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| Think Big! |
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| Denk ich an Chicago, so denk ich an Klötze. Nein, nicht an Bauklötze, sondern an die Kleinstadt Klötze. Diese liegt in Sachsen-Anhalt und ist für mich genau das Gegenteil von Chicago. Ein ziemlich großer Reisebericht von Holger Reichard |
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Chicago kennt jeder, aber wer kennt Klötze?
Die größte Herausforderung bei einem ersten Besuch in Chicago, der Windy City, ist es, sich nicht darin zu verlaufen und zu einem ungünstigen Zeitpunkt in einem der übelsten Viertel der US-Metropole zu landen. Oder nicht vor Anbruch der Dunkelheit aus Downtown Chicago herauszufinden. Die Folgen für umherirrende Touristen sind vermutlich die gleichen. Die Schwierigkeit bei Klötze liegt darin, diesen Ort überhaupt zu finden. Obwohl er einem doch so nah ist.
Werfen wir einen kleinen fiktiven Blick auf die Urlaubsplanung des amerikanischen Lotteriegewinners Bruce Bubblestone, der sein Geld in eine Europareise investieren will. Bruce kommt aus Wonderlake, einem kleinen Vorort von Chicago, und erklärt dort seinen staunenden Freunden und vor allem seinen plötzlich so zahlreich vertretenden Freundinnen, wo München liegt. Bruce nimmt also seinen Atlas und stupst mit dem Finger scheinbar willkürlich auf die Europakarte. Und er sagt: »Da ist München, da will ich hin.«
In Wirklichkeit hat Bruce mit seinem Finger gar nicht auf München gestupst. Sehen wir einmal davon ab, dass der Fast-Food-Liebhaber mit dem dicken Ende seines Zeigefingers gleich ganz Bayern, das gesamte Österreich und Randgebiete der Schweiz abdecken würde, liegt München für Bruce dort, wo Deutschland liegt. Er stupst also auf die Mitte von Deutschland. Und was liegt seit 1990 in der Mitte von Deutschland? Richtig! Klötze!
Ich habe bislang noch keinen Amerikaner kennengelernt, der schon einmal in Klötze war oder sich der Existenz dieses Ortes bewusst ist. Für Amerikaner zählt eben allein das Große. Genauer gesagt: nur das Größte! Lange Zeit habe ich dies für ein Vorurteil gehalten, aber nicht mehr, seitdem ich 1999 zum ersten Mal in den Vereinigten Staaten von Amerika zu Gast war.
Ich verbrachte damals einen zweiwöchigen Urlaub in Chicago. Das bedeutet: Urlaub in einem der größten Staaten der Welt, Urlaub in einer der größten Städte der Welt, Urlaub in einer Stadt mit den größten Gebäuden der Welt, Urlaub bei Menschen mit dem größten Selbstbewusstsein der Welt. Erzählen Sie das mal einen Amerikaner. Er wird Ihnen sagen, dass Sie mit dieser Behauptung maßlos untertreiben.
Es fing mit dem Größenwahn schon bei meiner Ankunft auf dem o'Hara Airport an. Nicht zufällig handelt es sich hierbei um einen der größten Flughäfen der Welt. Das stand sogar in den Himmel geschrieben. Denn egal, wo man sich in der Metropole gerade aufhielt: Ständig zogen mindestens zehn Jumbos gleichzeitig ihre Bahnen am Firmament - seit dem 11. September 2001 eine gruselige Feststellung.
Lächerlich hingegen erscheint mir seit meinem USA-Aufenthalt das Gehabe der Deutschen um ihren Mercedes. In den Staaten fährt Mutti damit zum Einkaufen. Als Erstwagen fährt der durchschnittliche Amerikaner einen riesigen Jeep mit Reifen so groß wie Rhönräder, oder einen Van mit Platz für zwei italienische Großfamilien, oder beides. Ein Mercedes ist in den USA nur ein nettes Accessoire für die Hofeinfahrt. Ein Seat Marbella fährt in dem Land nicht, er käme dort unter die Räder.
An meinem zweiten Abend in Chicago war ich Teilnehmer eines Barbecues, in dessen Rahmen ich das größte T-Bone-Steak der Welt genoss. Es weckte in mir die Frage, warum man mir das Rind nicht gleich im Ganzen serviert hatte. Erst später erfuhr ich, dass der Begriff »Barbecue« genau übersetzt das Rösten ganzer Tiere bedeutet: vom Barte bis zum Schwanz - barbe à queue.
Als dankbarer Gast, der ich bin, verdrückte ich das Weidentier und bekam noch am Abend das größte Magendrücken der Welt.
Die wahre Größe Chicagos sollte ich jedoch erst Erkennen, als am Tag darauf die obligatorische Besichtigung des Sears Tower erfolgte. Der Sears Tower ist der größte Wolkenkratzer der Welt mit dem größten Aufzug der Welt. Lassen Sie sich von den Einwohnern Kuala Lumpurs nichts anderes erzählen. Die schummeln nämlich mit ihren Wolkenkratzern, indem sie ihnen besonders lange Antennen aufsetzen. Diese Ansicht vertreten zumindest die Einwohner Chicagos. Und ich glaube ihnen, seitdem ich auf der Aussichtsplattform des Sears Tower war.
Was in Deutschland als Wolkenkratzer durchgehen würde, sieht vom Sears Tower aus wie ein kleines grünes Häuschen auf der Turmstraße. Runterspucken vom Gebäude lohnt sich nicht. Menschen, auf die man zielen könnte, sind von dort oben nicht mehr zu erkennen. Außerdem würde der Speichel auf dem langen Weg nach unten - beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre - verdunsten.
Gern würde ich meine Reisenotizen abwechslungsreicher gestalten und bescheidener formulieren. Doch es war immer nur das Größte, was ich in Chicago zu sehen bekam. The Buckingham Fontain am Columbus Drive - der weltberühmte Brunnen aus der Anfangssequenz der TV-Serie »Eine schrecklich nette Familie« - zählt angeblich zu den größten der Welt und bietet seinen Besuchern eine der größten Fontänen der Welt.
Außerdem war ich Shoppen in einem der größten Einkaufscenter der Welt. Allerdings konnte ich dort den den größten Einkaufswagen der Welt nicht ganz füllen, weil mein Bankguthaben sich in anderen Größenordnungen bewegt. Ich flanierte auf dem Navy Pier, eine der längsten Promenaden der Welt, trank dort die größte Zitronenlimonade der Welt und leckte am größten Softeis der Welt.
Wäre mein Urlaub nicht auf zwei Wochen begrenzt gewesen, könnte ich diese Liste der Superlativen endlos fortsetzen. Ich wäre gern noch länger geblieben, doch die Arbeit daheim stapelte sich in Sears-Tower-verdächtige Höhen.
Nach einem außergewöhnlichen Urlaub wieder an seinen Schreibtisch zurückzukehren und sich um unliebsame Aufgaben kümmern zu müssen, bedeutet für viele ja das größte Unglück der Welt. Das war bei mir nicht anders. Doch nach meiner Chicago-Reise war ich mächtig stolz darauf, ebenfalls etwas zu besitzen, das zu den größten Dingen der Welt gehört. |
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Kommt noch ... |
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