kommen wir her?«, »Wieviel davon können wir selbst bestimmen?«, auseinander. Jede/r für sich trifft schwerwiegende Entscheidungen über Zugang zu Macht und Vermögen und wirft dabei die eigenen Skrupel in die Waagschale.</p>
<p>Manhattan 1999: Die 22-jährige Lily Chen arbeitet als unbezahlte Praktikantin für ein Online-Reisemagazin. Ihre monatliche Miete kann sie nur schwer aufbringen. Auf der Firmen-Weihnachtsfeier lernt sie den »verstörend attraktiven« Matthew kennen. Er lädt sie in ein Luxusrestaurant ein und fliegt nur wenig später in einem Jet mit ihr nach Paris. Dass Matthew in Wirklichkeit mit Nachnamen Maier heißt und Erbe des einflussreichen Pharma-Riesen ist, erfährt Lily, als sie längst von ihm eingenommen ist.</p>
<p>Fragen nach ihrer Herkunft nagen an Lilys Identität, erst recht, als ihr in New York immer wieder asiatische Frauen mit weißen Männern begegnen. Warum weiß sie so wenig über die Herkunft ihrer Eltern? Warum passten sie sich nach ihrer Ankunft in den USA so radikal an? Sind sie die typischen Amerikaner? Als Lily mit ihrem Mann Matthew Peking besucht, trifft sie einen ehemaligen Freund ihrer Mutter. Was steht in dem Brief, den er ihr für sie mitgibt? Warum und wohin verlässt Lily mit dem kleinen Sohn ihren Mann? </p>
<p>Eine abgelegene Insel an der Westküste der USA 2021: Hier lebt Lily Chen mit ihrem inzwischen halbwüchsigen Sohn Nick, allein und spartanisch. Ohne Internetzugang und Smartphones. Lily verschweigt ihrem Sohn den Namen seines Vaters. Weil er über sein Aussehen (blauäugig, blond und seiner Mutter wenig ähnlich) immer wieder nachdenkt, entscheidet er sich heimlich für einen DNA-Test. Er findet seinen Vater Matthew, der inzwischen der Maier-Familienstiftung vorsteht. Für den Zugang zur renommierten Yale University nutzt Nick die Privilegien seines Vaters und verstrickt sich gegenüber seiner nichtsahnenden Mutter immer mehr in ein Lügengeflecht. Sind die darauffolgenden Schuldzuweisungen und Kontaktabbrüche lediglich die Reaktionen eines pubertierenden Jugendlichen? Wer beantwortet die Fragen nach Nicks Herkunftskultur? Ist er ein »echter Amerikaner«?</p>
<p>In den Kapiteln über Nicks Zeit am Campus verwebt Rachel Khong leichtfüßig Themen wie Rassismus oder die Diskriminierung von Menschen wegen ihrer sozialen Herkunft oder ihrer Stellung in der Gesellschaft und skizziert so die Aktualität.</p>
<p>San Francisco 2030: Nick arbeitet in einem Biotech-Unternehmen und bekommt mit, wie dort während einer Party mit offensichtlichen Anspielungen an die faschistischen Rassentheorien über Möglichkeiten von Gentherapie und Reproduktionsmedizin gesprochen wird. Er hat seine (totgeglaubte) Großmutter May gefunden, die ihm als Achtzigjährige ihre verstörende Lebensgeschichte erzählt. Die führt zurück bis in das China von Maos Kulturrevolution, wo May im bäuerlichen Süden zwischen Hungersnot und Frauenfeindlichkeit aufwächst. Die unaufhaltsamen Roten Garden vernichten selbst Blumen und gehen mit unvorstellbarer Brutalität vor. Nicht nur hier ist es dem Übersetzer Tobias Schnettler gelungen, die düstere Stimmung adäquat einzufangen. </p>
<p>Welche Konsequenzen haben all die folgenschweren Entscheidungen, die Lilys Mutter und einstige eine ehrgeizige Forscherin in ihrem Leben getroffen hat? Was hat sich erfüllt von den Hoffnungen nach Selbstverwirklichung und dem Wunsch einzigartig zu sein? Wie frei hat sie all ihre Entscheidungen getroffen? Gespannt verfolgt man im letzten Teil, wie Nicks Großmutter am Schicksal ihres Enkels mitbestimmt hat und wie sie am Ende ihres Lebens dazu steht. </p>
<blockquote><p><em>Das war unser Traum gewesen, …unseren Kindern die bestmögliche Zukunft zu ermöglichen. Doch es war ein Fehler zu glauben, dass man für jemand anderen entscheiden konnte, ganz gleich, wie gut man es meinte. Und was hatten wir wirklich entschieden? Man hatte uns gesagt, was wir wollten: Propaganda war überall. Vor allem in diesem Land, wo die Propaganda lautete, dass es keine gab – dass wir frei waren. Aber stimmte das? Wenn wir doch bestimmte Leben mehr schätzten als andere; wenn wir dazu gebracht wurden, unnachgiebig immer mehr zu wollen? Was, wenn ich verstanden hatte, dass ich schon genug besaß?</em></p></blockquote>
<p>Rachel Khong hat die amerikanische Gesellschaft sehr genau beobachtet. Unaufdringlich richtet sie ihren Spot dabei auf Familie, Identität und Rassismus. Die  Protagonist*innen in ihrer außergewöhnlich komponierten Geschichte sind nicht außergewöhnlich und hinterlassen doch einen außerordentlichen Eindruck.</p>
<p><strong>Rachel Khong: Real Americans</strong> | Deutsch von Tobias Schnettler<br />
Kiepenheuer &#038; Witsch 2026 | 528 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783462005721?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Gerti Tetzner: Karen W.</title>
		<link>https://www.wortmax.de/gerti-tetzner-karen-w/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Renate Bojanowski]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 19 Feb 2026 09:13:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Moderne Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Gerti Tetzner]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Mehr als fünfzig Jahre ist es her, dass Gerti Tetzners Roman »Karen W.« beim Mitteldeutschen Verlag Halle in der DDR erschienen ist. Das Buch wurde mit mehreren Auflagen (auch im Westen Deutschlands) verlegt. (...) Im vergangenen Jahr hat der Aufbau Verlag die Erzählung neu aufgelegt.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/02/karen-w-vb.jpg" alt="Gerti Tetzner: Karen W." title="Gerti Tetzner: Karen W." width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16422" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/02/karen-w-vb.jpg 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/02/karen-w-vb-480x225.jpg 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Mehr als fünfzig Jahre ist es her, dass Gerti Tetzners Roman »Karen W.« beim Mitteldeutschen Verlag Halle in der DDR erschienen ist. Das Buch wurde mit mehreren Auflagen (auch im Westen Deutschlands) verlegt. Ich erinnere mich, wie es während meines Studiums auf dem Nachttisch meiner Mutter lag, ausgeliehen aus ihrer Betriebsbibliothek. Gespannt wartete ich darauf, es nach ihr lesen zu können, suchte man doch Anfang der 1980er Jahre in den Buchhandlungen bereits vergeblich danach. Ein zweites Buch, das ein westdeutscher Verlag veröffentlichen wollte, ist wegen des hohen politischen Drucks auf die Autorin nicht erschienen. Danach war es sehr still um Gerti Tetzner.</p>
<p>Im vergangenen Jahr hat der Aufbau Verlag ihren Roman »Karen W.« neu aufgelegt. Eine gute Gelegenheit für mich, ihn noch einmal ungekürzt zu genießen und herauszufinden, was ihn in die heutige Zeit trägt. </p>
<p>Die Protagonistin des Buches heißt Karen Waldau, ist studierte Juristin, neunundzwanzig Jahre alt und hat eine siebenjährige Tochter. Mit imponierender Willensfreiheit sucht sie nach einem ihr eigenen sinnerfüllten Leben. Mitten in der Nacht verlässt sie ihren Mann Peters, den sie im Grunde liebt. Für den Vater ihrer Tochter lässt sie lediglich ein paar Zeilen zurück:</p>
<blockquote><p><em>»Wir sind ganz schön verkommen. Offensichtlich fühlst Du Dich wohl. Ich reise ab und fange irgendwo auf andere Art an. Sicher bist Du einverstanden, wenn ich Bettina aus dem Ferienlager abhole und einstweilen mitnehme, ihr Temperament ging Dir immer auf die Nerven.«</em></p></blockquote>
<p>Gemeinsam mit ihrer Tochter zieht sie zurück in ihr Heimatdorf Osthausen. Dort, wo sie aufwuchs, möchte sie nun neu beginnen und lernt zunächst den Tierarzt Dr. Steinert kennen. Welche Ziele hat er? Wonach sucht sie? Er sieht in ihr eine Phantastin und meint: »Gegenüber dem Ideal bleibt das Leben immer auch eine Niederlage.« Sie will nicht als Juristin arbeiten, weil sie nicht urteilen will. Sie will lieber Fragen stellen, sich ausprobieren. Also steht sie in aller Frühe auf und geht in Arbeitskleidung mit den anderen Frauen auf das Kartoffelfeld. Die Leute im Ort wundern sich darüber. Ihr Mann schreibt ihr hinterher: »Die Zeit der fixen Ideen ist vorbei.«</p>
<p>Karen denkt inzwischen darüber nach, wozu sie eine gesunde Lunge zum Atmen hat, »Augen für alle sichtbaren Farben« und »Ohren für alle hörbaren Töne des Lebens.«</p>
<p>Das Buch lebt von ihrem stetigen Nachdenken, das ihr andererseits auch viele Enttäuschungen einbringt. Misstrauen schlägt ihr entgegen, war sie doch diejenige, die ihr Dorf als erstes Mädchen wegen des Abiturs verlassen hat. Doch hat sie es damit auch verraten? Empathisch beschreibt Gerti Tetzner, was die Kollektivierung der Landwirtschaft für die Dorfbewohner bedeutet und welche Opfer sie bringen müssen. Dabei richtet sie ihren Blick immer auf ein noch mögliches anderes Leben. Zweifelt, fragt, lässt ihre Protagonistin suchen und verstehen. Zum Beispiel ihren Vater, den sie früher einfach für einen Nazi hielt.</p>
<p>Im Verlauf entwickelt Karen Verantwortungsgefühl und Verbundenheit zu den Menschen in ihrem Heimatort. Dass ihr alter Nachbar verurteilt werden soll, weil er auf dem Hühnerhof der Genossenschaft fahrlässig einen Schaden verursachte, will sie nicht einfach hinnehmen. Berührend, welche Hürden sie überwinden muss.</p>
<p>Kraftvoll erzählt Gerti Tetzner ihre Geschichte aus der Ich-Perspektive ihrer Hauptperson. Die lebt ihren ureigenen Willen authentisch und nachvollziehbar. Man spürt, mit welcher Stärke sich ihr Selbstbewusstsein entfaltet und sie so gegen ideologische Enge aufbegehren kann. Versetzt man sich in Peters, begegnet man einem promovierten Historiker, der sich zu Hause in einer geordneten heilen Welt ausruhen und von den täglichen Strapazen erholen möchte. Karen wirkt dagegen rastlos. Sie mag keine einfachen Wahrheiten, möchte gewohnte Denkmuster durchbrechen und Veränderungen anregen.</p>
<p>Wer in der DDR las, wollte in der Literatur auch seine eigenen kritischen Fragen wiederfinden. Nach der erneuten Lektüre beschäftigte mich etwas, das Frauen in Beziehungen wohl immer noch durch den Kopf geht: Wie rücksichtslos ist es, seinen Willen gegenüber nahestehenden Menschen zu behaupten? Welche Schuld trage ich am Auseinanderbrechen meiner Beziehung? Welche Folgen hat die Trennung für unser gemeinsames Kind? Darüber schweben weitreichendere Gedanken wie etwa die nach dem Sinn des Lebens, die nach Verantwortung und der Rolle, die man sich in einer Gemeinschaft wünscht. Zeitlos und aktuell genug und vor allem erzählerisch ganz besonders verpackt.</p>
<p><strong>Gerti Tetzner: Karen W.</strong> | Deutsch<br />
Aufbau 2025 | 398 Seiten | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783351042646?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Jetzt bestellen</a></p>
<p><a href="https://www.graff.de/shop/item/9783351042646?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank"><img decoding="async" src="https://www.graff.de/affiliate/qrcode/oQBpG59Pt0GhCE6U" /></a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.wortmax.de/gerti-tetzner-karen-w/">Gerti Tetzner: Karen W.</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.wortmax.de">wortmax</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Christina Fonthes: Wohin du auch gehst</title>
		<link>https://www.wortmax.de/christina-fonthes-wohin-du-auch-gehst/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Renate Bojanowski]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 27 Jan 2026 11:44:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Moderne Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Christina Fonthes]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.wortmax.de/?p=16403</guid>

					<description><![CDATA[<p>Die junge Autorin Christina Fonthes wurde 1987 in Kinshasa, Kongo, geboren und lebt heute in London. Sie erzählt in ihrem Romandebüt die Geschichte zweier in Kinshasa geborenen und in London lebenden Frauen. Die Lesenden verfolgen die Geschehnisse um Mira und der jungen Bijoux über einen Zeitraum von vierzig Jahren. (...) Lesenswert und sehr zu Herzen gehend!</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.wortmax.de/christina-fonthes-wohin-du-auch-gehst/">Christina Fonthes: Wohin du auch gehst</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.wortmax.de">wortmax</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2026/01/wohin-du-auch-gehst.jpg" alt="Christina Fonthes: Wohin du auch gehst" title="Christina Fonthes: Wohin du auch gehst" width="120" height="188" class="alignleft size-full wp-image-16404" />Die junge Autorin Christina Fonthes wurde 1987 in Kinshasa, Kongo, geboren und lebt heute in London. Ihr Romandebüt »Wohin du auch gehst« ist im vergangenen Jahr beim Schweizer Diogenes Verlag erschienen, ebenbürtig und von Michaela Grabinger aus dem Englischen ins Deutsche übertragen. Christina Fonthes erzählt darin die Geschichte zweier in Kinshasa geborenen und in London lebenden Frauen. Die Lesenden verfolgen die Geschehnisse um Mira (später in London wird sie Tantine Mireille genannt) und der jungen Bijoux über einen Zeitraum von vierzig Jahren.</p>
<p>Bijoux wird von ihren Eltern als heranreifendes junges Mädchen nach London geschickt. Ihr Leben pendelt zwischen afrikanischen Traditionen und dem modernen Leben in London, hin- und hergerissen zwischen Vertrautem und Unbekanntem. Bijoux ist lesbisch und gerät in Bedrängnis, als Tantine Mireille ihr unmissverständlich mitteilt, dass sie heiraten müsse. Der Mann sei bereits ausgewählt. </p>
<p>Mireille ist strenggläubig und verlangt von Bijoux die Teilnahme an jeder Versammlung und jedem Gottesdienst der kirchlichen Sekte unter Papa Pasteur. Homosexualität, so Tantine Mireille, »ist unafrikanisch«. Bijoux muss sich einem grausamen Exorzismus beugen, der sie »heilen« soll. Schließlich fügt sie sich der Heirat mit einem jungen Mann aus »gutem Hause«. Der ist ebenso unfreiwillig zum Ehemann geworden und verbringt seine Nächte außerhalb der gemeinsamen Wohnung.</p>
<p>Als mutige, positiv wirkende Frau erzählt Bijoux offen von ihrer Liebe und der Unterdrückung. Sie nimmt die Herausforderungen an und sammelt Kraft in der neuen Liebesbeziehung zu Chancey, die ebenfalls aus Kinshasa stammt. Nach und nach gelingt es ihr durch immer wiederkehrendes Aufbegehren die patriarchalischen Grenzen zu unterhöhlen und sich von den vorgegebenen Normen abzuwenden. </p>
<p>Miras Leben wird auktorial erzählt und gestaltet sich komplex. Ihr Weg führt von der Rebellion hin zu einer übertriebenen Religiosität mit verheerenden Folgen. Welches schwere Geheimnis trägt Mira in sich? Warum verschanzt sie sich hinter ihrem Schweigen? In welchem Verhältnis steht sie tatsächlich zu Bijoux?</p>
<p>Dass Christina Fonthes ihren Roman anachronistisch angeordnet hat und zwischen verschiedenen Zeiten vor- und zurückspringt, erzeugt Spannung und zieht in das Geschehen. Man hofft und leidet mit den Protagonistinnen. Während die Ich-Perspektive von Bijoux mehr Nähe erzeugt, bleibt die Figur der Tantine Mireille eher bewusst distanziert. </p>
<p>Beide Frauen müssen sich gegen oder für die Liebe entscheiden, mit weitreichenden Folgen für ihre Zukunft. Auch Rut hat im Alten Testament eine mutige Entscheidung getroffen, nachdem ihr jüdischer Mann gestorben war: gegen ihre Familie und deren moabitische Götter, für ihre Schwiegermutter Noomi und Bethlehem.</p>
<blockquote><p><em>»Rut antwortete: Dränge mich nicht, dich zu verlassen und umzukehren. Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.«</em> (Aus der Bibel, Altes Testament, Buch Rut 1,16)</p></blockquote>
<p>Die persönlichen Erlebnisse der beiden sehr unterschiedlichen Frauen sind eng an das Zeitgeschehen gebunden. Christina Fonthes erzählt packend vom afrikanischen Leben, schildert anschaulich die vorherrschende Gewalt im Kongo und nimmt sich dem Schicksal der in Europa lebenden Afrikaner*innen an. Die müssen sich auch in der Diaspora mit den strikten Wertevorstellungen ihrer Heimat auseinandersetzen. Man erlebt mit, welche Macht Familie ausüben kann und wie stark Traditionen nachwirken &#8211; ohne einseitige Verurteilungen, ohne pädagogischen Zeigefinger.</p>
<p>Die Figuren in Christina Fonthes Roman leben von ihrer Authentizität und Vielschichtigkeit. Glaubwürdig leise wird altes Rollenverständnis aufgebrochen. Nachvollziehbar wird um die Zugehörigkeit in Gesellschaft und Familie gestritten. Lesenswert und sehr zu Herzen gehend!</p>
<p><strong>Christina Fonthes: Wohin du auch gehst</strong> | Deutsch von Michaela Grabinger<br />
Diogenes 2025 | 416 Seiten | <a href="https://www.book2look.com/book/9783257073553(wortmax.de)" target="_blank">Mehr lesen</a> | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783257073553?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Bestellen</a></p>
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		<title>Julia Engelmann: Himmel ohne Ende</title>
		<link>https://www.wortmax.de/julia-engelmann-himmel-ohne-ende/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Renate Bojanowski]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 11 Nov 2025 11:36:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Moderne Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Vor Ort]]></category>
		<category><![CDATA[Harper Lee]]></category>
		<category><![CDATA[J. D. Salinger]]></category>
		<category><![CDATA[Julia Engelmann]]></category>
		<category><![CDATA[Ulrich Plenzdorf]]></category>
		<category><![CDATA[Wolfgang Herrndorf]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Mit »Himmel ohne Ende« legte Julia Engelmann ihren ersten Roman vor. Eine Coming-of-Age-Geschichte, die bis zur letzten Seite fesselt. Engelmanns Sprache kommt unsentimental und schnörkellos daher. Ihre Poesie entsteht durch die Stille, die man zwischen den Zeilen spürt. </p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/11/himmel-ohne-ende-vb.png" alt="Julia Engelmann: Himmel ohne Ende" title="Julia Engelmann: Himmel ohne Ende" width="748" height="350" class="aligncenter size-full wp-image-16322" srcset="https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/11/himmel-ohne-ende-vb.png 748w, https://www.wortmax.de/wp-content/uploads/2025/11/himmel-ohne-ende-vb-480x225.png 480w" sizes="(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 748px, 100vw" /></p>
<p>Der Text »Eines Tages, Baby« der Poetry-Slammerin, Schauspielerin, Sängerin und Autorin Julia Engelmann wurde bis Ende 2020 allein auf YouTube über 13 Millionen Mal angeklickt. Auch ich drängelte mich vor 10 Jahren auf der Leipziger Buchmesse nach einem Autogramm von ihr. Mit dem im Sommer bei Diogenes erschienenen Buch »Himmel ohne Ende« legte sie nun ihren ersten Roman vor. Eine Coming-of-Age-Geschichte, deren Protagonistin Charlie neben Maik Klingenberg (aus <a href="https://www.wortmax.de/wolfgang-herrndorf-tschick/">Wolfgang Herrndorfs »Tschick«</a>), Edgar Wibeau (aus <a href="https://www.wortmax.de/ulrich-plenzdorf-die-neuen-leiden-des-jungen-w/">Ulrich Plenzdorfs »Die neuen Leiden des jungen W.«</a>), Holden Caulfield (aus <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783462032185?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">J.D. Salingers »Fänger im Roggen«</a>) oder Jean Louise, genannt Scout (aus <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783499271571?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Harper Lees »Wer die Nachtigall stört«</a>) nach einem Platz in meinem Herzen sucht.</p>
<blockquote><p><em>»Meine beste Freundin hatte mich angelogen. Weil ich komisch war. Weil ich die falschen Gedanken hatte, die zu den falschen Worten führten, die alles kaputtmachten. Und weil ich zu still war und zu dumm und zu komisch und sowieso nur jeder von mir wegwollte.«</em></p></blockquote>
<p>In Julia Engelmann Roman-Debüt begleitet man Charlie von einem Geburtstag bis zum nächsten. Die 15-Jährige lebt mit ihrer Mutter zusammen, ihre Noten in der Schule sind mittelprächtig. Ihr Meerschweinchen Markus liebt sie über alles, mit der Abwesenheit ihres Vaters hadert sie regelmäßig. Charlie ist unglücklich in ihren Klassenkameraden Mikolaj verliebt. Ihre beste Freundin Kati versteht sie plötzlich nicht mehr. Auch die anderen aus ihrer Klasse scheinen sie nicht mehr ernst zu nehmen und lästern hinter ihrem Rücken. Noch schwerer wiegt, dass ihre Mutter mit einem neuen Mann nach Hause kommt. Ein typisches Pubertätsdrama? </p>
<p>Dann kommt ein neuer Schüler in die Klasse. Er heißt Kornelius, wird jedoch wegen seiner Größe und der strohblonden Haare Pommes genannt. Charlie mag ihn und freundet sich mit ihm an. Pommes lockt sie aus ihrem Kokon, sie philosophieren, vermessen die Tiefe des Himmels, sprechen über den Tod und klettern auf Dächer. Was für ein Geheimnis verbirgt Pommes? </p>
<p>Julia Engelmann spürt der zerbrechlichsten Zeit des Lebens nach. Eine Zeit des Sich-Ausprobierens, des Sich-Findens. Aber auch eine Zeit der Sprachlosigkeit, der Abgeschiedenheit. Deshalb, so sagte Julia Engelmann während der Lesung in der Magdeburger Thalia-Buchhandlung, habe sie das »Stillsein« in den Mittelpunkt ihre Romanes gestellt. »Irgendwann kommt der Tag, an dem ich endlich lauter bin. Und wenn ich etwas sage, und keiner hört das?«, fragte die Autorin. Alles kreist um das Lieben-Lernen vom unperfekten eigenen Selbst und der unperfekten Umwelt. Welche Rolle spielen Freundschaften in dieser Zeit? Und vor allem, was macht eine bedeutsame Freundschaft aus, wenn man sich von seiner Kindheit verabschieden muss und zum ersten Mal seine eigene Selbstverständlichkeit erlebt?  </p>
<p>Wer wollen Charlie und Pommes sein? Ihr aktueller Traum ist es, gemeinsam nach Paris zu fahren. Doch das will erst einmal nicht funktionieren. Dass Charlies Mutter sich in den italienischen Kellner des nahegelegenen Restaurants verliebt und sogar ein Kind von ihm erwartet, lässt die Welt der Teenagerin beinahe völlig aus den Fugen geraten. Gemeinsam mit Pommes tritt Charlie die Reise aus der Stille an, hinaus in die Öffentlichkeit. Sie rauchen ihre erste Zigarette, gehen zusammen schwimmen. Charlie färbt sich die Haare blau, bricht auf der Schul-Theaterbühne ihr Schweigen. Pommes inspiriert sie dabei, ermutigt sie.</p>
<p>Julia Engelmanns Sprache kommt unsentimental und schnörkellos daher. Ihre Poesie entsteht durch die Stille, die man zwischen den Zeilen spürt. Eine Zartheit, der man das »Himmelhochjauchzend, zum Tode betrübt« jederzeit abnimmt. Charlies Coming-of-Age-Geschichte fesselt bis zur letzten Seite. Julia Engelmanns Sprachduktus während der Lesung, pardon, des Aufführens, ließ ein wenig von der einstigen Poetry-Slammerin durchschimmern. Das gab dem Text noch mehr Authentizität. Maik, Edgar, Holden und Scout müssen nun ein wenig zusammenrücken in meinem Herzen – für Charlie.</p>
<p><strong>Julia Engelmann: Himmel ohne Ende</strong> | Deutsch<br />
Diogenes 2025 | 336 Seiten | <a href="https://www.book2look.com/book/9783257073232(wortmax.de)" target="_blank">Mehr lesen</a> | <a href="https://www.graff.de/shop/item/9783257073232?affiliate=oQBpG59Pt0GhCE6U" target="_blank">Bestellen</a></p>
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