Thomas Pynchon: VinelandLernt die Bewohner von Vineland kennen. Zum Beispiel Millard Hobbs, Inhaber eines Betriebs für Landschaftsgestaltung, der von seinem Gründer, einem Leser verbotener Bücher, auf den Namen »Marquis de Saat« getauft worden war:

Ursprünglich war Millard nur als Darsteller für ein paar spätnächtliche Werbespots im Lokalfernsehen engagiert worden, in denen er, eine riesige Peitsche in der Hand, in Kniestrümpfen, Schnallenschuhen, abgeschnittenen Hosen, einer Bluse und einer platinblonden Perücke auftrat – alles von seiner Gattin Blodwen ausgeliehen. »Das vär-flixte Gras will sisch nischt fü-gänn?« fragte er mit heftig näselndem Akzent. »Dahs isch nischt lach – kein Problämm! Ru-fen Sie nur – den Marquis de Saat … Ärr peitscht Ihr Gras ins reschte Maß!«

Nur eine von vielen Nebenfiguren, die das Buch so schillernd machen. Der Inhalt lässt sich grob zusammenfassen: »Vineland« behandelt die Zeit vom Ende der »Wilden Sechziger« bis hin zur Reagan-Ära in den Achtzigern. Es geht um den Verrat von Idealen, den Verlust von Bürgerrechten (wegen des Kampfes gegen Drogen) und darum, was aus den Mitgliedern der Widerstandsbewegung geworden ist. Es geht um die Lage der Nation, die im wahrsten Sinne in die »Röhre« schaut, so dass es schon Suchtkliniken mit mobilen Einsatzkommandos für TV-Junkies gibt.

Daraus hätte man ein düsteres, deprimierendes oder schlimmstenfalls langweiliges Buch machen können. Pynchon hat ein – bei aller berechtigten Bitterkeit – saukomisches Buch daraus gemacht. Der Klappentext der gebundenen Ausgabe:

Zoyd Wheeler, ein liebenswerter Haschkopf und Schlemihl, der mit seiner Teenie-Tochter Prairie zusammenwohnt, geht seinen Geschäften nach: Für die Kameras des Fernsehens springt er in Frauenkleidern durch die Panoramascheibe der Cucumber Lounge und beweist so, dass er immer noch unzurechnungsfähig ist und darum ein weiteres Jahr Anspruch auf Sozialhilfe hat. Aber das friedliche Leben in Vineland wird empfindlich gestört, eine Strike Force des Justizministeriums unter Leitung des undurchsichtigen Staatsanwalts Brock Vond besetzt Zoyds Haus und enteignet es; Zoyd verdrückt sich, Prairie fährt mit der Heavy-Metal-Gruppe »Billy Barf and the Vomitones« zum nächsten Gig, einer Mafiahochzeit in San Francisco. Das Mädchen ist clever, es spürt, dass der Überfall der Staatsmacht irgendetwas mit dem Leben ihrer Mutter Frenesi zu tun hat. Die ist von der Bildfläche verschwunden, als Prairie noch ein Baby war. Prairie macht sich auf die Suche nach ihr und den Geheimnissen der Vergangenheit. Mit Hilfe eines sonderbaren Paares – DL, einer Ninja und Freundin Frenesis, und Takeshi Fumimota, der eine karmische Schadensregulierung betreibt – kommt sie auf die richtige Spur.

Es ist die Sprache, der Humor, der Tonfall, die absurden Ideen. Pynchon schreibt keine seziererischen Charakterstudien in leisen Tönen, sondern schlägt die ganz große Pauke … und ich bin ein erklärter Fan dieses Instruments. Seine Protagonisten mögen von Kritikern als Abziehbilder abgetan werden, aber hey, er schafft bleibende Prototypen. Zoyd Wheeler ist der legitime Vorläufer zu Dude Lebowski, und die Beschreibung von DL könnte eine Parodie auf Uma Thurman in »Kill Bill« sein, wenn das Buch nicht viel früher entstanden wäre.

»Vineland« gilt allgemein als Thomas Pynchons zugänglichstes Buch, weil es eine nachverfolgbare Handlung besitzt, über ein einigermaßen übersichtliches Personal verfügt und – nach seinen Maßstäben – sehr konventionell geschrieben ist. Das mag alles stimmen, aber dennoch ist es kein Buch für Zwischendurch, sondern eine lohnenswerte Lektüre, die den Einsatz des Lesers fordert. Pynchons Texte werden ihm nicht auf einem silbernen Tablett gereicht, damit er sie entspannt genießen kann. Es ist mehr so, als kämpfte man mit einem hungrigen Tier um jeden Bissen und alles, was man für sich erobern kann, zählt unendlich viel. Das muss einem nicht gefallen, und vielen gefällt es auch nicht. Mehr als bei allen anderen Autoren, die ich kenne, ist Pynchon Geschmacksache. Meinen Geschmack trifft er wie kein anderer.

Thomas Pynchon: Vineland | Deutsch von Dirk van Gunsteren
Rowohlt 1993 | 480 Seiten | Jetzt bestellen

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