Philip Roth: Der menschliche MakelDie Berührung durch uns Menschen hinterlässt einen Makel, ein Zeichen, einen Abdruck. Unreinheit, Grausamkeit, Missbrauch, Irrtum, Ausscheidung, Samen – der Makel ist untrennbar mit dem Dasein verbunden.

Das Buch »Der menschliche Makel« behandelt einige Themen – ob offensichtlich oder nur am Rande. Die augenscheinlichste Message ist allerdings die Gratwanderung zwischen allgemein gültiger menschlicher Ethik und Schicklichkeit und der persönlichen Vorstellung und Verwirklichung der eigenen Freiheit.

Der Hauptakteur Coleman Silk, ein angesehener Universitätsprofessor und – wenn man ihn persönlich kennen würde – ein bestimmt sehr beeindruckender, vielleicht etwas einschüchternder Mann, sieht sich plötzlich nach einer steilen Karriere und der vorangegangenen vollen Verweigerung der eigenen Vergangenheit mit absurden Vorwürfen konfrontiert, die nicht nur seine akademische Laufbahn gefährden, sondern auch das Leben seiner Ehefrau beenden. Allein diese Tatsache erschreckt – ein üblicher Schicksalsschlag, der nichts mit Unfall oder Mord zu tun hat, löscht ein Leben aus.

Durch diese Erlebnisse, durch unhaltbare Vorwürfe und dem Gefühl des Verlassen Werdens, stürzt Coleman Silk in einen tragischen Sog von Ereignissen, die sein Leben abseits der Universität, von der er sich abgewandt hat, prägen. Gleichzeitig holt er sich das, was sein Innerstes braucht – keine anspruchsvollen Diskussionen, keine Anerkennung von »wichtigen Menschen« – nein, er holt sich Liebe, Zuneigung, Sex und Spannung.

Dies alles vereint in einer einzigen Person, seiner Liebhaberin Faunia, die bisher nichts anderes als feste Tritte in die Magengrube von ihrem Leben persönlich erlebt hat. Durch diese zwei Schicksale – jeweils in seiner individuellen Eigenheit tragisch – machen sich die beiden Liebenden eine ganz andere Ebene zu eigen, als sie konventionelle Paare im Alltag erleben. Die Ebene der Echtheit, der Makel, der vollkommenen Losgelöstheit von Konventionen oder dem drohenden Zeigefinger der Moral.

Im Grunde kann ein solches Buch kein Happy End im hollywod’schen Sinn haben, das merkt der Leser schon nach ein paar Seiten. Immer wieder blickt man ob der simpelsten Erkenntnisse auf, wird gezwungen, die Welt aus den Augen zu sehen, die das verlangen, was man selbst haben möchte – ohne die Moralvorstellungen anderer zu befriedigen. Immer wieder schwingt Traurigkeit, Frust, Trotz und Zorn im Subtext der Zeilen und die Frage, wie man die Gratwanderung zwischen Moral und Ego am besten schafft, drängt sich mit jeder weiteren Seite mehr auf.

Die Figur Coleman Silk regt dazu an, sich seinem Leben zu stellen, seine eigenen Bedürfnisse zu erkennen und auszuleben, bevor das mühsam auf Lügen aufgebaute Leben in sich zusammenfällt wie ein von Kinderhand gebautes Kartenhaus. Denn schlussendlich bleibt nichts anderes übrig als man selbst.

Philip Roth: Der menschliche Makel | Deutsch von Dirk van Gunsteren
rororo 2010 (23. Auflage) | 400 Seiten | amazon-info

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