Rudyard Kipling: Über Bord»…die interessanteste Sache der Welt ist, rauszukriegen, wie dein Gegenüber sein Brot verdient.« Disko Troop (Kapitän der »We’re Here«)

Harvey Cheyne ist der Erbe eines Millionenvermögens. Seinem Vater gehören Eisenbahnen, Bergwerke und Wälder. Er ist verwöhnt, überaus privilegiert und verzogen. Wie kann sich so ein Mensch entwickeln? Rudyard Kipling gibt die Antwort darauf in seinem Bildungsroman »Über Bord«, höchst rasant und mit scharfem Sachverständnis, dass man sich beinahe in einem aktuellen Action-Thriller wähnt. Gut, dass die Edition Büchergilde dieser beliebten Geschichte der angelsächsischen Welt anlässlich des 150. Geburtstages des Autors am 30. Dezember dieses Jahres eine besonders edle Ausgabe gewidmet hat.

Doch zunächst zur Geschichte vom verhätschelten Millionärssöhnchen. Das raucht während einer Reise mit einem Luxusliner großspurig eine Zigarre, die es nicht verträgt. Harvey Cheyne begibt sich an Deck, wird von einer Welle erfasst und schon treibt der Held des Romans auf dem Meer. Gerettet wird er von einem Besatzungsmitglied des Fischfang-Schoners »We’re Here«. Das dauert ganze sechs Seiten.

Weder Geld noch gute Worte helfen, dass Harvey wieder Land unter die Füße gewinnt. Die Seeleute glauben ihm nicht, dass er aus reichem Hause ist und im Monat mehr Taschengeld bekommt als sie Salär in einem Jahr. Gezwungenermaßen wird er zum Fischer, erledigt niedere Arbeiten und gewöhnt sich an die Gefahren, die während der Jagd auf den Kabeljau überall lauern.

Harvey lernt, wie man in ein Beiboot steigt; dass man nichts mit nackter Hand anfassen soll außer den Fisch; und bald weiß er auch, wozu die Geräte an Bord dienen. Er erfährt, dass es nicht lohnenswert ist, sich über Dinge aufzuregen. Man muss mit ihnen umzugehen wissen. Das bedeutet auch die Annahme einer ganz eigenen Sprache, denn auf See hat alles eine spezielle Bezeichnung.

Nach hundert Seiten versteht das »Landei« die Welt nicht mehr, denn Begriffe wie »Dory«, »hart nach Lee«, »alles wegfieren«, »Klüver bergen«, »staken!« sind ihm fremd. Ein großes Lob an den Übersetzer Gisbert Haefs, der mit seiner sensiblen Übertragung die Wirkung des Buches unterstreicht. Die Übersetzung der zahlreichen Dialekte, Lieder und Gedichte liefert zusätzlich die perfekte Milieustudie. Außerdem wurde der vorliegende Band mit einem lesenswerten Nachwort von Gisbert Haefs versehen. Doch was lernt Harvey Cheyne für das Leben an Land von der bunt zusammen gewürfelten Seefahrer-Truppe, die übrigens auch wunderbar »Seemannsgarn« spinnen kann? Darauf hat Rudyard Kipling im Verlauf des Buches eine Antwort.

Auch wenn Kiplings Beschreibung des Eisenbahnverkehrs Anfang des 20. Jahrhunderts weniger akribisch ausfällt als Harveys Erlebnisse auf See, so zeugt sie doch von großer Sachkenntnis. Der Leser erlebt einen Eisenbahnstreik und lernt zunächst den ziemlich lustlos wirkenden Harvey Cheney Senior kennen. Seine Frau beweint den vermeintlichen Seetod ihres einzigen Sohnes. Drei Seiten und ein Telegramm später organisiert der Alte voller Elan die Familienzusammenführung.

Männer können fast immer riechen, ob ein Mann selbst etwas auf die Beine gestellt hat, und dann behandeln sie ihn als ihresgleichen …

… weiß der alte Cheyne während des langen Gespräches mit seinem Sohn. Aus diesen Zeilen sprechen seine ernste Gesinnung und der Respekt vor ehrlicher, harter Arbeit. Senior Cheyne rät seinem Sprössling zum Besuch des College und der Universität Stanford. Der ist erwachsen geworden und geht nun auf die höhere Schule. In der Reihenfolge könnte Harveys Entwicklung Schule machen.

Die Illustrationen von Christian Schneider verführen den Leser in die raue Seemannswelt, wo unberechenbare Naturgewalten das (Über)leben beherrschen. Seine plastischen Zeichnungen schaffen eine phantastische Atmosphäre, die vielen kleinen Details regen die Phantasie an und fesseln ebenso wie der Text. In der Tasche des Einbands (feines Ganzleinen mit Bootsplankenmuster) befindet sich eine große gefaltete Seekarte und vermittelt das Gefühl, man lese ein Logbuch. Damit ist Buchgestalterin Cosima Schneider ein weiterer großer Wurf gelungen, dem möglichst viele Leser zu wünschen sind.

Rudyard Kipling: Über Bord | Illustrationen: Christian Schneider | Deutsch von Gisbert Haefs
Edition Büchergilde 2015 | 300 Seiten | Jetzt bestellen

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