bloggerZeit für einen weiteren Buchmessen-Rückblick? Leider nicht. Im Frühjahr, nach der Messe in Leipzig, habe ich es schon nicht mehr geschafft, ein paar Zeilen in den Blog zu hacken. Und auch dieses Mal wird es nichts mit der klassischen Rückblende, die prall gefüllt ist mit den Namen wunderbarer Büchermenschen und Links zu anderen lesenswerten Seiten, weil vieles, was ich schreiben würde, schon andernorts nachzulesen ist. Und weil ich befürchte, mich zu wiederholen. Vielleicht habe ich einfach schon zu viele Buchmessen-Rückblicke verfasst.

Schreiben möchte ich dieses Mal lieber etwas über Buch-und Literaturblogger. Denn sie waren auf meinen Messereisen 2015 das bestimmende Thema, anders als in den Jahren zuvor, als ich vornehmlich als Buchautor sowie in Sachen www.tcboyle.de in den großen Büchererlebnisparks in Frankfurt und Leipzig unterwegs war.

Im März, auf der Buchmesse in Leipzig, gab es zum ersten Mal die sogenannte Bloggerlounge, die mit kostenfreiem Kaffee, bequemen Sitzplätzen und mehreren Veranstaltungen dazu dienen sollte, den Austausch zwischen Bloggern, Verlagen und Autoren zu forcieren. Das neue Angebot wurde im Nachhinein von mehreren Seiten kritisiert. Blogger verlören ihre Unabhängigkeit und wären käuflich, lautete einer der Vorwürfe. Zudem seien einige Aktionen, wie die Bloggerpatenschaft für 15 preisverdächtige Buchtitel und das dazugehörige Aufeinandertreffen von Bloggern und Autoren, schlecht organisiert gewesen. Letzteres kann ich nur unzureichend beurteilen, weil ich nicht in die Aktion involviert war. Den erstgenannten Kritikpunkt, dass Blogger ihre Unabhängigkeit aufs Spiel setzen, wenn sie Angebote der Leipziger Buchmesse oder auch von Verlagen wahrnehmen, halte ich allerdings für großen Mumpitz. Denn nach dieser Logik wären alle Journalisten, die sich irgendwo akkreditieren lassen und dazugehörige Angebote, wie z.B. kostenfreie Verpflegung, nutzen, »gekauft«. Auch Blogger brauchen Spielräume, in denen sie sich entfalten können.

Vielleicht beruht meine Sichtweise darauf, dass ich bereits seit 2003 an der Schnittstelle zwischen Literatur und Internet auf den Buchmessen unterwegs bin. Bis 2010 waren die Erlebnisse und Ergebnisse dieser Besuche ziemlich ernüchternd. Die Verlage waren im digitalen Bereich bis dato steinzeitlich organisiert, Verlegerinnen, Verleger und ihre Mitarbeiter drehten sich auf den Hacken um, sobald sie nur das Wörtchen »Web« hörten, und noch 2009 erklärte mir ein nur an sich selbst interessierter Mitarbeiter des NDR in einer vermeintlichen Buchmessen-Sprechstunde, dass Podcasts nur etwas für ausgebildete Hörfunkredakteure seien. In diesem Fall machte ich auf den Hacken kehrt.

Wenn ich heute jedoch mit digitalem Anliegen über die Buchmessen husche, erfreue ich mich eines riesigen, äußerst vielfältigen Angebots. Alle größeren Verlage verfügen inzwischen über eine Online-Abteilung, mit kompetenten, aufgeschlossenen und sympathischen Mitarbeitern, denen man sich als Internetmensch nicht mehr groß erklären muss, weil sie selbst ausgesprochen internetaffin sind. Es wird in ihrem Job ja von ihnen erwartet.

Die diesjährige Buchmesse in Frankfurt hat mit vielen interessanten Veranstaltungen, insbesondere im von Christiane Frohmann und Leander Wattig auf die Beine gestellten #orbanismspace, die Spielwiese für Buch- und Literaturblogger noch einmal deutlich vergrößert, und das ist auch gut so. Denn die neuen Angebote helfen den Bloggern sich auszutauschen, Erfahrungen zu sammeln, Themen zu entdecken, ihre Blogs zu professionalisieren. Den Verlagen, die mir im Umgang mit Bloggern insgesamt noch recht unaufgeräumt und unsortiert erscheinen, bietet es die Möglichkeit, sich einen Überblick zu verschaffen, zu sondieren, zu prüfen und zu probieren, was sich lohnt und was nicht. Um viel mehr geht es meines Erachtens im Augenblick noch nicht, aber ich finde, das ist schon eine ganze Menge.

Ob Bloggerlounge in Leipzig oder großes Bloggertreffen in Frankfurt: Die einzelnen Aktionen sind mitunter noch recht ziellos und unausgegoren, und die meisten der dort geführten Diskussionen, z. B. um die Bedeutung von Buch- und Literaturblogs im Allgemeinen, ihre vermeintliche Gegnerschaft zum Feuilleton oder aussichtsreiche Blogger-Bezahlmodelle, drehen sich im Kreis oder hüpfen auf der Stelle. Allerdings steht man im gegenseitigen Austausch ja auch noch so ziemlich am Anfang. Blogger, Verlage und Autoren werden ihre Schlüsse aus diesen ersten Annäherungsversuchen ziehen.

Mir selbst hat beispielsweise das große Bloggertreffen der Verlage Hanser, Suhrkamp und S. Fischer eher weniger zugesagt. Die dort geführte Debatte mit Verlagsmitarbeitern und Clemens J. Setz offenbarte wenig Neues und war wegen des wilden Getümmels vor der Bühne und zu leise eingestellter Mikrofone bzw. zu leise sprechender Diskussionsteilnehmer akustisch schlecht zu verstehen. Angesichts der vielen anwesenden Blogger empfand ich das Treffen auch als zu unpersönlich und undifferenziert.

Blogger ist ja nicht gleich Blogger, es gibt da sowohl qualitativ als auch inhaltlich himmelweite Unterschiede, alle haben unterschiedliche Ansprüche … und natürlich ihre Eitelkeiten. Ich habe es nicht recherchiert, bin mir aber ziemlich sicher: Viele von ihnen möchten ungern in einer solchen Masse bedient und/oder abgefertigt werden. Dennoch würde ich mir von Verlagen und Veranstaltern wünschen, dass sie weiterhin Treffen dieser Art anbieten und neue Aktionen ins Leben rufen, an ihnen arbeiten und sie weiterentwickeln. Ich bin sehr optimistisch, dass etwas Gutes dabei herauskommen wird, für die Blogger, für die Verlage und für die Autoren.

Lediglich die Hoffnung, mit dem Bloggen über Literatur finanzielle Einnahmen zu erzielen, auch das ein Thema beim Treffen mit Hanser, Suhrkamp und S. Fischer, muss ich mit meinem Blogbeitrag etwas dämpfen. Mit tcboyle.de habe ich es zehn Jahre lang versucht, nur in Ansätzen ist es gelungen. Dabei hatte ich es als früher Buchblogger mit speziellem Thema vermutlich noch leichter, als beispielsweise jemand, der jetzt erst mit dem Bloggen beginnt und sich unzähligen Gleichgesinnten mit ähnlichem Angebot gegenübersieht.

Vorgeschlagen wurde in der Debatte, die Verlage sollten Banner auf den Blogseiten schalten. Zu jeder Buchvorstellung die passende Anzeige. Ich finde das nicht nur unangebracht, sondern auch furchtbar altmodisch. Aus meiner Sicht wäre damit einerseits ein Punkt erreicht, an den man die Unabhängigkeit von Buchbloggern in Frage stellen könnte. Zum anderen klingt Bannerwerbung für mich zu sehr nach Web 1.0. Ich glaube nicht, dass sich Verlage dazu in naher Zukunft hinreißen lassen und könnte es gut nachvollziehen. Neidisch wird oft auf die hervorragend versorgten Mode- und Reiseblogger geschielt, die ich – bei allem Respekt – jedoch häufig nur als reine PR-Blogs wahrnehme. Bei Büchermenschen ist die Auseinandersetzung mit dem von ihnen gewählten Themenbereich eine ganz andere, meist tiefergehende, und auch deshalb schwerlich mit Verlagsanzeigen vereinbar.

Ich bin überzeugt, dass es eine Vielzahl anderer, besserer Möglichkeiten gibt; Möglichkeiten, bei denen sich Blogger- und Verlagsinteressen weniger fragwürdig in die Quere kommen. Weitere öffentliche oder auch unternehmensinterne Veranstaltungen zum Beispiel, bei denen die Kompetenz, das Know-how oder schlicht die Anwesenheit von erfahrenen Bloggern gefragt sind. Hanser, KiWi und einige andere Verlage bewegen sich meines Wissens bereits auf diesem Terrain. Oder, wie wir es bei wortmax hin und wieder praktizieren, durch den Verkauf bzw. der Mehrfachverwertung von Blogbeiträgen. Und zu gern würden wir mit Bestell-Links ja auch den stationären Buchhandel unterstützen, wenn sich eine lohnenswerte Alternative zu amazon fände.

Es braucht vielleicht noch mehr als eine Buchmesse, bis sich hier völlig neue Horizonte auftun.

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