| Looking for Roger |
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| Die Frankfurter Buchmesse ist ein Dorf. Beeindruckt ist man nur beim ersten Mal. Riesige Hallen, hektische Geschäftigkeit, hohe Preise und ein Hauch von weiter Welt. Von Karsten Weyershausen |
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Wenn Menschenmassen von einem Termin zum nächsten hetzend durch die Gänge eilen oder angegraute Nadelstreifenträger mit ernster Miene ihren Latte macchiato schlürfen - all dies kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es immer die gleichen Menschen sind, die man hier trifft. Nehmen wir zum Beispiel Roger Willemsen. Jedes mal, wenn ich bisher eine Buchmesse besuchte, lief mir der sympathische Vielschreiber über den Weg. Irgendwann gehörte die Willemsen-Sichtung zum Messebesuch fast dazu. Immerhin, besser als rosa Elefanten oder sprechende Dornenbüsche ...
Verglichen mit der Frankfurter Buchmesse ist das Leipziger Pendant klein und beschaulich. Und skurriler. Vor ein paar Jahren habe ich dort einen Musiker getroffen, dem John Lennon angeblich im Traum ein Lied vorsang. Von dieser, der Welt unbekannten Lennon-Komposition, nahm er natürlich sofort eine CD auf, die er in Leipzig vorstellte. Das Werk bekam später einen Ehrenplatz in meinem Mülleimer.
Schriftstellernde Fernsehmoderatoren und memoirende Schauspielruinen schienen in diesem Jahr einmal mehr die wahren Literaten aus dem Rampenlicht zu drängen. Fast überall grinste einem die Semiprominenz auf großen Plakaten entgegen. Überhaupt ist es interessant, die Mediengrößen dieser Welt so unbefangen herumspazieren zu sehen. Der Nachteil ist natürlich, dass man beim Anblick mancher TV-Gesichter instinktiv nach der Fernbedienung greift, um wegzuzappen. Pech gehabt!
Und wenn wir schon beim Thema Mediengrößen sind: Dass die amerikanische Sexualberaterin Dr. Ruth Westheimer klein ist, war mir bekannt - dass sie jedoch SO klein ist, dass sie problemlos unter meinem Küchentisch durchspazieren könnte, war mir neu. (Geistige Notiz: Mal wieder die Spinnweben unter den Tischen entfernen.)
Spannend auch die Gegensätze in der großen, weiten Buchmessenwelt. Während die Opulenz mancher amerikanischer Stände selbst im alten Rom alles in den Schatten gestellt hätte, handelte es sich bei den meterhohen Bücherregalen am größten russischen Messestand nur um eine aufgeklebte Tapete. Klarer kann man einem nicht vor Augen führen, wer den Kalten Krieg verloren hat. Dafür haben die Osteuropäer vielleicht die besseren Autoren. Bessere Autorenportraits haben sie auf jeden Fall. Knarzige Charakterköpfe werden im föhngewellten Amerika einfach nicht mehr gedrechselt.
Die Buchhändler sind sowieso ein komisches Völkchen. Als mein Verleger vor drei Jahren Dolly Buster einlud, die zu den großen Nachwuchstalenten der horizontalen Kurzprosa zählt, war die Resonanz nicht gerade grenzenlos. Trotz eines beeindruckenden Lacklederoutfits liehen ihr nur etwa fünf Zuhörer das Ohr. Selbst in Braunschweigs Fußgängerzone gibt es Künstler, die mehr Publikum haben. Die Branche gibt sich halt anspruchsvoll.
Um auf den Anfang dieser Zeilen zurückzukommen: Jedes Dorf braucht eine Sau - zum Durchjagen. Diese Rolle fiel 2006 zweifellos der berühmten Philosophin Eva Herrman zu, die in ihrem neuen Buch allen Emanzen endlich einmal zeigt, wo der Hammer hängt. Überall wurde gelästert und gehöhnt, dass es eine Freude war. Was wieder einmal beweist, dass die Kulturschaffenden dieses Landes genau solche Hackfressen sind wie die Klofrau von nebenan.
Und überall wird gekocht! Der Boom der Kochsendungen im Fernsehen fand auch auf der Buchmesse seinen Niederschlag. An jeder Ecke wurden Süppchen gerührt, Waffeln geschmort oder Kekse verteilt. Deutschland im Backwahn. Hat Eva Herrman am Ende doch recht? Drängt es die Frauen zurück an den Herd? Die Messebesucher zumindest griffen beherzt zu. Der Hunger war groß, die Schlangen lang.
Mein persönlicher Favorit ist jedes Jahr aufs Neue der Hotdog-Stand vor der Halle 4.0, wo die Brötchen so schön nach alten Pappkartons schmecken. Ohne Röstzwiebeln praktisch ungenießbar. Meistens esse ich gleich zwei.
Stichwort soziale Kompetenz: Natürlich gehört es zum guten Ton, dass man während der Zeit des Messebesuchs alle Menschen aufsucht, die man kennt, um ihnen zumindest zu signalisieren, dass man noch lebt. Wichtig dabei ist vor allem, dass man vorher Termine macht. Auf der Messe ist alles zu spät, denn jeder hetzt von einem Meeting zum nächsten. Wer sich nicht rechtzeitig bemüht, hat Pech gehabt. Zufällige Begegnungen wachsen nicht über ein kurzes Händeschütteln hinaus.
Eine Einladung zu einen Empfang ist auch nicht schlecht. Hauptsache Schnittchen! Womit wir wieder beim Essen sind. Wer in Frankfurt keine Kontakte knüpft, sollte besser in die väterliche Topfdeckelfabrik zurückkehren.
Für alle, die es noch nicht wussten: Fast alle kreativen Köpfe und besonders diejenigen, die sich dafür halten, sind Nachtschwärmer, die ihre trockenen Kehlen gern und oft mit Alkoholischem ölen. Nirgends kann man so gut Nachtschwärmen wie während einer Messe, wenn ein Heer von Besuchern durch die Stadt streicht, um etwas zu erleben.
Mein schönstes Buchmesseerlebnis: Eines abends zogen Autor Holger Reichard und ich durch die Frankfurter Innenstadt, um das letzte Bier des Tages zu suchen. Wir fanden es in einer Bar, die von einer Truppe gestylter Smokingträger okkupiert zu sein schien. Es waren wohl Musiker, die gerade ein Konzert hinter sich hatten, denn es lagen vereinzelt Instrumentenkoffer herum. Die Bedienung (im dezenten Seidenschal) hätte auch als Opernsänger eine gute Figur gemacht. Alles in dieser Bar schien Eleganz zu verströmen, von der Frisur des Oberkellners bis zur Speisekarte - alles, außer Holger und mir. Es sind solche Gegensätze, die das Salz in der Suppe des Lebens sind - oder die Röstzwiebeln auf dem Hotdog vor Halle 4.0.
Roger Willemsen habe ich bei meinem diesjährigen Messebuch allerdings nicht gesehen. Seitdem mache ich mir ernsthaft Sorgen um ihn. |
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