Robert Coover: GeisterstadtEin vermutlich einst rotes Tuch um seinen Hals fängt den Schweiß auf, der ihm ausgedörrt und sattelmüde, wie er ist, noch aus den Poren tritt. Eine weiche, löchrige Weste, ein graues Hemd, abgewetzte rindslederne Chaps über dunklen Jeans, die in schmutzverkrusteten spitzen Stiefeln stecken, das alles verschlissen und staubig, nass geworden vom Regen, getrocknet von Sonne und Wind. Das ist das Bild, das er abgibt, ein einsamer Reiter in der ebenen Halbwüste, der eigensinnig seinen Weg geht.

Ein einsamer Cowboy reitet aus dem Nichts in eine Stadt hinein, in der Verbrechen und Unzucht herrschen. Das hat man schon oft gelesen und noch viel öfter gesehen. Aber noch nie so. Der Roman ist trotz seiner Kürze eine Sammlung aller Dinge, die einen Western ausmachen und für die man dieses Genre mag. Er ist ein Konzentrat aus tausend Filmen und ein Spiel mit bekannten Klischees.

Mit wenigen Worten beschwört Coover Bilder, die einem sofort vertraut vorkommen. Viele Szenen haben Cartooncharakter, sind überzogen und versprühen eine auffällige Künstlichkeit. Es ist, als würde man zwischen mehreren klassischen Western und Zeichentrickfilmen hin und her zappen, wobei Coover dem Road Runner näher steht als John Wayne. Das Spiel mit fiktionalen Versatzstücken ist ein Stilmittel der Postmoderne und Coover ist einer ihrer bekanntesten Vertreter.

»Geisterstadt« ist auf der einen Seite geprägt von einem erdrückenden Realismus. Wenn der namenlose »Held« als eine seiner ersten Handlungen einen alten, blinden und unbewaffneten Mann erschießt, wird drastisch vorgeführt, wie wenig Wert ein Menschenleben im Wilden Westen besaß. Aber es spielt auch eine magische Ebene mit. Der Leser weiß nie, ob es den Ort wirklich gibt oder ob er eine Art Fata Morgana ist.

Das Geschehen liegt irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit. Personen erscheinen und verschwinden wieder wie durch Zauberei. Sind die unzähligen Abenteuer, die unser Held bestehen muss, nur Ausgeburten seiner Fantasie? Er durchlebt unter anderem Erinnerungen an ein Leben als Schafzüchter, dessen Familie von Banditen ermordet wird, oder an sein Aufwachsen bei den Indianern:

Um ihn mit ihrer besonderen Lebensart vertraut zu machen, spielen seine neuen Brüder Gesichttreten, Feuerwerfen und Pfeilausweichen mit ihm, reiben ihn mit Stinktieröl ein, lassen ihn eine Woche lang ohne Essen und Trinken kopfüber in der Sonne hängen, sperren ihn mit Klapperschlangen ein, durchbohren seine Hodensäcke mit angespitzten Falkenfederkielen, hackten ihm einen Finger ab und befehlen ihm, splitternackt mit einem zwei Meter großen Schwarzbären zu kämpfen. Sie zeigen ihm ihre eigenen Narben und Verstümmelungen, damit er sieht, dass sie ihn nicht quälen wollen – es ist alles bloß Spaß und gehört zu ihrer unbekümmerten Lebensart.

Das Buch ist starker Tobak und manchmal recht unappetitlich. Aber es ist vor allem der Humor, der es so lesenswert macht. Es ist ein böser Humor, manchmal bleibt das Lachen im Halse stecken, aber an vielen Stellen lacht man einfach schallend heraus. »Geisterstadt« ist wie eine Achterbahnfahrt, voller Tempo und unvorhersehbarer Handlungswendungen. Man wechselt zwischen Grinsen und Luftanhalten, und wenn die Fahrt vorbei ist, möchte man sofort wieder einsteigen.

Robert Coover: Geisterstadt | Deutsch von Dirk van Gunsteren
Rowohlt 2002 | 190 Seiten | Jetzt bestellen

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