Roberto Bolano: LumpenromanJetzt bin ich Mutter und auch eine verheiratete Frau, aber vor gar nicht langer Zeit war ich eine Kriminelle. Mein Bruder und ich hatten unsere Eltern verloren. In gewisser Weise rechtfertigt das alles. Wir hatten niemanden. Und das buchstäblich von heute auf morgen.

Nach dem Unfalltod ihrer Eltern schlagen sich Bianca und ihr Bruder alleine in Rom durch. Beide schmeißen die Schule und halten sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, während sie von einem eigenen Friseursalon träumt und er alle Bodybuilding-Meisterschaften bis hin zum Mister-Universum-Titel gewinnen will. Meistens schlagen sie allerdings nur irgendwie die Zeit tot. Doch dann bringt ihr Bruder zwei Freunde mit in die gemeinsame Wohnung. Sie ziehen für mehrere Tage ein, unterhalten die Geschwister und machen sich im Haushalt nützlich. Bianca beginnt ein Verhältnis mit beiden, vielleicht auch nur mit einem von ihnen, so genau weiß sie es nicht, da sie immer nur im Dunkeln besucht wird.

Bald schon begleitete ich meinen Bruder auf seinen Eskapaden durch die Videotheken. Morgens während der Schulzeit, wenn andere Jugendliche in unserem Alter damit beschäftigt waren, zu lernen oder zu stehlen oder Drogen zu nehmen oder auf den Strich zu gehen, stromerte ich durch die Videotheken unseres Viertels und der Nachbarviertel, anfangs zusammen mit meinem Bruder, der nach verschollenen Filmen mit Tonya Waters suchte, einer Pornodarstellerin, in die er sich verliebt hatte.

Scheinbar unbeteiligt schildert Bianca ihren Alltag und damit die Hoffnungslosigkeit und Perspektivlosigkeit von zwei jungen Menschen, die aus der Sicherheit ihres Elternhauses herausgerissen wurden. Ihr kleiner Haushalt verläuft in geregelten Bahnen, bis die beiden Gäste eines Tages einen Plan haben: Sie wollen in das Haus von Maciste einbrechen, einem ehemaligen Bodybuilder, der in zahlreichen Sandalenfilmen der Fünfzigerjahre mitgespielt hat. Inzwischen erblindet, sitzt er einsam in seinem verdunkelten Haus. Zusammen mit einem Safe, in dem die Männer einen Schatz vermuten. Bianca muss den Lockvogel spielen.

»Lumpenroman« ist von seiner Länge her eher eine Novelle als ein Roman. Die komplette Handlung passt auf einen Buchdeckel, wo man sie auch findet. Ein kurzes, aber sehr intensives Lesevergnügen. Zu kurz vielleicht, um die Qualität dieses Autors in seiner ganzen Bandbreite zu erfahren. Es war die letzte Geschichte, die Bolano vor seinem Tod schrieb, während er auf eine Spenderniere wartete. Die Veröffentlichung seines Meisterwerks »2666« erlebte er nicht mehr. Seitdem erscheinen alle seine Bücher in Erst- oder Neuauflage.

Wer mehr über diesen interessanten Autor und sein Werk erfahren möchte, kann sich auch in den informativen Blog von Marvin Kleinemeier einlesen: www.zwei666.de

Roberto Bolano: Lumpenroman | Deutsch von Christian Hansen
Hanser 2010 | 109 Seiten | amazon-info

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