Vea Kaiser: BlasmusikpopBald waren die zuschauenden Eltern außer Rand und Band. Noch vor der Halbzeit lag St. Peter 1:4 zurück, und Mütter wie Väter waren aufgesprungen, um ihren Kindern Worte an den Kopf zu werfen, die man Kindern nicht sagen sollte. Hier ging es nicht um Fußball, sondern um die Dorfehre. Die Spielereltern sprangen auf und ab, schlugen ihre Hände zusammen, legten die Handflächen zur Schallverstärkung an den Mund, grölten sich die Seele aus dem Leib und wollten sich nicht mehr beruhigen.

»Blasmusikpop« schildert das Leben in einem abgeschiedenen Bergdorf über drei Generationen hinweg. Angefangen mit Johannes Gerlitzen, der sich einen fast fünfzehn Meter langen Bandwurm entfernt und fortan nicht mehr das einfache Leben im Dorf führen möchte. Er geht in die Stadt, um ein Doktor zu werden und Würmer zu erforschen, was ihm tatsächlich gelingt. Jahre später kehrt er als wissenschaftliche Koryphäe nach St. Peter zurück und übernimmt die Stelle des Dorfarztes.

Sein Enkel Johannes A. Irrwein zeigt ähnliche wissenschaftliche Bestrebungen und wird dadurch im Dorf rasch zum Außenseiter. Er legt eine glänzende Schullaufbahn zurück und gibt Anlass zu den größten Hoffnungen. Doch nach einem schweren Rückschlag erkennt er seine wahre Berufung: Er wird die Bewohner seines Dorfes studieren und eine streng wissenschaftliche Abhandlung darüber verfassen. Doch dazu ist es unumgänglich, so eng wie möglich an seinem Studienobjekt zu leben. Er möchte zwar ein objektiver Beobachter sein, doch je mehr er sich auf die Dorfgemeinschaft einlässt, desto schwieriger fällt es ihm, diese Rolle auszufüllen.

Episodenhaft, mit einer unerschöpflichen Anzahl von schillernden Einfällen, schildert die Autorin die Ereignisse im Dorf. Das ist witzig, anrührend und manchmal auch schockierend zugleich. Zu Beginn jedes Kapitels erzählen wissenschaftliche Einschübe die Geschichte von der ersten Besiedlung an. Später erfährt man, dass Johannes eine Chronik von St. Peter verfasst und die Texte daraus stammen. In den wenigen Passagen wörtlicher Rede wird die Mundart benutzt und die geringe Dossierung war eine kluge Entscheidung, da sie über längere Strecken nur schwer erträglich ist.

Die Schärfe der ersten Hälfte hält die Autorin nicht bis zum Ende durch. Anfangs sind die Dorfbewohner verbohrte Holzköpfe, die Wissen und den Rest der Welt mit Gewalt von sich fernhalten. Engstirnig werden Traditionen gepflegt, nur weil sie Traditionen sind. Im Gegensatz dazu das Ideal des wissensuchenden Mannes, der sich und die Welt erforschen will.

Die Positionen sind klar bezogen. Die umgebende landschaftliche Schönheit steht im krassen Gegensatz zum Umgang der Menschen miteinander. Doch diese Gegensätze weichen auf, und so wie Johannes seine Stellung zu den Dorfbewohnern überdenkt, scheint auch das ganze Buch seine Position zu verändern. Gegen Ende mag es ein bisschen zu viel Dorfromantik und Alpenkitsch sein, aber es funktioniert. Schon weil das Buch bis dahin soviel Sympathie beim Leser erzeugt hat, dass dieser ihm und sich ein fröhliches Ende gönnt.

»Blasmusikpop« ist ein grandioses Buch von einer jungen Autorin, von der noch sehr viel Lesenswertes zu erwarten ist. Eines der beeindruckendsten Debüts, das ich seit langem gelesen habe.

Vea Kaiser: Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam | Deutsch
Kiepenheuer & Witsch 2012 | 496 Seiten | Jetzt bestellen

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