Zoran Drvenkar: DuRagnar
Leo beugt sich über Oskar und schüttelt ihn. Keine Reaktion. Leo schlägt ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. Einmal, zweimal und weicht zurück. Es passt nicht zu ihm. Wenn Leo zurückweicht, gibt es ein Problem. Du reagierst sofort. Deine Körperfunktionen fahren herunter. Die Atmung, der Herzschlag. Das Blut fließt langsamer, die Gedanken bewegen sich wie zähe Melasse. »Reptil, ich werde zu einem verdammten Reptil«, denkst du, als Leo auch schon feststellt:
– Er ist nicht mehr.

Der Plot des Romans »Du« ist genau so, wie ihn der Fan von einem ernstzunehmenden Thriller erwartet: fünf Mädchen, um die 16 Jahre alt, auf der Flucht. Verfolgt von der skrupellosen Verbrecherbande, der die fünf Kilo Heroin und die Pistole gehören, die die Mädels bei sich haben. Im letzten Drittel des Buches werden sie mit einem geklauten SUV von Berlin über Hamburg und Dänemark bis nach Norwegen fliehen. Allerdings kreuzt sich der Weg der Mädchen und ihrer Verfolger auf verhängnisvolle Weise mit dem eines Psychopathen. Dieser Mann bringt alle paar Jahre massenhaft Menschen um: mal ein Dutzend Autofahrer, die bei Nacht und Schneesturm in einem Stau stehen, mal rottetet er einen halben ICE aus, mal ein ganzes Dorf.

Aber der Stil und der Aufbau des Buches sind so gar nicht das, was ein trivialer Thriller-Fan erwartet. Der Roman verlangt dem Leser viel mehr Aufmerksamkeit ab, als die meisten anderen, zumeist seelenlosen Machwerke dieses Genres. Denn es sind viele, fein miteinander verwobene Handlungsstränge, die uns Drvenkar in seinem Buch erzählt. Sei es ein Junge, der den Mädchen helfen will, sei es der Chef der Bande oder der Psychopath, jede der knapp 20 Personen bekommt ein Gesicht und eine Vita. Und das alles erzählt er nicht nur auf eine dynamische, sehr erfrischende Art und Weise – sondern auch noch in einem äußerst bemerkenswerten Stil.

Es sind meist die einfachen Dinge, die genial sind. Hier ist es die Erzählebene: Der Autor schlüpft für jeden Mitspieler in dessen Kopf und erzählt uns das Kapitel in der zweiten Person Singular – »Du«. Das wirkt, als würde ich mit mir selber sprechen, zum Beispiel wenn mir mal wieder etwas aus der Hand gerutscht ist: »Na, das haste ja wieder toll hingekriegt.« Damit erreicht er gleichzeitig Nähe und Distanz zwischen Figuren und Leser, ganz anders, als wenn er das Buch in der Ich-Form geschrieben hätte. So sind die Kapitel dann auch nach der Person benannt, in dessen Kopf wir uns gerade befinden: Rute, Schnappi, Mirko, Ragnar, Nessi usw. … und das ist wirklich faszinierend zu lesen, zumal der Autor auch nicht davor zurückschreckt, in den Kopf eines bereits Verstorbenen zu schlüpfen.

Schnappi
Deine Freundinnen wissen nichts davon. Du hast Angst, dass sie dich für Psycho halten und sofort in eine Anstalt einweisen lassen. Wahrscheinlich hast du das von deiner Mutter geerbt. Sie nennt sich eine Schamanin und behauptet, sie kann spüren, wenn Tote an ihr vorbeilaufen. … Du hast das Wort nachgeschlagen und bist dir sicher, dass deine Mutter keine Schamanin ist, denn sie hat ihre Fähigkeiten nie zum Wohl der Gemeinschaft eingesetzt. Hexe passt besser.

Wenn der Roman wegen der jungen Protagonistinnen streckenweise an ein Jugendbuch erinnert, hat der Autor das vielleicht genau so gewollt. Vielleicht hat er ein spannendes Buch für eben diese Zielgruppe schreiben wollen. Ein ungewöhnlicher Thriller mit einer ausgefeilten Sprache ist ihm auf jeden Fall gelungen. Echte Klasse!

Zoran Drvenkar: Du | Deutsch
Ullstein 2012 | 576 Seiten | Jetzt bestellen

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