Ramón Díaz Eterovic: Engel und EinsameHeredia ist eine Existenz, der es irgendwie an allem ein bisschen fehlt. Das Geld für seine Mietwohnung verdient er sich als Privatdetektiv, über einen Mangel an Pausen muss er sich jedoch nicht beklagen. Neue Aufträge sind aufgrund der spärlichen Einkünfte eher notgedrungen willkommen, so sie denn überhaupt mal eintrudeln.

So überschaubar wie sein Arbeitspensum ist auch sein Privatleben. Eine Frau ist weder vorhanden noch in Sicht, nur der Kater Simenon leistet ihm Gesellschaft. Die beiden haben so manche Diskussion miteinander auszufechten. Ob das Tier in der Tradition der magischen Realität wirklich des gesprochenen Wortes mächtig ist, lassen wir mal dahingestellt. Genausogut kann der Kater als ein Symbol für die Einsamkeit des Stadtmenschen stehen, welche unser Held durch Selbstgespräche zu kompensieren versucht, die er – aus Mangel an sonstigen Lebewesen – auf seinen Stubentiger projiziert.

Heredia lebt in der Altstadt von Santiago de Chile, dort kennt er jedes Gässchen, alle Orte, die man am besten niemals betritt und vor allem sämtliche Kneipen, Billardcafés sowie diverse Etablissements von zweifelhaftem Ruf. Seine sozialen Kontakte beschränken sich auf Kommissar Solis, mit dem er schon so manche Nacht zum Tag gemacht hat, immer in trauter Dreisamkeit mit dem einen oder anderen Glas Bier oder seinem geliebten Wodka.

Dann gibt es da noch seinen blinden Nachbarn Stevens, dem man sogar Kontakte mit dem Geheimdienst nachsagt und der ganz offensichtlich so einige Geheimnisse mit sich herumträgt. Der Kioskbesitzer Anselmo fungiert für Heredia als eine Art Außenposten, denn in Santiago ist es gut – und manchmal geradezu lebensnotwendig – seine Augen und Ohren auch außerhalb der eigenen vier Wände aufzusperren.

Als seine ehemalige Geliebte Fernanda, eine Journalistin, die gerade geheimen Waffenproduktionen auf der Spur war, in ihrem Hotelzimmer tot aufgefunden wird, ist für Heredia klar, dass dies kein natürlicher Todesfall ist. Seine Natur lässt ihm keine andere Wahl, als den Fall aufzuklären. Unerwartete Unterstützung bekommt er von der blutjungen Griseta, die sich nicht nur in ihn verliebt, sondern sich auch noch in den Kopf gesetzt hat, ihn aus seiner selbstgewählten Isolation zu holen.

Santiago de Chile ist ein – für Europäer – wohl eher ungewohnter, aber vielleicht gerade deshalb sehr reizvoller Handlungsort. Eterovic gelingt es hervorragend, eine Brücke zu schlagen zwischen der Existenz seines melancholischen Protagonisten und seiner nicht minder melancholischen Stadt, in der jede verschmutzte, von Armut geprägte Gasse und jeder im Dunkeln vor sich hinstarrende Clochard das menschliche Dasein einem kritischen Blick unterzieht: »Engel und Einsame« atmet den Geist des Tango, des Bolero, selbst portugiesische Fados vermeint das Innere Ohr zu vernehmen, wenn man gebannt mit Heredia durch die nächtliche Altstadt stromert.

Leider wurden von Ramón Díaz Eterovic nur zwei Romane ins Deutsche übersetzt. Bleibt zu hoffen, dass irgendwann ein Umdenken stattfindet und sich jemand der übrigen Bände annimmt, denn diese Milieustudie ist von hoher Qualität und Eterovic vermag es spielend, den Leser in eine ihm unbekannte Welt zu entführen.

Ramón Díaz Eterovic: Engel und Einsame | Deutsch von Meralde Meyer-Minnemann
Diogenes 2000 | 330 Seiten | amazon-info

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