die_helden_der_nationAm 12. April feiert Russland den sogenannten »Tag der Kosmonauten« im Gedenken an Juri Gagarin, der 1961 der erste Mensch im All war. Erst seit einigen Jahren ist der 12. April auch von der UN als internationaler Tag der bemannten Raumfahrt anerkannt. Will man verstehen, welch regen Anteil die Welt einst an der Frage nahm, welche Nation – die USA oder die Sowjetunion – die erste sein würde, die einen bemannten Raumflug bewerkstelligen würde, liest man am besten »Die Helden der Nation« des amerikanischen Schriftstellers und Journalisten Tom Wolfe.

Dieses Werk, meist als Reportageroman klassifiziert, passt wirklich gut in die Serie der Zeit-Bibliothek der verschwundenen Bücher. In ihm beschreibt Tom Wolfe, geboren 1931 und noch immer als Autor aktiv, die Anfänge des amerikanischen Raumfahrtprogramms in den frühen 1960er-Jahren, als sich die USA und die Sowjetunion ihren Wettlauf zum Mond lieferten. Als Wolfe den Roman schrieb – erschienen ist er 1979 – war die Begeisterung über den Aufbruch ins All zwar bereits auch schon etwas abgeflaut, aber wohl kein anderes Buch fängt die euphorische Stimmung jener Tage so eindrücklich und lebendig ein wie »Die Helden der Nation«.

Wolfe versetzt den Leser zurück in die Zeit des ersten bemannten Raumfahrtprogramms der USA, des sogenannten Mercury-Programms, das von 1958 bis 1963 lief und zu dessen Beginn die NASA noch nicht einmal gegründet war. Er hält sich dabei eng an Tatsachen und reale Personen, mit einigen romanhaften Einsprengseln – deswegen gilt er auch, zusammen mit einigen anderen, als Begründer des »New Journalism«, ein halb sachlicher, halb subjektiv-literarischer Schreibstil, der sich für die typische Zeitungsreportage durchsetzte.

Von den realen Personen ist den meisten Lesern meiner Generation, und erst recht noch jüngeren, im Zusammenhang mit der Raumfahrt wohl allenfalls noch der Name Neil Armstrong ein Begriff. Wir sind vertrauter mit Howard Wolowitz aus der Fernsehserie »The Big Bang Theory« und seinem Problem, darüber hinweg zu kommen, dass Astronauten heute nicht mehr so angesagt sind wie früher: Eine Schülerin vergleicht ihn mit einem Flugbegleiter, der Erdnüsse an Passagiere verteilt, eine Geldgeberin seiner Uni nennt ihn »Raumklempner«, während er verzweifelt auf seinem Status als »American hero« beharrt.

Wolfe erwähnt Armstrong nur am Rande. Die titelgebenden »Helden der Nation« sind die »Mercury Seven«, sieben Militärpiloten, die als Testpersonen für die allerersten Flüge ins All ausgewählt und von der amerikanischen Öffentlichkeit auf eine Weise verehrt wurden, die heute seltsam anmutet. Wolfe vergleicht sie mit Zweikämpfern aus archaischen Gesellschaften, wie etwa den biblischen David, als es noch üblich war, Kriege nicht dadurch zu auszutragen, dass man ganze Armeen aufeinander hetzte, sondern zwei Recken auswählte, die stellvertretend die Sache entschieden. Da mit ziemlicher Sicherheit mindestens einer von ihnen so einen Kampf nicht überlebte, so Wolfes Argumentation, war es nur logisch, dass sie von ihren Mitmenschen mit allen erdenklichen Ehrungen und Annehmlichkeiten überhäuft wurden, bevor sie überhaupt in den Kampf zogen. Ebenso standen die Mercury Seven bereits im Scheinwerferlicht, bevor sie irgendetwas fassbares im Weltall geleistet hatten.

Dieser Widerspruch nimmt in Wolfes Darstellung einen großen Raum ein. Er beschreibt zunächst den Alltag militärischer Testpiloten, die nur dann in ihrem Beruf bestehen können, wenn sie sich durch einen ganz bestimmten Charakterzug auszeichnen – in der deutschen Übersetzung »das gewisse Etwas« genannt, ursprünglich »the right stuff«, der Titel der englischen Originalausgabe. Damit gemeint ist nicht nur die Bereitschaft, bei Tests mit neuartigen Flugzeugen das eigene Leben zu riskieren – und das täglich –, sondern dabei auch noch Coolness und Haltung an den Tag zu legen sowie genügend Kompetenz, um überzeugt zu sein, dass man nur dabei stirbt, wenn man blöde Fehler macht. Ihr größter Lohn: die Anerkennung Ihresgleichen.

Auch die Mercury Seven kämpfen vor allem um die Anerkennung ihrer ehemaligen Kollegen. Zwar genießen sie die Bewunderung der Öffentlichkeit und nehmen die Vorschussbelohnungen an, aber was eigentlich für sie zählt, ist der Respekt der Flieger mit dem »gewissen Etwas«. Als die Piloten aufgefordert werden, sich für das Raumfahrtprogramm zu bewerben, zögern sie zunächst, weil gar keine Flugkompetenz für den Job erforderlich war. Der Astronaut sollte lediglich ein passiver Passagier sein, der seine Kapsel gar nicht selbst steuerte – das übernahmen die Wissenschaftler am Boden. Wolfe erzählt, wie die Mercury Seven Änderungen in der Testanordnung durchsetzten, sodass sie ihre Fähigkeiten als Piloten doch noch ausspielen konnten. Am Ende gelingt ihnen das auch und sichert ihnen die Anerkennung ihrer Kollegen. Zunächst werden sie jedoch von den »echten« Piloten verspottet, weil sie nicht viel mehr tun mussten als die Affen, die als erste Testobjekte ins All geschossen wurden.

Faszinierend ist die Gratwanderung, die Wolfe vollzieht – zwischen Sarkasmus und Bewunderung, nicht nur für die »Helden«, sondern auch für den Pioniergeist und den heute naiv, fast unschuldig anmutenden Fortschrittsglauben der damaligen USA. Immer wieder macht er deutlich, wie sehr sie der Sowjetunion nach dem Sputnikschock lange Zeit eher hinterherhinkte, die Öffentlichkeit aber trotzdem fast sentimental die eigenen Raumfahrer bejubelte. Bei aller Komik scheint dabei doch immer wieder seine Bewunderung durch. Mit derselben Ambivalenz schafft er es auch, die grausame Behandlung der Affen zu kritisieren.

Wolfe schrieb mit diesem Roman auch gegen eine damals dominante Tendenz der Literatur an, die Kriege einhellig verurteilte und für Kriegshelden, besonders hochrangige Offiziere, nicht viel übrig hatte. Er zeigt, wie sehr die amerikanische Gesellschaft sich nach solchen Helden sehnte – und wie sehr die NASA sie brauchte, um weiter finanziert zu werden. Vielleicht erklärt sich die Faszination der »coolen« Astronauten in diesem Buch auch dadurch, dass der Tod für alle Menschen unausweichlich ist und daher Leute bewundert werden, die ihm den Schrecken nehmen, indem sie sich nicht von ihm einschüchtern lassen.

In letzter Zeit, bevor es kürzlich den Mars ins Visier nahm, war das Raumfahrtprogramm der USA eher Geschichte. Wurden Kinder in Umfragen nach ihren Traumberufen gefragt, rangierte der Astronaut abgeschlagen auf den hinteren Plätzen. Zu der Zeit, in der »Die Helden der Nation« spielt, wäre das wohl undenkbar gewesen – was den Reiz der Lektüre mit ausmacht. In den USA ist gerade eben (März 2016) ein monumentaler Bildband erschienen, »Abandoned in Place: Preserving America’s Space History«, der Fotos der längst verlassenen Schauplätze und Einrichtungen der damaligen Zeit sammelt, um sie der Nachwelt zugänglich zu machen. Wahrscheinlich schafft das Wolfe mit seinem Text besser. Weltraumfans freilich wird »Die Helden der Nation« eher in eine elegische Stimmung versetzen. Aber sie können ja auf den ersten bemannten Flug zum Mars hoffen.

Tom Wolfe: Die Helden der Nation | Deutsch von Peter Naujack
Eder & Bach 2015 | 460 Seiten | Jetzt bestellen

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