Richard K. Breuer: Rotkäppchen 2069[Dr. Kravitz] »Also gut, eins, zwei, drei und los geht’s. Proband legt sich auf Couch, er fällt ins Koma, wir stöpseln ersten Stecker ins Hirn, wir stöpseln zweiten Stecker in Zentralrechner und BUMMS! der Proband träumt, was der Zentralrechner ausspuckt. Wir nennen das eine virtuelle Reise. Alice im binären Wunderland, sozusagen.«

Eine Besprechung dieses Buches muss zwangsläufig mit der Aufmachung beginnen, denn sie springt einem sofort ins Auge. Und zwar mit Anlauf. Das Layout ist sehr abwechslungsreich. Es besitzt zwar nicht ganz so viele verschiedene Schriftarten wie »Starfish rules« von Tobias O. Meißner, aber trotzdem gibt es gehörig auf die Augen und die zahlreichen Illustrationen von Gunther Eckert verlocken immer wieder zum Vorblättern. Die Search inside-Funktion bei Amazon gibt übrigens einen schönen Einblick in das Buch.

Auf dem Cover wird fleißig Namedropping betrieben. Von Kafka, Freud, Terry Pratchett, Philip K. Dick, Douglas Adams und der Matrix ist dort die Rede. Die üblichen Verdächtigen denkt man, wenn es darum geht, ein Buch zu bewerben. Aber ich habe sie alle darin wieder gefunden und könnte sogar noch einige hinzufügen, denn das Buch ist ein Sammelsurium, eine Fundgrube für Literatur- und Filmjunkies. Bewährte Science-Fiction- und Fantasy-Elemente werden darin gehörig durchgemischt. So entwickelt sich eine erwartete, genretypische Wirtshausschlägerei mit einigen Gardisten stattdessen zur fröhlichen Bondage-Fachsimpelei.

Einliterarischercomicstripübersexundandereperversionen lautet der Untertitel des Buches und Sex spielt tatsächlich eine Rolle in diesem Buch, wird aber wie die im Untertitel angekündigten Perversionen meist nur angesprochen oder aufgezählt. Wer eine Version der Matrix als eine Art Pornodisneyland erwartet, könnte falscher nicht liegen. Der Thematik nach ist es auf jeden Fall kein Kinderbuch, aber die Drastik der Darstellung ist durchaus moderat. Wer sich von Comicfiguren in Tierkostümen mit Ausschnitt für die Genitalien nicht allzu sehr in seinem sittlichen Empfinden angegriffen fühlt, kann hier getrost zugreifen.

Wir begegnen vier Abenteurern, Fantasy-Stereotypen mit lüsternen Ambitionen, die Schmuddel-Version von Tolkiens Gefährten, und begleiten sie durch eine archaische Welt, die nur scheinbar real ist. Der alte Merlin deutet in einem seiner kurzen hellen Momente an, dass sie sich in einer virtuellen Realität befinden, bevor der Zusammenstoß mit einem herabfallenden Pinguin ihn wieder zum blätterzählenden Stammler degradiert. Ohne seine Hilfe machen sich die Abenteurer auf den Weg zu einem mysteriösen Ort namens EXIT. Unterwegs begegnen sie zahllosen skurrilen Gestalten, unter anderem einen Schriftsteller mit dem geheimnisvollen Kürzel [B], der die simulierten Szenen entworfen hat.

Nach einem guten Einstieg hat das Buch im Mittelteil einige Längen, die daher kommen, dass zu viele Leute auftauchen und sie die Handlung meist nur wiedergeben. Das ist unnötig, teilweise überflüssig und vor allem zäh. Auch was die Spannung betrifft, bleibt das Buch hinter seinen Möglichkeiten. Und Möglichkeiten gibt es genug, doch sie werden nur kurz angerissen und wieder fallengelassen. Selbst die Ausgangslage von vier Psychiatriepatienten, die einem Computerprogramm zu entkommen versuchen, wird nicht wirklich befriedigend zu Ende geführt. Stattdessen stapelt der Autor eine Varietenummer auf die andere, bis es einen förmlich erschlägt.

Wirklich Spaß machen dagegen die mehr oder weniger versteckten Anspielungen. Von Falco-Texten über Walter-Matthau-Thrillern aus den Siebzigern bis zu Therapeuten namens Dr. Burgess Kubrick. So bleiben im Gedächtnis die wirklich gute Grundidee sowie die witzigen und unterhaltsamen Dialoge.

[Paolo] »Für euch drei habe ich eine weitere Aufgabe. In meinem Keller ist der Ritter des Nichts zu Tode gekommen … naja, das ist schon eine Weile her. Bis jetzt hat es noch niemand geschafft, sein besonderes Zauberschwert herauszuziehen. Versucht es und erlöst seine Seele. Wenn ihr es schafft, dann soll das Zauberschwert euch gehören.«

[Rob] »Steckt es in einem Stein?«

[Paolo] »Stein? Nein, es steckt in seiner Brust. Er ist beim Schwertputzen ausgerutscht.«

Richard K. Breuer: Rotkäppchen 2069 | Illustrationen von Gunther Eckert
2008 | 324 Seiten | amazon-info

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