Raymond Chandler: Der große SchlafWas machte es schon, wo man lag, wenn man tot war? In einem schmutzigen Tümpel oder in einem Marmorturm oben auf einem Berg? Man war tot, man schlief den großen Schlaf.

Wer an Privatdetektiv Philipp Marlow denkt, sieht den smarten Typen, der stets gut aussieht, an dem alles abzuprallen scheint und der genauso eiskalt wirkt, wie die Typen, hinter denen er schnüffeln soll. Raymond Chandler wurde mit seinem ersten Detektiv-Roman »The big sleep« (dt. »Der große Schlaf« weltberühmt – sein stilbildender Protagonist Marlow zur Kultfigur. Anlässlich des 125. Geburtstages des Autors hat die Edition Büchergilde den Kultkrimi in einer exquisiten, detailverliebten Ausgabe neu aufgelegt.

Marlow hat bis heute an seiner Überzeugungskraft nichts eingebüßt. Auch beim wiederholten Lesen nach langer Zeit scheint die Grenze zwischen Realität und Fiktion zu verschwimmen. Dass in der komplexen, zeitweise verwirrenden Handlung selbst der ermittelnde Hauptdarsteller erhebliche Mühe hat, den Überblick zu behalten, sorgt für zusätzliche Spannung und steigert das Lesevergnügen. Immer noch imponieren die fein ausgeloteten Charaktere und die gestochen scharfen Bilder der beteiligten Personen.

Apropos Bilder: Diejenigen, die beim Lesen im Kopf entstehen, sind wegen des 30er Jahre-Flairs des vergangenen Jahrhunderts vorzugsweise schwarz-weiß und lehnen sich an die Verfilmung mit Humphrey Bogart in der Hauptrolle an. Diejenigen, die dem zuweilen flüchtig wirkenden Pinselstrich des Leipziger Buchillustrators Thomas M. Müller entstammen, leben zum einen von der sorgsamen Nachkolorierung am Computer, zum anderen suggerieren sie dem Leser, dass er sich im Raum bewegen würde.

Die rechte Seite zeigt den Teil eines Raumes, blättert man um, kann man das Geschehen aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Das provoziert, stört und macht zugleich Lust auf mehr. Dem aufmerksamen Betrachter fallen die gedeckten Farben auf und die Patina, die die Bilder bereits angesetzt haben sollen. Ein originelles Stilmittel, das die Stimmung der Zeit treffender nicht widerspiegeln könnte.

Philipp Marlow war ein starker Raucher. Auch dem wird Thomas M. Müller mit seinen Illustrationen gerecht. Dass das Vorsatzpapier dem Silberpapier der Zigarettenpäckchen entspricht, unterstreicht die Liebe zur Finesse, mit der diese Ausgabe konzipiert wurde. Mit dem Pinsel hin gewischte dicke Zahlen dienen der Kapitel-Orientierung, stilisierte Fußspuren geben Hinweise auf die Seitenzahl.

Wer meint, dass durch so viel Hingabe die eigentliche Geschichte eher nebensächlich sei, wird eines besseren belehrt. Die Handlung ist so zeitlos, dass nur wenige Änderungen sie ins Jetzt holen würden: Der verwitwete General Guy Sternwood, der zu reich ist, um nicht einige Leichen im Keller zu haben, bittet Privatdetektiv Philipp Marlow um Hilfe bei einer Erpressung wegen Spielschulden. Außerdem ist sein Schwiegersohn verschwunden. Der Invalide ist zwar sehr gebrechlich, hinterlässt jedoch immer noch einen knallharten Eindruck. Seine beiden Töchter sind missraten, die eine mehr als ihm lieb sein mag …

Der Leser gerät in den Strudel der Verwicklungen, die Marlow selbst als Ich-Erzähler Stück für Stück und erst am Ende vollständig aufklärt. Nach kurzer Zeit wird er Zeuge von zwei Morden, am Ende sind gar fünf Personen tot. Die hat kein Serienmörder auf dem Gewissen, sondern sie sind das Ergebnis einer Verstrickung verschiedener Verbrechen.

Ungebrochen ist bis heute die Freude über die außergewöhnliche Sprache Chandlers, die so poetisch wie hart und gleichzeitig nüchtern daherkommt. Die erfindungsreichen Metaphern fordern zum Weiterlesen auf, auch wenn man sich im tiefsten Strudel des Durcheinanders befindet. Marlows klassischer Witz, seine Eleganz und Coolness sind bis heute unübertroffen.

Der Roman lebt von seinem Tempo und den zahlreichen Überraschungen. Marlow agiert in einer unmoralischen Welt, die die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischen lässt. Er versucht, seine Ideale und Würde zu bewahren. Daran müssen sich alle nachfolgenden Generationen von Privatdetektiven messen lassen, bis heute.

Raymond Chandler: Der große Schlaf | Deutsch von Gunar Ortlepp
Edition Büchergilde 2013 | 306 Seiten | Jetzt bestellen

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