Stephen Dobyns: Ist Fat Bob schon tot?Wir haben einen ersten Frühlingsmorgen im Spätwinter, ein willkommenes Oxymoron mit samtweichen Winden, das die Studenten des Connecticut College in ihre Wohnheime zurücklaufen lässt, um Shorts und Flip-Flops zu holen. Nackte Beine werden zahlreicher, Geschäftsleute lockern ihre Schlipse, und ein ganz verrückter Hund, der Eigentümer eines Coffeeshops, stellt zwei kleine Tische mit Stühlen auf den Gehweg. Motorräder kommen aus dem Winterquartier. Es wäre falsch, zu sagen, es sei ein guter Tag zum Sterben, aber gewiss kann man sich schlechtere vorstellen.

Robert Rossi, genannt Fat Bob, rast mit seinem Motorrad in einen LKW und wird dabei in Stücke gerissen. Sein Kopf bleibt verschwunden. Beobachtet wird der »Unfall« von Connor Raposo, dem unschuldigen Helden des Romans, den seine Unfähigkeit zum Lügen in immer heiklere Situationen verstrickt. Neben zahlreichen, zwielichtigen Gestalten mischen sich schon bald auch Polizei und FBI in die Angelegenheit mit hinein, und immer mehr Menschen fragen sich: Ist Fat Bob schon tot?

Als erstes fällt an diesem Buch die ungewöhnliche Erzählhaltung auf. Der auktoriale Erzähler des Romans fläzt sich auf den Schoß des Lesers und beginnt, ihm auf amüsante Weise all die erschöpfenden Details darzubieten, die die beschriebene Szene ausmachen. Nach der Lektüre des ersten Kapitels hat man das wohlige Gefühl, aus dem Gedächtnis eine Zeichnung des Handlungsortes anfertigen zu können.

Anschließend wird die Erzählhaltung etwas konventioneller, aber nur gemessen an den eigenen Maßstäben dieses Buches. Es gibt immer wieder direkte Leseranrede und Stellen, wo sich der Erzähler selbst zur Ordnung ruft, weil er zu sehr abschweift. Glücklicherweise aber wird diese Erzählstrategie dezent genug eingesetzt, um nicht zur bloßen Masche zu verkommen. Doch dank ihr wissen wir alles über jeden. Zum Beispiel über die beiden ermittelnden Polizisten Benny Vikström und Manny Streeter, die sich nicht ausstehen können. Das macht sie aber nicht zu einem Buddygespann, das sich schließlich zusammenrauft, wie man es aus unzähligen Filmen kennt. Stattdessen ähneln sie eher einem alten Ehepaar, das sich schweigend erträgt und mit kleinen Gemeinheiten gegen den Leidensdruck ankämpft. Zum Vergnügen des Lesers natürlich.

Das Buch hat unbestreitbar einige Längen, in denen weder die Handlung voranschreitet, noch sonst etwas Interessantes geschieht, aber das lässt sich verschmerzen. Was den Leser erwartet, ist ein spannendes Buch, mit einem herrlich lakonischen Tonfall, witzigen Dialogen und einem interessanten und ungewöhnlichen Stil. Eine schöne Abwechslung zum üblichen Krimieinerlei.

Ich muss allerdings noch ein paar Worte über das Titelbild verlieren, obwohl mir eigentlich die Worte fehlen. Es handelt sich bei dem Buch nicht um einen Katzenkrimi, auch spielen Katzen keine tragende Rolle darin. Das gewählte Motiv soll wohl suggerieren, dass es sich um einen humorvollen Roman handelt, allerdings ist er weit davon entfernt, eine reine Komödie zu sein. Das Cover ist professionell gemacht, aber das Motiv schlecht gewählt. Mich hätte es in einer Buchhandlung nicht zum Kauf verleitet, und diejenigen, die sich von dem Titelbild angesprochen fühlen, werden möglicherweise mit dem Inhalt nicht sehr glücklich. Hoffen wir das Beste.

Stephen Dobyns: Ist Fat Bob schon tot? | Deutsch von Rainer Schmidt
C. Bertelsmann Verlag 2017 | 464 Seiten | Jetzt bestellen

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