Tom McCarthy: 8½ MillionenDie ganze Woche hatte ich mich auf das Anheben der Karotte vorbereitet, hatte mir meine Hand, meine Finger, mein umgeleitetes Gehirn als aktiv Handelnde vorgestellt, während die Karotte ein Nicht-Ding gewesen war – ein Hohlraum, den ich greifen und bewegen konnte. Und jetzt war diese Karotte aktiver als ich: Sie war knubbelig, sie war runzelig, und auf ihr wimmelte es nur so von Sand.

»8½ Millionen« von Tom McCarthy wurde von der New York Review of Books als einer der wichtigsten englischen Romane der letzten zehn Jahre bezeichnet. In der Tat ist das 2006 veröffentlichte Werk ein faszinierendes Stück Literatur. Ganz sicher im ersten Drittel, das vor Originalität und Witz nur so sprüht. Was die übrigen zwei Drittel betrifft, bleiben Zweifel, so wie sie auch den namenlosen Protagonisten bis zum vorletzten Kapitel des Buches plagen.

Der Inhalt: Ein Mann erhält nach einem nicht näher beschriebenen Unfall als Wiedergutmachung eine Summe von 8½ Millionen Pfund. Eine gewaltige Summe, die ihm aber nur dann gewährt wird, wenn er über den Unfall und dessen Ursache schweigt. Da er als Folge des Unfalls sein Gedächtnis weitgehend verloren hat, fällt ihm dies nicht sonderlich schwer. In seinen Erinnerungen an den Unfall und an sein Leben davor klaffen große Lücken.

Was nun anfangen mit den 8½ Millionen Pfund? Sein Freund Greg schlägt das Leben eines Rockstars vor, mit viel Sex und Koks. Seine Freundin Catherine, eine Entwicklungshelferin, empfiehlt, das Geld in Aufbauprojekte in Afrika zu investieren. Mit beidem kann der Protagonist jedoch nicht viel anfangen.

Nach einem Déjà-vu-Erlebnis, das er beim Betrachten eines Risses in einer Badezimmerwand hat, beschließt er, sich von dem vielen Geld seine Vergangenheit nachzubauen, ausgehend von dem Déjà-vu-Erlebnis und den wenigen fragmentarischen Erinnerungen, die ihm nach dem Unfall geblieben sind. Es könnten Kindheitserinnerungen sein: ein mehrstöckiges Mietshaus, der Duft von gebratener Leber im Treppenhaus, ein junger Freak, der im Innenhof des Hauses ständig an seinem Motorrad herumbastelt, ein erfolgloser Pianist im dritten Stock, der hartnäckig Rachmaninow einübt oder Kindern das Klavierspiel beibringt.

Um die Lücken in seinem Gedächtnis zu schließen, lässt er das Mietshaus bis ins kleinste Detail nachbauen. Außerdem engagiert er für viel Geld Menschen, die das Mietshaus bewohnen und seine Erinnerungen mit einfachen Handlungen exakt nachspielen. Den ganzen Tag lang, wenn er es will. Vorwärts, rückwärts und in Zeitlupe. Die Organisation dieses gewaltigen Projekts übernimmt ein Mann namens Nazrul Vyas von der Firma Time Control.

Bis hierhin entfaltet der Roman von Tom McCarthy eine unglaubliche Faszination. Immer wieder ist man versucht, das Buch beiseite zu legen, eigene Erinnerungen, die einem bedeutungsvoll erscheinen, aufzurufen und ganz persönliche Gedankengemälde Stück für Stück zu komplettieren.

Der Hauptfigur in McCarthys Roman geht es aber längst nicht mehr nur um die Wiederbelebung seiner Vergangenheit, sondern um die Erforschung des Augenblicks, um das Bewusstsein für alle Einzelheiten, die einen solchen Augenblick ausmachen, um ein authentisches Gefühl und schließlich um die komplette Beherrschung jedes einzelnen Moments. Zu diesem Zweck lässt er weitere Situationen – wiederum bis ins kleinste Detail – nachspielen, die Erlebnisse in einer Kfz-Werkstatt, einen Mord auf offener Straße, immer wieder und wieder, sogar mit wechselnden Statisten rund um die Uhr.

Spätestens an dieser Stelle definiert sich der Plot des Buches völlig neu und die ganze Handlung gleitet ins Absurde ab. Erst recht, als es darum geht, einen Banküberfall zu inszenieren, wobei am Ende niemand mehr zwischen Realitiät und Inszenierung, zwischen Bewusstsein und traumatischem Zustand unterscheiden kann. Nicht mal der Leser. Er kann seinen Spaß daran haben. Oder auch den Spaß daran verlieren.

Tom McCarthy: 8½ Millionen | Deutsch von Astrid Sommer
Diaphanes 2009 | 300 Seiten | Jetzt bestellen

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