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»Matze hat heute wichsen gesagt«
Großwerden in den 80er Jahren: Djangos Monatskarte, fiese Witze und Frust durch Wolf-Dieter Stubel. Ein persönlicher Rückblick von Michael Völkel
 
 
Plopp Meine Kindheit war voller Idole. Das größte jedoch war Michael Schanze, weil der mit allen zehn Fingern ploppen konnte. Ploppen, das hieß, seinen Zeigefinger in den Mundwinkel zu stecken und so raus zu ziehen, dass es leise knallte. Gab er auf diese Art ein Stoppzeichen, mussten die Kandidaten von »1, 2 oder 3« auf einem von drei Antwortfeldern stehen bleiben, zwischen denen sie bis dahin hin- und her gesprungen waren. Einige von ihnen waren dabei so lange demonstrativ lässig auf dem falschesten Feld stehen geblieben, dass sie es nicht mehr schafften, rechtzeitig auf das richtige zu springen. Sie litten fortan vermutlich unter einem Plopp-Trauma. Denn das richtige Feld leuchtete anschließend auf, und als einziger auf dem falschen zu stehen, war genauso schlimm, wie beim Bockspringen auf dem Bock hängen zu bleiben - zumal ein Mitschüler als Kamerakind ausgewählt wurde, das dann meistens immer voll auf die falschen Rater draufhielt.

»1, 2 oder 3« lebte von Schanzes Plopp und dem legendären (toll gereimten) Reim »Willst du bei diesem Spiel gewinnen, musst du viele Bälle bringen«. Doch außer Schanze schaffte es nie jemand, mit mehr als drei Fingern zu ploppen. Heute - misstrauisch geworden - vermute ich, dass das leise Knallen bei ihm nachsynchronisiert war. Damals wurde es für mich jedoch ebenso zum Statussymbol wie, mit den Ohren zu wackeln und auf zwei Fingern pfeifen zu können. Schanze indes hat sich bis heute so gut wie nicht verändert. Noch immer sagt er »Mein lieber Schwan«, wenn er seine Bewunderung ausdrücken möchte und grinst verschwörerisch ins Publikum, wenn ein Kind etwas Albernes erzählt. Eine der wenigen Konstanten meines Lebens.

Andere Idole habe ich hingegen aus den Augen verloren: zum Beispiel den Petzipelikan, der alle Werkzeuge der Welt in seinem Schnabel hatte. Oder Justus Jonas aus den Drei-Fragezeichen-Büchern: Er, der schlaueste der drei Hitchcock-Detektive, hat mich zu mancher Beschattung inspiriert. Einmal habe ich in der Bücherei zum Beispiel einen älteren Mann gesehen, der mitten im Sommer Lederhandschuhe trug - auffälligerweise nur an einer Hand! Da ich gerade Sahne für den Geburtstag meiner Mutter kaufen musste, rannte ich schnell zu einer Telefonzelle und vertraute meinen beiden besten Freunden die weitere Observation an. Am Käsestand verloren sie ihn allerdings aus den Augen. Noch Tage später ärgerte ich mich schwarz. Und bestellte vorsichtshalber beim Krimiclub Fingerabdruckpulver und Geheimtinte. Der ängstliche Blick hinter meinen Schlafsessel kurz vorm Einschlafen gehörte sowieso zu meinen täglichen Ritualen.

Kaum weniger Inspiration lieferten mir die »Verstehen Sie Spaß?«-Streiche von Kurt Felix - damals noch sechs Streiche in dreißig Minuten Schlag auf Schlag - bevor durch die zusätzliche Anwesenheit von Paola und die Verlängerung auf anderthalb Stunden die Einschlafquote merklich stieg. Felix harmlose Ideen wie, in der Innenstadt an einem Probierstand reinen Zitronensaft als Limonade Mango Bango anzubieten, ahnungslosen Werbe-Models für einen angeblichen Suppen-Werbespot mit Cayennepfeffer verwürzte, ungenießbare Western-Soup vorzusetzen (»Bitte sagen Sie: Mmmh, Western-Soup, die schmeckt.«) oder Leute, die aus einem Toilettenhäuschen kommen, durch klatschende Besucher empfangen zu lassen, sorgten tagelang für Gesprächsstoff.

Wenn ich heute sehe, wie Kurt Felix in Talkshows erzählt, sein Hobby sei, noch nicht eingeweihte Autobahnteilstücke abzugehen, wundere ich mich, wie ich ihn als Kind pfiffig und witzig finden konnte. Damals hat er uns jedoch zu einer Reihe von Gags angeregt: Wir bauten Nachbarn Schneemänner vor die Tür und klingelten dann, legten Kunden im Supermarkt irgendwelche zusätzlichen Lebensmittel in ihren Wagen und beobachteten, wie sie verstört hin- und herliefen und ihren Wagen suchten (obwohl bestimmt kein anderer drei Gurken drin liegen hatte) oder riefen - da in unserem Mietshaus die Telefone der Nachbarn sehr laut gestellt waren - die Apparate derjenigen an, die gerade die Treppe herunter liefen und legten auf, wenn sie wieder bis zu ihrer Wohnungstür hoch gerannt waren.

Überhaupt Telefon: Stunden vergingen damit, lustige Nachnamen aus Telefonbüchern herauszusuchen und die Anrufer damit aufzuziehen. Meldete sich jemand mit Bauch, sagten wir »Sie sind ganz schön dick«. Hieß jemand Koch, fragten wir: »Was gibt es heute zu essen?« Auch die häufig wechselnden Freunde unserer großen Schwestern wurden auf diese Art getestet, indem wir sie anriefen und sagten: »Hallo Elfie, warum bist Du denn gestern nicht gekommen?« Oder: »Hier ist die Firma Sarotti. Wir möchten Dich morgen gerne mal durch den Kakao ziehen.« Reagierte jemand unfreundlich, rächten wir uns, indem wir selbst gemalte Steckbriefe an die Tür hängten: »Gesucht wird Holger Kielhorn. Kennzeichen: Adlernase.« Oder Zettel in der Bettwäsche unserer Schwester versteckten: «Heute ist Deine letzte Nacht.«

Wurden solche Telefongespräche von unseren Eltern mit Belustigung gesehen, sorgten andere für wachsende Besorgnis: die Anrufe bei Radio Luxemburg - dem Sender schlechthin. Täglich rief ich zwischen dreizehn und vierzehn Uhr bei Jochens Musiktresor an und versuchte, hundert Mark zu gewinnen, indem ich den mit einem Eigenschaftswort gesuchten Musiktitel sang. Bei »Achims antiken Acht« wünschte ich mir einmal in der Woche abends um zwanzig Uhr einen Oldie (allerdings nur, um Achim eine Rätselfrage stellen zu können), und wenn Viktor moderierte, rief ich einfach so an, um ein bisschen mit ihm zu quatschen. (Ich: »Wusstest Du schon, dass Kuchen länger frisch bleibt, wenn man ihn später backt?« Viktor Worms: »Was? Nee, ich bin nicht so ein Hausmann«). Sprachen mich meine Eltern - sensibel geworden durch die hohen Telefonrechnungen - darauf an, dass ich dauernd telefonierte, sagte ich: »Ich wollte nur die Zeitansage anrufen. Da war aber dauernd besetzt.«

Radio Luxemburg wurde für mich zu meinem besten Freund. Die einzige Radiosendung, die noch mithalten konnte, war »Die internationale Hitparade mit Wolf-Dieter Stubel« auf NDR 2 (»direkt vom Plattenteller«) - unglücklicherweise genau zur Abendbrotzeit. Verzweifelt schrieb ich an Stubel, er solle zwischen 17.30 und 18.00 Uhr nicht nur einen, sondern immer gleich drei Titel im voraus ansagen, da ich sonst nicht aufnehmen könnte. Er las den Brief in der Sendung vor und sagte: »Sonst geht's gut, was?«

Nicht das einzige Frusterlebnis in meiner Kindheit. Schwer zu schaffen machte mir auch, wenn Geschäftsfreunde meines Vater anriefen und zu mir sagten: »Ist Ihr Gatte zuhause?« - oder dass ich den lebensgroßen Bravo-Starschnitt von Smokie gesammelt hatte und der Kopf von Sänger Chris Norman genau dann kam, als ich mit meinen Eltern im Urlaub auf einem Bauernhof in Antering war.

Auch mancher Intrigenversuch endete in Frustration: Einmal zum Beispiel hatte mich mein Bruder den ganzen Tag so geärgert, dass ich ihn abends ein bisschen in die Pfanne hauen wollte: »Matze hat heute wichsen gesagt«, erzählte ich meiner Mutter kurz vorm Einschlafen. Mein Bruder bekam Nervenflattern und dementierte. Meine Mutter - in Aufklärung eher vorsichtig - wich der Thematik jedoch aus: »Da ging's bestimmt ums Schuhe putzen.« (Mein Bruder, erleichtert: »Ja, genau, Schuhwichse, genau.«) Und zu mir, vorwurfsvoll: »Ich glaube, du liest zu viel Bravo.«

Der größte Horror war indes, Bekannten was auf der Trompete vorspielen zu müssen (»Der Michael möchte gerne noch was auf der Trompete vorspielen«). Überhaupt Vorspiele: Ängstlich saß ich in der Musikschule und betete, dass meine Vorgänger sich verspielen würden. Meine Aufregung war nicht in den Griff zu bekommen. Gerne spielte ich nur Silvester kurz nach Mitternacht auf dem Hausdach, da mich dort niemand sehen konnte.

Auch auf Kindergeburtstagen gab es Frust - etwa bei dem Spiel, wo jeweils zwei Leute ihren vorher ausgezogenen Schuh aus dem Stapel in der Mitte suchen, anziehen und zubinden und dann schnell zurück zum Platz rennen mussten. Das Dumme war nur: Ich konnte keine Schleife binden. Der Bluff mit den nur rein gesteckten Senkeln flog auf, und für den Rest der Feier galt ich als Betrüger.

Ebenfalls ungünstig verlief das Zublinzeln. Grund: Ich schielte zu sehr. Solidarisch rannten immer gleich drei Mädchen los, wenn ich guckte - was irgendwie auch nicht befriedigend war. Um diesen Frust zu kompensieren, holte ich immer den Fußball, wenn er in die verwilderten Büsche oder auf die Garagendächer geschossen worden war - immer in Angst, dass Herr Bauernstein um die Ecke kommen würde, der so unkameradschaftlich wie kein anderer Nachbar werden konnte, wenn man auf dem erst vor kurzem neu geteerten Dach herumlief. Zusätzliche Gewissenskonflikte gab es, wenn gerade Sonntag war und man die Sonntagshose anhatte (»Mach deine gute Hose nicht dreckig«).

Als wir später in ein eigenes Haus zogen, verlagerten sich viele der Spiele dann glücklicherweise in unseren Garten. Ausgerüstet mit Rutsche, Schaukel, Sandkasten und Reck, entdeckte ich meine Geschäftstüchtigkeit, malte Gutscheine und verkaufte das Ganze als Freizeitpark: Einmal Schaukeln zehn Pfennig, einmal Schaukeln mit Pfiff zwanzig Pfennig (mit Pfiff bedeutete, man durfte abspringen). Auch bei den Geschenken dieser Zeit kam ich finanziell ganz gut weg: Mein Vater bekam zum Geburtstag meinen Freischwimmer geschenkt, den ich heimlich gemacht hatte, sowie zu Weihnachten einen Gutschein »Zehnmal mit meinem Bären schlafen«, und meiner Mutter bemalte ich in der Schul-AG zwei Glasflaschen mit Geistern.

A propos AG: Die Blockflöten- und die Chor-AG gewannen auch einen gewissen Einfluß auf mein Leben. Monatelang sang ich »Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad« und »Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland«, flötete »Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Marmelade Fett enthält« und erzählte die Sprüche unseres lustigen Musiklehrers: »Hast du schon gesehen? Du hast'n Loch im Strumpf. - Hä? Wo denn? - Na, oben, wo Du rein steigst.« - »Wie viel Pferde sind denn schon weggelaufen?« (bei offener Hose) - »Mach mal ein dummes Gesicht. Reicht schon.« oder »Tschüss, lasst euch kein Klavier ins Auge wehen.«

In der Klasse kursierten derweil die Mutti, Mutti-Witze (»Mutti, Mutti, ich hab Oma gefunden. - Du sollst doch nicht immer im Garten graben.« - »Mutti, Mutti mir wird schwindlig. - Sei ruhig, das ist doch erst der Vorwaschgang.« - »Mutti, Mutti, die Kinder sagen, ich hab so große Füße. - Ach, mach dir nichts draus. Stell deine Schuhe in die Garage und komm rein.«).

Auf die Straße schrieben wir mit Kreide »Wer das liest, ist doof«, wenn wir jemanden foppen wollten, hieß es »Pass auf, dein Hinterrad überholt dich« oder »Ey, dein Schuh ist zu« (woraufhin die Betroffenen in 99 Prozent der Fälle nach unten guckten), und morgens im Bus sagten wir mit cooler Stimme: »Django zahlt heut nicht. Django hat 'ne Monatskarte« oder - wenn zwei Mädchen immer zusammenhingen: »Was seh ich da? Ein lesbisches Ehepaar!«

Auch sonst gibt es noch viel zu erzählen: Von den Streits mit meinem Bruder, die ich immer gewann, weil ich an der entscheidenden Stelle sagte: »Ohren zu!« Wenn er dann zu Ende geschrieen hatte, sagte ich »Ohren auf!«, er war sauer und ich unantastbar. Oder von den Schulheften, die zu Schulbeginn immer in verschiedene Umschläge eingebunden waren (Diktatheft rot, Mathematikheft blau), dem Badezusatz, in dem immer noch eine Figur drin war, so dass man sehr großzügig mit dem Zeug war, um schnell an die Figur zu kommen, dem Schlumpf, der in der Schublade meines Tisches wohnte, dem Gebet, das ich abends immer für die Kinder in Afrika und »Armeland« betete und meiner Oma, der ich immer die englischen Charts zum Vorlesen gab, weil sie die Titel so lustig aussprach.

Ganz zu schweigen von den Dingen, die die ultimative Belohnung waren: Teigschüssel auslecken, Bälle im Sportunterricht zurückwerfen, mit Strohhalm trinken und den Einkaufswagen im Supermarkt schieben dürfen. Die unangenehmsten Sätze, an die ich mich noch erinnere, waren hingegen »Geh auf dein Zimmer, bis du nicht mehr bockig bist«, »Das möchte ich in aller Form mal sagen« und »Zwing dich!«.

Ja ja, so war das.
 
Mehr Völkel
Kommt noch ...